Dienstag, 18. September 2007
Nach dem Schwert ist vor dem Schwert
An der grundlegenden Mechanik des Rundenstrategiespieles ändert auch dieses Add On nichts. Wie vor 15 Jahren beginnt man seine Jahrtausende dauernde Diktatur mit einem einzigen Siedler. Mit diesem wird die erste Stadt – zu Beginn eher ein Dorf – gegründet. Damit kommt eine neue Zivilisation auf dem technischen Stand der Jungsteinzeit auf den Plan, die vom Spieler zur führenden Nation ausgebaut werden soll. Das heißt zum einen neue Landstriche und damit Ressourcen durch Expansion sichern, zum anderen aber auch das technische Know How weiterentwickeln. Da man natürlich nicht das einzige Volk der Welt anführt und auch die anderen Zivilisationen lieber von Silber- als von Holzlöffeln speisen, entwickelt sich schnell ein Wettstreit um strategisch wichtige Standorte von Städten und um die teilweise spärlich auf der Karte verteilten Ressourcen. Dass es dabei nicht immer friedlich zugeht, versteht sich – auch ohne einen Blick in die Tagespresse der letzten Jahre - von selbst.
Auf eben jene kriegerischen Auseinandersetzungen legte die erste Erweiterung von Civ 4, ’Warlords’, den Schwerpunkt. Hier wurden ein halbes Dutzend neuer Nationen, inklusive Shaka Zulu, einige Anführer, sowie neue Gebäude und Weltwunder eingeführt. Die wohl wichtigste Neuerung waren wohl die Generäle, als zusätzliche ’Große Persönlichkeiten’. Diese kann man gewöhnlichen Militäreinheiten zur Seite stellen, wodurch sie stark an Macht gewinnen und damit zu einem sehr wichtigen Instrument der Kriegführung werden. So kann man einer Panzer-Battalion beispielsweise Hindenburg zuordnen, der dann im Kampf aus dem Hintergrund wild mit der Büchse ballernd die Motivation der Einheit maximiert.
Schwerter zu Pflugscharen
Wie bei jedem Add-On wird auch bei
Beyond the Sword das Repertoire an Weltwundern, Gebäuden, Einheiten und Nationen ausgebaut. Der Umfang ist dabei im Vergleich zu manchem Vorgänger zu begrüßen. So stoßen satte zehn neue Zivilisationen, wie die Indianer nebst Häuptling Sitting Bull, das Heilige Römische Reich oder die Holländer in den Civilization-Völkerbund dazu. Ein halbes Dutzend neuer Weltwunder, wie die Christo-Statue oder der Apostolische Palast, der ähnliche Wirkung, wie das United Nations Gebäude hat, können die Bauwut befriedigen. Die zusätzlichen Gebäude und Technologien werden intelligent ins Hauptspiel integriert und erweitern dies sinnvoll. Bei der Lokalisierung gibt es hier allerdings Abzüge in der B-Note. Denn die üblicherweise nett von Thomas Fritsch vertonten Promi-Zitate, wurden bei den neuen Technologien ignoriert und erklingen in Englisch.
Abgesehen von diesen Selbstverständlichkeiten haben auch echte Neurungen, die Einfluss auf den Spielverlauf haben, Einzug ins Spiel geschafft. Diese stehen ganz unter dem Motto,
die Feder ist mächtiger als das Schwert und zwar auch ohne, dass Chuck Norris den Stift führt. Zum einen gibt es nun kleinere zufällige Events, die den Spielverlauf auflockern. Diese können sowohl gute als auch schlechte Auswirkungen haben, oder dem Spieler zusätzliche Aufgaben, Nebenquests, stellen. So muss man beispielsweise acht Streitwagen herstellen, bevor ein Mitstreiter dies schafft, dann wird man mit der speziellen Einheit
Kriegsstreitwagen belohnt. Bei anderen Ereignissen kommt es zur Zerstörung von Gebäuden durch Wirbelstürme, oder Sklavenaufstände, sofern man die Staatsform Sklaverei gewählt hat. Ein positives Beispiel ist, dass in einem Theater ein Schauspieler ein solches Talent entwickelt, dass er zu einem
Großen Künstler wird, womit wir wieder bei Chuck Norris wären.
Neben den kleineren Events hat vor allem die Einführung der Spionage Einfluss auf das Spielgeschehen. Sobald man eine fremde Kultur entdeckt, kann man damit beginnen, diese auszuspionieren. Zu diesem Zweck gesellt sich neben die Ausgaben für die Forschung und Kultur ein dritter Regler, mit dem man die Investitionen in die Spionage festlegen kann. Je höher dieser gewählt ist, desto mehr Spionagepunkte sammeln sich an. Neben diesen direkten Investitionen, lassen sich die Punkte durch Gebäude, wie das neu hinzugekommene Geheimdienstbüro. Auch durch
Große Spione lässt sich das Punktekonto um einiges aufstocken. Die Spionagepunkte erfüllen sowohl einen passiven, als auch aktiven Zweck. Man kann sie prozentual auf die anderen Zivilisationen verteilen. Hat man bei einem Volk einen bestimmten Zähler erreicht, ist man in Zukunft beispielsweise in der Lage, die Demographie seiner Stadt zu beobachten oder ist immer im Bilde was dort gerade gebaut, bzw. erfunden wird. Auf der anderen Seite lassen sich in den eigenen Städten Spione ausbilden, die man in feindliche aber auch freundliche Ortschaften auf eine Mission schicken kann. Dieser kann dort beispielsweise für Unruhe sorgen, wodurch die Stadt sich schneller der eigenen Zivilisation anschließt, den Bau von Gebäuden sabotieren, was vor allem bei Weltwundern ein Heidenspaß ist, oder die Schatzkammer der Stadt leeren. All zu oft werden die Spione allerdings bei Ihren Aufträgen enttarnt und hingerichtet. Die bezahlten Punkte sind dann trotzdem weg. Nach mehreren Runden
Weltherrschaft an sich reißen erweist sich vor allem der passive Effekt der Spionage als nützlich. Zu oft werden dagegen die Spione entdeckt und zu gering sind die Auswirkungen. Warum sollte man überhaupt Spione in benachbarte Städte schicken und nicht lieber eine gut ausgebildete Staffel Schwertkämpfer? Man kann freundlich, wie feindlich gesinnte Nationen mit den Spionen herrlich ärgern und die Produktion kurzzeitig erliegen lassen, da den Spionen nicht anzusehen ist, welches ihr Ursprungsland ist. Man kann also an verschiedenen Stellen gleichzeitig und oft zustechen, ohne Gefahr zu laufen direkt in Verdacht als Urheber zu kommen. Ein Putsch, oder wirklich spielbeeinträchtigende Aktionen lassen sich aber nicht ausführen.
Das dritte neue Feature sind die Kapitalgesellschaften. Wem McDonaldisierung ein Begriff ist, der kann sich schon in etwa vorstellen, worum es dabei geht. Im Grunde verhalten sich diese Ketten, die man im späteren Spielverlauf gründen kann, wie Religionen. Einmal ein Hauptquartier errichtet, kann man Prediger, naja, besser Vorstandsvorsitzende aussenden, die die frohe Botschaft in anderen Städten vereiten, also dort ein Niederlassung Gründen. Die Gesellschaften heißen Sid´s Sushi Co, Standard Ethanol, Mining Inc. oder ähnliches und haben verschiedene Vorteile. So sorgt der Müsli-Hersteller für mehr Nahrung, wobei eine Bergwerk-Gesellschaft die Staatskassen füllt. Darüber hinausgehende Einflüsse, wie bei den Religionen, gibt es hingegen nicht.
Szenarien oder Spiele im Spiel
Neben diese In-Game-Erweiterungen bietet
Beyond the Sword eine ganze Reihe zusätzlicher Szenarien, die Firaxis teilweise selbst entwickelt hat, zur Hälfte aber auch auf die schöpferische Kraft der Modding-Szene zurückgreift. Da wäre beispielsweise „Charlemagne“, die sich ganz dem Werdegang Karls des Großen widmet und sich nach Civ-Regeln nachspielen lässt. Viel interessanter und ausdrücklicher Erwähnung wert, sind allerdings die beiden Szenarien bzw. Mods
Final Frontier und
AfterWorld:
Final Frontier
Beyond the Sword könnte für diese Mod in
Beyond the Space Shuttle umgetauft werden. Denn in diesem Szenario erobert man den Weltraum, dessen Sternensysteme und Asteroidengürtel. Im Grunde ist die Spielweise der des Hauptprogramms recht ähnlich. Man beginnt mit einem Heimat-Sternensystem und sendet Raumschiffe aus, die Galaxie zu erkunden. Trifft man auf bewohnerfreundliche Sternensysteme, kann man dort direkt einen Außenposten errichten. Auch wenn die Mechanik des Szenarios dem Mutterspiel sehr ähnlich ist, ist es dennoch sehr fordernd und erfrischend, einen komplett neuen Technologie-Baum kennen zu lernen und in den Weiten des Alls einzusetzen. Hier keimt eine nicht geringe Portion
Master of Orion-Flair auf.
AfterWorld
AfterWorld hat hingegen mit der ursprünglichen Spielmechanik im Prinzip nur noch das Rundenbasieren gemein. Denn bei dieser Mod handelt es sich im Grunde um ein Runden-Strategie-RPG, basierend auf der Kampfmechanik von Civ 4. Gespielt wird ein düsteres futuristisches Setting, in dem man die Kontrolle über fünf biomechanische Droiden hat, die sich in einem Gewölbe verschiedenen Aufgaben stellen. Ziel ist es also nicht, ein Gebiet zu besiedeln oder bestimmte Technologien zu erforschen, sondern die Figuren durch eine Geschichte inklusive Nebenquests zu steuern und dabei geschickt aufzuleveln. Leider wird der Spieler hier gerade am Anfang doch sehr allein gelassen, was die Möglichkeiten des Levelns und das Verstehen der Geschichte unnötig erschwert. Auch mangelt es dem Szenario ein wenig an Abwechslung. Einen Blick wert ist AfterWorld nichts desto trotz in jedem Fall.
Civilization 4 ist mit der zweiten Erweiterung
Beyond the Sword komplett: Insgesamt lässt sich die Welt mit 52 Herrschern aus unterschiedlichen 34 Nationen als Gottkönig unterjochen. Die Frage ist, in wie weit das Add On mich zurück an den Schreibtisch locken kann. Denn das Hauptprogramm ist immerhin vor zwei Jahren erschienen und rein grafisch hat sich - typischer Weise – nichts am Spiel getan. Die Inhaltlichen Erweiterungen sind dafür intelligent und gut ausbalanciert ins Spiel integriert. Spielentscheidende Features sind es allerdings nicht und nach einigen Runden stellt sich eine – sehr unterhaltsame – Routine ein. An den Schreibtisch locken kann mich
Beyond the Sword also schon, dort halten können mich aber vor allem die neuen Szenarien. Klar, eine Civ-Partie ohne Städtebau oder Tech-Tree, wie bei
AfterWorld ist nicht Jedermanns Sache, mir hat das düstere Szenario, das spielerisch ein wenig in Richtung
X-Com geht, aber gut gefallen. Die Szenarien liefern insgesamt eine schöne Mischung aus komplett neuen Inhalten und liebevoll inszenierten Kampagnen.
Bleibt abschließend die Frage, ob das Add On die dreißig Euro Wert ist, die man dafür ausgeben soll, vor allem, wenn man an die Fanseiten, wie
Civfanatics oder
Civilized denkt, wo man auch umsonst mit Szenarien versorgt werden kann. Als Civilization-Fan habe ich ohne zu zögern beim Release von
Beyond the Sword zugegriffen und bereue meine Entscheidung in keinster Weise. Wer Civilization bisher noch nicht sein Eigen nennt und nun überlegt, das Hauptprogramm zusammen mit den beiden Erweiterungen zu kaufen, sollte allerdings noch einen Monat Geduld haben, denn dann wird
Civilization 4 – Complete erscheinen, welches alle Civ 4 Auskopplungen in einem Paket vereint.
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