19.01.2007 10:26
Armed and Dangerous
Das kleine Reich Milola ist in Gefahr! Wieder einmal schickt sich der böse König vom Nachbarland Forge an, das Land und seine Tee- und Zwiebel-liebenden Bewohner zu unterjochen und es mit starker Hand zu regieren. Alles, was ihm dazu fehlt, ist das Buch der Herrschaft. Jenes uralte Relikt beinhaltet das Rezept, um das Siegel zwischen den beiden Ländern aufzuheben. Rexus, ein mittlerweile alt, blind und vor allem übelriechend gewordener Seher hatte die Aufgabe, es zu beschützen, wurde aber vor langer Zeit überfallen. Er hatte das Schriftwerk glücklicher Weise vorher verschlüsselt: dem Anschein nach präsentiert es sich als "Großes Buch des Korbflechtens". In einer abgelegenen Abtei versuchen Mönche seither, den Code des Buches zu knacken, doch sind sie bislang nur zu sehr guten Korbflechtern geworden. Der zurück gezogen lebende Rexus, dessen Beliebtheit nach dem Verlust des Buches verständlicher Weise einen herben Einuch erlitt, ist daher der einzige Schlüssel zur Macht, da nur er das Siegel echen kann. Das hat der böse König nun herausbekommen und ließ ihn ausfindig machen - jetzt können ihm nur die Löwenherzen noch helfen.
Kennen Sie die Löwenherzen etwa nicht? Sie kennen nicht jenes verwegene Dreigespann, welches von den Bösen nimmt und es den Guten gibt? Dann wird es höchste Zeit, Ihnen die Protagonisten, eben genau jenes Trio, vorzustellen. Zum einen wäre da Rom, ein Findelkind, das sich seit frühester Jugend gegen alle Widrigkeiten des Lebens zur Wehr setzen musste. Nach vielen Eskapaden mit Jonesy landete er schließlich im Gefängnis, wo sie Bekanntschaft mit Q machten. Jonesy, das ist jener Dynamit schwingende Maulwurf, dessen Umgangston mehr als nur ein wenig Feinschliff vertragen könnte. Seinem beißenden Sarkasmus entkommt kaum jemand. Und Q - wie der Name schon vermuten lässt - ist ein Roboter und war einst eine Leibwache des Königs. Sein Vergehen war, dass er Gefühle entwickelte und die anderen Arbeitsdrohnen des Königs zur Rebellion anstiften wollte. Was ihm jetzt geblieben ist, sind Rom, Jonesy und seine Vorliebe für Tee. So weit, so absurd.
Der Spieler schlüpft in die Rolle des Rom. Seine rauen Jahre haben im den Umgang mit allerhand Tötungswerkzeugen gelehrt. Er ist in der Lage, maximal 3 Schießeisen und bis zu 4 Zusatz-Waffen mit sich zu tragen. Und das Arsenal ist ebenso reichhaltig wie fantasievoll. Neben dem Standard-Maschinengewehr greift er zu einer Schrotflinte, um sich im Nahkampf schadlos zu halten. Natürlich darf auch das obligatorische Scharfschützen-Gewehr sowie ein Raketenwerfer mit Zielsuchfunktion nicht fehlen. Abgerundet wird die Primär-Bewaffnung von einem Granatwerfer, dessen Aussehen stark einer Tuba ähnelt und dem Highlight des Waffenschranks: der Hai-End-Kanone. Dies ist kein Resultat der Rechtschreieform, sondern durchaus wörtlich zu nehmen: das Geschoß ist wirklich ein Haifisch, der nach Abschuß unter der Erde entlang "taucht", um dann die bedauernswerten Schweine-Gegner stilvoll aus dem Boden zu erhaschen. Beinahe unnötig zu erwähnen, dass der Munitionsvorrat und die Schussfrequenz der Waffen proportional zur Effektivität abnimmt.
Nun zu den Subweapons, die nicht minder kreativ gestaltet wurden: immer dabei sind Haftminen, die man an alle möglichen Apparaturen, Gebäude und natürlich auch Gegner kleben kann. Nach wenigen Sekunden detoniert die Bombe und schadet dem Opfer enorm. Hinzu kommt ein mobiles schwarzes Loch, welches alle Feinde in einem Tod ingenden Wirbel einsaugt und die Guy-Fawkes-Verräterbombe, die alle Getroffenen dazu ingt, auf die eigenen Kameraden zu feuern. Dann gibt es noch die Anti-Gravitations-Bombe, die das Geschehen auf den Kopf stellt und deren Konterpart, die KO-Bombe, die den Spieler zu einer Art Gegner-Magnet mit durchschlagender Wirkung macht. Alle Zweitwaffen sind, ähnlich dem Munitionsvorrat der Erstgeschütze, in begrenzter Anzahl verfügbar. Man bekommt sie in Wirtshäusern, die in jedem Level vorhanden sind. Dort kann man auch gleich seine Energie aufladen und das Spiel speichern.
Bis an die Zähne bewaffnet startet man in jedes Level, um bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Man soll beispielsweise den verschleppten Rexus aus seinem Gefängnis befreien, bestimmte Maschinen des Feindes zerstören, verschleppte Bauern finden und wieder nach Hause ingen, Orte verteidigen, und, und, und.. Dafür ist es nötig, sich durch Dörfer zu kämpfen, Tore zu sprengen, und die Abschnitte komplett zu erkunden. Doch ganz so einfach ist es nicht: es stehen einem Heerscharen von Gegnern gegenüber, die alle ganz wild darauf sind, den Löwenhwerzen eine Ladung Blei auf den Pelz zu ennen. Die schweine-ähnlichen Zweibeiner besetzen Fenster, liegen auf Dächern oder halten auf dem Boden die Stellung. An bestimmten Punkten gibt es sogar kleine Läger, die immer neue Feinde preisgeben, bis sie gesprengt werden. Das Arsenal der anderen Seite ist ebenfalls vielfältig: werdet ihr zu Beginn des Spiels nur von vereinzelten Schüssen getroffen, gesellen sich zu des Feindes Werkzeugen später auch MGs, Scharfschützengewehre, Verteidigungsanlagen mit Raketenwerfern, patroullierende Flieger und vieles mehr. Die festen MGs und Granatwerfer können nach der Liquidierung des Diensthabenden vom Spieler für die eigenen Zwecke genutzt werden.
Die Spielmechanik ist dabei ganz einfach gehalten - alles umschießen, was sich bewegt. Und das geht wirklich einfach vonstatten: mit dem einen Analogstick wird die Figur gesteuert, mit dem anderen die Blickrichtung und das damit verbundene Fadenkreuz geschwenkt. Dieses färbt sich zur Unterstützung rot, sobald ein Feind ins Visier genommen wurde. Zusätzlich wird dessen Lebensenergie noch unten rechts im Bild abgezeigt. Bei entsprechenden Waffen ist es darüber hinaus noch möglich, einen Zoom zum Zielen einzusetzen - ein Standardfeature bei Scharfschützen-Gewehren.Die in zwei Alternativen sowie einigen Unterpunkten konfigurierbare Steuerung geht nach relativ kurzer Spielzeit in Fleisch und Blut über. Obwohl nahezu jeder Knopf des Controllers belegt ist, schießt, springt und rennt man durch die Levels, als habe man nie etwas anderes gemacht. Das Lob gebührt dabei der sehr direkten, griffigen Steuerung. In höheren Spielstufen gibt ein Raketen-Rucksack zusätzliche Bewegungsfreiheit; spätestens dann erinnert die Action an die Sega-Walküre. In einigen Levels wird man, je nach Stand der Story, von Jonesy und Q begleitet. Wenn das der Fall ist, kann man ihnen die strikte Verteidigung von Rom oder das Halten einer Stellung auftragen.Wenn sie einen einfach so begleiten, zeigen sie wenig Initiative und schießen erst, wenn man selbst auch schon einen Gegner aufs Korn genommen hat. Insgesamt gesehen ist ihr Beitrag zum Erfolg als sehr gering einzustufen, so dass man im Grunde allein unterwegs ist.
Neben den Abschnitten, in denen man zu Fuß unterwegs ist, gibt es noch die Verteidigungsmissionen. In diesen übernimmt man die Kontrolle über ein mobiles Geschütz. Es lässt sich auf einer zu verteidigenden Stadtmauer hin und her bewegen. Ausgestattet mit einem Maschinengewehr und einem Granatwerfer ist es ein leichtes, den Ansturm mehrerer Hundert Gegner abzuwehren. So können diese Aufträge eigentlich nur als Abwechslung oder gar Entspannungsübung gewertet werden; der spielerische Gehalt hält sich in engen Grenzen.
Die Levels sind alle sehr ansehnlich gestaltet. Egal, ob es durch verschneite Winterlandschaften, grüne Wiesen, Wälder oder einen Berg hinauf geht - Armed and Dangerous weiß optisch immer zu überzeugen. Gebäude und Mauern sind hübsch gezeichnet; sie sind nicht perfekt gerade, sondern in einem angenehmen Comic-Stil verbogen. Doch Cel-Shading erwartet den Spieler deswegen nicht. Solide Texturen auf den Polygon-Bauten, Licht- und Schatteneffekte, hübsche Explosionen und einen gewissen Charme kann man der Grafik sicher nicht absprechen. Alles ist sehr liebevoll gestaltet; Feinde wie Freunde sind vielfältig animiert - ein Sonderlob geht an die oben schon erwähnte Hai-End-Kanone. Zudem gibt es auf der technischen Seite ebenfalls nichts zu meckern. Weder Pop-Ups noch Clipping noch Ruckler trüben das Bild. Die Zwischensequenzen, die in einem Renderfilm zwischen den Levels die Handlung vorantreiben, machen dagegen keinen so feingeschliffenen Eindruck. Sie sind etwas rucklig und grobschlächtig geraten.
Doch dieser Nachteil wird durch den Sound wettgemacht. Das komplette Spiel ist, auch auf meiner auf englisch gestellten Xbox in Deutsch. Nicht nur die Dialoge in den Zwischensequenzen wurde angenehm synchronisiert, auch die trockenen Sprüche der Helden auf dem Schlachtfeld sowie die Kommunikation der Feinde untereinander tönt teutonisch aus den Boxen. Dabei kann dank Dolby Digital 5.1 so mancher Gegner anhand seiner derben Flüche geortet werden. Zu der gesamten Sprachgewalt gesellt sich punktuell eingestreute Musik, die aber im Getöse der waffenlastigen Handlung regelrecht untergeht. Nichtsdestotrotz kann Armed and Dangerous in puncto Akustik überzeugen, zumal gerade in der lippensynchronen Übersetzung der englischen Gags sicher eine besondere Schwierigkeit liegt.
"Die einfachen Dinge"
(Meinung » Henning Hormann)
Aufgrund vieler Unkenrufe im Vorfeld des Test, machte ich mich mit den schlimmsten Befürchtungen auf das Spielerlebnis von Armed and Dangerous gefasst. Nicht zuletzt die Hinweise auf die hanebüchene Story und die angeblich unsäglich synchronisierten FMVs ließen Böses ahnen. Doch weit gefehlt! Armed and Dangerous ist ein Titel ganz nach meinem Geschmack. Wenn man auf den Humor auf dem für Bud Spencer und Terence Hill-Filme typischen Niveau steht, wird man sicherlich seinen Spaß an der Ulk-Storyline haben.
Darüber hinaus sollte man flinke Daumen und wache Augen mitingen. In der Daueraction kann durchaus schon mal ein kleiner Fehltritt ein fataler Fauxpas sein. Dennoch ist die Gefahr des Ablebens längst nicht so groß wie in realistischen Spielen wie Conflict: Desert Storm, welches sich einer identischen Steuerung bedient. Dazu gibt es zum Glück angenehm viele Rücksetzpunkte, so dass man kaum bereits geschaffte Abschnitte wiederholen muss. Und so kämpft man sich den Weg durch die 21 Levels mit einem eiten Grinsen und dem ein oder anderen Fluch auf den Lippen. Dass sich der Ablauf des Geschehens - abgesehen vom Jetpack zum Umherfliegen und dem steigenden Schwierigkeitsgrad - nicht grundlegend ändert, bewegt sich die Empfehlung relativ stark in Richtung Genre-Fan.
So ist Armed and Dangerous unter dem Strich ein Spiel, welches bei Affinität des Spielers gleich nochmal soviel Spaß ingt, gleichzeitig aber die Gefahr birgt, dass "anspruchsvollere" Zocker sowohl spielerisch als auch inhaltlich nicht zufrieden gestellt werden. Es bietet alles, was das Actionspieler-Herz begehrt. Levels in genau der richtigen Größe, viele Waffen, noch mehr Feinde und dazu eine schicke Prise Humor. Doch nur wer genau hinhört, wird alle Flüche der Feinde, die Kommentare der geretteten Bauern und der Kameraden mitbekommen.
„Humor ist, wenn man trotzdem lacht“
(Meinung » Alexander Laschewski)
Den Entwicklern von Planet Moon kann man mit Sicherheit eine gewisse Hartnäckigkeit unterstellen: Schon ihr Spiel Giants: Citizen Kabuto bot actionhaltige Ballerkost mit sehr gewöhnungsbedürftigen Humor. Armed & Dangerous setzt noch eins drauf, und bietet in der deutschen Synchronisation in meinen Augen neben wenigen witzigen Kommentaren der Gegner einige der unsinnigsten und flachsten Gags der Spielgeschichte, die zu dem von B-Klasse-Synchronsprechern im vermeintlich spaßigen Lokaldialekt vorgetragen werden. Hier hätte eine zweisprachige DVD wahrlich Wunder vollacht. Nun ist Humor natürlich Geschmackssache. Ich empfehle daher Kaufinteressierten unbedingt, sich unseren IntroCheck zu Gemüte zu führen. Wer bei der rund fünf-minütigen Eingangssequenz nicht ein paar Mal schmunzelt, wird den Rest des Spiels auch nur mit versteinerten Gesicht vor seinem Fernseher sitzen. Lustiger wird’s nicht.
Technisch gibt’s rein gar nichts zu meckern. Das Spiel läuft schnell und flüssig, und kann durch viele graphische Hingucker überzeugen. Auch die Physikengine sorgt durch die Scharen von umherfliegenden Gegner, die der letzten Granate wohl nicht mehr rechtzeitig ausgewichen waren, für viel Freude. Schade ist nur, das die abgedrehten Spezialwaffen nur so selten zum Einsatz kommen, und man das Spiel die meiste Zeit mit seinem unschlagbaren Maschinengewehr und den Haftgranaten bestreitet.
Allzuviel Abwechslung sollte grundsätzlich nicht vom Gameplay erwartet werden, die Dauerfeuer-Action-Abschnitte werden nur selten durch Verteidigungsmissionen unterochen, in denen man ein eine Zeitlang hunderte von hereinstürmenden Gegener von den eigenen Stadttoren fernhalten muss. Action-Fans sollten ein Probespiel wagen, sich aber vorher vergewissern, dass ihr Humorverständnis auch kompatibel ist mit der Mischung aus Brute Force und Pseudo-Monty Phyton.