16.01.2007 13:16
Def Jam: Fight for NY
Während man in den 70er-Jahren primär auf frustrierte, sich dem seichten Drogenkonsum verschriebene Hippies traf, gab es in den 80er-Jahren die Wir haben null Bock-Punks mit zerfledderten Hosen. In den 90er-Jahren feierte dann der Techno seinen großen Triumphzug, fast völlig nackte Menschen tanzten auf den Straßen der gesamten Welt zu schnellen Electro-Beats. Seit einigen Jahren sind diese Trends jedoch allesamt Geschichte. Der Hip Hop befindet sich nach einigen erfolgreichen Zeiten in den letzten Jahren definitiv auf seinem Höhepunkt und achte, wie das nun einmal so bei beliebten Musik-Stilen ist, eine völlig neue Kultur in die Welt ein. Diesen Trend haben auch die findigen Trend-Scouts von Electronic Arts entdeckt und so achte man im vergangenen Jahr den Hip Hop-Wrestling-Mix Def Jam Vendetta auf den Markt. Dieses ganz nette Spiel war zwar sicherlich weit von der Perfektion entfernt, anscheinend jedoch Grund genug, einen Nachfolger ins Feld zu schicken. Def Jam Fight for NY liegt nun vor uns und hat sich völlig unerwartet zu einer der positivsten Überraschungen dieses Jahres gemausert.
War der erste Teil vom Kampfsystem her doch eher am Wrestling orientiert, zeigt sich Def Jam Vendetta weitaus offener und komplexer. Umso erstaunlicher, dass sich Entwickler AKI, unter Fans guter Wrestling-Titel so etwas wie eine gottgleiche Spieleschmiede, für Fight for NY verantwortlich zeichnet. So dürfte es für Entwickler mit einer derartigen Vergangenheit nicht leicht gewesen sein, sich vom üblichen Wrestling-Einheitsei zu lösen und ein Kampfspiel zu gestalten, dass in diesem Umfang einzigartig ist. Doch es ist ihnen geglückt und somit stellt Def Jam Fight for NY den wohl erfrischendsten Prügler seit einigen Jahren dar. Grund hierfür ist die äußerst gekonnte Verschmelzung vieler, altbekannter Spiel-Elemente dieses Genres, die in bereits erhältlichen Titeln aber nie zuvor in einer derartigen Mixtur vorzufinden waren.
Während wir auf das eigentliche Gameplay samt aller vorhandenen Kampfstile später eingehen, sollte vor allem der Umfang des Spiels an dieser Stelle erwähnt und zugleich gelobt werden. So gibt es insgesamt über 74 spielbare Charaktere, welche jedoch größtenteils freigeschaltet werden. Da der zweite Teil wie auch schon sein Vorgänger quasi das offizielle Spiel zum Plattenlabel Def Jam ist, sind natürlich viele Rap-Jungs mit von der Partie. Jedoch machen diese nur etwa die Hälfte der Kämpfer-Riege aus, der Rest entspringt also der Phantasie der Entwickler. Fans freuen sich hingegen auf allseits bekannte Stars der Szene. So sind zum Beispiel der dünne Riese Snoop Dogg oder aber auch die monotone Nervensäge Sean Paul mit von der Partie. Wo sonst hat man schon die Gelegenheit, einen ungeliebten Hip Hop-Star für seine bishere Schaffenskunst mit Schlägen zu bestrafen? Doch nicht nur Angehörige des Def Jam-Labels haben ihren Auftritt im Spiel. Für Anhänger der etwas größeren Oberweite gibt sich zum Beispiel Miss Carmen Electra herself die Ehre. Wenn das mal keine schönen Aussichten sind.
Der gewaltige Umfang des Spiels hört allerdings nicht bereits bei den Charakteren auf, sondern setzt sich auch bei Locations und Spielmodi fort. Insgesamt erwarten euch ca. 25 verschiedene Schauplätze, welche allesamt sehr liebevoll inszeniert wurden und zu keiner Zeit eintönig wirken. Auch an dieser Stelle sollte das Spiel also anderen Größen des Genres ab sofort als Vorbild dienen. Die hohe Anzahl an Kampf-Locations ist dann auch einer der großen Pluspunkte des Spiels, vor allem wenn man bedenkt, dass die Spielmechanik die Umgebung aktiv mit einbindet. Egal ob ihr euren Gegner nun mit dem Kopf gegen den nahe stehenden Billiard-Tisch knallt oder das Publikum euch wegen hässlicher Klamotten eine Flasche durch die Kauleiste zieht, Abwechslung wird hier ganz einfach groß geschrieben. Letztendlich macht dies auch den eigentlichen Spaßfaktor aus. Während man in anderen Beat'em Ups kaum Möglichkeiten hat, das Geschehen interaktiv zu gestalten, sieht die Sache bei Def Jam Fight for NY ganz anders aus. Habt ihr eine Weile gespielt, werdet ihr immer wieder aufs Neue erstaunt sein, welche Dinge ihr ins Spielgeschehen mit einbinden könnt.
Damit das Spiel nicht nur Gelegenheitszocker anspricht, sondern auch Fans ausgedehnter Karriere-Modi über längere Zeit bei der Stange halten kann, gibt es wie auch bereits im Vorgänger einen Story-Modus. Dieser ist, wie von EA nicht anders erwartet, absolut genial präsentiert und wartet mit netten Zwischensequenzen, nicht ganz jugendfreien Dialogen sowie witzigen Details auf. So prügelt ihr euch mit eurem eigens erstellten Kämpfer auf der Seite des Knast-Flüchtlings D-Mob Kampf für Kampf durch die Hip Hop-Unterwelt um dem Oberfiesling Crow in Form von Snoop Dogg den Garaus zu machen. Details zur Story werden an dieser Stelle nicht verraten, es ist jedoch erstaunlich, wie die Storywriter aus einer scheinbar dünnen Grundlage eine wirklich nette Geschichte gezaubert haben.
Euer Recke ist natürlich nicht von Anfang an eine gefürchtete Kante der Szene sondern eher ein motivierter Schwächling mit Milchbubi-Qualitäten. Nachdem ihr euch für ein Aussehen entschieden habt, liegt es an euch, euren Charakter mit Klamotten auszustatten. Wer jedoch rumläuft, als hätte die Oma ihm zum Geburtstag ein paar Sachen gestrickt, muss sich nicht über negative Konsequenzen während des nächsten Kampfes wundern. So kann es euch schon einmal passieren, dass ihr überhaupt nicht beim anwesenden Publikum ankommt und diese dann eurem Gegner liebevoll unter die Arme greifen. Wer also keine Lust hat, ständig die Masse gegen sich zu haben, sollte desöfteren einen Blick in die Geschäfte des Story-Modus werfen. Wesentlich wichtiger ist jedoch das Aufpowern eures Charakters. Gewinnt ihr einen Kampf, bekommt ihr ein paar Kröten in die Hand gedrückt, welche ihr natürlich liebend gerne wieder unter das Volk ingen würdet. Noch sinnvoller als ein Tattoo oder aber auch eine neue Hose die auf halb Acht hängt ist also die Kraft eures Kämpfers. Also rennt ihr, eine gefüllte Geldbörse vorrausgesetzt zum Spiel-internen Trainingsdojo und lasst euch gegen Bares die Kraft eurer Faustschläge oder die Geschwindigkeit eures Kämpfers aufwerten. Insgesamt gibt es 7 verschiedene Werte, welche es zu erweitern gilt. Darüber hinaus könnt ihr neue Moves kaufen sowie euren Kampfstil-Horizont erweitern. So könnt ihr beim Erstellen des Charakters lediglich einen der fünf angebotenen Kampfstile als primäres Steckenpferd auswählen, Künste anderer Kampfstile müssen später für viel Geld seperat erworben werden. Das die ganze ausgegebene Kohle sich jedoch auch wirklich gelohnt hat, werdet ihr schnell feststellen. Sämtliche Verbesserungen, die ihr an eurem Charakter vornehmt, wirken sich direkt auf das eigentliche Spiel aus.
Neben dem komplexen Story-Modus, welcher das Spiel durch seine Coolness ein wenig wie das Need for Speed Underground der Kampfspiele wirken lässt, habt ihr natürlich auch noch andere Möglichkeiten, die Fäuste schwingen zu lassen. Leider stehen euch Anfangs nur 3 verschiedene Modi zum Zock für Zwischendurch zur Verfügung. Alle anderen müssen durch hoffentlich zahlreiche Siege freigeschaltet werden. Habt ihr Zugriff auf alle gebotenen Modi, werdet ihr schnell feststellen, das auch an dieser Stelle Abwechslung groß geschrieben wird. Schön ist vor allem, dass alle dieser Modi auch mit Kumpels gespielt werden können. Wer mit bis zu 3 weiteren Freunden die teilweise wirklich kranken Moves austauscht bekommt spätestens zu diesem Zeitpunkt richtig Spaß mit dem Spiel. Problem bei diesen Multiplayer-Fights ist lediglich die ab und an störrische Kamera. Auf den Spielspaß wirkt sich dies aber letztendlich glücklicherweise nicht aus
Def Jam Fight for NY ist ohne Frage ein ziemlich geniales Spiel geworden. Noch genialer hätten wir es jedoch empfunden, wenn EA dem Game einen geradezu prädestinierten Online-Modus spendiert hätte. Doch leider bleibt auch dieser aktuelle Titel der Spieleschmiede Offline. Abseits dieses wirklich unnötigen Mankos gibt es eigentlich nur noch eine Sache zu meckern. So ist das Spiel zumindest Anfangs unnötig schwer. Wenn man selbst auf dem untersten der drei gebotenen Schwierigkeitsgrade Probleme hat, den Kontrahenten KO zu schlagen, ist dies sicherlich nicht im Sinne des Spielspaßes. Doch keine Panik, habt ihr euch mit dem Spielprinzip vertraut gemacht, werdet ihr relativ schnell Erfolge verbuchen können und eure Gegner schneller als ihnen lieb sein dürfte besiegen. Die durchschnittliche Zeit eines Kampfes ist im Üigen wesentlich höher angesetzt als bei einem normalen Beat'em Up. Dies liegt ganz einfach daran, dass die Gesundheitsanzeige der antretenden Kämpfer sich bei erfolgreichen Moves wieder langsam auffüllt. Zudem verfügen die Charaktere über eine gesonderte Leiste. Ist diese aufgefüllt, präsentiert euch eine kurze Zwischensequenz begleitet von einem Urschrei, dass euer Kämpfer sich nun im sogenannten Blazin-Zustand befindet. Haut ihr eurem Gegner nun die Birne weich, sind eure Schläge wesentlich effektiver. Zudem könnt ihr je nach dem, wie wenig Energie euer Gegenüber noch besitzt zu einem Finish-Move ansetzen. Dieser wird dann schön in Zeitlupe präsentiert.
Das umfangreiche Move-Reportoire sollte im Idealfall natürlich auch intuitiv einzusetzen sein. Glücklicherweise haben die Entwickler eine astreine Steuerung ausgekügelt. Neben einer Taste für schnelles Laufen, einem Faustschlag sowie einem Tritt könnt ihr auf Knopfdruck die Angriffe eures Gegners mehr oder weniger erfolgreich blocken oder diesen aber auch auf Druck der A-Taste durch die Gegend schleudern. Betätigt ihr bei einer dieser Angriffs-Aktionen zuvor den L-Trigger, sind eure Aktionen wesentlich härter. Der Nachteil hierbei ist jedoch, dass euer Recke nun nicht mehr ganz so schnell austeilen kann. Mit dem rechten Analog-Stick könnt ihr hingegen bei aufgefüllter Leiste den Blazin-Mode aktivieren ober aber auch bestimmte Moves ausführen, welche ihr zuvor einer jeweiligen Richtung des Sticks zugewiesen habt. Wenn man bedenkt, wie umfangreich die Möglichkeiten beim Gestalten der Kämpfe sind, ist es erstaunlich, wie übersichtlich man die Steuerung letztendlich auf dem Pad unteringen konnte.
Def Jam Fight for NY spart üigens auch nicht mit Blut. Habt ihr mal wieder ordentlich einen auf euer virtuelles Maul bekommen, seht ihr in Nahaufnahmen, wie der rote Lebenssaft im Gesicht eures Kämpfers verschmiert ist. Auch während eines Fights fliegt bei einem gut angesetzten Kick schon einmal das Blut durch die Gegend. Unnötig gewalttätig wirkt das Spiel jedoch zu keiner Zeit, auch wenn einige Moves vermuten lassen, dass die Entwickler über eine ziemlich kranke Phantasie verfügen.
Technisch war der Vorgänger Vendetta zwar sicherlich keine Enttäuschung, für heruntergeklappte Kiefer hat das Spiel bei den Käufern jedoch unter Garantie nicht gesorgt. Def Jam Fight for NY könnte gerade dies jedoch überraschenderweise schaffen. Optisch ist das Spiel eine absolute Granate. So sehen zum Beispiel alle Kämpfer sehr realistisch aus. Dies bezieht sich nicht nur auf den Wiedererkennungswert bezüglich der realen Vorbilder sondern auch auf den Detailgrad als solches. Der Polycount der Charaktere ist schlichtweg atemberaubend. Unter dem Strich spielt das neue Def Jam in der Referenzklasse der Prügel-Spiele und belegt hierbei sicherlich immer noch einen der oberen Plätze. Dieser positive Eindruck wird auch durch die sehr flüssigen Animationen der einzelnen Machos bestätigt. Butterweiche Bewegungen dieser Art konnten bisher nur wenige Beat'em Ups oder aber auch Wrestling-Games bieten. Doch nicht nur bei den Kämpfern haben die Entwickler ganze Arbeit geleistet, auch die liebevoll gestalteten Kampf-Schauplätze wirken sehr abwechslungsreich und begeistern mit einer Fülle an Details.
Gott sei Dank wirkt sich die wundervolle Grafik nicht auf den Speed des Spiels aus. Def Jam Fight for NY läuft durchweg flüssig und auch wenn die Recken ihre Fäuste im Rekordtempo gegen den Oberkörper des Gegners schlagen, gibt es keinerlei Geschwindigkeitseinbußen zu vermelden. Insgesamt gesehen ist der Titel somit einfach eine technische Meisterleistung. Verwunderlich nur, dass einem Spiel mit einer derart überzeugenden Optik zuvor derart wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde.
Wenn die Charaktere eines Spiels allesamt auf Hip Hop-Stars basieren, dürfte schnell klar sein, wo die Musik spielt. Demzufolge erwartet den Spieler bei Def Jam Fight for NY ein entsprechender Soundtrack, welcher aber zu unserer Freude unerwartet dezent im Hintergrund seinen Dienst verrichtet und natürlich auf Wunsch auch komplett ausgestellt werden kann. Da viele lizensierte Titel der im Spiel auftretenden Stars enthalten sind, ist es wohl mehr als verständlich, dass EA auf die Option eines Custom Soundtracks verzichtet hat. Unabhängig davon ob euch die Musik im Spiel nun zusagt oder nicht, ist die sonstige Vertonung des Spiels ebenfalls ordentlich. Die meisten der im Game kämpfenden Gesangsüder kommen mit ihrer Original-Stimme daher. Dies verleiht dem Titel etwas mehr Authenzität. Schade ist nur, dass deutsche Spieler ein wenig außen vor bleiben. Alle Zwischensequenzen so wie auch die Menüs sind in Englisch gehalten, auch Untertitel gibt es nicht. Zwar ist verständlich, dass auf Grund des Slangs einiger Charaktere auf deutsche Sprachausgabe verzichtet wurde, für so manchen Zocker wäre es jedoch wünschenswert gewesen, eine entsprechende Übersetzung in Form von Untertiteln als Alternative anzubieten. Auf der Verpackung des Spiels werden üigens deutschsprachige Bildschirmtexte angepriesen, letztendlich ist aber nur das Handbuch auf Deutsch.
„ Überraschend anders“
(Meinung » René Held)
Oftmals fragt man sich, was ein Videospiel wirklich interessant macht. Eine befriedigende Antwort auf diese Frage dürfte schlichtweg unmöglich sein, der zweite Teil der noch relativ frischen Def Jam-Serie schafft es aber zumindest, einen dem Spiele-Genre völlig abgeneigten Redakteur vollends zu begeistern. Ob das Spiel nun für jedermann interessant ist, sei dahin gestellt, mir persönlich hat jedoch schon lange kein Titel mehr derartig überraschend gut gefallen. Theoretisch gesehen haben die genre-erprobten Entwickler von AKI alles richtig gemacht: Der Story-Modus ist absolut motivierend, oftmals hängt man stundenlang vor der Flimmerkiste und hört nicht auf, bis der nächste Gegner Geschichte ist. Das coole Hip Hop-Setting wirkt überzeugend und relativ realistisch. Wirklich schön dabei ist jedoch, dass die Pseudo-Coolness dieses modernen Lebensstils nie nervig wirkt.
Wollte man alle positiven Aspekte des Spiels hier detailliert auflisten, würde dies wohl den Rahmen dieses Reviews sprengen. Def Jam Fight for NY ist meiner Meinung nach einer der interessantesten Titel dieses Jahres geworden. Die Spielbarkeit ist hervorragend und das obwohl doch sehr viele Details im Kampfsystem des Titels verborgen liegen. Der Spagat zwischen Beat'em Up und klassischem Wrestling ist den Entwicklern so gut gelungen wie es in noch keinem anderen Spiel zuvor der Fall war. Schön auch, dass bei all dem Spielspaß die Technik stimmt. Richtig ärgerlich ist eigentlich nur, dass man nur Offline die virtuelle Kauleiste eines Freundes zerstören darf, denn auch dieses Spiel von EA bietet keinen Xbox Live-Modus an.