16.01.2007 11:48
Club Football
Auch wenn es oft Kritik an der Fifa Football-Reihe von Electronic Arts gibt, ist diese im deutschsprachigen Raum dennoch immer noch der klare Sieger, wenn es um nackte Verkaufszahlen geht. Und auch wenn gerade die Pro Evolution Soccer-Reihe auf der PlayStation 2 Electronic Arts sicher in manch einer Nacht zum Schwitzen ingt, sitzt man zur Zeit doch recht unbekümmert auf dem Fußballthron. Was jedoch passiert, wenn gleichzeitig ganze 17 Konkurrenzspiele auf den Markt drängen, von denen immerhin noch zehn auch im gutsortierten deutschen Handel zu erstehen sind? Nicht viel, denn auch wenn Codemasters Versuch, die Fußballwelt aufzurütteln, sicherlich lobenswert ist, hat man es insgesamt leider nicht geschafft, ein Spiel zu schaffen, das den eiten Massenmarkt anspricht.
Trotz aller im Vorfeld lautgewordenen Unkenrufe, ist Club Football dabei gar nicht einmal ein völlig uninteressanter Titel geworden, denn zumindest große Fans der 17 Vereine können eine Zeit lang sich darüber freuen, mit ihrer Mannschaft gemeinsam auf dem Platz aufzulaufen. Wer mit einem deutschen Verein die Meisterschale ergattern will, der sollte Fan von Bayern München, Borussia Dortmund oder dem Hamburger SV sein, für die eher international orientierten Kunden entschied sich Codemasters, in Deutschland auch die Versionen von Arsenal London, FC Liverpool, Manchester United, Real Madrid, AC Mailand und FC Milano auf den Markt zu ingen.
Die einzelnen Versionen unterscheiden sich spielerisch nicht. Zwar testeten wir die Version von FC Bayern München, konnten allerdings einen kurzen Blick auf einige andere Versionen werfen, die sich hauptsächlich im Aufgebot der Spieler, in den Fangesängen, in vereinsspezifischen Videoclips und einer Bildergalerie, in der Präsentation der Menüs, den Trikots, dem Trainer, dem Stadion etc. unterscheiden. Dabei muss man Codemasters wirklich attestieren, dass Fans der Vereine zahlreiche Wiedererkennungswerte haben, was letztendlich auch der wichtigste Kaufgrund für das Spiel ist.
Doch kann das Spiel auch bei Fußballspielern punkten, die sich nicht einem einzigen Verein verschrieben haben? Nur in eingeschränktem Rahmen, denn das eigentliche Spielprinzip ist eher interessant für einige Abende im Kreis von Freunden, bei denen es nicht allzu ernst zugeht, statt sich als Nicht-Fan wirklich längerfristig damit zu beschäftigen. So bitter es ist: Die Konkurrenz bietet einfach mehr. Die beiden wesentlichsten Spielmodi sind der Saisonmodus und die "Superliga". Im Saisonmodus darf man eine halbe oder ganze Saison mit dem Verein seiner Träume nachspielen und muss auch in den eingestreuten Pokalspielen antreten.
Wer bei dem Run auf die Meisterschale nicht von allen Spielern auf dem Feld überzeugt ist (obwohl er das als Käufer des Spiels natürlich sein sollte), der kann seinen eigenen Spieler kreiren und ihn auf den Platz schicken, natürlich stilecht im Trikot der Mannschaft. Die Einstellmöglichkeiten sind dabei recht vielfältig. Von der Ohrengröße über die Größe des Gesichts bis hin zu Hautfarbe, Augenfarbe und Frisur, Codemasters lässt dem Spieler den Freiraum, damit dessen Ebenbild letztendlich auch wirklich einigermaßen glaubhaft auf den Platz läuft. Trotz der zahlreichen Einstellungsmöglichkeiten, gibt es allerdings Spiele, bei denen Charakterzüge noch deutlicher dargestellt werden können.
Da man als Verantwortlicher der Mannschaft zwischen den Spielen natürlich immer dafür sorgen muss, dass die richtige Aufstellung auf dem Platz steht, die Formkurve der Spieler, die zum Einsatz kommen, auch wirklich oben und die Taktik auf den Gegner ausgerichtet ist, darf man sich zwischen den Spielen die wesentlichsten Statistiken jedes einzelnen Spielers anschauen, sich Ergebnisse, Tabelle und Torjägerstatistik zu Gemüte führen und bei Bedarf in der Aufstellung reagieren.
Wer sich nicht an einer Saison versuchen will, der kann auf den "Superliga"-Modus ausweichen, wo die wichtigsten Mannschaften Europas gegeneinander antreten. Nach den Gruppenspielen folgt dabei der KO-Modus, bevor am Ende vielleicht der Sieg im Finale steht. Hier muss man Codemasters wirklich loben, dass man einen guten Einblick in die Lizenzvielfalt des Spiels bekommt. Auch die Spieler der Gegner sind alle ihren Originalen nachempfunden, die Stadien wurden nach Bauzeichnungen nachgebaut und selbst die Fangesänge passen zur jeweiligen Arena.
Sowohl im Saison- als auch Superliga-Modus ist man in der Auswahl dabei an die Mannschaft seiner jeweiligen Spielversion gebunden und kann nicht mal eben auf einen anderen Verein wechseln. Dieses Privileg bleibt den eigenen Spielmodi vorbehalten, bei denen nach Herzenslust mit mehr oder weniger wichtigen Mannschaften Europas gespielt werden kann. Hier verstecken sich allerdings noch einmal ein Liga-, ein KO-Turnier- und ein Gruppenpokal-Modus, so dass man letztendlich doch ungebundener ist, als man anfangs glauben könnte. Da man allerdings die Mannschaften selber zusammenstellen muss, die an der jeweiligen Liga oder dem Turnier beteiligt sein sollen, kommt das Gefühl, dass man in der Liga eines anderen Landes spielt, nicht wirklich auf. Völlig eigene Bahn bekommt man dann noch einmal bei der Möglichkeit, seinen eigenen Kader zusammen zu stellen. Mit diesem Team kann man dann neben Freundschaftsspielen auch in den eigenen Turnieren antreten.
Das gesamte Spiel kann in neun verschiedenen Kameraperspektiven absolviert werden, wobei sich jeweils drei von ihnen nur durch ihre Entfernung zum Spielfeld zusammenfassen lassen. Die sinnvollste Perspektive ist dabei die Seitenlinienkamera, wer es etwas actionbetonter mag, kann auf eine Kameraeinstellung zurückgreifen, die bei Situationen im Strafraum das Torgeschehen mehr in den Mittelpunkt rückt. Die Kameras, die an den Torauslinien positioniert sind, liefern ein eher ungewöhnliches Bild, wenn man mit dem eigenen Spieler nach unten respektive oben spielen muss.
Während bei den Lizenzen der Ball rollt, ist beim Gameplay der Punkt gekommen, wo die Club Football-Reihe deutlich gegenüber der Konkurrenz verliert. Simulation wird klein geschrieben, Arcade-Fußball steht auf dem Programm. Während das nicht weiter schlimm wäre, so sind die oft fragwürdigen KI-Aktionen schon eher ein Grund, Minuspunkte aufs Konto von Club Football gutzuschreiben. Da kommen vor allem weite Pässe oft nicht an, weil der andere Spieler plötzlich unerwartet reagiert, Flanken und Ecken sind - trotz eigentlich guter Möglichkeit, die Bälle anzuschneiden - sehr schwer genau zu platzieren und das ganze endet in einer Art Dauer- Kick & Rush, was nach einigen Partien an der Langzeitmotivation zehrt.
Das wird dadurch unterstützt, dass die Spieler der eigenen Mannschaft bei einem Angriff quasi einfach nur nach vorne stürmen, ohne dass es so Finessen gibt, dass sich ein Spieler wirklich anbietet und auch die ihm gebotenen Räume ausnutzt. Egal welche Taktik man gerade hat, ist außerdem der weite Pass und der Konter das sinnvollste und etwas überzogen erfolgreiche Prinzip, seinen Gegner unter Druck zu setzen. Ein Spiel über mehrere Stationen ist zwar durchaus möglich, weil hier die KI des Gegners dem eigenen Mann oft den Raum lässt, aber warum sich mühen, wenn es auch mit dem weiten Kick nach vorne geht.
Lobenswert erscheint dafür in den meisten Fällen das Verhalten des Schiedsrichters, der in den meisten Situationen recht genau weiß, was er tut. So empfiehlt sich kein Reinrutschen von hinten, wenn der Ball weg ist und auch in den üigen Entscheidungen behält er bis auf wenige Ausnahmen die richtige Oberhand. Schade ist allerdings generell die Einschränkung der Möglichkeiten, die das Spiel bietet. Spektakuläre Tricks auf den Rasen zu zaubern, ist leider keine Stärke von Club Football.
Grafisch ist das Spiel sicher kein Totalreinfall, besondere Höhenflüge darf man allerdings nicht erwarten. Ganz klares Highlight sind die Gesichter der Protagonisten, wo man wirklich sehen kann, wer da gerade das Tor geschossen hat, ohne dass man aufs Trikot schauen muss. Gerade im Bereich der Animationen wirkt allerdings alles etwas eckig, so dass hier schon der Eindruck entsteht, dass man in diesem Punkt ein Spiel von vor zwei Jahren auf dem Bildschirm haben könnte. Besonders auffällig sind die Mängel bei den Animationen immer bei Richtungswechseln. Hier wird eine Situation dargestellt, bei der der Spieler zum Beispiel nach links läuft, kurz stehen bleibt, um dann nach rechts zu laufen. Eine "saubere Drehung" ist dabei leider nicht zu verzeichnen.
Die Stadien wurden relativ realistisch umgesetzt und bieten inklusive Bandenwerbung das, was man von einem Lizenzspiel erwarten darf. Selbst das Publikum ist grafisch akzeptabel, wenn nicht zu nah herangezoomt wird, aber weder Zuschauer noch Stadien hat man bei den vorhandenen Kameraeinstellungen lange im Blick (was gut ist, denn bei näherem Hinschauen, wirken die Zuschauer teilnahmslos und desinteressiert).
Akustisch gibt es dann ebenfalls etwas zu bemängeln. Anfangen muss man da mit einer Kritik an Paul Breitner und Marcel Reif, die das Spielgeschehen kommentieren. Es mag Geschmackssache sein, aber Paul Breiter wirkt derart teilnahmslos als müsse er als Fußballsachverständiger einen Mannschaftsauftritt im Synchronschwimmen ansagen und die Sprachsamples von Fußballkommentator Marcel Reif wirken nur gewollt emotionsgeladen, ohne dass es leider am Ende gelungen ist. Zudem passen seine Statements leider nicht immer zum Geschehen und kommen leicht verzögert aus den Lautsprechern. So hat man sich oft beispielsweise den Ball nach einem Verlust wieder erkämpft und hört noch die letzten Worte, die dem Spieler erst den Ballverlust ankreiden. Die Fangesänge der Vereine sind zwar im Spiel umgesetzt, wirken aber alle etwas kraftlos. Richtig Stimmung will im Stadion nicht aufkommen.
„Masse - leider nicht gleich Klasse“
(Eigene Meinung » Sebastian Philipp)
Club Football ist leider das geworden, was ich befürchtet habe. Ein mittelmäßiges Fußballspiel, dass in den entscheidenen Situationen den Elfmeter verschießt und nicht zum Schlusserfolg kommt. Denn wo auf der einen Seite wirklich beeindruckende Lizenzen gekauft und ein gehöriger organisatorischer Aufwand betrieben wurde, hat man auf der anderen Seite vergessen, dass auch Fans eines Vereins beim Gameplay zumindest annähernd das geboten haben wollen, was bei der Konkurrenz bereits selbstverständlich ist.
Leider kann man bei Club Football nicht behaupten, dass die Spiele sonderlich abwechslungsreich sind und auf dem Fußballfeld immer genau das passiert, was man erwartet und was man am Gamepad produziert hat. Die KI-Fehler sind dabei die größten Patzer, die das Spiel aus den hohen Wertungsregionen vertrieben haben. Auch die Grafik ist angesichts der Animationen leider nicht mehr up-to-date und das obwohl die Konkurrenz oft neue Versionen ohne deutliche grafische Verbesserungen zur Vorgängerversion auf den Markt ingt.
Trotzdem ist Club Football weit davon entfernt, dass alles schlecht daran ist, so gibt es trotz einiger Ausrutscher ganz klar ein Lob für die Gesichter der Spieler, für den Mut, ein Spiel in 17 Versionen auf den Markt zu ingen und für die Arbeit, die hinter der Umsetzung eines derart lizenzverliebten Spiels steckt. Leider reicht das allerdings nicht aus, diesen Titel Spielern zu empfehlen, die einfach nur ein gutes Fußballspiel suchen. Nur echte Fans der jeweiligen Vereine sind Zielgruppe von Club Football. Wenn es das war, was Codemasters wollte, dann ist es gelungen, wenn der Massenmarkt angesprochen werden sollte, dann ist man am Ziel vorbeigerutscht. Fans der Vereine können also auf die Wertung noch ein paar Prozent drauflegen, für alle anderen soll sie wie immer Orientierung beim Kauf sein.