Castlevania - Order of Ecclesia
Donnerstag, 11. Dezember 2008
14:57 Uhr - Eine hervorragende Serie erreicht ihren vorläufigen Höhepunkt. Nachdem sich mit den beiden immer noch tollen Vorgängern ein leichtes Gefühl der Ermüdung eingestellt hat, pumpt Order of Ecclesia tief rotes Blut durch die Castlevenen. Lest in unserem Test, warum den Leuten um Producer Koji Igarashi (IGA) mit dem neuesten Teil der langlebigen Dracula-Hetze ein echter Geniestreich gelungen ist.
Im 19. Jahrhundert hat sich die Spur des Belmont-Clans und seiner magischen Peitsche, dem Vampire Killer, der einzigen Waffe gegen den Schreckenslord Dracula, verloren. Niemand weiß, was mit ihnen geschehen ist oder ob sie überhaupt noch existieren. Draculas Überreste schlummern derweil in einer magisch versiegelten Urne – unempfänglich für jede Art von äußerer Einwirkung. Doch irgendwann wird der Herr der Finsternis wieder auferstehen, soviel ist sicher. Und so lange keine heldenhaften Peitschenschwinger in der Nähe sind, heißt es, fix nach einer anderen Lösung suchen. Dieser Aufgabe hat sich der Orden der Ecclesia verschrieben und sie allem Anschein nach erfüllt. Mit Hilfe von Glyphen, magischen Symbolen, allen voran einer mächtigen Ausgabe namens Dominus, will man endlich die vermaledeite Urne öffnen und die darin befindlichen Gebeine des alten Suckers (Haha!) vernichten. Shanoa, die ebenso schnuckelige wie tragische Heldin des Spiels, ist der einzige Mensch auf Erden, der Glyphen in sich aufnehmen kann, um so deren Kräfte zu nutzen. Sie soll das Werk also vollbringen. Doch selbstredend läuft das Ritual anders ab, als geplant und ... dann beginnt das beste 2D-Action-Abenteuer seit dem legendären Super Metroid!
Aus dem Schatten ...
Der Vergleich ist durchaus angebracht, denn natürlich weicht auch die dritte DS-Episode nicht von der Formel der „Metroidvanias“ ab, die mit Symphony of the Night erfolgreich eingeführten wurde. Das bedeutet, verwinkelte Umgebungen erkunden, neue Fähigkeiten und Gegenstände erlangen, Charakter aufleveln und Monster erschlagen, Monster zerteilen, Monster schlenzen, Monster zermusen, Monster abfackeln, Monster zerhackstückeln, Monster plätten und Monster entkörpern. Nach einmaligem Durchspielen dürft ihr die Monster dann auch noch roundhousekicken. (Kein Witz!) Einige von euch mögen aufstöhnen und denken, alles bleibt wie immer. Prinzipiell stimmt das auch, doch der negativ gefärbte Gedanke geht ebenso schnell, wie er gekommen ist. Sicher, ebenso wie die Vorgänger (und jedes andere Videospiel auf Erden) ist auch Castlevania – Order of Ecclesia nicht gänzlich frei von Mängeln. In einigen Abschnitten ist das Leveldesign wieder etwas repetitiv. Ein paar wenige (!) Kulissen und circa die Hälfte der Gegner-Typen wurden wiederverwertet. Ab der Hälfte bis zum herzzerreißenden Abspann hört die Geschichte praktisch auf und wie in eigentlich allen Castlevanias könnte sie durchaus geschickter und aufwendiger erzählt werden als nur durch schnöde Dialogfenster bei relativ seltenen Begegnungen mit story-relevanten Personen. Auch grafisch gibt es speziell im Bezug auf die beiden vorangegangenen DS-Ausflüge keinen Fortschritt zu verzeichnen. Hin und wieder hätte ich mir doch noch ein paar spektakuläre 3D-Akzente mehr, Paralax-Scrolling oder schlicht Bewegung in den Hintergründen gewünscht, die ein wenig zusätzliches Leben in die Spielwelt bringen. Wie zum Beispiel im beeindruckenden Kalidus-Kanal, in dem ein großes Polygonschiff auf der sturmgepeitschten See schwankt. ... Ähm, ja, das war’s. Alles andere an dem Spiel ist pure Freude!
... erhebt sich ...
Und die beginnt schon beim stylischen Intro, welches endlich wieder erwachsenere und detailliertere Artworks und nicht den ungeliebten Simpel-Look aus Dawn of Sorrow und Potrait of Ruin präsentiert. Hier kommt ihr auch gleich in den Genuss des mitreißenden Soundtracks, denn die Musik ist, wie für die Serie üblich, mal wieder erste Sahne. Die einzelnen Kompositionen sind vielseitig, hoch motivierend und schaffen es dabei, einen eigenen Charakter zu transportieren, doch trotzdem stets das typische Castlevania-Flair zu erhalten. Abgerundet wird die überragende akustische Untermalung durch knackige Soundeffekte und eine glasklare, wahlweise englische oder japanische, Sprachausgabe. Von Letzterer hätte man nur gerne noch etwas mehr gehört. Dennoch, auf dem DS definitiv die Ober-Liga. Order of Ecclesia lässt euch nicht nur durch Draculas Schloss ziehen, sondern auf einer Landkarte von Level zu Level wandern. Diese sind mal größer und komplexer, mal kurz und einfach gestrickt und führen euch in größtenteils neue Gebiete, wie in ein Gebirge, ein Landhaus, einen Leuchtturm oder den besagten Kanal. Doch kein Castlevania ohne Castlevania und so erscheint etwa ab Mitte der Spielzeit auch die Residenz des dunklen Fürsten wie aus dem Nichts und wartet darauf, von euch eingeebnet zu werden. Die Levelstruktur tut dem Spiel gut, da so der Eindruck einer relativ offenen Welt entsteht. Ihr könnt jederzeit in bereits besuchte Gegenden zurückkehren, um die dort noch verborgenen Schätze zu bergen und Quests zu erfüllen. Richtig gelesen, denn zentraler Punkt des Spiels ist das Dorf Wygol, dessen Bewohner euch – nachdem ihr sie erst einmal befreit habt – mit zahlreichen Aufgaben versorgen, welche größtenteils erstaunlich abwechslungsreich und originell geworden sind. Da soll Shanoa zum Beispiel für einen Reporter Fotos von bestimmten Kreaturen schießen, für einen Komponisten den Schrei eines Geistes aufnehmen, eine Maus für die Katze eines kleinen Mädchens fangen oder bestimmte Ingredienzien für einen Trank finden. Als Belohnung winken stärkere Rüstungen, magische Accessoires oder statusverbessernde Bonbons (!). Die Dörfler sind es auch, die später noch für ausreichend Story-Gehalt sorgen, da sie nach erfüllten Aufträgen kleine Anekdoten vom Stapel lassen.
... der neue König!
Was Order of Ecclesia letztlich so genial macht, ist das Kampfsystem in Verbindung mit dem grandiosen Gegnerdesign. Shanoa findet im Laufe des Spiels immer neue Glyphen, teils auch von Feinden, die sie mit Waffen, magischen Angriffen und unterschiedlichen Fähigkeiten ausstatten. Klingt altbewährt, war aber in keinem Castlevania zuvor so anspruchsvoll. Sämtlichen Mordinstrumenten sind unterschiedliche Attribute zugeordnet und sämtlichen Monstern ebenfalls. Es gilt also, stets die richtige Waffe gegen den entsprechenden Gegnertyp zu richten, denn die Stärken und Schwächen wirken sich spürbar aus. Ihr könnt es euch schlichtweg nicht leisten, mit weniger effektiven Attacken auf eure Widersacher einzudreschen. Hinzu kommt, dass sich Speere, Sicheln, Wurfmesser, zielsuchende Lichtkugeln, Blitze und dergleichen massiv in Ausrichtung und Reichweite unterscheiden, was auch bedacht werden will. Glücklicherweise gibt euch das Spiel die Möglichkeit, drei Glyphen-Sets festzulegen und jederzeit auf Knopfdruck zwischen ihnen zu wechseln. Warum das alles so wichtig ist? Weil Order of Ecclesia einfach knüppelhart ist! Der Schwierigkeitsgrad in den Levels wird mitunter schon pervers, die Boss-Kämpfe sind der Hass! Jeder Monster-Typ hat andere Angriffsmuster, verlangt andere Herangehensweisen, keiner ist wie der andere. Ebenso die Endgegner, deren Attacken gnadenlos sind. Doch so überwältigend die Angriffswellen manchmal erscheinen, so fair sind sie doch gestaltet. Es gibt keine Situation, die nicht mit Köpfchen und Pad-Beherrschung zu schaffen ist. Diese Tatsache in Verbindung mit der beeindruckenden Tiefe der Kämpfe macht sie so zu einer motivierenden und befriedigenden Angelegenheit. Hinzu kommt das abwechslungsreiche Leveldesign, welches euch immer wieder mit kniffligen Geschicklichkeitspassagen, kleineren Rätseln sowie Secrets fordert und dabei auf die wirklich cleveren neuen Fähigkeiten setzt, die Shanoa erlernen kann. Die Magnes-Glyphe erlaubt es ihr zum Beispiel, an bestimmten Punkten sich selbst wie einen Pfeil durch die Luft zu schießen. Mit Paries kann sie an einigen Stellen frei im Mauerwerk umhergeistern. Eines der coolsten Talente wird übrigens durch die Arma Felix-Glyphe verliehen. Diese verwandelt euch auf Wunsch in ein extrem kampfstarkes Katzenfräulein, das in Konflikten von den eigenen Artgenossen, eigentlich eure Feinde, Unterstützung bekommt.
Solcherlei Details zeichnen seit jeher die IGA-Castlevanias aus und finden sich auch in Order of Ecclesia an vielen Stellen, sollen hier aber nicht verraten werden, um nicht den Staunfaktor zu schmälern. Der zeigt sich auch, trotz der oben angesprochenen „Mängel“, in der wunderschönen Optik des Spiels. Die prächtigen Kulissen strotzen vor Details. Sämtliche Bewegungen, besonders die Sterbeanimationen, sind eine absolute Augenweide. Die Sprites sind oft Bildschirmgroß oder größer. Es gibt einige wirklich coole Effekte und selbst bei massivem Gegneraufkommen bleibt das Geschehen flüssig. Dass die Steuerung ebenfalls perfekt gelöst wurde, erscheint fast überflüssig zu erwähnen. Order of Ecclesia spielt sich einfach traumhaft! Noch was vergessen? ... Hm, wenn ja, ihr werdet es selbst herausfinden.
Was bliebe abschließend zu sagen? Castlevania – Order of Ecclesia ist schnell, spannend, motivierend, bombastisch, hart, groß, schön, pure Energie! Gerne wird behauptet Symphony of the Night sei das beste Castlevania. Nun, es ist ein absolut duftes Spiel mit einem coolen Helden und dem Pionierverdienst, die Serie in ihre heutige Form gebracht zu haben. Aber, Order of Ecclesia ist besser!!! Die enorme Vielseitigkeit und der Tiefgang, den das Spiel in Sachen Kämpfe, Leveldesign, Quests und Fähigkeiten bietet, ist einfach überwältigend, die Story gelungen (wenn auch nicht gerade brillant), die audiovisuelle Verpackung fantastisch, die Spielbarkeit perfekt, der Umfang gigantisch. Ich habe knapp 15 Stunden gebraucht, um Dracula endlich wegzufegen und dabei immer noch nicht alle Aufgaben erfüllt, alle Geheimnisse entdeckt, geschweige denn den ultraschweren Trainingsraum und die megaschwere Große Höhle durchforstet. Ein zweiter Durchgang mit einem anderen Charakter ist ebenfalls gewiss. Obendrauf kommt noch der obligatorische Boss-Rush-Modus und das Rennen gegen einen anderen Spieler. Das ist weit mehr, als viele Titel für die stationären Konsolen bieten. Den ein oder anderen wird der Schwierigkeitsgrad in die Knie zwingen, doch mich stört er nicht. Denn auch wenn ich zwischenzeitlich Mal aufgestöhnt habe, weil ich auch beim zehnten Anlauf wieder verreckt bin, so möchte ich doch nicht das wohlige Leck-mich!-Ich-bin-der-Größte!-Gefühl vermissen, wenn ich erschöpft zurücksinke, weil ich das Dämonenpack endlich fertiggemacht habe. Shanoa’s Feldzug gegen die Höllenbrut hat mich in jeder Sekunde mit schier ungläubiger Begeisterung erfüllt, wie schon lange kein Spiel mehr. Castlevania – Order of Ecclesia kratzt im Handheld-Bereich stark an der 10er-Wertung und ist der Titel, an dem sich fortan alle 2D-Actionspiele messen müssen. Kurz, ein Meisterwerk!
Bewertung
Castlevania: Order of Ecclesia ds
0/10
Kommentare (6)
Shoap
Schöner Test, Johannes.
raytsh
Auf jeden Fall empfehlenswert für alle DS Besitzer.
Saibot
Und das es schwer ist gefällt mir auch^^
Zed01
chiefrebelangel
Fluegelflitzer