Freitag, 08. August 2008
Wenn ich früher als kleiner Knirps mit meinem gesparten Taschengeld aus ganzen zwölf Monaten, plus ein paar Mark die ich meinem jüngeren Bruder abgeschwatzt hatte, zum Spielehändler gelaufen bin, dann kam ich mit einer großen Tüte wieder raus. Und wisst ihr was, früher hatte der Spielehändler auch gar nichts anderes als große Tüten. Die kleinen Teile im fast exakten DVD Format hätten ihm im Tütenfachhandel nur ein lautes Lachen abgerungen, was sollte er damit auch anfangen. War die CD oder das Modul auch noch so klein, der Karton drum herum musste immer um ein ganzes Stück größer sein. Natürlich gab es GameBoy Spiele die dann trotzdem bloß in eine relativ mickrige Box gehüllt waren, aber deren Käufer wollte man dann einfach nicht mit einer angepassten Kleintüte bloßstellen.
Na ja, bevor wir jetzt zu sehr in die Materie Tütenindustrie eintauchen, Games hatten in Pappkartons zu stecken. Und die sahen in den meisten Fällen auch richtig schmuck aus. Ob nun der furchteinflößende und leicht hervorgestanzte Velociraptor bei Trespasser (ist irgendwie als Highlight mit am stärksten hängen geblieben), der gemäldeartige Höllenkampf von Doom, die originell geformten Marathon Boxen, die kultigen Selbstzitate der Darling Brüder auf den Galactic Games Schachteln,... oder die sehr fantasievolle zeichnerische Interpretation des Ur-Donkey Kongs. Das sah immer edel aus, nach Wert, war cool, war was zum in den Arm nehmen und damit einschlafen. Da passte außerdem auch was rein. Was wir heutzutage als teurere Special Editions kennen, war früher ab und zu auch einfach mal Standard. Man erinnere sich an Ultima IX mit Stoffkarte, Tarotspiel und allen möglichen weiteren Goodies. Dicke Hand
BÜCHER waren zu der Zeit ebenso wenig Grund in Feierstimmung auszuechen. Es war alles so verdammt normal. Auch wenn sich in der Packung mal nicht mehr als eine Papierhülle samt Datenträger befand, das Drumherum war am wichtigsten. Und es war gut so.
Doch warum war das so, wie ist man darauf gekommen ineffiziente und wenig platzsparende Schachteln jeder anderen industriell vernünftigeren Form der Verpackung vorzuziehen? Na zuerst einmal gab es in den Anfängen der Spielezeit weder flächendeckendes Internet, noch waren Videospiele im großen Stile gesellschaftlich als werbetauglich anerkannt oder hatten sonst wo ihre Nischen in denen sie sich der eiten Masse präsentieren konnten. Der einzige Ort so richtig für große Aufmerksamkeit zu sorgen, war direkt vor den Kunden im Spielregal. Das fing sogar schon lange vor dem Zeitalter der CD und Cartridges so an, denn gerade die unscheinbaren Disketten (bzw. Kassetten, noch früher) hätten optisch alleine eher den Charme einer Raubkopie versprüht. Eine andere Sache war, dass ein großes und zumeist sehr fantasiereiches Covergemälde dem Gamer möglichst einprägsam vermitteln musste, wie er sich die Spielwelt jenseits der Pixelhaufen auf dem Bildschirm vorzustellen hatte. Spielkonsolenhersteller wie Nintendo normten alle Boxen der auf ihrem System erschienen Spiele in Bezug auf Größe und Grunddesign, um sie auf den ersten Blick der entsprechenden Plattform zuordnen zu lassen. Ein Prinzip, das bis heute Bestand hat.
Ganz im Gegensatz zu den Pappkartons, die in meinem Partykeller zum Millennium alle vier Wände lückenlos volltapezierten, ohne dabei meine sonstigen Sammelstauräume wirklich zu entlasten. Im Jahre 2000 stiegen PC Spiele in Europa nach Vorbild der in dieser Hinsicht weitaus fixeren Konsolen, standardmäßig auf jene DVD Caseboxen um, wie wir sie heute kennen (in Amerika wurden für PC Games im gleichen Jahr die kleineren Pappboxen ähnlichen Formates eingeführt, die man heutuztage auch häufiger bei uns vorfindet). Und ich muss sagen, nach dem anfänglichen Schock habe ich mich nicht nur an die Minipackungen gewöhnt, ich weiß sie inzwischen sogar zu schätzen. Im Regal demonstrieren sie einerseits Sammlungspräsenz, andererseits stechen sie auch nicht zu aufdringlich hervor und schreien jedem Damenbesuch
“GEE33EK“ ins Gesicht. Zudem verbinden sie elegant Nutzbarkeit mit Stil. Die Verkaufsverpackung ist gleichzeitig auch direkt und ohne doppelten Boden der Aufbewahrungsort des Spiels. Möchte ich zocken, genügt ein Handgriff und die Disc ist im Laufwerk. Spiele ich mal eine Weile mehrere Games parallel, ist auch nicht gleich das ganze Zimmer zugestellt wenn mehr als zwei Schachteln aus Faulheit nicht ins Regal zurückgeräumt wurden. Für ein paar Euronen mehr gibt es bei besonderen Titeln für gewöhnlich sogar eine Metallbox oder sonstige Effekthaschereien samt Zusatzausstattung.
Auch für Publisher sowie Händler hat die ganze Umstellung etwas gutes, was letztendlich auch Auslöser des Wechsels auf ein neues Standardverkaufsmodell war. Erst mal passen so mehr Spiele pro m² in Lager, LKWs, Postpäckchen und Retailregale, des weiteren sind die Plastikcases ziemlich günstig in der Herstellung. Speziell der seitdem erst richtig aufgeblühte Onlinehandel wird’s gedankt haben, immerhin reichte nun sogar für mehrere Games bereits ein einzelner Luftpolsterumschlag in Briefkastenpassgröße. Letzteres wird sicherlich auch den ein oder anderen Berufstätigen gefreut haben, der seine Einzelbestellungen von da an nicht mehr jedes mal von der Post oder den Nachbarn abholen musste.
Nun gibt es für Spieleredakteure im Speziellen schon länger eine Schikane, die den Job Freunden hübscher Boxarts ganz schön madig machen kann. Nachdem die Publisher gechecked hatten wie viele durchgezockte Muster im Anschluss des Testens bei eBay und Co. landen, begannen einige von ihnen damit deren Fronten mit weißgeblendeten Motiven samt großer, gelb unterlegter
“Nicht zum Weiterverkauf....blablabla... Nur zu Testzwecken... blablabla... This Cover has officially been RUINED by it’s own daddies“ Labeln zu versehen. Ich habe keinen Grund mich darüber zu beschweren, auch wenn ich es nicht besonders ästhetisch finde. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht in die Futterröhre und schon gar keinem, den man aus Rezensionsgründen spielen soll ohne weitere Nebenprofitgedanken damit zu verbinden. Wer sich so etwas in der Art aber keinesfalls gefallen lassen müssen sollte, sind ehrliche Käufer die meines Wissens nach auch in den meisten Fällen sehr viel Wert auf liebevoll gestaltete Boxarts legen. Umso unverständlicher der eigentliche Grund, welcher mich zu diesem (im Prinzip schon von vielen Kollegen durchgenommenen) Thema bewegt hat: Die neuerdings aufs hässlichste fett auf jeder Spieleschachtel prangernden USK Sticker. Also Sticker jetzt nicht im Sinne von Abziehen und Wegschmeißen oder als Faketattoo auf den Arm kleben, sondern Sticker im Sinne von draufgedruckt und fertig.
In diesem Moment liegt Soul Calibur IV vor mir und es schaut fast so aus, als sei das
“Freigegeben ab 16“ Symbol das ganz normale Schutzschild eines der Charaktere... natürlich
NICHT! Es sieht hier schon hässlich aus, es wird auf manch anderen Packungen bestimmt noch viel hässlicher aussehen. Als Ed Del Castillo
mir im letzten Jahr sagte die Industrie müsse aufhören ihre Produkte wie Kekse oder Waschmittel zu verkaufen, meinte er unter anderem die monoton langweiligen Verpackungsangaben. Wenn er wüsste was Deutschland (in erster Linie das Familienministerium) aus der Hülle seines Rise of the Argonauts machen wird (kommt in zwei Versionen, jeweils mit großem
18ner oder
16ner Hinweis), er würde sich im Grabe umdrehen. Und das, obwohl er noch gar nicht tot ist!
Was ich im Grunde mit meiner eigenen Sicht auf die Spieleverpackungsgeschichte abzeichne, ist das Leiden des Liebhabers unter den Spielekäufern. Dem die Schachteln schon seit jeher nicht bloß Mittel zum Zweck sind, sondern Ausstellungsstücke auf die man stolz ist, die man sich gerne immer wieder anschaut und die man in seiner Vitrine ausstellt oder eben an die Wand tapeziert. Für den die Boxen auch Wert ausstrahlen, repräsentativ für das eigentlich nur theoretisch existierende Luxusobjekt Spielesoftware stehen, welches er sich zur Unterhaltung gegönnt hat. Schon der Schritt weg von den klassischen Pappboxen hin zu den DVD Cases war ein harter, denn seitdem herrschen vor allem Norm und Kommerzlook im Sammelregal vor. Jetzt hatte man sich gerade dank einiger praktischer Vorzüge und den inflationären Special Edition Veröffentlichungen an diese Ära der Kaufhüllen gewöhnt, da kommt der Jugendschutz in Deutschland daher und verschandelt die Boxfronten regional mit seinen auffällig designten Riesensymbolen. Selbst wenn es sich um einen Titel ohne Altersfreigabe handelt! Zumal... welchen Nutzen soll das haben? Achten die Verkäufer jetzt noch penetranter auf die Ausweiskontrolle bis hin zum 30. Lebensjahr und darüber hinaus („Theoretisch könnte jeder Mensch ein verkleidetes Kind sein“, alles schon erlebt, das ist ein original Zitat welches ich miterlebt habe!)? Werden die Eltern nun noch stutziger, wenn sie die versteckten Games ihres Kindes unter den Pornoheften und Gewaltfilmen finden? Oder ist es am Ende doch nur eine Maßnahme die in erster Linie nicht mehr als zeigen soll, dass
“irgendetwas“ gegen Gewalt ergo gegen PC- und Videospiele getan wird?!
Populistischer Aktionismus der eher noch mehr zu Importen und Raubkopien anregt, nichts weiter, denn als ehrlicher Käufer der sich wenn möglich noch treu die deutschen Fassungen seiner Games zulegt, darf man sich zu Recht schikaniert fühlen. Wer schmelzt riesige und nicht entfernbare Warnhinweise in alles was mit Glas zu tun hat? Viel zu oft werden solche Produkte doch von Kindern zerochen, die Verletzungs- und Todesgefahr ist gigantisch. Wo sind die eingravierten Warnungen auf jeder einzelnen Haustreppe, unter 18 neigt man besonders dazu unbedacht herunterzusprinten und sich fatal auf die Schnauze zu legen. Nicht falsch verstehen, Altersfreigaben sind notwendig und vernünftig. Sie unnötig störend auf teure Produkte zu pressen dagegen mitnichten. Warum nicht einfach echte Aufkleber unter Plastikfolien? Zu teuer wahrscheinlich, Jugendschutz sollte wohl wenn dann wenig kosten. Und die Symbole wenigstens auf die Rückseite setzen, wie früher so üblich? Überfordert offenbar die Kassierer, könnte man zumindest jetzt meinen. Ich muss zugeben, ich ringe hier um logische Erklärungen wie Schiffsüchige in Alaska mit Eisbären und Blauwalen. Und das ist nicht besonders angenehm. Einzige weitere Alternative außer dem Auslandskauf wäre für alle die es nicht aushalten wollen, ein eigenhändiger Austausch durch selbst ausgedruckte Originalboxarts. Wobei das auch schon wieder illegal sein könnte, wer weiß. Na ja... ich würde fast sagen so frech darf man dann auch sein. Ausgleichende Gerechtigkeit, sozusagen. Und ein symbolischer Frustableiter vielleicht, für die Wut welche die verantwortlichen Politiker zweifellos mit ihren Grafikeingriffen bei vielen Erwachsenen erzeugen bzw. in Zukunft noch erzeugen werden. Ja, Wut und Aggressionen in der Gamerszene auslösen... das ist leider auch hier wieder das Erste was ich mit einer videospielebezogenen Maßnahme zum Schutze unserer Gesellschaft in Verbindung ingen muss.
P.S.: Wir Verpackungsromantiker sollten uns aber vielleicht gar nicht zu sehr über die USK Symbole aufregen, es heißt ja sowieso die digitale Distribution werde den materiellen Spielehandel (und damit auch die Boxen) in naher Zukunft verdrängen.... aber das ist ein anderes Thema.
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Urgs
Daniel Pook
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