16.01.2007 16:00
Crash Twinsanity
Was wäre Mario ohne Erzrivalen Bowser, Sonic ohne den ewig grinsenden Doktor Eggman und Beutelrattel Crash ohne seinen schon fast liebenswerten Widersacher Doktor Neo Cortex? Wo man sich im Nintendo- und SEGA-Lager jedoch auch weiterhin bekriegt, machen die beiden Erzfeinde im neusten Crash-Abenteuer, Crash: Twinsanity, gemeinsame Sache, um ihre geliebten Inseln vor einer möglichen Vernichtung zu bewahren.
Dabei geht zunächst noch alles seinen gewohnten Lauf. Doktor Cortex plant einmal mehr, sich der vertrottelten Beutelratte Crash zu entledigen, wobei dieser schon im ersten Level den verrückten Wissenschaftler in seine Schranken weist. Zu beider Übel taucht nur Jux in diesem Moment zwei wahnsinnige Flattervieher aus der zehnten Dimension auf, die nichts Besseres zu tun haben, als allerlei Chaos zu veranstalten. Da sich niemand von den Beiden die Show stellen lassen will, begraben beide Widersacher kurzzeitig ihr Kriegsbeil und gehen gemeinsam auf Hühnerjagd.
Die abstruse Geschichte von Crash: Twinsanity wird euch in unzähligen Render- und Ingame-Zwischensequenzen erzählt und punktet durch gelungene Situationskomik und witzigen Dialogen. Vor allem den hervorragenden Animationen ist es zu verdanken, dass Freunde der Roadrunner-Comics voll auf ihre Kosten kommen. Nichtanglisten können sich an dieser Stelle üigens freuen: Publisher Vivendi Interactive hat sich bei der Lokalisierung redlich Mühe gegeben und die meisten der Gags vortrefflich ins Deutsche übersetzt, sowie durchweg passende Sprecher für die Dialoge ausgesucht. Wer will, kann jedoch auch die englische Tonspur der multilingual-DVD nutzen.
So positiv der Inhalt der Zwischensequenzen hervorsticht, so negativ fallen andere Aspekte des Spiels auf. So sind die Cutscences vielleicht die ersten zwei bis drei Male witzig, nach dem fünften Ansehen treten jedoch ziemliche Ermüdungserscheinungen auf. Und solche Endloswiederholungen gehören aufgrund des teils unfairen Gameplays von Crash: Twinsanity und der Tatsache, dass ihr die meisten Zwischensequenzen nicht abechen könnt, zum Alltag eines jeden Beutelrattenfans.
Das Gameplay selbst setzt dabei auf bewährte Elemente der Serie und erweiterte diese durch etwas mehr Freiraum und dem neuen Teamaspekt mit Doktor Cortex, wobei beide Neuerungen eine eher untergeordnete Rolle spielen. So lauft ihr immer noch den Großteil euerer Zeit durch schlauchförmige 3D-Abschnitte und weicht Hindernissen aus, löst Sprungrätsel und attackiert Feinde mittels Kopfsprung oder Tazmanischer Wirbelattacke. Eingestreute 2D-Passagen, bei denen ihr das Geschehen von der Seite betrachtet, lockern das Gameplay auf.
Wobei ihr eigentlich nur hier von dem Hauptproblem des Titels verschont bleibt. Zwar könnt ihr euch mittels rechtem Analogstick umsehen, sobald ihr euch jedoch bewegt, schwenkt die Kamera in eine fixe Ausgangsposition zurück. Meist passt die feste Kameraposition auch, jedoch kommt es immer mal wieder vor, dass ihr aufgrund störrischen Kamera nicht mehr genau abschätzen könnt, wohin ihr springen müsst, was zu unzähligen Frustmomenten führt. Dies wäre alles noch zu verkraften, wenn nicht auch die Steuerung relativ ungenau ist und viele Sprünge endgültig zur Glücksache werden lässt. Nüchtern betrachtet mag Crash: Twinsanity zwar nicht schwer sein und bietet euch genügend Rücksetzpunkte innerhalb eines Abschnitts, wie auch Extra-Leben, dennoch sorgen die voraus genannten Umstände dafür, dass ihr viele Abschnitte häufiger spielen müsst, als euch lieb sein dürfte.
Damit während der knapp sechs Stunden Durchspielzeit dennoch für genug Abwechslung gesorgt ist, bietet auch Twinsanity die mittlerweile genretypischen Mini-Spielchen. Mal schießt ihr mit einer Kanone weit entfernte Ziele ab, ein anderes Mal gilt es in einem Super Monkey Ball-Verschnitt eine Bowling-Bahn hinunterzukugeln. Dazu gesellen sich gewohnt taktische Endgegnerkämpfe, sowie kleinere Abschnitte, in denen ihr im Team mit Doktor Cortex den Level bestreiten müsst. Dann heißt es entweder den schusseligen Wissenschaftler in bester Lemmings-Manier vor Gefahren beschützen oder ihn gleich ans Patschhändchen nehmen, um den Dickschädel als besseren Schlagersatz zu missauchen.
Technisch ist das Ganze dabei ordentlich umgesetzt, ohne wirklich Geauch von den Möglichkeiten der Xbox zu machen. Kenner des Vorgängers werden sich so unter anderem am fehlenden Fur-Shading stören, welches für den lebensechten Pelz der Beutelratte im Vorgänger gesorgt hat. Dafür überzeugen die Animationen auf ganzer Linie und auch Ladezeiten sind für Crash ein Fremdwort. Bis auf einige, wenige Ausnahmen erkundet ihr die Abschnitt für ohne störende Zwangskaffeepause. Der akustische Bereich gibt sich schließlich auch eher ernüchternd. Zwar punktet das Spiel mit hervorragenden, deutschen Sprechern und die Musikstücke, die größtenteils aus obskuren Gesangseinlagen bestehen, passen anfangs noch recht gut zum Szenario, jedoch zerrt das überdrehte Geplapper der Sänger schon nach wenigen Spielminuten gehörig an den Nerven und dürfte euch über kurz oder lang in den Wahnsinn treiben.
„Dann doch lieber die Roadrunner-DVD!"
(Meinung » Sven Mittag)
Wer nach einem spaßigen Jump`n`Run Ausschau hält, ist bei Crashs Teamgebalge an der falschen Adresse. Die quasi fixe Kamera sorgt für unzählige Frustmomente, die ungenaue Steuerung lässt Sprünge zum Glückspiel werden und das Missionsdesign – wenngleich sicher nicht schlecht – baut auf zu viele, bekannte Elemente, ohne große Neuerungen oder Überraschungen zu bieten.
Wenn dann auch die Technik nur im gehobenen Mittelmaß anzusiedeln ist, sieht es mit der Endwertung kritisch aus. Dass es doch noch zu einem "Geht so" gereicht hat, liegt an den gelungenen Zwischensequenzen, welche immer wieder für einen Lacher gut sind - zumindest beim ersten Mal. Unerklärlicherweise haben sich auch die Entwickler von Traveller`s Tale dazu verleiten lassen, den teils mehrmünitigen Sequenzen keine Abuchfunktion zu spendieren. Somit ist Crash: Twinsanity mehr guter Comic, als echtes Videospiel. Wer die Konkurrenz aus dem Hause Ubi Soft und Microsoft auswendig kennt, kann sicherlich einen Blick wagen. Der Rest macht einen Bogen, um den neusten Part der Endlosfehde zwischen Beutelratte Crash und Aushilfsfinsterling Cortex.