Freitag, 07. November 2008
17:35 Uhr - Früher als AreaBlog bekannt, startet heute die neue AreaGames Kolumne: AreaGames Uncut. In unregelmäßigen Abständen nehmen unsere Redakteure keinen Blatt vor den Mund und geben ihre Meinung zu aktuellen Themen zum Besten. Wie immer sind unsere Kolumnen vor allem eine Einladung an euch, um aktuelle Themen kontrovers mit zu diskutieren. Den Anfang macht heute die PR-Landschaft der Spieleindustrie, getreu dem Motto: Arsch ist aus!
Für mich die News des Tages:
Ein schwedisches Käseblatt interviewt das aktuelle Lara Croft Modell Alison Carrol. Da der Reporter anscheinend keine große Lust auf die üblichen Standardfragen hat (Welche neuen Bewegungen hat Lara drauf? Wieviele Level hat das Spiel?), veranstaltet er ein kleines, aber gemeines Archäologie-Quiz. Die Fragen nach dem Grab von
Tutanchamun und dem heiligen Gral werden von Alison Carrol nur mit einer ungeschickten Mischung aus leeren Blick und verlegenen Gestottere quittiert. Schlagfertigkeit stand natürlich nicht im Vertrag. Eine rasierte Bikinizone anscheinend schon. Wie gut, dass die schnell zur Hilfe eilende PR-Aufseherin das Interview schnell beendet. Vor allem, weil der Redakteur den Kardinal-Fehler macht und auch noch darauf hinweist, dass die Fragen nur zum Spaß gestellt werden. Spaß kostet aber extra, vor allem in einer Branche, bei der Spontanität und offene Aussprache mittlerweile unter Artenschutz steht. Und wenn Spaß, dann bitte kontrolliert und auf Rezept. Ob das dann auch lustig ist, zeigt sich. Man denke an diverse Werbespots...
Eine Branche, die mittlerweile mehr Geld umsetzt als die Filmindustrie, kann natürlich nicht mehr geführt werden, wie ein drittklassiges Schallplattenlabel. Jeder Publisher beschäftigt mittlerweile professionelle PR-und Marketing Agenturen (inhouse oder extern), bei denen vermutlich mehr Menschen beschäftigt sind, als in der Qualitätssicherung (Was bei Messerherstellern vermutlich genau andersherum ist). Das führt mitunter zu bizarren Auswüchsen. Interviews mit englischen Entwicklern werden fast immer von den deutschen PR-Agenturen der Publisher zwischen gelesen. Wäre ja schlimm, wenn die was falsches sagen. Der direkte Kontakt zwischen Redakteur und Entwickler ist mittlerweile eher verpönt. Man scheint sich da selbst nicht so zu trauen. Die besten und aufschlussreichsten Gespräche entstehen meist mit Entwicklern, die aus der Branche heraus gealtert oder geworfen worden sind. Alternativ auch gerne mit Entwicklern, die ohnehin keiner mehr ernst nimmt:
David Perry, der immer noch von seinem Shiny-Ruhm zehrt oder der leicht verrückte Entwickler der Oddworld-Reihe, Lorne Lanning, der jedem ungefragt seine 9/11 Verschwörungstheorien präsentiert. Wer darüber hinaus wissen möchte,
wie man sich als Weltraumtourist fühlt, kann auch gerne mal Richard Garriot alias Lord British fragen. Immerhin scheinen die Zinsen der Ultima-Spiele immer noch für ein 12 Millionen Ticket zur Weltraumstation ISS zu reichen (allerdings nur eine Reise mit der Economy-Class, sprich einem russischem Soyuz Shuttle).
Für die Alltagsberichte und damit das Brot- und Buttergeschäft der Spielepresse werden Redakteure aber auch die nächsten Jahre auf Events gefahren, wo es zwar lecker Essen und schöne Hotelzimmer gibt, Interviewfragen aber bitte vorher per Email eingereicht werden. Ein Highlight in diesem Jahr war eine Präsentation von Ratchet & Clank: Quest for Booty auf der GamesConvention. Nicht nur, dass es irgendwie unsinnig erschien, ein Spiel von einem Entwickler präsentieren zu lassen, dass zeitgleich als Download für jedermann zur Verfügung stand, nein auch Fragen durften erst NACH der Präsentation gestellt werden. Darauf achtete die anwesende PR Anstandsdame auch streng und unerbittlich. Also brav wie in der Schule zuhören und anschließend dann Fragen stellen. Nur keine zu ausgefallenen. Ob Resistance eher als Auftragsarbeit gesehen wird und in der Ratchet & Clank Reihe mehr Herzblut steckt? Wenn man sehen will, wie PR-Leute ins Schwitzen kommen, reichen schon solch harmlosen Fragen. Besonders witzig sind Termine mit japanischen Entwicklern. Hier kann sich der meist maximal englischsprachige Redakteur nicht mal darauf verlassen, das beim Transfer via Dolmetscher nicht schon die wichtigsten Aussagen verschluckt oder ignoriert werden.
Verkommt die Spielebranche also zum Tal der glatt geschliffenen Langeweile? Ist der Arsch in der Hose also ein Auslaufmodell? Auch wenn die Entwicklung wohl unaufhaltsam ist, gibt es doch immer noch Lichtblicke: Da sind zum einen Entwickler wie Cliffy B. oder Peter Molyneux, die sich immer noch recht resistent gegen die PR-Maulkörbe zur Wehr setzen. Da sind kleine Publisher, wie GameCock, bei denen man noch stundenlang Fachgespräche über Hähnenkämpfe führen kann. Da sind Entwickler-Studios wie Platinum Games, die auf jede Art von Political Corectness pfeifen, und ihren Hauptdarstellerinnen gekonnt mit der Kamera durch den Schritt fahren (Bayonetta) oder dem eher familienkompatiblen Wii das Töten beibringen (MadWorld). Solange die Branche noch solch schillernde Persönlichkeiten bietet, besteht Hoffnung auf etwas Sex, Drugs & Rock`n`Roll. Vielleicht haben wir auch endlich mal einen Marilyn Manson oder besser, einen Pete Doherty in der Branche. Vielleicht auch Kokainspuren auf den Toiletten der MTV Game Awards. Die Hoffnung stirbt eben zuletzt...
Kommentare (23)
cradp
Vinci
Mr Happy
@ cradp
Du bringst es ziemlich auf den Punkt. Bei irgendwelchen Popstars-Interviews gehört es schon lange zum "guten" Ton gehört, abstruse Forderungen zu stellen und alle Fragen haarklein vorher abzusprechen. Diese Entwicklung macht die Spielebranche jetzt leider im Crash-Kurs durch. Ehrliche Aussagen sind unter PR-Geblubber komplett untergegangen.
Werner Stelzenpop
eine rasierte Bikinzone ist aber schon wichtig. Irgendwie. Die gute Frau soll ja schließlich eine Arschologin verkörpern.
Werner Stelzenpop
Wie ich kürzlich schon mal in einer anderen Diskussion angemerkt habe: je größer die Menge an Leuten wird, die man erreichen will, also den "Mainstream", desto kleiner wird die Schnittmenge dessen, was von vielen toleriert oder lustig und ansprechend empfunden wird.
Das führt also in der letzten Konsequenz dazu, dass, um konform zu sein, alles immer weichgespülter wirkt: Bloß nicht irgendwo anecken, nix falsches sagen, "braver" Pseudo-Humor in Werbung, Interviews usw...
Es ist eben nicht mehr so das zwei Freaks aus Idealismus heraus im Wohnzimmer Abends ein Spiel programmieren. Heute ist das eine krasse Maschinerie geworden. Durchgestylt und zielgrupppengerecht sind nicht mehr nur die Spiele, auch das Auftreten und Repräsentieren ist zu schablonenhaften Marketing-Geblubber geworden, da Marketing-"Fachleute" diesen Part übernehmen, eben weil durch die Popularität so viele Menschen auf die Entwickler und ihre Spiele schauen.
Da darf man nichts "falsches" sagen.
Was dann aber dadurch leider fehlt ist Authentizität. Das sowas immer wieder durchschaut wird, merkt man ja oft an den Reaktionen hier in den Kommentaren, wenn das übliche Geblubber und die 08/15-Pressemitteilungen kommentiert werden. Aber anscheinend ist man heute in der Industrie irgendwo angekommen, wo es keinen Point of Return gibt. Zu festgefahren wirkt die Maschinerie schon in sich.
Auf der anderen Seite könnten wir heute keine Spiele zocken, die technisch und vom Artwork so ausgfeilt sind, wie beispielsweise GoW oder Bisoshock, da das Budget für solche aufwendigen Spiele leider erst durch diesen Erfolg im Mainstream ermöglicht wird.
Wie gesagt die von Alexander beschireiben Entwicklung ist wohl ein Preis dafür und man darf gespannt sein, wo das in Zukunft noch hinführt.
Outlaw.ger
Hinterwäldler
Werner Stelzenpop
Humor und Schlagfertigkeit wäre nett gewesen, wenn man schon sonst keine Ahnung hat. Aber so sind sie wohl, die knallharten, toughen Action-Babes von heute.
Und die superdynamischen und glattgebügelten Marketing- und PR-Leutchen? Die lachen halt erst, wenn sie dafür gebrieft und bezahlt werden. Wie gesagt: echt arm.
@alexander: ja, da trifft die Kolumne echt ins Schwarze.
Vival
puchster
man kotzt mich ddas an:D