Montag, 26. November 2007
Bärwolf? Biowolf? Bierwolf? Ja, wie denn nun?
Das Spiel (im Folgenden „Beowulf“ genannt) verfolgt, genau wie das Gedicht und der Film, die Geschichte von Beowulf, seines Zeichens Krieger und später König, der sich unter anderem mit einer Kreatur namens Grendel und seiner hoch erotischen Mutter rumschlagen muss. Wirklich viel Story bietet das Spiel nicht, die einzelnen Abschnitte wirken ziemlich lose zusammen geschustert. Das Spiel wählte dafür passenderweise das Genre des ThirdPersonActionAdventures, wobei das Hauptaugenmerk klar auf der Action liegt. Mit dem linken Stick bewegt ihr den Wolf, mit dem rechten die Kamera. Eine Taste sorgt für normale Angriffe, die andere für starke, eine Taste initialisiert ein Griffminispiel, eine Taste sorgt für Ausweichmanöver. Der linke Bumper aktiviert eure Truppenkommandos (Oh ja, es gibt Truppen.), der linke Trigger visiert einen Feind an, der rechte aktiviert eine Art Wutmodus, in dem Beowulf gewaltig an Stärke gewinnt. Soviel zur grundlegenden Mechanik und ohne das Ergebnis vorweg nehmen zu wollen, aber sagen wir es mal mit Günther Netzer: Es ist alles schlecht.
Ihr bewegt euch durch streng lineare Level, metzelt euch durch verschiedene Gegner, klettert mal hier und da irgendwo hoch und öffnet Türen. Das erste Problem ist die Bewaffnung Beowulfs. Jede Waffe im Spiel hält nur begrenzt. Nach wenigen Hieben zersplittert euer Stahl und ihr dürft euch mit bloßen Fäusten durch die Meute kloppen. Es macht nicht nur weniger Spaß, sondern erschwert das Spiel auch gewaltig. Abgesehen davon, dass es einfach dämlich ist, wenn geschmiedeter Stahl nach drei, vier Aktionen dematerialisiert. Schlimmer ist, dass die größeren Waffen allesamt unauchbar sind. Lanzen oder Hämmer aucht ihr gar nicht erst aufzuheben. Das Problem ist nämlich, dass Beowulf Jahre aucht, bis er endlich den Schlag ansetzt und das selbst mit den normalen Attacken. In der Zeit, in der Beowulf einmal ausholt, hat Kratos den halben Olymp ausgerottet. Während dieser Zeit ist er gerne ein willkommenes Ziel für Angriffe aller Art. Oder euer Gegner weicht einfach aus und ihr seht hilflos zu, wie Beowulf wie ein Depp sekundenlang in die falsche Richtung prügelt. Korrekturen oder Abüche sind nicht möglich. Noch schlimmer sind die Würfe. Diese lösen immer ein Minigame aus, das von euch das schnelle Hämmern der B-Taste verlangt, um überhaupt einen Move ansetzen zu können. Anschließend könnt ihr aus dem Griff heraus verschiedene Angriffe starten, die wiederum das schnelle Hämmern der richtigen Taste erfordern, bevor euer Gegner sich befreit. Für die diversen Bossgegner ist diese Vorgehensweise zwingend. Das Timing ist noch mal kürzer als in „Jericho“, was diese Aufgaben noch frustrierender macht. Es hilft nicht, wenn ihr im Kampf gegen Grendel oder die Seeschlange dieselbe Sequenz mehrfach wiederholen müsst. Kaum ein anderes Spiel hat je so auf stupides Gehämmer auf die Tasten gesetzt. Es ist schwer zu glauben, dass heute noch jemand auf ein derart veraltetes System setzt. Es gibt keine Taktik, keine Strategie, kein richtiges Kampfsystem, es ist dümmstes und sinnlosestes Hämmern und das ungelogen und ohne Übertreibung von der ersten bis zur letzten Spielminute. Nach der Hälfte des Spiels gibt entweder der Controller oder euer Handgelenk den Geist auf, je nachdem, was älter ist. Überhaupt steuert sich Beowulf wie ein Panzer. Schwerfällig und langsam reagiert er auf eure Befehle, nicht selten hat er Mühe, euren Wünschen nachzukommen. Seine sämtlichen Bewegungen sind träge, behäbig und schlicht unpräzise.
In „Beowulf“ seid ihr meist im Team unterwegs. Dieses Team besteht zum Großteil aus lebensmüden Idioten, die nichts getötet kriegen, aber regelmäßig in Schwierigkeiten geraten und bei ihrem vollständigen Ableben den GameOver Screen herauf beschwören. Sie sind aber vonnöten, um Türen zu öffnen. Hierzu kommandiert ihr sie in einen rudimentären Befehlsmenü an das jeweilige Gerät und seht zu, wie sie eine halbe Stunde auchen, um einen Mechanismus zu drehen. Wollt ihr das Ganze beschleunigen, müsst ihr ein Motivationsminispiel aktivieren, in dem ihr im Rhythmus kurz X drücken oder Y halten müsst. Es ist weder anspruchsvoll noch spaßig, kommt dafür aber umso häufiger vor.
Wo bin ich?
Häufig vor kommen auch die Klettereinlagen. Der Eindruck dieser Szenen wird nicht dadurch besser, dass „Beowulf“ das erste Spiel des testenden Redakteurs nach „Assassins Creed“ war. Hier kann man nicht klettern, wo man will. Daran muss man sich erst wieder gewöhnen. „Beowulf“ präsentiert sich in seiner schönsten Videospiel-Beschränktheit. Ihr geht genau dahin, wo es die Entwickler vorgesehen haben. Wenn ihr dort nicht hoch klettern solltet, dann könnt ihr das auch nicht, auch wenn die Wand, an der ihr klettern könnt und die, an der ihr es nicht könnt, identisch aussehen und es keinen vernünftigen Grund gibt, warum ihr dort nicht hoch könnt. So müsst ihr die Wände nach blindem Trial’n’Error Prinzip absuchen, bis ihr die Stelle gefunden habt, an der es weiter geht. Letzteres ist üigens ein großes Problem in „Beowulf“. Ohne dem Technikabschnitt vorgreifen zu wollen, aber es ist faszinierend, wie oft man in einem derart linearen Spiel fest stecken kann. In „ Beowulf“ sieht alles gleich aus. Ihr wisst nach dem Kampf oft nicht, aus welcher Richtung ihr kamt und wohin ihr nun gehen müsst. Es gibt im Spiel keine Karte, keinen Kompass, keine Wegweiser, keinen, den man mal nach der Richtung fragen könnte und eure Kumpanen sind die reinsten Mitläufer. Das ist natürlich eine Herausforderung für sich, aber wenn man nur auf gut Glück nach vorne läuft und sich nicht sicher ist, ob das wieder ein neuer Kopieren/Einfügen-Raum ist oder man grad im Kreis gelaufen ist, stimmt irgend etwas nicht.
Von Spielfluss kann leider auch keine Rede sein. Wenn ihr mal auf dem richtigen Weg seid, wird alle zehn Meter das Geschehen gestoppt und euch wird die nächste Tür oder der nächste Gegner gezeigt, auf die/den ihr in wenigen Sekunden doch ohnehin aufgelaufen wärt. Die Entwickler wollten aber wohl sicher gehen, dass ihr wisst, wem oder was ihr als nächstes eure Aufmerksamkeit widmen solltet. Genauso blöd sind die Einblendungen, wenn ihr ein Ziel erfüllt habt. Mitten in der Action blockiert das Aechnungsbild den Schirm und zeigt euch, wie viele Schläge etc. ihr erfolgreich verteilt habt, erst danach geht das Spiel weiter.
Mehr Wut! Das ist gut!
Dann wäre da noch der Wutmodus anzumerken. Durch Halten des rechten Triggers aktiviert ihr diesen und erhaltet dadurch die Möglichkeit, selbst stärkste Feinde in Sekunden zu plätten. Aber with great power comes usw. Um das System etwas ambivalent zu machen, ist es mit einigen Nachteilen verbunden. Das ist generell eine gute Idee, aber in der vorliegenden Umsetzung ist dieser Modus vollkommen unauchbar. Zum einen reduziert er die Lebensenergie immer auf fast Null. Beim Deaktivieren dauert es einige Sekunden, bis Beowulf wieder verteidigungsfähig ist. Wer dann also dummerweise noch von Feinden umgeben ist, hat ein Problem. Das ist aber nicht das Schlimmste, schwerer wiegt, dass Beowulf nun Freund und Feind nicht mehr auseinander halten kann. Sind Treffer im eigenen Lager normalerweise nicht möglich, so ändert sich das im Wutmodus. Beowulf greift nun alles und jeden an. Mit den schweren Waffen ist es unmöglich, nur gezielt die Feinde zu attackieren und die eigenen Truppen zu verschonen. Auch bei Griffen schnappt sich der Wolf mit Vorliebe nun seine eigenen Leute. Und vielleicht erinnert ihr euch, wenn die alle hops sind, ist das Spiel vorbei. Blöderweise zwingt euch das Spiel in Schlüsselsituationen sogar dazu, diese Fähigkeit zu nutzen. Ein System, bei dem man bestimmte Vorteile mit Nachteilen erkaufen muss, ist ja an sich interessant, wenn aber das Verhältnis von Nachteil zu Vorteil 90:10 ist, ist das Ganze witzlos. Soweit es irgendwie geht, versucht man, auf die Wut zu verzichten. Wieso ein Spielelement einbauen, dass der Spieler nicht benutzen kann, weil es sich eher nachteilig für ihn auswirkt.
Verteidigt das Kreuz mit eurem Leben
Die Aufgaben, die ihr zu lösen habt, sind durch das ganze Spiel hinweg die gleichen. Haut alle Feinde weg, betätigt Schalter, haut mehr Feinde weg und beschützt Jungfrauen. Oder beschützt alte Holzkreuze, deren Ende gleichzeitig das Ende des Spiels ist. Jup, ein altes Holzkreuz ist so wertvoll, dass ihr es mit allen Mann beschützen müsst vor einer Armee, mit der man ganze Königreiche erobern könnte. Oftmals hart an der Grenze des Spielbaren ist auch die Kamera, die sich festhängt, wo es nur geht, automatisch in die falsche Richtung schwenkt oder einfach zu langsam ist, um der Action zu folgen.
Zwischen den Kampfszenen gibt es kurze Momente, in denen ihr rollenspielartig durch verschiedene Charaktere durchschalten und mit ihnen plaudern könnt. Auch könnt ihr hier eure Ausrüstung zusammen stellen und euren Wolf in engen Grenzen aufleveln. Diese Sequenzen sind kurz, wenig interaktiv, mäßig interessant, langweilig präsentiert und eure Ausrüstung ist ohnehin egal, denn die zericht ja sowieso beim ersten Einsatz.Die technische Seite stellt eine kleine Mogelpackung dar. Der Anfang mit der Seeschlange ist noch ganz nett, aber danach offenbart das Spiel all seine Schwächen. Wie bereits erwähnt, sehen die Level von Anfang bis Ende gleich aus. Einfarbig, dunkel, trist und verwaschen präsentieren sich die Level. Die Animationen sind alles andere als weich, die Charaktere und deren Gesichter ausdruckslos und detailarm. Blut spritzt zwar an allen Ecken und Enden, Splattereffekte wie in „Conan“ vermisst man allerdings. Gegner lösen sich nach ihrem Ableben schlicht in Wohlgefallen auf. Von eben diesen gibt es nur eine Handvoll im Spiel, sodass ihr den Großteil eurer Zeit damit veringt, Klonarmeen zu besiegen. Der Sound ist nicht ganz so eintönig. Die Effekte sind langweilig und nicht der Rede wert, die Musiken sind zumeist ebenso belanglos. Eine Sangesstunde eurer Truppen stellt da noch das Highlight. Etwas besser gefällt die Sprachausgabe, die aber auch stark schwankt. In den Zwischensequenzen klingt sie meist ganz annehmbar, eure Truppe während des eigentlichen Spiels klingt noch um einiges schwächer. Auf deutsch ist die ganze Sache noch mal eine Spur schlechter. Beide Sprachversionen finden sich auf der DVD, aber eine wirklich gute Qualität findet ihr in beiden nicht.Das Game bietet keinen Mehrspielermodus, ist nach wenigen Stunden (kaum mehr als 6) beendet und bietet keinerlei Wiederholungswert. Aber das macht nichts, höchstwahrscheinlich werden die meisten Spieler lange vor den Credits die Nase voll haben.
Eine Schande, was hier mit dem Material gemacht wurde. Mag der CG Film noch wenigstens Geschmackssache sein, so ist das Spiel ein Lizenzschnellschuss ohne jeden Hauch von Qualität. Miese Designentscheidungen, ein grausam lahmes und anspruchsloses Gameplay, eine fast unauchbare Kamera, unfaire, frustige Stellen paaren sich hier mit grässlicher Grafik und durchschnittlichem Sound. Der inflationäre Geauch sinnlosen Tastenverprügelns lässt sich nach heutigen Maßstäben kaum noch als Gameplay bezeichnen und der Umfang ist ebenfalls ein Witz. Wie im Grunde das ganze Spiel. Hier gibt es wirklich keinen, dem man das Spiel empfehlen könnte. Fans des Films werden enttäuscht sein, Fans des Gedichts geradezu entsetzt und jeder Videospieler wird dem Geld nachtrauern. Kauft es nicht, leiht es nicht aus, sollte eine Demo kommen, ladet sie nicht runter, wenn euch das Spiel geschenkt wird, nehmt es nicht an und kündigt dem Schenker die Freundschaft!
Kommentare (9)
Werner Stelzenpop
mikekool
Werner Stelzenpop
OKST666
Urgs
TCRS
sam.eos
KSK DoME
Commandant Che