Alpha Protocol
11:40 Uhr - Spione sind weder in Spielen noch auf der Leinwand eine seltene Erscheinung: Bond, Bourne oder Bauer dürften jedem einem Begriff sein, und wer im Alphabet noch etwas weiter geht, landet bei Ethan Hunt, Sydney Bristow oder Sam Fisher. Mit Alpha Protocol wollte Entwickler Obsidian nun das verwirklichen, was Epic Guru Cliffy B. seit Jahren predigt: Die Symbiose von Rollenspiel und Actionshooter. Funktioniert die Mass Effect Formel aber auch im Spionagegeschäft?
Thorton, Michael Thorton
Der Start von Alpha Protocol dürfte Videospielern merkwürdig vertraut vorkommen. Etwas desorientiert wacht unser Held Michael (von Freunden auch Mike genannt, aber in seinem Geschäft gibt es nur wenig Freunde) Thorton in einer medizinischen Einrichtung auf und wird kurze Zeit später von einer geheimnisvollen Frau namens Mina kontaktiert. Natürlich befindet sich der Spieler nun lediglich in einem Tutorial, das ihn mit den Grundlagen der Steuerung vertraut macht und als Trainingsprogramm der Super-Duper-Ultra-Geheimorganisation Alpha Protocol verpackt ist. Genau wie bei der Impossible Mission Force von Ethan Hunt ist bei Alpha Protocol alles dermaßen geheim, dass man schon befürchten muss, das selbst das Klopapier nach Benutzung sofort Feuer fängt. Und natürlich dauert es auch nur genau einen Einsatz, bei dem man im Nahen Osten auf die Jagd nach einem Raketensystem geschickt wird, bis etwas ganz doll schief läuft, die Regierung alle Kenntnis davon abstreitet und man plötzlich im Außendienst auf sich alleine gestellt ist. Ganz alleine ist man natürlich nicht, da man immer noch ein paar Kontaktleute hat, die einen bei den Missionen unterstützen. Nur alles sehr geheim und alles mit andauernd wechselnden Bündnissen. Wer nun genau Freund und Feind ist, hängt nicht zuletzt auch von den Entscheidungen des Spielers ab. Tötet man einen arabischen Waffenhändler, um den weiteren Verkauf von Waffen zu unterbinden, oder lässt man den Schlimmfinger doch lieber am Leben und nutzt seine späteren Verbindungen?
Ja, all diese schlimmen Jack Bauer-Dilemma muss auch der Spieler in der Haut von Michael Thorton durchleben, wenn auch mit geringeren Folteranteil als beim jüngst pensionierten CTU-Agenten. Entscheidungen werden bei Alpha Protocoll immer in Dialogen getroffen, das System ist dabei nahezu identisch mit Mass Effect. Ihr wählt zwischen drei Grundformen, wie agressiv, witzig oder professionell und lasst euch davon überraschen, was Mike aus eurer groben Vorgabe macht. Natürlich führt das zu den selben bizarren Situationen, die es auch in Mass Effect und Splinter Cell immer wieder zu bestaunen gibt: Nachdem man ca. 100 Wachen erschossen hat, wird beim Chef plötzlich moralisch abgewogen. Nun ja, mittlerweile hat man sich an diese Logik ja gewohnt.
Das Dialogsystem von Alpha Protocoll ist das größte Pfund, mit dem das Spiel wuchern kann. Denn je nach euren Entscheidungen, können sich spätere Einsätze ganz unterschiedliche spielen. Diese Entscheidungsfreiheit, die wohlgemerkt nur in Dialogen gilt, hat auch stärkere Einflüsse auf das Spielgeschehen als in vergleichbaren Spielen. Aber der Rollenspielanteil hört hier nicht auf. Obwohl sich Alpha Protocol wie ein typischer 3rd-Person Shooter steuert, unterliegt er doch noch kleineren Rollenspielregeln. Waffen machen unterschiedlichen Schaden, der von Rüstungen unterschiedlich absorbiert wird. Oder kürzer ausgedrückt. Headshot ist nicht gleich Headshot. Gilt der Würfelwurf unter der Haube zu euren Ungunsten aus, lacht der Bösewicht nur über perfekt gezielten Blattschuss. In den meisten Fällen gilt zwar, dass alles stirbt, auf das man nur lange genug ballert, trotzdem fühlt sich die Action dadurch immer etwas sehr zufallsbetont an. Wer wie James Bond elegant mit Pistole und Schalldämpfer auf Kopfschussjagd gehen will, kann seinen Agentenkoffer gleich zu Hause lassen, in den meisten Leveln braucht man zwangsläufig ein Sturmgewehr, weil Pistolen einfach zu wenig Schaden machen.
Lizenz zum Töten von KI-Idioten
Nachdem man sich im jeweiligen Savehouse mit Informationen, Waffen und Ausrüstung versorgt hat, geht es durch die Ausgangstür zum eigentlichen Einsatz. Fast immer muss man sich mit Waffengewalt irgendwo Zutritt verschaffen, Waffen zerstören, Dokumente beschaffen oder Computer hacken. Wer sich allerdings auf unterschiedliche Lösungswege wie in Deus Ex freut, irrt. Meist führt nur ein direkter Weg zum Ziel, der von dutzen Feinden und Sicherheitssystemen gesäumt ist. Mike Thorton scheint kein Freund von Luftschächten oder anderen unauffälligen Umwegen zu sein. Auch die Absolventen der Sam Fischer Schule können getrost umdecken. Wer nicht gerade ein Unsichtbarkeits-Perk verwendet, dass es im späteren Spielverlauf gibt, der kann auf das Schleichen verzichten. Denn das einzige, was die KI der Gegner richtig gut kann, ist den Spion auch schon aus 100 Meter Entfernung zu entdecken. Und weil sie darüber hinaus auch zu ahnen scheint, das ihr die Programmierer nicht gerade die Albert Einstein Routinen spendiert haben, wirft sie auch fast sofort eine Granate, egal ob man sich gerade unter freiem Himmel oder in einem kleinen Lagerraum befindet. Da scheinen die KI-Kollegen wohl etwas zuviel Call of Duty gezockt zu haben. Außer dem verschwenderischen Granateneinsatz haben sie allerdings nicht viel auf der Pfanne und rennen meist wie aufgescheuchte Hühner durch die Level, können sich dabei oft nicht zwischen Nahkampfangriff und Waffeneinsatz entscheiden und pendeln vor dem Spieler hin und her. Zumindest machen sie einem damit das Agentenleben auch nicht unnötig kompliziert.
Schön, das man aber neben den Gegnern auch noch etwas Beute in jedem Abschnitt abgreifen kann: Die rollenspieltypisch in den Leveln versteckten Items sind allerdings unsinnig verteilt. So knackt ihr mühsam einen Safe, in dem lächerliche 2.000 $ liegen, nur um im Nebenraum über eine Sport-Tasche zu stolpern, in der sich 15.0000 $ befinden. Sehr schlampig, diese Terroristen. Von den drei Minispielen ist das Knacken von Schlössern und Safes allerdings das witzigste und spannendste: Hier ist wirklich ein ruhiger Finger gefragt, um die Zylinder richtig einrasten zu lassen. Prima, das sorgt vor allem unter Zeitdruck für jede Menge Nervenkitzel. Nur das Hacken von Alarmsysten und PCs wird schnell zur langweiligen Routine und benutzt nur Varianten der aus zahlreichen Spielen bekannten Suchbilder. Trotzdem macht es wie immer Spaß, die recht übersichtlichen Level komplett zu erforschen, um alle Geldsäcke, Waffenupgrades und Geheimdienstinformationen einzusammeln.
Technik, die einen schüttelt und nicht rührt
Leider zeigen nicht nur KI und Shooter-Mechanik von Alpha Protol ihre Schwächen. Auch technisch spielt das Spionagedrama eher in der B-Liga. Obwohl man meinen könnte, dass die verwendete Unreal-Engine keinem Entwickler mehr all zu große Probleme beschert, wirkt Alpha Protocol streckenweise so, als hätten die Programmierer zum ersten Mal mit einer völlig exotischen Engine gearbeitet. Die einzelnen Schauplätze wirken allesamt wie direkt aus der vorhergegangenen Konsolengeneration gezogen, nur das selbst Spiele wie Splinter Cell oder Black schon vor Jahren deutlich besser aussahen. Dazu kommt das berüchtigte Textur-Nachladen, das Alpha Protocol an fast jeder Ecke zelebriert. Startet ihr den Level befindet ihr euch erstmal in einer N64-Welt mit glatten Würfeln und Rechtecken, die dann hektisch, aber deutlich sichtbar mit Texturen beklebt wird. Auch in den Ausrüstungsbildschirmen läuft es ähnlich, wer eine neue Waffe oder Tarnkleidung wählt, kann beim Aufbau der grafischen Elemente zusehen. Die Gesichter der Spielfiguren, die vor allem in den zahlreichen Dialogen gut zur Geltung kommen, wirken halbwegs glaubhaft, am besten dann, wenn man Mass Effect 2 und Heavy Rain einfach mal aus dem Gedächtnis streicht. All das macht das Spiel nicht kaputt. Wer aber gerade Spiele wie Alan Wake oder Red Dead Redemption spielt, muss einiges an Toleranz mitbringen, um angesicht der Grafik nicht sofort wieder den Notausgang zu suchen.
Erfreulich hingegen ist die englische Sprachausgabe. Hier waren durchaus Könner am Werk, allen voran natürlich der Sprecher der Hauptfigur Mike Thorton. Aber auch die zahlreichen anderen Figuren wurden gut vertont, wobei natürlich kein sprachliches Klischee ausgelassen wurde und jeder arabische Terrorist so klingt, wie wir es aus dem Kino gewohnt sind. Witzig ist die Dialektimitation vor allem bei der deutschen Killerin mit dem etwas bekloppten Namen „Sie“. Musikalisch gibt’s auch nichts zu meckern, der Soundtrack passt sich meist Situation und Umgebung an und unterstützt das Spielgeschehen, ohne jedoch ein bestimmtes Motiv in den Vordergrund zu stellen.
Pro und Contra
- + Motivierende Rollenspielmechanik
- + Unverbauchtes Setting für Rollenspielaspekte
- + Dialoge mit spürbaren Auswirkungen
- + Gelunge englische Sprachausgabe
- + Klischeebeladene aber unterhaltsame Rahmenhandlung
- - Grafisch fehlerhaft und veraltet
- - Shootermechanik unausgereift
- - KI frisch von der Sonderschule
- - Unpolierter Gesamteindruck
Liebesgrüße aus der Qualitätskontrolle!
Um die Einleitung aufzugreifen: Funktioniert die Mass Effect Formel im Spionagegeschäft? Ja. Nur schafft es selbst das drei Jahre ältere Mass Effect spielend, eine weitaus runderen und technisch besseren Eindruck zu vermitteln. Wieso beschleicht einem beim Spielen das ungute Gefühl, den Entwicklerzeitaufschub, den SEGA den Jungs von Obsidian gewährte, haben die KANADIER??? direkt in Fallout New Vegas gesteckt. Schön für die Fallout Fans, nicht so schön für Spionagefans, die auf eine packende Mischung und Rollenspiel gewartet haben: Denn den Rollenspielteil hat Obsidian sehr gut hinbekommen. Die langsam Fahrt aufnehmende Geschichte motiviert zum Weiterspielen und das kontinuierliche Verbesserung von Fähigkeiten und Ausrüstung hält den Spieler wie so oft bei der Stange. Sobald man aber sein sicheres Hotelzimmer verlässt und sich dem nächsten Einsatz widmet, erwartet technikverliebte Konsolenzocker ein Gruselerlebnis, das selbst den Sprung ins Piranhabecken wie ein netten Badeausflug erscheinen lässt. Grafisch auf dem Stand der letzten Konsolengeneration kämpft Alpha Protocol mit einer bekloppten KI, einer bizarren Shootermechanik und auf Dauer nervigen Minispielen. Und das ist verdammt schade. Denn die ganzen technischen Defizite können nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Kern ein spannender Agententhriller in Alpha Protocol steckt. Wer also wie ich über eine ausgeprägte Leidensfähigkeit in Sachen Spionage-Games verfügt, kann Alpha Protocol durchaus eine Chance geben. Zumal klar ist, dass es keine Fortsetzung geben wird.
Bewertung
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Kommentare (30)
kingmo
pommesUNDwurst
Irgendwie weckt dieses ganze Hin und Her bei mir nur noch mehr Interesse an dem Spiel... vielleicht hab ich Fieber.
Wird auf jeden Fall gekauft, wenn auch nicht jetzt sofort ^^
2happy
Jack Scallion
BoeserAffe
Maz
PipBoy95
IM Carlos
Der Vorteil dürfte für den Endverbraucher dann ja sein, dass die Preise sehr schnell fallen und für 13-18 Pfund nehm ich es dann sicher mal mit ...