Freitag, 31. August 2007
08:21 Uhr - Als der 23-jährige Student Seung Hui Cho am 16. April dieses Jahres
an seiner Uni, der Virginia Tech in Blacksburg, 32 Menschen
erschossen und 17 weitere verletzt hatte, war es für viele Zocker
nur eine Frage der Zeit, bis einschlägig bekannte „Experten“ den
Fall automatisch mit „Killerspielen“ in Verbindung bringen und
erneut ein Verbot derselben fordern würden. Genau das geschah dann
auch, und zwar noch bevor in der Öffentlichkeit überhaupt
irgendetwas Genaueres über den Täter, der sich nach dem Blutbad
selbst getötet hatte, bekannt geworden war. Nach eingehender
Untersuchung des „Amoklaufs“ liegt jetzt der offizielle
Abschlussbericht vor. Dieser lässt nun keine Zweifel mehr an der
tatsächlichen Rolle von Computer- und Videospielen.
Innerhalb des sehr umfassenden Berichts geht es nur an äußerst wenigen Stellen überhaupt um Spiele. Damit bestätigt sich, was zuvor bereits weniger überstürzte Analysen des Falls vermuten ließen: Computer- und Videospiele gehörten schlicht und ergreifend nur in extrem geringem Maße zu
Seung Hui Chos Lebenswelt.In
Kapitel 4 des Dokuments ist zu lesen dass einige Personen bestätigten, der gebürtige Südkoreaner habe früher hin und wieder
Sonic the Hedgehog gespielt. Während andere konkrete Titel im gesamten Text nicht genannt werden, heißt es an einer Stelle ziemlich unmissverständlich zusammenfassend:
„Keines der Spiele hatte mit Krieg oder Gewalt zu tun“.Sein Zimmergenosse kann sich persönlich noch nicht mal daran erinnern,
Seung Hui Cho überhaupt jemals spielen gesehen zu haben,
„was er schon für etwas merkwürdig hielt, weil er selbst und die meisten anderen Studenten Videospiele spielten“, so der Bericht. Stattdessen habe der 23-Jährige sich lieber Filme aus der Bibliothek ausgeliehen, geschlafen, für die Uni gelernt oder Musik heruntergeladen.In der Highschool hatte der spätere „Amokläufer“ zu seinen Hobbys und Interessen einmal geschrieben
„Mein Lieblingsfilm ist X-Men, mein Lieblingsschauspieler ist Nicolas Cage, mein Lieblingsbuch ist Night Over Water, meine Lieblingsband ist U2, mein Lieblinssport ist Basketball, mein Lieblingsteam sind die Portland Trailblazers, mein Lieblingsessen ist Pizza und meine Lieblingsfarbe ist Grün“. Außerdem habe
Seung Hui Cho früher Actionfiguren und ferngesteuerte Autos gesammelt.Das Resümee des Abschlussberichts könnte also kaum eindeutiger sein: Spiele hatten nichts mit der Tat zu tun. Neben einigen anderen nun ziemlich unglaubwürdig dastehenden Propagandisten hatten sich nach dem „Uni-Massaker“ natürlich auch
Jack Thompson (bei Youtube gibt es dazu ein
interessantes Video zu sehen) und
Prof. Pfeiffer wieder zu Wort gemeldet. Während
Thompson den Fall ohne jeglichen Anhaltspunkt und nur aufgrund seiner „Erkenntnisse“ über frühere „Amokläufe“ sofort mit
Counter-Strike in Verbindung achte, forderte
Pfeiffer bereits zwei Tage nach der Tat völlig zusammenhangslos erneut ein
Verbot von „Killerspielen“.So sagte der Kriminologe in der
Passauer Neuen Presse, größere Sorgen als der Zugang zu Waffen bereit ihm:
„dass sich vor allem männliche Jugendliche systematisch desensibilisieren durch Computerspiele, die solche Tötungsarien vorzeichnen. Die Mehrheit der jüngeren Amokläufer hat sich erst am Computer in Stimmung geschossen“. Und natürlich konnte der Professor aus Hannover nicht anders, als gleich noch eines seiner persönlichen Lieblinsspiele mit in seinen unqualifizierten Kommentar einzuflechten und so unterschwellig mit Blacksburg in Verbindung zu ingen:
„Ich plädiere deshalb bei gewaltverherrlichenden Killerspielen für ein Werbe- und Verkaufsverbot. Für Spiele mit extremen Gewaltexzessen wie „Der Pate“, bei denen aggressives Töten mit Punkten belohnt wird, auchen wir sogar ein strafrechtliches Verbot“.Dass
Pfeiffer selbst nach seinem nun ganz offiziell feststehenden totalen Irrtum im Fall
Virginia Tech auch weiterhin als glaubwürdige Quelle beim Thema „Gefährlichkeit gewalthaltiger Spiele“ bei
Frontal21 und anderen Sendungen auftreten wird, darf derweil wohl leider nicht bezweifelt werden.In der Zwischenzeit können wir uns schon mal darauf vorbereiten, dass bald die „X-Men“-Horrorstreifen, Schlägertyp Nicolas Cage, die Hetzschrift „Night Over Water“, die Brutalo-Band U2, der Aggro-Sport Basketball, zu Gewalt anstachelnde Pizzen und die Hassgefühle fördernde Farbe Grün ins Visier der Kritiker geraten werden. Nicht zu vergessen natürlich Actionfiguren und ferngesteuerte Autos.Quellen:
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