16.01.2007 11:38
Commandos: Strike Force
Wir erinnern uns kurz: 1998 erscheint von der bis dato unbekannten, spanischen Spielschmiede Pyro Commandos: Hinter feindlichen Linien und schafft es nicht nur ein eigenes Genre loszutreten, sondern bescherte dem Publisher-Neuling Eidos hervorragende Abverkäufe. Kein Wunder, kombiniert der Taktiktitel doch fesselndes Gameplay, wunderschöne 2D-Grafik und eine packende Zweite Weltkriegs-Atmosphäre zu einem runden Gesamtwerk. Nur der teils bestialische Schwierigkeitsgrad sorgt für Kritik und schließlich auch für mangelnden Erfolg in den Staaten. Knapp acht Jahre und zwei offizielle Fortsetzungen später lieben es die Kunden nun auch jenseits der Staaten unkompliziert und entsprechend wechseln die Commandos das Genre. Statt taktisch durch weitreichende Karten zu schleichen, ballern wir uns nun aus der Ego-Sicht durch Frankreich und Norwegen.
Abgesehen von der Perspektive bleibt jedoch auf den ersten Blick zunächst alles beim Alten. Noch immer geht es im Verbund mit mehreren Elite-Soldaten der Allierten hinter den feindlichen Linien des Nazi-Deutschlands auf Sabotage-Tour. In den sehr abwechslungsreichen Missionen gilt es dabei, Fahrzeuge zu sprengen oder Verbündete zu befreien. Größter Pluspunkt von Strike Force ist dabei wie schon bei den Vorgängern das gelungene Missionsdesign, welches euch extrem viele Möglichkeiten bietet, eine Mission in Angriff zu nehmen. So führen stets mehrere Wege zum Ziel und dank der unterschiedlichen Fähigkeiten eurer Spielcharaktere habt ihr stets viel Handlungsfreiheit. Von dem dreckigen Dutzend der Vorgänger blieben im Strike Force jedoch nur noch drei Spielfiguren üig. Ihr schlüpft in die Haut des Scharfschützen William Hawkins, in die Tarnkleidung des Rambo-Verschnitts O´Brien, sowie als Spion Brown in allerlei deutsche Uniformen.
Jede Spielfigur kommt dabei mit seinen ganz persönlichen Waffen und Fähigkeiten daher. Als Scharfschütze könnt ihr so beispielsweise aus der Ferne Gegner ins Visier nehmen, dürft jedoch auch verstohlen schleichen. Dank Wurfmesser werden unachtsame Soldaten von hinten gemeuchelt. Ebenfalls unauffällig geht der Spion zu Wege. Dieser erledigt dank Klaviersaite Feinde nicht nur unbemerkt, sondern bedient sich zudem derer Kleidungsstücke, um sich fortan ansatzweise ungefährdet zwischen den Gegnern zu bewegen. Dabei gilt stets die wichtige Regel: Um von einem Widersacher nicht erkannt zu werden, müsst ihr mindestens eine Uniform seines Ranges tragen. Wer beispielsweise als einfacher Soldat getarnt vor einem Offizier vorbeispaziert, fliegt schneller auf, als „Kraut-salat“ sagen kann. Der Green Beret schließlich spielt sich noch am ehesten wie der Held eines typischen Shooters. Als kampferprobter Hüne steckt O`Brien deutlich mehr weg als seine beiden Kollegen und kann auch als einziger mit gleich zwei Maschinengewehren im Anschlag auf den Feind losgehen. Da viele Spielsituation die Fähigkeiten des jeweils anderen Commandos verlangt, könnt ihr die meiste Zeit auf Knopfdruck zwischen den Figuren wechseln. Figuren, die ihr nicht steuert, verteidigen sich selbstständig und eingeblendete Minifenster geben im Notfall durch, wenn einer eurer Kollegen verletzt wurde. Gerade wenn mehrere Commandos im Einsatz sind, gilt eine Mission zudem erst dann für verloren, wenn entweder ein Missionsziel scheitert oder alle Commandos vom Feind ausgeschaltet wurden. Angeschossene Kollegen lassen sich nämlich einfach via Medikit wieder ins Leben ingen.
Trotz dieser willkommenen Hilfestellung hat es der Schwierigkeitsgrad von Strike Force in sich. Wer nicht gerade den niedrigsten der drei Schwierigkeitsgrade wählt, kann im Endeffekt beim der ersten misslungenen Aktion neu laden. Ähnlich der PC-Vorgänger halten eure Elite-Kämpfer nämlich nur relativ wenig Treffer aus und können so in der direkten Konfrontation mit den Feinden kaum bestehen. Und dies obwohl sich die KI-Widersacher noch dämlicher verhalten als ihre Kollegen in Spaß-Shootern wie Serious Sam. Nicht selten erlebt ihr, wie feindliche Soldaten an euch vorbeilaufen, mehrere Sekunden stur gegen eine Wand rennen oder sich gemütlich warten, während ihr aus der Entfernung ihre Kollegen rechts und links abmurkst. Entsprechend entsteht die Schwierigkeit auch weniger aus dem schlauen Agieren der Feinde, als vielmehr durch ihre schiere Zahl und Durchschlagskraft. Wer dagegen den einfachsten Schwierigkeitsgrad wählt und nicht bewusst schleichen will, kann Commandos: Strike Force auch wie einen gewöhnlichen Zweite Weltkriegs-Shooter spielen und sich durch die Missionen ballern.
Dies macht dabei sogar teils mehr Spaß. Denn während man mit dem hohen Schwierigkeitsgrad dank der Option jederzeit zu speichern noch leben könnte, sorgen einige Ungereimtheiten im Gameplay schlichtweg für Frust beim Spielen. Hauptproblempunkt ist dabei die Übersicht. Zwar verfügt das Spiel über ein kleines Radar, wo die Position der nächsten Feinde angezeigt wird, jedoch hält sich die Aussagekraft dieser Karte stark in Grenzen. Zumal euch Feinde auch gerne sehen, obwohl sie laut Radar gar nicht in Sichtweite waren. Überhaupt ist die Sichtabfrage der Gegner ziemlich suspekt ausgefallen. Gegner erkennen euch schon aus der Ferne und verfügen gerne über den Röntgenblick, da sie euren geduckten Commando selbst hinter Kisten mühelos erspähen. Da ingt es dann auch nichts, dass ihr umständlich über Digi-Kreuz in eine Thirdperson-Sicht schalten könnt, um so beispielsweise ungesehen um die Ecke zu schielen. Lasst ihr nämlich die Taste wieder los, schaltet das Spiel sofort wieder in die Ich-Sicht und ein Bewegen aus der Verfolgersicht ist ebenfalls nicht möglich.
Grafisch blieb nur wenig von der Bombastoptik vergangener Episoden üig. Die Grafik ist zwar sicherlich nicht hässlich und punktet vor allem durch die abwechslungsreichen, sowie teils sehr detaillierten ausstaffierten Umgebungen, dafür sind die meisten Texturen extrem verwaschen ausgefallen und auch in Sachen Animationen hätte Pyro dringend nachbessern müssen. Die Figuren stocken teils von einer Animationsphase in die nächste. Ebenfalls negativ wirkt sich der fehlende 16:9-Modus aus, der heutzutage nun wahrlich nur Norm gehören sollte. Soundtechnisch sieht die Sache da schon besser aus. Der Soundtrack ist seriengewohnt pompös und zumindest die englische Sprachausgabe gelungen. Weniger begeistern können dagegen die deutschen Sprecher, die ihre Sätze meist recht lieblos zum Besten geben. Dies nervt dann gleich doppelt, wenn die eigene Spielfigur ein und denselben Kommentar knapp Zweidutzend Mal während eines Auftrags von sich gibt.
Ebenfalls unrund wirken die zahlreichen Zwischensequenzen. Die gut 13 Missionen sind zwar durch eine passable Rahmenhandlung verbunden, den meisten Zwischensequenzen fehlt es jedoch sichtlich an Feinschliff. So wirken die meisten Dialoge sehr aufgesetzt und einige Sequenzen lassen den Verdacht aufkommen, Strike Force wäre zwei bis drei Entwicklungswochen zu früh auf den Markt gekommen. Da geht der Held in einer Sequenz mit dem Kopf sprichwörtlich durch die Wand und während sonst das Geschehen recht ordentlich mit Musik versehen wurde, fehlt bei besonders theatralischen Sequenzen fast komplett die Akustik – seltsam!
Immerhin rettet der Mehrspieler-Modus noch einiges an Spielspaß. Reichhaltige Xbox Live-Einstellungen und diverse Online-Modi für bis zu acht Spieler sorgen dafür, dass ihr jenseits der Einzelspielerkampagne lang anhaltenden Spielspaß haben könnt. Dass hier ausnahmsweise nicht nur typische Mehrspieler-Kost wie Deathmatch geboten wird, sondern man bei Pyro auf Teamplay gesetzt hat, passt zum Commandos-Grundgedanken und ist mehr als willkommen.
„Von Oben herab!"
(Meinung » Sven Mittag)
Commandos und Ego-Perspektive? Geht dies überhaupt? Ausgehend von Strike Force muss ich die Frage leider verneinen. Wo ich bei den Vorgängern mal mehr, mal weniger taktisch im Mikado-Stil Soldaten ausgeschaltet habe, ertappe ich mich beim Ego-Schleicher nun immer wieder dabei wie ein zweiter Rambo durch die Levels zu ballern. Dabei sind die Abschnitte einmal mehr hervorragend ausgearbeitet und würden Schleichern allerlei Möglichkeiten bieten, stilvoll jedes Missionsziel zu erreichen.
Und woran liegt es nun? Vor allem an der mauen Umsetzung. Wenn schon 3D, dann bitte auch mit einer ordentlichen Steuerung, wo ich nicht erst extra am Pad umgreifen muss, um zu sehen, was sich hinter der Ecke verbirgt. Wo mir genau am Radar angezeigt wird, wie weit die Gegner sehen und was als Sichthindernis gilt. Dies gab es schon bei den deutlich übersichtlicheren 2D-Commandos - und dies zu Recht!
Die mal mehr, mal weniger gravierenden Technik- und Präsentation-Macken sorgen schließlich dafür, dass vom Glanz alter Tage nicht wirklich viel üig bleibt. Wer nicht gerade ein beinharter Commandos-Fan ist, sollte daher zur deutlich besseren Konkurrenz von Electronic Arts und Activision greifen.