19.01.2007 10:18
Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs
"Mein Werk ist mir aus den Händen geraten, und ich habe ein Monstrum erzeugt: Eine ungemein lange, komplizierte, ziemlich bittere und ziemlich schreckliche Erzählung, ganz ungeeignet für Kinder, wenn überhaupt für irgendwen..." - J.R.R. Tolkien
Seit zwei Jahren icht in den Kinos jedes Jahr pünktlich zur Vorweihnachtszeit das Herr der Ringe-Fieber aus. Denn dann schickt der neuseeländische Regisseur Peter Jackson sein jeweils neuestes Werk aus der gleichnamigen Fantasy-Saga des 1973 verstorbenen Schriftstellers und Oxford-Professors John R.R. Tolkien in die Lichtspielhäuser. Nach dem Videospiel-Erstling Die Zwei Türme, in dem die ersten beiden Filme verarbeitet wurden und der im letzten Frühjahr mit leichter Verspätung auch für die Xbox erschien, hat Branchenführer Electronic Arts nun schon rechtzeitig zum Erscheinen des dritten und letzten Teils der Trilogie dessen Nachfolger fertiggestellt. Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs versucht allerdings nicht das Rad neu zu erfinden, sondern orientiert sich stark am Vorgängertitel, was an sich gar nichts Negatives ist, überzeugte dieser doch im AXB-Test dank hervorragender Präsentation und kurzweiligem Hack & Slay-Gameplay. Abzüge in der B-Note gab es jedoch für den fehlenden Koop-Modus, die sehr kurze Spieldauer und fehlenden spielerischen Tiefgang.
Überraschte der EA-Erstling noch durch einen fließenden Übergang von Filmszene zu Gameplay gleich nachdem man das Spiel gestartet hatte, sind Kenner diesmal schon vorbereitet und halten den Controller griffbereit, statt sich gemütlich zurückzulehnen. Dennoch ist diese technische Raffinesse nach wie vor beeindruckend und findet auch im späteren Verlauf noch oft Verwendung. Wie der Titel schon nahelegt, basiert die Handlung von Rückkehr des Königs auf dem dritten Kinofilm der Trilogie: Ringträger Frodo und sein treuester Hobbit-Gefährte Samweis Gamdschie, sind von den anderen Gefährten getrennt und machen sich in Begleitung von Gollum nach Mordor auf, um den Ring im Schlund des Schicksalsbergs zu vernichten. Gandalf sowie Aragorn, Legolas und Gimli kämpfen an jeweils unterschiedlichen Schauplätzen gegen Saurons Armeen um die Freiheit von Mittelerde. Auch im Spiel gibt es drei voneinander getrennte Handlungspfade, auf denen ihr mit jeweils verschiedenen Charakteren spielt. Zu Anfang stehen Gandalf, Sam und Aragorn zur Auswahl. Später dürfen auch Frodo, Legolas, Gimli und drei geheime Bonuskämpfer ins Geschehen eingreifen, so dass die Anzahl der spielbaren Charaktere im Vergleich zum Vorgängertitel von vier auf stattliche neun angestiegen ist.
Kenner des Vorgängers fühlen sich gleich wie zu Hause, ist doch die Steuerung weitestgehend von selbigem übernommen worden. Mit wahlweise leichtem oder schwerem Hieb sowie Parade metzelt man sich durch Horden von Orks, Trollen und Uruk-Hais. Mit Zaubersprüchen (Gandalf), Pfeilen (Legolas, Aragorn) und anderen Wurfgeschossen entledigt man sich seiner Gegner auch aus größeren Entfernungen. Als Neuerung hinzugekommen sind stationäre Waffen wie Speere oder Katapulte: Steht man mit seiner Spielfigur in einer der kreisförmigen Markierungen, die eine solche Angriffsmöglichkeit anzeigen, kann man per Tastendruck einen Speer aufnehmen und im Idealfall einen Schergen Mordors niederstrecken bzw. mit einem Katapult gar eine ganze Gegnermeute auslöschen. Neben Angriffen bieten sich aber auch manch andere Interaktionsmöglichkeiten mit der Umgebung, so schwingt sich Gandalf beispielsweise in einem Level mittels eines Seils behende an einer Wehrmauer herab, deren Laufweg durch herabgestürztes Mauerwerk versperrt ist. Zwar hat EA mit diesen Neuerungen nicht gerade das Rad neu erfunden, aber sie erfüllen dennoch ihren Zweck, das auf Dauer doch etwas stupide Gemetzel ein wenig aufzulockern.
Nach der Schlacht ist vor der Schlacht könnte frei nach Sepp Herberger der Leitspruch aller freien Völker Mittelerdes lauten: Für jeden bezwungenen Gegner erhält man vom Spiel eine Bewertung, die umso besser ausfällt, je schneller und unkomplizierter man den Mordor-Abschaum zu Hackfleisch verarbeitet hat. Nach erfolgreichem Abschluss eines Levels gilt es wie schon im Vorgänger die Kämpfer mit neuen Fähigkeiten auszustatten: Im Shop tauscht man die gesammelten Bewertungspunkte gegen neue Angriffs-Kombos, Zaubersprüche und verbesserte Kampfkraft ein. Neuerungen gibt es auch hier: Die erhältlichen Gegenstände sind zwar wie beim Vorgänger jeweils einem Erfahrungslevel eures Kämpfers zugeordnet, doch im Gegensatz zum Prequel kann man nun auch wenn beispielsweise Gandalf schon den Erfahrungslevel vier erreicht hat, noch Gegenstände erwerben, die dem Level drei zugeordnet sind. Da unter den einzelnen Upgrades bisweilen auch Abhängigkeiten auftreten (man kann ein bestimmtes Upgrade nur dann kaufen, wenn man vorher schon ein bestimmtes anderes Upgrade erworben hat), ist dies eine lobenswerte Verbesserung. Neu hinzugekommen ist ebenfalls die Möglichkeit, Shop-Items nicht nur für einen einzelnen Kämpfer, sondern gleich für alle zusammen zu kaufen. Für Profi-Zocker, die dank mehrheitlichen Perfekt-Ratings in Bewertungspunkten schwimmen, eine lohnenswerte Alternative; Anfänger fahren allerdings besser die "Geiz-ist-geil"-Schiene und perfektionieren die Skills jedes Kämpfers einzeln im weiteren Verlauf des Spiels.
Die Abwesenheit eines kooperativen Mehrspielermodus sorgte bei Die Zwei Türme noch für Stirnrunzeln, gehört dieser doch schon seit der Gauntlet-Reihe zum Standard-Repertoire des Genres. EA erhörte glücklicherweise die Kritiker, so dass man sich ab sofort auch zu zweit durch Mittelerde schnetzeln darf. Der dritte und vierte Controller-Port der Xbox bleiben jedoch so leer wie die Grassteppen Rohans. Ein Schelm, wer dafür EAs Vorliebe für eine gewisse mit nur zwei Joypad-Buchsen ausgestattete Konsole verantwortlich macht. Dennoch steigt abgesehen von gelegentlichen Kameraproblemen erwartungsgemäß der Spielspaß, wenn man zusammen mit einem Mitstreiter in die Schlacht zieht.
Leider gibt es aber bei allen Verbesserungen und Neuerungen auch einige weniger lobenswerte Aspekte des neuen Herr der Ringe-Titels, die dem Spieler einiges an Frustrationstoleranz abverlangen. Oft wird die Sicht auf die eigene Spielfigur sekundenlang durch Rauch oder andere Dinge versperrt, so dass man den Gegnern hilflos ausgeliefert ist. Eine Sequenz in der man aus einer einstürzenden Höhle flüchten muss, dürfte für besonders viel Haareraufen sorgen: Diese Passage muss man geradezu auswendig lernen, denn wird man von einem Felsen getroffen, bedeutet das den sofortigen Tod. Hat man es dann endlich geschafft, folgt eine Horde von besonders starken Gegnern (erkennbar an der Gesundheitsanzeige über dem Kopf), die einem dann mit großer Wahrscheinlichkeit den Rest geben. Frust pur, denn die sonst in regelmäßigen Abständen verteilten Rücksetzpunkte wurden hier von den Entwicklern freundlicherweise weggelassen. Fast ebenso nervig ist ein anderes Level in dem man die Mauern der Stadt Minas Tirith verteidigen muss. Unter Zeitdruck muss man sich in einem völlig verwinkelten Level zurechtfinden, dass gleichzeitig auch noch von Gegnerhorden überrannt wird. Gutes Leveldesign ist etwas anderes. Bis auf diese vereinzelten unfairen Stellen, ist der Schwierigkeitsgrad von Die Rückkehr des Königs jedoch eher moderat ausgefallen und ist zudem noch in drei Stufen einstellbar, was jedoch nichts daran ändert, dass die meisten Spieler auch auf dem leichtesten Schwierigkeitsgrad an den oben angesprochenen Stellen zunächst gnadenlos scheitern werden.
Wesentlich besser gelungen ist da schon die Grafik des Spiels, welche die Welt von Mittelerde überzeugend zum Leben erweckt. Dafür verantwortlich sind unter anderem die dank Motion-Capturing erstklassigen Animationen sowohl der eigenen Spielfiguren als auch der Gegner. Letztere tauchen zuweilen in derart riesiger Anzahl auf dem Bildschirm auf, dass es mitunter schwer wird, noch den Überblick zu behalten. Auch die Explosionen und Partikeleffekte können sich sehen lassen und würden auch jedem Pyrotechniker zur Ehre gereichen. Neben den Multiplattform-bedingt nur mittelmäßigen Texturen bleibt als Wermutstropfen nur die Tatsache, dass im Gegensatz zum Vorgängertitel die Framerate mitunter in den Keller geht, was zu gelegentlichen Rucklern oder Slowdowns führt. Glücklicherweise hat dies jedoch kaum negativen Einfluss auf die Spielbarkeit.
Bombastisch kommt der Sound des Spiels daher, welchen EA von der Firma THX mit ihrem gleichnamigen Gütesiegel zertifizieren ließ. Schon in der auch optisch gelungenen Menüführung ertappt man sich dabei, wiederholt die einzelnen Punkte abzuschreiten, nur um den dafür verwendeten Soundeffekt zu hören. Die aus dem Film entnommenen Zwischensequenzen überzeugen dann auch erwartungsgemäß mit einer fantastischen Surround-Abmischung. Leider bleibt der Center-Lautsprecher jedoch stumm, was aber nur in den seltenen Dialogsequenzen stört. Im eigentlichen Spiel ist dann allerdings von Surround-Effekten weniger zu hören, was wohl auch durch die Perspektive bedingt ist, aus der man das Geschehen verfolgt. Soundeffekte und Musikuntermalung lassen ebenso wie die Sprachausgabe, welche von den Original-Schauspielern bzw. Synchronsprechern gesprochen wird, kaum etwas zu wünschen üig.
Das Entwicklerteam Factor 5 ist wohl hauptsächlich Besitzern von Nintendo-Konsolen dank ihrer technisch hervorragenden Ballerspiele aus dem Star Wars-Universum bekannt. Allerdings haben die (Exil-)Kalifornier nebenher auch den DivX-Videocodec für sämtliche Spielekonsolen entwickelt. Die Rückkehr des Königs ist nun eines der ersten Xbox-Spiele, welches reichlich Videos in diesem platzsparenden Mpeg4-Format mitingt. Allen, die das Ende der Herr der Ringe-Trilogie noch nicht kennen, sei daher nahegelegt sich vor dem Spielen zunächst den Kinofilm anzuschauen, falls sie dessen Handlung nicht gespoilert bekommen wollen. Die Bildqualität der Filmsequenzen kommt zwar der einer DVD sehr nah, leider scheint aber bei der PAL-Konvertierung der Videos irgendetwas schiefgegangen zu sein, so dass diese von kurzen regelmäßig auftretenden Rucklern durchzogen sind. Dennoch hat sich EA ein großes Lob für die hervorragende Präsentation des Spiels verdient. So dürfen sich Herr der Ringe-Fans neben den Filmsequenzen unter anderem auf freischaltbare Goodies wie Interviews mit den Schauspielern, Making Ofs, Storyboards und Artworks freuen.
Schon in der Einleitung dieses Reviews wurde der Vorgänger Die Zwei Türme kurz beschrieben: Wer auf den Multiplayer-Modus von Die Rückkehr des Königs verzichten und das Spiel günstig erstehen kann, sollte hier zugreifen, da die sonstigen Verbesserungen beim Nachfolger eher marginal ausgefallen sind. Für die ganz harten Herr der Ringe-Fans sei auch noch Die Gefährten erwähnt, welches mit seinem kruden Mix aus Action und Adventure-Elementen auf dem ersten der drei HDR-Bände basiert und nicht auf den Kinofilmen. Wer wirklich alle Herr der Ringe-Spiele haben muss, greift zu, alle anderen eher nicht. Dass Schicksal des ursprünglich geplanten Nachfolgers Isengards Verrat - es wurde aufgrund mangelnder Qualität gecancelt - hätte durchaus auch dem ersten HDR-Spiel aus dem Hause Vivendi widerfahren können.
Ebenfalls aus der Fantasy-Ecke entstammt Baldurs Gate: Dark Alliance, welches im Gegensatz zum Namensvetter auf dem PC ein waschechtes Hack & Slay darstellt und Rollenspiel-Elemente ebenso wie die beiden HDR-Titel von EA nur am Rande mitingt. Das Spielprinzip ist in wenigen Minuten erlernt, und man begibt sich motiviert auf ein Monster-Schlachtfest mit auch nach fast zwei Jahren seit dem PS2-Debüt noch herausragender Optik. Wer Elben, Zauberer, Zwerge, Hobbits und sonstige Fantasy-Gestalten schon nicht mehr sehen kann, wird vielleicht eher mit Hunter: The Reckoning glücklich. Hier darf nach Herzenslust mit Kettensäge und Schrotflinte auf Zombiejagd gegangen werden, dass Bruce Campbell seine helle Freude gehabt hätte. Besonders der Multiplayer-Modus von Hunter, welcher als einziger der hier genannten Titel auch zu viert spielbar ist, konnte in unserem Test überzeugen.
„Beeindruckendes Schlachtenspektakel mit Detailschwächen“
(Eigene Meinung » Wolfgang Ophagen)
Fast könnte man glauben, die Entwickler von EA hätten mein letztjähriges Review von Die Zwei Türme gelesen, so emsig wurden fast alle darin angesprochenen Kritikpunkte beseitigt. Der Nachfolger bekam den geforderten kooperativen Multiplayer-Modus spendiert, beim Aufleveln muss man sich keine Sorgen mehr machen, man könnte ein wichtiges Upgrade verpasst haben und endlich kann man auch mit Gandalf, Frodo und Sam in den Kampf um die Freiheit von Mittelerde ziehen. Dass am schlichten aber dennoch spaßigen Hack & Slay-Gameplay kaum etwas verändert wurde, war angesichts des kommerziell sehr erfolgreichen Vorgängers kaum anders zu erwarten.
Im Detail hat sich jedoch das ein oder andere Teufelchen eingeschlichen, denn z.B. die ohnehin schon gute Grafik des Vorgängers wurde zwar nochmals verbessert, wird aber durch regelmäßig auftretende Ruckeleinlagen erkauft. Der knackige Schwierigkeitsgrad des Vorgängers wurde etwas entschärft, gleichzeitig aber auch einige extrem frustrierende Passagen eingebaut, gegen die die Blutgrätsche von Jens Jeremies wie eine Ausgeburt an Fairness wirkt. Und während unsere Freunde jenseits des Atlantiks zumindest auf der PS2 auch zu zweit via Internet Sauron das Leben schwer machen dürfen, schaut man hierzulande plattformübergreifend in die Online-Röhre.
Doch alle Kritikpunkte scheinen wie weggewischt, wenn man mit Gandalf die Orks und Trolle gleich dutzendweise ins Jenseits befördert, während der Fernsehschirm vom Effektgewitter der Explosionen erhellt wird und der Bombast-Sound das Wohnzimmer wackeln lässt. Unter dem Strich hat EA mit Die Rückkehr des Königs einen mehr als soliden Nachfolger auf die Beine gestellt, welcher der bisher beste Xbox-Titel mit Hobbit-Lizenz ist.