Arcania - Gothic 4
Fans von Piranha Bytes werden ihr Gothic 4 bereits im vergangenen Jahr gespielt haben, nur dass es da Risen hieß. Mit Arcania - Gothic 4 möchte Spellbound die Geschichte des Gothic-Universums nun weiterspinnen, aber gleichzeitig mit zahlreichen Gameplay-Erleichterungen neue Spieler erschliessen. Denn neue Spieler braucht vor allem Publisher JoWood, der mit Arcania eine drohende Insolvenz abwenden möchte. Warum Peter Zwegat schon mal die Tasche packen sollte, erklärt unser Testbericht.
Worum gehts?
Arcania spielt 10 Jahre nach den Ereignissen aus Gothic 3. Und obwohl das ja bekannterweise auch mehrere Enden hatte, entschließt sich Arcania einfach dazu, die Hauptfigur von einst, den Namenlosen, auf den Thron zu setzen und als König Rhobar III das Land zu regieren. Sein Herrschaftsstil beginnt erst freundlich und gütlich, gestaltet sich zu Beginn von Arcania aber eher plüdernd und brandschatzend. Wie konnte der einst so sympathische Held zum bösen König werden? Nun, eine fremde Macht scheint vom ihm Besitz ergriffen zu haben, doch was genau dort vor sich geht, muss der Spieler in der ersten Hälfte des Spiels selbst aufdecken. Und zwar in Gestalt eines Schäferjungen. Wer schon die vor zwei Wochen erschienene Demo zu Arcania gespielt hat, kennt daher bereits die Ausgangslage:
Als harmloser Schäferjunge hat man eigentlich nichts anderes im Kopf als Schäferstunden mit seiner zukünftigen Verlobten zu verbringen, da greifen plötzlich König Rhobars Schiffe die Insel Feshyer an und töten alle Einwohner (inklusive der schwangeren Verlobten des Spielers, exklusive der eigenen Spielfigur und dessen aus den alten Gothic-Teilen bekannten Freund Diego). Da solche Ereignisse meistens böse Narben in der Psyche hinterlassen, schwört unser Held nun natürlich Rache für seine tote Velobte und macht sich mit Hilfe von Diego auf zur nächsten Insel Argaan, um seinen Rachefeldzug gegen Rhobar III zu beginnen. Unser Held klingt dabei nicht nur wie der Prinz aus Persien, sondern wird auch von demselben Synchronsprecher, Gerrit Schmidt-Foß vertont, der uns allen als Stimme von Leonardo DiCaprio bestens bekannt ist.
Wie lautet die Steigerung von Einsteigerfreundlich?
Auch wenn die Gothic-Reihe in Deutschland viele Fans hat, international gelang ihr bisher nie der Durchbruch. Entwickler Spellbound scheint dafür auch die recht komplexe Steuerung verantwortlich zu machen. Schließlich versuchen sie bei Arcania alles, um es dem Spieler so leicht wie möglich zu machen. Leicht ist dabei nicht nur der Schwierigkeitsgrad (der sich in vier Stufen einstellen lässt, bis auf das letzte Drittel allerdings kaum spürbare Auswirkungen zeigt) sondern auch alles, was an “Rollenspiel-Arbeit” das alte Gothic-Universum so beliebt gemacht hat. Wer die nötigen Rezepte und Zutaten hat, kann einfach aus dem Menu heraus Tränke herstellen oder Waffen schmieden. Wer Eisenerz abbauen will, klickt einfach auf die entsprechende Ader. Wer etwas ausbuddel will, klickt auf den farblich hervorgehobenen Erdhaufen. Man muss sich daher keine Gedanken mehr machen, ob man auch das passende Werkzeug dabei hat, oder erst zum nächsten Alchemietisch bzw. Amboss laufen. Questgeber bekommen Fragezeichen auf dem Kopf spendiert, was vor allem Spieler von MMOs sofort den Einstieg erleichtert. Eine Automap zeigt, wo das nächste Questziel ist und das übersichtliche Questbook verzeichnet alle offenen Aufträge. Leider führen alle diese Komfortfunktionen dazu, dass sich gerade Gothic-Vertraute leicht unterfordert fühlen und stets das Gefühl haben, das Arcania am liebsten noch den Müll rausbringen würde und das Geschirr abwaschen möchte. Spannender ist da schon das Kampfsystem:
Das ist überraschend gelungen und dynamisch, zumindest für Spiele aus dem Gothic-Universum, die noch nie für ihre Kämpfe berühmt waren. Grundsätzlich kann der Spieler Fernkampfattacken mit Pfeil und Bogen, bzw. Magie ausüben (die es nur in den drei Geschmacksrichtungen Feuer / Eis / Blitz gibt) oder den Gegner direkt im Nahkampf angreifen. Im Nahkampf müssen Kombos durch das stetige Gehämmere auf den Maus-, bzw den Joypad Button aneinandergereiht werden. Klingt langweilig, würden die Gegner nicht ihrerseits immer bestimmt Power-Attacken aufladen. Kurz bevor sie mit so einem Gegenschlag starten, fangen sie an aufzuleuchten und ein bestimmtes Geräusch verrät, dass ein Angriff kurz bevor steht. In diesem Moment empfiehlt es sich für den Spieler, sich schnell zur Seite zu Rollen. Die Mischung aus Angriff und Ausweichen macht vor allem im Kampf gegen mehrere Gegner durchaus Spaß und lässt die Kämpfe damit dynamischer wirken. Allerdings wirken die Kämpfe auch nie wirklich fordernd: Die Zeiten, in denen bereits zwei Wildschweine zur tödlichen Bedrohung wurden, sind in Arcania auch für ehemalige Schäferjungen vorbei.
Was bietet Arcania den Gothic Fans?
Außer der Tatsache, dass die geliebte und über drei Gothic-Teile an Herz gewachsene Figur des Namenlosen hier nun als König Rhobar von Anfang an als Bösewicht dargestellt wird? Herzlich wenig: Zwar tauchen einige alte bekannte Gesichter (und auch deren Stimmen, wie der geschätzte Bodo Henkel) auch in Arcania auf, aber Figuren wie Diego, Lester, Milten oder eben Xardas wirken mehr wie Gast-Stars in einer Fernsehreihe, als wie feste und notwendige Story-Bestandteile. Wenn Gothic-Fans allerdings die Vorzüge ihrer Reihe gegenüber anderen Rollenspielen aufzählen, dann wird klar, dass Spellbound in Arcania fast wie nach einer Checkliste auf all das verzichtet, was die Spieler an den Piranha Bytes Spielen schätzen. So gibt es keine große, freie Welt, die zum Erkundschaften auf eigene Faust einlädt, sondern kleinere Inseln, die wiederum in Abschnitte geteilt sind, die erst nach einem bestimmten Story-Fortschritt zugänglich sind. Es fehlen auch verschiedene Fraktionen, denen man sich anschließen kann und die bei den Gothic-Teilen nicht unerheblich zum Reiz des mehrfachen Durchspielens geführt haben.
Arcania ist eine lineare Geschichte. Mehr als vier bis fünf Quests sind selten offen, davon ist eine meist die Hauptaufgabe und der Rest setzt sich aus mehr oder weniger belanglosen Aufgaben zusammen, die aus dem Bausatz “Bring etwas von A nach B, töte C und Sammel D” zusammengebastelt werden. Selbst World of Warcraft wären solch langweiligen Missionen mittlerweile peinlich. Verschiedene Lösungswege sucht man oft verzweifelt und in den wenigen Missionen, in denen man sich für eine Seite entscheiden muss, macht das in jedem Fall gleiche Endresultat jede Illussion von Entscheidungsfreiheit zu Nichte. Im Grunde verkümmert der Rollenspielansatz in Spellbounds-Konzept zu einem kleinen Pflänzchen, das von den andauernden Klickgefechten Platt getrampelt wird. Da helfen auch hilflose Ansätze wie ein Tag/Nachtwechsel nicht, wenn die ganzen Bewohner von Arcania immer das selbe tun: Hier geht keiner seinem Tagesablauf nach, hier macht jeder exakt EINE Aufgabe. Und natürlich ist Diebstahl nicht strafbar, wobei die meisten Gegenstände, die in der Spielwelt herumliegen, sich ohnehin nicht aufheben lassen.
Ironie des Schicksals: Ausgerechnet eine der größten Schwächen von Piranha Bytes (auch zu merken in deren aktuellen Titel Risen, Stichwort: Echsenkrieger) übernimmt Spellbound auch für Arcania: Ein total langweiliges Endspiel. Obwohl das Spiel ohnehin nicht sehr lang ist, und euch knapp zwischen 20 und 25 Stunden beschäftigen sollte, setzen sich die letzten fünf Stunden (gefühlt 10) nur aus den immer gleichen Kämpfen gegen Skelletkrieger zusammen. Und als Lohn der Mühe, sich durch endlose Berge von reanimierten Knochen geschnetztelt zu haben, bekommt der Spieler wie zum Hohn dann noch ein offenes und unspektakuläres Ende präsentiert. Fraglich, wer da Lust auf eine Fortsetzung bekommt.
Lügen die Screenshots? Die sehen doch so schön aus!
Dreht man alle Details auf Maximum und hebt die Auflösung auf die zur Zeit garnicht so unüblichen 1920x1080 Pixel, bekommt man wunderschöne Bilder von farbenfrohen und abwechslungsreichen Fantasy-Welten serviert. Und ich meine ausdrücklich Bilder. Den bewegen tut sich bei diesen Einstellungen so gut wie garnichts. Unser Testsystem, ein Quadcore 6600, mit 4 GB Ram und einer Radeon HD3700er (Windows 7 Leistungsindex 7,1) ist zwar keine High-End Maschine mehr, doch eine leistungsfähige Mittelklasse-Maschine auf der die meisten aktuellen Titel (wie Starcraft 2 / Mafia 2) mit allen Details flüssig laufen. Für Arcania musste ich jedoch die Auflösung auf 1280x1024 reduzieren und die meisten Effekte ausschalten oder auf “Niedrig” setzen. Selbst dann bekam ich ein “Spielerlebnis”, das immer noch ruckelte und bei dem sich alle möglichen Texturen erst nach und nach aufbauten. Die Kollegen der GameStar haben das ganze technische Dilemma recht ausführlich analysiert. Auch sie konnten keine Konfiguration ermitteln, bei denen das Spiel ruckelfrei zu genießen wäre. Schlimm ist, das ältere Spiele wie Guild Wars oder Drakensang eine vergleichbare Grafik bei viel, viel, viel geringeren Hardware-Anforderungen bieten. Und ich möchte erst garnicht von Konsolenspielen wie Final Fantasy XIII oder Red Dead Redemption anfangen. Die Xbox 360-Version ist nahezu unspielbar und bietet eine Framerate die gefühlt zwischen 10 und 15 Bildern die Sekunde liegt.
Während die Landschaft wenigstens auf Standbildern überzeugen kann, sind die Gesichter der einzelnen Spielfiguren seltsam star und leblos und können nur mühsam den Eindruck erwecken, man hätte es hier mit echten, sprechenden Menschen zu tun. Und wie die Kollegen von Piranha Bytes scheinen die Grafiker erst recht keine Ahnung zu haben, wie man das Gesicht einer Frau einigermaßen ansprechend visuell umsetzt. Die Frauen in Arcania bieten das ganze Spektrum von Hässlich, über Verstörend bis hin zu Gruselig. Nur echt wirken sie nie.
PC-Frühverkauf mit Problemen. Was ist da schief gelaufen?
Als Gothic-Fan lauerte man natürlich schon seit Tagen beim Händler auf Arcania. So auch der Autor dieser Zeilen: Und siehe da, ab dem vergangenen Freitag stand Arcania bei den meisten Händlern als PC-Version im Regal. Da es seitens JoWoods keine Release-Date Vereinbarungen gab, konnte das Spiel auch problemlos ver- und gekauft werden. Nach der rund halbstündigen Installation benötigt das Spiel auf dem PC eine aktive Internetverbindung, da es aktiviert werden muss. Insgesamt lässt sich das Spiel auf drei Pcs gleichzeitig aktivieren, ein aktivierter PC kann jedoch auch jederzeit wieder deaktiviert werden. Frühkäufer mussten allerdings feststellen, dass das Spiel ähnlich wie StarCraft 2 einen Release-Date Check durchführte, der am Freitag das Spielen verhinderte. Allerdings mussten die frühen Vögel dann nicht mehr allzu lange auf den Wurm warten, da JoWood am Samstag den Release-Check freigab und jeder das Spiel problemlos starten konnte.
Problemlos zumindest dann, wenn man die wahnsinnig schlechte Perfomance nicht als Problem ansieht. Viele User sahen das jedoch anders und beschwerten sich schon am Wochenende in einschlägigen Foren über die geringe Perfomance der PC-Version. Selbst User, bei denen die Demo von Arcania mit 60FPS lief, hatten in der Verkaufsfassung nur noch noch Bildraten von 20FPS und auch die niemals ruckelfrei. Schnell meldete sich ein JoWood Manager und gab bekannt, dass man zum Release, also heute, einen Patch anbieten würde, der das Spiel und dessen Perfomance deutlich verbessern sollte. Der Patch sollte durch den eingebauten Auto-Update Service vor Spielstart heruntergeladen werden. Witzig, dieser Service versuchte am Wochenende immer nur vergeblich einen Patch für den Bundesliga Manager 2008 zu installieren. Nun ja. Bisher warten wir noch auf einen entsprechenden Patch.
Pro und Contra
- + Schöne, atmosphärische Rollenspielwelt...
- + Dynamisches Kampfsystem
- + Netter Regen-Effekt
- + Gameplay und Questdesign nahezu bugfrei
- - ...ruckelfrei auf PC-Hardware aus dem Jahr 2020
- - Auf ein Minimum reduzierte Rollenspiel-Anteile
- - Sinnlose Nutzung der Gothic-Lizenz
- - Xbox 360-Version eine Zumutung
Durchschnittliches Spiel mit katastrophaler Technik
Im Kern ist Arcania ein Action-Rollenspiel (mit Betonung auf Action) mit belangloser Story, flachem Helden, abwechslungsarmen Aufgaben und ganz gefälligen Kampfsystem. Die Verbindung zur legendären Gothic-Reihe wird durch eingestreute Serienbekannte wie Diego, Lester oder Milten aufgebaut, alle die anderen Stärken der Gothic-Teile werden schlichtweg ignoriert. Es fehlt eine große Welt mit verschiedenen Fraktionen, und das Gefühl, seine Spielfigur wirklich aufzubauen. Daher werden vor allem Fans der Piranha-Byte Spiele wohl nicht mit Arcania warm werden und lieber das zehnte Mal Gothic 2 durchspielen. Gelegenheitsspieler könnten Arcania dank der ausgesprochen einsteigerfreundlichen Spielmechanik durchaus interessant finden, wäre es auf Gelegenheitsspielern-PCs nicht schlichtweg unspielbar.
Auf ca. 90% aller im Umlauf befindlichen PCs sieht Arcania dank notwendigerweise heruntergedrehten Details schlecht aus und ruckelt selbst dabei noch spürbar. Wer einen aktuellen PC besitzt, mit dem er zwar Starcraft 2, Fallout 3 und Bioshock in höchster Auflösung und allen Details spielen kann, findet sich nun plötzlich in einer häßlichen Diashow wieder, die an den Seh- und anderen Nerven zerrt. Und Arcania leidet nicht etwa unter dem Crysis-Phänomen, dass High-End Grafik eben auch High-End PCs benötigt. Bis auf den ganz netten Regen-Effekt sieht auch ein Arcania in keinster Weise besser aus als ein The Witcher (1 wohlgemerkt) oder ein Drakensang.
Die Xbox 360 Version ist leider auch keine Alternative. Zwar zeigte schon Risen, wie man die Portierung eines PC-Spiels dank schlampiger Arbeit auf die Konsole vergeigen kann, hierbei wurden aber wenigsten nur die Details runtergeschraubt. Bei Arcania bietet die Xbox 360, die zwar keine Schwierigkeiten hat, die Open World von Red Dead Redemption in aller ihrer Pracht und Größe zu zeigen, eine rucklige Gruselshow, die eindeutig eine Beleidung des zahlenden Kundens darstellt. Arcania stellt damit leider wieder einmal unter Beweis, dass viele kleine Entwicklerteams weder über die Ressourcen noch über das Know-How verfügen, technisch mit den Produktion großer Studios mitzuzuhalten. Das Problem ist, dass ich als Kunde am Ende das Gleiche für ein Mass Effect 2 zahle, wie für ein Arcania. Die Wahl fällt mir leicht.
Bewertung
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Kommentare (65)
psheiko13
...so, erstmal lesen
Jacuzzi
Jeeper74
Echt Schade um die Marke "Gothic".
rupertbayerb
j1mbo
Robot7
toul81
siochiro
denoch muss ich sagen nach dem 5 stunden die ich bis her gezockt habe werde ich wohl doch risen fan bleiben das war schon am anfang cooler und vor allendingen schwerer
aber mal schauen bis her würde ich noch nicht sagen das es wirklich ne 4 ist bin gespannt wie es weiter geht
psheiko13