Der Herr der Ringe: Die Eroberung
15:59 Uhr - Einer meiner favorisierten Momente in Peter Jacksons Verfilmung der „Der Herr der Ringe“-Trilogie ist die Ankunft der Reiter von Rohan auf dem Pelennor-Schlachtfeld bei Minas Tirith. König Theodens flammende Rede im Angesicht einer Übermacht Mordors ließ mich stets denken: „Wäre es nicht toll, die gigantische Schlacht in virtueller Form nachzuspielen?“ Dank Pandemic wird dieser Wunsch nun wahr. Oder etwa nicht?
Aus-Schlacht-ung
„Der Herr der Ringe: Die Eroberung“ spielt sich so, als hätte man die Imperiums- und Rebellen-Truppen aus den „Battlefront“-Spielen, die ja ebenfalls auf das Konto der kalifornischen Entwickler gehen, nach Mittelerde verfrachtet. So tauscht ihr Blaster gegen Bogen und Hoth gegen Helms Klamm. Auch die Missionsziele unterscheiden sich im Prinzip nicht von denen des Star-Wars-Kollegen. Meist muss eine strategisch wichtige Position entweder erobert oder verteidigt werden. In beiden Fällen schnetzelt man sich dabei durch eine Schar austauschbarer Handlanger mit eigener Hackordnung und malträtiert die Knöpfe des Controllers, um verschiedene Kombos vom Stapel zu lassen. Eine große Variation oder gar Taktik solltet ihr dabei nicht erwarten. Im Grunde bleibt euch nichts mehr übrig, als nach allem zu schlagen, was hässlich aussieht, und zu hoffen, dass ihr am Ende noch steht. Sollte dies nicht der Fall sein, darf man ein paar Mal an einem der eingenommenen Checkpoints respawnen, bevor das Szenario von vorne begonnen werden muss.
Für einen Hauch Abwechslung sorgen zumindest die vier wähl- und tauschbaren Charakterklassen. Ein Krieger vertraut natürlich seinem treuen Schwert und teilt ordentlich aus, während Magier traditionell etwas hagerer daherkommen und sich die Sauron-Bande mit Zaubersprüchen vom Leib halten. Abgerundet wird das Orkfutter-Ensemble mit einem Bogenschützen und dem Scout, der auf Knopfdruck unsichtbar wird und sich für effektive Stealth-Kills anbietet. Wer seinen Waffen genügend Gebrauchsspuren hinzufügt, lässt eine Energieleiste wachsen, mit der sich je nach Klasse diverse Spezialangriffe, die im Endeffekt das einzig effektive Mittel gegen die Ausgeburten Mordors darstellen, anwenden lassen. Noch besser ist es allerdings, an vorgegebenen Momenten in die Haut von einem der legendären Helden zu schlüpfen und als Gandalf, Baumbart oder Aragorn den gegnerischen Bodycount in die Höhe zu treiben. Im Gegenzug schickt aber auch der Feind mitunter seine Elite ins Rennen. Leider unterscheiden sich die Kämpfe gegen den Balrog, Saruman oder Schlangenzunge kaum vom restlichen Schlachtenbrei. Was als aufregend inszenierte und herausfordernde Duelle hätte enden können, entpuppt sich als liebloses Buttonmashing, das sowohl Protagonisten als auch Antagonisten des großen Fantasy-Epos' nie mit dem Respekt behandelt, den sie eigentlich verdient hätten.
Auch die eigentlichen Schlachten verdienen diesen Namen kaum. Selten befinden sich mehr als 15 Polygonkämpfer in unmittelbarer Nähe. Guckt man sich zum Vergleich die Filme an, wirkt das Spiel dagegen wie eine Hinterhofs-Rauferei. Die Kamera ist allerdings schon mit dem Gebotenen derart überfordert, dass man sich gar nicht ausmalen will, was passiert wäre, wenn die Vorlage authentischer umgesetzt worden wäre. Meist ist das virtuelle Auge damit beschäftigt, euch die Vorzüge der Wandtexturen (welche Vorzüge?) zu zeigen oder euren digitalen Stellvertreter dermaßen in der Masse untergehen zu lassen, dass ihr ihn oft nur durch Zufall wiederfindet. Ein paar Glitches und Charaktermodelle wie aus dem Reagenzglas verhärten den Verdacht, dass man „Die Eroberung“ bei Pandemic nicht gerade als Herzensangelegenheit betrachtete. Habt ihr euch trotz alledem durch den Ringkrieg gekämpft, schaltet ihr eine alternative Kampagne frei, in der ihr die Macht des Kleinods entfesselt und für den dunklen Lord die Welt unterjocht. Wer also dem idyllisch-einfältigen Auenland schon immer mal den Krieg erklären wollte, darf hier ungeniert fies sein. Ist auch das erledigt, bleiben immer noch Koop- und Online-Modi. Entscheidet euch zwischen Gut und Böse und lasst im Deathmatch die Waffen sprechen, sichert euren „Schatz“ im Capture the Ring und besetzt in „Eroberung“die gegnerischen Basen. Auch hier war man offenbar sehr darum bemüht, den Spieler bloß nicht mit Innovationen zu überfordern.
Hin und wieder steht an solcher Stelle ja so etwas wie: „Das Spiel ist zwar nicht gut, Fans können aber trotzdem einen Blick riskieren“. Das stimmt in diesem Fall nur bedingt, denn „Die Eroberung“ wird weder den Büchern, noch der Verfilmung in irgendeiner Weise gerecht, so dass gerade Fans des Tolkien-Universums (wie ich) enttäuscht sein werden. Aus epischen Schlachten werden beiläufige Scharmützel, aus der beeindruckenden Cinematografie von Andrew Lesnie eine Technik von gestern mit einer miserablen virtuellen Kamera, die mit Vorliebe Säulen und Wände, aber selten das Alter Ego ins rechte Licht rückt. Nur wer Erwartungen und Anspruch stark zurückfahren kann, wird an dem unübersichtlichen Hack & Slay zumindest kurzfristig Gefallen finden. Bei Pandemic muss man sich gedacht haben: „Hey, wir brauchen da noch irgendein Spiel aus dem Herr-der-Ringe-Franchise. Wie wäre es, wenn wir unseren Battlefront-Modellen einfach Kettenhemden überziehen, schnell ein paar Schauplätze zusammenschustern und Sequenzen aus den Filmen dazwischen klatschen? Das kommt bestimmt suuuper an!“ Nö!
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Kommentare (2)
Scrub
Nautum
Echt schade! Sehr...