Blinx: The Time Sweeper

16.01.2007 15:29
Blinx: The Time Sweeper


Wenn man noch einmal die Zeit zurückdrehen könnte, dann würde man im Lotto gewinnen, könnte seinen Lehrern die Frage beantworten, bevor diese überhaupt gestellt wurde, könnte Unfälle verhindern oder.... kleinen, hüpfenden Monstern ausweichen. Experte in Sachen Zeitmanipulation ist Blinx, seines Zeichens Kater und als "Zeitfeger" und Hausmeister in der Faik beschäftigt, wo die Zeit hergestellt und verwaltet wird. So ganz reibungslos läuft die Zeitproduktion allerdings nicht permanent ab und immer wenn es einen Fehler im Zeitgefüge gibt, entsteht ein Zeitkristall, der sich - wird er nicht rechtzeitig weggesaugt - mit der Zeit in ein Monster verwandelt.

Doch eines Tages kommt es besonders dick, als eine Prinzessin von einer Bande Gauner entführt wird. Erste Ambitionen, dem Kater die Maske vom Leib zu reißen, um dahinter Marios Klempnergesicht zu entdecken, scheitern und so kommen wir zu dem Schluss, dass es wohl eine ganze Reihe von Prinzessinen gibt, die gerettet werden wollen. Dass hinter der Entführung ein weitaus dramatischeres Ziel steckt, lässt nicht lange auf sich warten. Die Schweine (es sind wirklich welche) von der Tom-Tom Gang wollen das Zeitgefüge ins Wanken ingen und benutzen die Prinzessin als Geisel, um danach die Zeitkristalle in Ruhe klauen zu können.

Zeitkristalle in den falschen Händen? Nicht auszudenken - und bevor alle Welten in einem Kollaps enden, muss Blinx das Zeitchaos beseitigen und den Zeitenfluss wieder herstellen. Dabei haben sich die japanischen Entwickler von Artoon einige besondere Features einfallen lassen, die nur dank der Festplatte der Xbox möglich waren. Dass Qualität hinter dieser Firma steht, beweist Mitbegründer Naoto Ohshima, der 1991 die Figur Sonic the Hedgehog erfand und Mitarbeiter des Sonic Teams bei Sega wurde. Trotz innovativer Ideen und sehr guter Ansätze bleibt Microsofts stark beworbenes Spiel leider insgesamt jedoch hinter den Erwartungen zurück. Als schlechtes Spiel wollen wir Blinx bei weitem nicht verstanden haben, einige Mängel lindern den Spielspaß jedoch leider ganz gewaltig - doch lest selbst....

Das Spielprinzip bei Blinx ist sehr linear. Auf den Katzenfreund warten insgesamt rund 40 Level, die nacheinander beschritten werden können, wenn die vorherigen Level erfolgreich gemeistert wurden. In verschiedenen, teilweise sehr expressionistisch anmutenden Welten, die künstlerisch durchaus einen sehr hohen Wert darstellen, geht es immer einzig und allein darum, alle Monster zu vernichten und dies so schnell wie möglich. Zwar gibt es auch noch einige Secrets zu entdecken, doch für das einfache Durchspielen spielen sie erst einmal keine große Rolle.

Um den Gegnern mit klangvollen Namen wie Chrono-Blubb, Stachler, Froschler, Oktoballon, Müllator oder Mauligo den Garaus zu machen, muss Blinx mit seinem Zeitsauger TS1000 den Müll aufsaugen, der in allen Welten großzügig verteilt wurde. Diesen Müll kann er dann - dank besagtem Hightech-Sauger - den Gegnern gegen den Kopf schießen. Schon sinkt ihre Energie und je nach Art des Monsters ist nach einem oder mehreren Treffern Schluss mit lustig. Je größer der Müll ist, den man ihnen entgegenschleudert, umso mehr Energie verlieren die kunterbunten Gegner, die bei einem Designwettbewerb in der Kategorie "Kurioses und Verrücktes" sicherlich ganz weit vorne liegen würden. Es gibt zwar auch einige hartnäckigere Gegner, die beispielsweise selbst mit Müll um sich schießen oder nur hinterrücks angreifbar sind, weil sie von vorne geschleuderten Müll einfach auffressen, größtenteils bleibt es aber bei dem direkten Beschuss mit Bänken, Abfalltonnen oder undefinierbarem Schrott.

Hier liegt der erste Kritikpunkt des Spiels: Mit der Dauer wird diese Herausforderung einfach langweilig. Im Gegensatz zu wahren Genregrößen fehlt die Abwechslung, fehlen Minispiele, die zum Salz in der Suppe werden. Nicht nur, dass man sich von Level zu Level hangelt, von Endgegner zu Endgegner, von Welt zu Welt - letztendlich lässt sich das Spielprinzip sogar auf die unterste Ebene zurückführen, nämlich dass man sich von Gegner zu Gegner hangelt. Die Zahl der Gegner pro Level variiert zwar und nimmt im Spielverlauf deutlich zu, aber sicherlich auch wegen des Zeitlimits von zehn Minuten, in denen man jedes Level meistern muss, bleibt das Spiel doch stets übersichtlich - und dabei leider zu übersichtlich.

Das eigentliche Highlight des Spiels soll ja die Zeitkontrolle sein, mit deren Hilfe der Spieler die Zeit anhalten und zurück- und vorlaufen lassen kann, außerdem das Geschehen in Zeitlupe an sich vorüberziehen lassen oder mit einer Aufnahme einen Zeitenabschnitt festhalten kann, der dann erneut abgespielt wird. Hört sich wild an, ist mit Sicherheit auch eine wilde Idee und technisch beeindruckend, ist allerdings leider in keinster Weise so umgesetzt worden, wie das im Idealfall passieren hätte können. Die meisten der Zeitsteuerungen benötigt man nämlich nur sehr, sehr selten. So kann man zwar eine Brücke, die gerade eingestürzt ist, durch das Zurücklaufen in der Zeit wieder intakt setzen oder mit einer kurzen Pause dem Gegner weitaus leichter die Ohren langziehen, so richtig befriedigend ist das allerdings nicht.

Man darf sich das nämlich nicht so vorstellen, dass man da ganze Welten im Zeitstrom verändert oder spektakuläre Effekte erzielt, vielmehr wirkt das Ganze oft wie eine technische Präsentation der Xbox-Möglichkeiten, bei der man vergessen hat, dass es letztendlich der Spielspaß ist, der ein Spiel trotz aller technischen Möglichkeiten zerstören oder retten kann. Um sich eine kleine Zeitreise zu gönnen, müssen Zeitkristalle der gleichen Farbe bzw. Form eingesammelt werden. Wenn von vier hintereinander eingesammelten Kristallen drei von der gleichen Sorte sind, bekommt man ein Zeitfeature (abhängig vom eingesammelten Objekt), sind sogar alle vier Zeitkristalle identisch, gibt es das Zeitfeature gleich im Doppelpack. So empfiehlt es sich, sich nicht sofort alles zu schnappen, was in der Gegend herumliegt, sondern nur die für die eigene Sammlung günstigen Teile einzusammeln.

Blinx ist eine Katze und obwohl Katzen ja sprichwörtlich sieben Leben haben, weiß jeder, der seine Katze einmal mit viel Wasser in Berührung ingen wollte (nein, bitte nicht nachmachen), dass Katzen letztendlich recht empfindlich sind. So auch Blinx, der bereits nach einem Feindkontakt bzw -treffer bewusstlos umfällt und das Level neu anfangen darf. Ganz so schlimm, wie es sich anhört, ist es dann aber doch nicht, denn durch das Einsammeln von Herzsymbolen (ebenfalls eine Form eines Zeitkristalls) lassen sich zusätzliche Versuche herausspielen. Zwar wurde dieses System somit in das Prinzip der anderen Zeitkristalle eingegliedert, es führt aber letztendlich oft dazu, dass man außer Herzen alle Zeitkristalle links liegen lässt (wir erinnern uns, meistens aucht man sie ohnehin nicht zwingend).

Neben den Zeitkristallen und dem Müll lässt sich in den einzelenen Welten auch noch kräftig Gold sammeln. Das liegt entweder einfach in der Gegend herum, versteckt sich in Gegnern oder springt aus Schatztruhen heraus, wenn man sie mit Müll beschießt. Auch für nicht verauchte "Munition" am Ende eines Levels wird noch etwas Gold spendiert und wer fleißig sammelt, kann das stolze Sümmchen in mehreren Shops in noch stolzere Preise investieren. Dort lassen sich nicht nur Zeit-Halter und Versuchs-Halter kaufen, mit denen man die Anzahl der gleichzeitig tragbaren Zeitsteuerungen oder Versuche erhöhen kann, auch Upgrades des Staubsaugers und verschiedene Outfits werden dort von einer charmanten Katzendame angeboten. Die Sauger-Upgrades werden im Spiel sogar richtig wichtig - denn ein stärkerer Staubsauger kann natürlich größere Sachen wegsaugen und so wird manches einstmals unüberwindliche Hindernis zum Kinderspiel. Problem bei dieser eigentlich guten Idee: Rabatte bei den Preisen sind nicht möglich und halsabschneiderische Summen winken Blinx bereits am Anfang entgegen. Angesichts der Tatsache, dass man nicht allzu viel Geld während dem normalen Durchspielen bekommt, muss man die meisten Level immer und immer wieder spielen, um Gold zu sammeln. Na ja, wenigstens kann man so seine Bestzeit verbessern, die am Ende in einer Bewertung eingestuft wird.

Jetzt hat man einen ganzen Sack... pardon Staubsauger voller guter und innovativer Ideen und trotzdem will nach einiger Spielzeit sich kein Blinx-eites Grinsen auf dem eigenen Gesicht einfinden. Neben der gewissen bereits angesprochenenen Stupidität und der nur mittelmäßigen Umsetzung der Zeitenkontrolle dürfte vor allem die Kameraführung den ein oder anderen zum unfreiwilligen Katzenmörder machen. So kann die Kamera zwar mit dem rechten Ministick nachjustiert werden und ein Drücken desselbigen wechselt in eine Schulter-Perspektive, für das eigentliche Spiel hilft das jedoch nur bedingt. Vor allem, wenn Blinx nahe an einer Wand steht, verschwindet sein Antlitz teilweise ganz und bei Endgegnern kann so schon der ein oder andere Versuch geopfert werden, den man sich nicht als eigene Dummheit ankreiden lassen kann.

Hinzu kommt die Steuerung, die zwar zu 80 Prozent gut gelungen ist und auch schnell ins Blut übergeht, bei den anderen 20 Prozent aber zum Biss ins Controllpad führen kann. Wenn man erst einmal mehrere Müllstücke verschossen hat (man kann sie zwar wieder einsaugen, trotzdem ist es nervig), weil man sich sicher war, bei diesem Gegner in die richtige Richtung zu zielen, dann versteht jeder, was ich mit diesen 20 Prozent gemeint habe. Wenn man in diese Gegner dann auch noch nahezu blind hineinläuft, weil sie sich in einem toten Winkel der Kamera versteckt gehalten haben, dann möchte man manchmal schwören, dass man nur noch Spiele mit Hunden, Goldhamstern oder Kanarienvögeln spielt.

Bei der Präsentation und der Grafik gibt es bei Blinx: The Time Sweeper wenig auszusetzen. Die Level sind zum Teil verrückt gestaltet und bieten oft wirklich wunderschöne, wenn auch für Realismusfetischisten wohl zu bunte, Texturen. Zwar sind die Gegner vom Design sicherlich nicht jedermanns Sache, letztendlich sehen sie aber wirklich ganz nett aus. Von Gegnern gibt es leider viel zu wenig unterschiedliche, da die Level jedoch kurz sind und die Gegnerzahl nie sonderlich hoch, bekommt man sie wenigstens nicht im Hunderterpack vor die Katzenhaare geworfen (es sei denn man sammelt Gold). Wie so oft können vor allem die Wassereffekte überzeugen, denn hier möchte man manchmal wirklich sagen, dass man so etwas noch nie in einem Spiel gesehen hat, obwohl dieser Satz schon fast inflationär geaucht wird.

Was man sich allerdings bei den orangefarbenen Textboxen gedacht hat, die zum Beispiel eingeblendet werden, um dem Spieler mitzuteilen, wieviele Gegner ihn noch erwarten, ist mir schleierhaft. Anfangs bei ersten Bildern vom Spiel noch die Hoffnung, dass diese Texteinblendungen aus einer Betaversion stammen, wurde zunichte gemacht, als man den orangefarbenen Kasten dann live im Spiel erleben durfte. Das ist zwar nicht allzu schlimm, aber wirkt doch ein wenig wie eine Einblendung in einer Billigproduktion, die Blinx natürlich insgesamt nicht ist. Das Spiel läuft bis auf einige wenige Ausnahmen flüssig und ist technisch ansonsten gelungen.

Die musikalische Komponente schwankt leider zwischen Nonsense-Gedudel und wirklich gelungenen atmosphärischen Klängen, die sich gegen Ende des Spiels glücklicherweise häufiger einstellen als zu Beginn, so dass noch eine deutlich überdurchschnittliche Wertung in diesem Bereich möglich war - auch, weil die Monster akustisch eigensinnig verrückt sind, was angesichts ihrer ebenso extravaganten Optik durchaus positiv gemeint ist.

Den Langzeitspielspaß einzuordnen, ist wirklich richtig schwierig. Während man durchaus eine gewisse Zeit daran sitzt, das ganz normale Ende zu sehen, könnte danach bei vielen die Motivation für ein intensiveres Durchsuchen des Spiels erschöpft sein. Wem das Spiel allerdings gefällt und wer sich darauf einlässt, seinen Blinx zum Super-Talent auszurüsten, der darf eine ganze Weile Gold sammeln und nach Secrets suchen.

„Katzenjammer...“

(Eigene Meinung » Sebastian Philipp)

Als alter Jump´n´Run-Fan habe ich mich in diesem Jahr auf kaum ein Spiel so gefreut wie auf Blinx und nachdem ich meinem Chefredakteur mit fast schon sadistischer Penetranz immer wieder gesagt habe, wie gern ich das Spiel testen würde, hat er mich nun damit bestraft, mir die Vorfreude auf das Spiel schon drei Wochen vor dem eigentlichen Release zu nehmen, indem er mir den Test zusprach.

Denn obwohl Blinx letztendlich immer noch ein Spiel zwischen Gut und Mittelmaß ist, dürfte es für viele Spieler angesicht der Vorschusslorbeeren schon eine kleine Enttäuschung werden. Vor allem das Zeitfeature, bei dem ich wirklich den Sprung in eine echte vierte Dimension erwartet hatte und bei dem ich gehofft hatte, dass es ähnlich einschlägt, wie Marios Sprung in die 3D-Welt auf seinem N64-Debüt, ist letztendlich spielerisch doch nur ein ganz nettes Stilmittel. Technisch mag die Tatsache, dass das Spielgeschehen nahezu permanent auf der Festplatte abgespeichert wird, sicherlich interessant und auch bahnechend sein, doch wie bereits in der Review angedeutet, muss sich solch eine innovative Idee merklich im Spielspaß für den Spieler niederschlagen.

Stattdessen muss man als Sammelfreak - um Blinx gut auszurüsten - immer und immer wieder durch dieselben Level rennen, um Gold zu sammeln und bekommt dank Gegnerarmut insgesamt zu wenig Neues zu sehen. Und so bleibt eine weitere Rechnung offen: Sega hat Sonic, Sony hat Crash, Nintendo hat Mario und Microsoft hat ... immer noch niemanden. Für ein Maskottchen reicht es bei Blinx nämlich noch nicht, vielleicht in seinem nächsten Videospielauftritt, doch dann bitte mit etwas mehr Tiefgang. Ich habe geschnurrt.

„Keine Gefahr für Igel und Klempner“

(Eigene Meinung » Alexander Laschewski)

Jump&Runs gehörten vor einigen Jahren zu den Schlüsselgenres der Videospiele und prägten bekannte Spielfiguren wie Mario, Sonic und selbst Crash Bandicoot. Durch den unterschwelligen Anspruch, der Xbox mit Blinx eine gleichwertige Sympathiefigur zu geben, wuchs wieder einmal die Erwartungshaltung über das eigentliche Spiel hinaus. Blinx ist sicherlich keine „Kater-strophe“, versagt aber in der Disziplin, die streckenweise sehr gute Grafik und die innovativen Zeitelemente mit einem ausgereiften Spieldesign zu verbinden. In vielen Situationen mutet Blinx wie ein Spiel an, das krampfhaft zum Launch der Xbox fertig sein sollte, was knapp ein Jahr nach dem US-Start der Xbox sicherlich kein Kompliment ist. Die Kameraführung ist bestenfalls anstrengend, das Zeitfeature wird durch die Sammelmethode sinnlos abgewertet und der Schwierigkeitsgrad kommt zu unausgewogen daher.

So sitzt Blinx leider unbequem zwischen den Genre-Stühlen. Für ein einfaches Jump&Run ist Blinx bei weitem zu umständlich, für ein Puzzlespiel hingegen sind der ewige Zeitdruck und die Geschicklichkeitseinlagen zu frustrierend. Die Tatsache, dass ich einige Level wiederholt durchspielen muss, nur um mir die für spätere Ebenen wichtigen Zusätze zu erkaufen, zieht die Mundwinkel des Testers dann auch nicht mehr nach oben. Die meisten Level sind einfach zu unspektakulär und nervig, als dass mir das erneute Durchspielen viel Freude geacht hätte. Wer zu Hause also nur eine Xbox zu stehen hat, und sich bereits die letzte Monate nach einem Plattformspiel gesehnt hat, sollte Blinx eine Chance geben. Old School Jump&Run-Fans, die mit Mario und Sonic aufgewachsen sind, sollten allerdings zuvor ein längeres Testspiel wagen. Denn ein Mario-Killer ist Blinx mit Sicherheit nicht.

Während ich in fast allen Punkten daher mit Kollegen Philipp einig bin, sehe ich nur die Maskottchen-Situation nicht ganz so düster. Denn wer kann Bungies coolem Master-Chief denn schon das Wasser reichen?

Bewertung

Blinx: The Time Sweeperxbox

0/10

Alexander Laschewski-Voigt

Der gelernte Industriekaufmann probierte sich im BWL-Studium aus, um dieses dann allerdings zugunsten einer Xbox-Website namens AreaXbox vorzeitig zu beenden. Seitdem steht er als Chefredakteur auf der Kommandobrücke der MS AreaGames. Der bekennende US-Serienfan legt am liebsten Renn- oder Rollenspiele in seine Xbox 360. Zu den Alltime-Hits seiner mit dem C64 begonnenen Spieleleidenschaft gehören Deus Ex, System Shock 2 und die Wing Commander-Reihe.