Der magische Stift
23:11 Uhr - Drawn to Life kann auf dem Nintendo DS trotz kindgerechter Aufmachung auch Erwachsene begeistern, da das einfache aber doch sehr originelle Spielprinzip bemerkenswert viel Freiraum für eigene Entfaltung lässt. Das Motto dabei: Mal dir dein Spiel doch selber! Ob Brücke oder eigene Spielfigur, hier kritzelt ihr wesentliche Elemente der Welt nach Belieben eigenhändig zusammen. Dass die fummelige Wiimote-Steuerung der Konsolenversion aber wohl selbst einen Picasso zum Pook-esken Paintmaler degradiert hätte, trägt auf etwas enttäuschende Weise zum Unterhaltungsfaktor der "großen" Krackelorgie bei. Na wenigstens ist unser Test hier dafür um so unterhaltsamer geworden!
Du bist, was du malst
Wenn Gott uns solch eine Möglichkeit doch auch im wahren Leben bereitgestellt hätte. Ganz wie von der Serie gewohnt, findet die Geburt eures Helden im User-gesteuerten Editor statt. Ob ihr dabei bloß vorgefertigte Bauteile aneinander reiht oder gleich komplett alles aus der freien Hand heraus zeichnet, bleibt euch überlassen. Ein paar rudimentäre Umrandungen zeigen euch die relevanten Proportionen der Figur an, innerhalb derer ihr euch austoben dürft. Dank fehlendem Onlinemodus sogar ganz zensurlos, wie meine komplett nackelige "Regel Nr. 2"-Dame beweist. Selbst die für Bewegungsanimationen relevanten Scharnierpunkte lassen sich großzügig genug anpassen, um einen sichtbar individuellen Protagonisten zu erschaffen. Schon vorher hat man während einer recht langatmig erzählten Schöpfungsgeschichte (kein Vergleich zum coolen Lehm-Menschenbau-Shit der echten Bibel) eine Miniaturansicht der Welt, die Sonne und den Mond gepinselt. Im gesamten Spielverlauf geht Userarbeit dieser Art stetig weiter: Nach und nach erscheinen Blumen dank mir als Möpse an pikanten Stielen, Wolken erinnern nach meinem Eingriff ganz im Geiste von Howard Hughes eher an gut gefüllte Quarktaschen und Vögel tun am Himmel mit etwas Nachhilfe genau das, was man ihrem Namen zufolge am ehesten von ihnen erwarten würde. Ganze Levels muss bzw. kann man in der "Der magische Stift" zwar nicht anfertigen, die einzelnen individualisierbaren Elemente haben mich aber eh schon genug gefordert. Auf dem Weg durch das Abenteuer begegnen einem verschiedenfarbige Boxen, die nach und nach jeweils Kulissenteile (z.B. Pflanzen), mechanische Elemente (z.B. Aufzüge) oder sogar Fahrzeuge designen lassen. Die so generierten Bilder bzw. ausgewählten Vorlagen (freischaltbare Profi-Alternativen) werden dann automatisch an den entsprechenden Plätzen im ganzen Game eingesetzt. Damit z.B. meine Milchtütenprimel dabei nicht wie ein alle zwei Spielmeter aufgestellter Klon aussieht, variiert Der magische Stift Größe, Symmetrie-Achsen und andere optische Eigenschaften jeweils so, als habe die Ur-Kreation tatsächlich ihren Samen gestreut und neue Individuen nach ihrem Vorbild wachsen gelassen hat. Ja, an sich ein gruseliger Gedanke.
Spielerisch ganz unabstrakt
Vergessen wir mal ganz kurz, dass Der magische Stift uns per Maleditor einige seiner Assets verunstalten lässt. Gut. So. Eigentlich können wir Der magische Stift jetzt auch gleich komplett vergessen. Dem lahmen und von mehreren nervigen Ladepausen (ziehen sich durchs Spiel, wann immer man in den Malteil bzw. wieder zurück wechselt) unterbrochenen Intro entsprungen, finden wir uns am Anfang erst mal in einer Ministadt wieder, deren Einwohner offensichtlich von einem großen "Animal Crossing"-Fan designt wurden. Hier werden wir sofort schonungslos auf die belanglosen Mini-Dialoge eingestimmt, wegen derer wir im Storyverlauf nach praktisch jedem Abschnitt wieder in den Hauptbereich zurückkehren müssen. Die eigentlichen Jump'n'Run-Levels des Spiels setzen zwar auf bewährte Traditionselemente, langweilen dafür aber mit sehr anspruchslosem Einsatz eben dieser. In Sidescrollermanier springt, doppelspringt und rennt man höchst offensichtlich abgesteckte, geradlinige Parkours ab, auf denen selbst die "versteckten" Items keine Stimulanz des Videospieleteils eures Gehirns erfordern. Mit seinem seichten Anforderungsgrad und der minimalistischen, bunten Zeichentrickoptik versprüht Der magische Stift also am ehesten den Charme eines kostenloser Flash-Plattformers, bei dem man auf keinen Fall verlieren soll, weil am Ende als "Belohnung" ein weiterleitender "Gewinnlink" auf eine ominöse Werbeseite wartet. Selbst wenn man die Instant-Malaktionen hinzunimmt, bei denen man in räumlich begrenzten Boxen per Zeichenstrich neue Wege in die Luft zeichnet oder simple Gebilde malt, die augenblicklich manifestiert auf Gegner plumpsen, kann Der magische Stift spielerisch überhaupt nicht fesseln. Ein weiterer Beleg für diese Feststellung sind die Fahrsequenzen. Nach anfänglicher Begeisterung für den von mir gemalten TIE-Fighter (meine Spielfigur sitzt bei dem Teil in 'ner Kugel mit authentischem Fensterrahmendesign, während die Flügel als eckige Räder fungieren) stelle ich viel zu schnell fest, dass Der magische Stift mich praktisch nur eine Art Carrerabahnstrecke abfahren lässt, in der ich außer Gasgeben nicht viel zu melden habe. Der Originalitätsfaktor dieser ganzen auf dem Papier cool klingenden Features ist schon nach den ersten beiden Levels verflogen, da ihre Einsatzmöglichkeiten bis kurz vor Storyschluss kaum Variation zu bieten haben. Genau so wenig wie die musikalische Untermalung, bezüglich derer ich mich einfach nicht entscheiden kann, ob sie mich mit ihrer zumeist monoton fröhlichen Melodie nun nervt oder müde macht. Eine Reihe aufgebotener Offline-Multiplayer-Minigames wirkt so deplatziert und langweilig ans Spiel gehangen, dass die nüchterne Erwähnung hier dem wohl am passendsten gerecht wird.
Malerisch zu unexakt
Mit Hilfe eines abgrundfüllenden Menschen-Euters über eine Schlucht zu laufen... hat auch was. Aber warum über Riesentitten trampeln, wenn man bei entsprechendem Spielfortschritt auch gleich mit einem Paar Zungenflügel (AreaGames-Hardcore-Members bekommen an dieser Stelle übrigens das Wort "Penisflügel" eingeblendet. Upgradet noch heute eure Userschaft zum Preis von 1ner Menge € oder der doppelten Menge $!) drüberflattern könnte? Die Intervall-artig einsetzbare Abhebe- und Schwebehilfe wird vom Spiel automatisch auf Grundlage eures Kunstwerkes in Bewegung animiert. Solche Effekte hat Der Magische Stift allgemein ziemlich gut drauf, anders sieht das bei der Kollisionsabfrage aus. Füllt eure selbstgemalte Brücke nicht das komplette Malfeld aus, läuft eure Spielfigur beispielsweise einfach durch die Luft weiter. Bei einigen vom User kreierbaren Sprungplattformen hat man im Gegensatz dazu das Gefühl, man falle links und rechts häufig durch das Gemalte Ende hindurch. Zum Glück hält Der magische Stift in seinen simplen Levels nur selten tödliche Abgründe oder sonstige ernstzunehmende Gefahren bereit, wodurch trotz allem kein Frust aufkommen kann. Die einzeln platzierten Gegner sind lachhafte Dummies, die weder Taktik erfordern noch anhand ihrer Gestaltung zu begeistern wüssten. Der eigentliche, verdammt hohe Schwierigkeitsgrad rührt komplett aus der kreativen Komponente. Die Wiimote ist eine Fernbedienung und kein Stift, so wie der Stylus beim DS. Man hält sie frei in der Luft, ohne ein Touchpad wie beim DS. Möchte man also irgendetwas originelles mit der Wiimote zeichnen, das über simples Verbinden von Strichen und/oder Kreisen (dafür gibt's zum Glück klassische Geometrietools) hinausgeht, muss man sehr, sehr viel Zeit investieren und wird am Ende trotzdem nur in den seltensten Fällen zufrieden damit sein. Ständiges Nachjustieren der Zoomstufe (anders ist nicht der Ansatz eines zu pinselnden Details möglich), ständiges Korrigieren trotz höchster Konzentration komplett falsch gemalter bzw. gefarbfüllter Dinge und die dabei von Minute zu Minute unbequemer werdende Starr-Armhaltung mitten in der Luft machen Der magische Stift zur Qual für all diejenigen, die nicht schon nach der ersten halben Stunde aufgegeben und von da an nur noch zu den vorgefertigten Schablonen gegriffen haben. Die sind übrigens nicht nur Hauptfreispielware (statt neuer Malfunktionen, die man sich viel eher wünschen würde), sondern auch noch gefühlte Verhöhnung des Spielers. Selbst wenn die Entwickler-Assets vom Stil her allesamt simpel gehalten sind, so wurden sie doch unter keinen Umständen an der Wii gefertigt. Los, rückt die PC-Schnittstelle heraus, denn anders wird es wohl nur sehr schwierig sein, die Hauptkritikpunkte am Malmodus des Spiels in einem möglichen Nachfolger auszubessern!
Pro und Contra
- + Von Hauptfigur bis Trampolin, alles selbst malbar
- + Keine Zensur beim Kreativteil
- + Flüssiges Vorankommen
- + Traditionelle Genre-Elemente
- + Stimmiger, bunter Gesamtlook
- + Vorgefertigte Schablonen für faule Leute
- + Zoom & Geometrietools helfen beim Zeichnen
- - ... und so sieht es leider dann auch aus
- - ... weil sich nichts online tauschen lässt
- - ... da anspruchslos und Story-arm
- - ... uninspiriert eingesetzt
- - ... mit höchst rudimentärem Detailgrad
- - ... oder alle mit Armschmerzen, dank Wiimote-Malens
- - Mini-Pixelflächen & fehlende Unterlage töten Kreativität
Der tragische Stift
Da kommt seit langem mal wieder ein Wii-Exklusivtitel abseits der jüngsten Shooterwelle, der mich im Vorfeld tatsächlich richtig heiß gemacht hat und dann sitze ich mit steifem Glied vor dem Fernseher, während ich verzweifelt versuche, mit der Wiimote Dinge zu zeichnen, die ich mit echten Stiften schon in der Vorschule locker-flockig aus dem Ärmel geschüttelt habe. Mit steifem Glied ist übrigens mein Wiimote-Arm gemeint, der sich wie ein Michael Schumacher fühlt, der im Rennen wirklich alles gegeben hat, den sie aber dummer Weise bloß mit Rollschuhen auf die Strecke geschickt haben. Mit Mühe malt man sich in Der magische Stift simpelste Standardelemente zusammen, womit jüngere Semester dank der frustrierenden Steuerung aber schon überfordert sein dürften. Ältere Herren wie ich wollen natürlich ambitionierter herangehen, denn Blümchen und Tralala liefert mir das Spiel ja auch einfach so schon als vorgefertigte Bildchen zum Einsetzen mit. Da ich mit den auf arg wenige Pixel begrenzten Maltools aber gar weniger als mit MS Paint zustande bringe, warum sollte ich dann überhaupt selber zeichnen wollen? Um anschließend durch eine hässliche Krackelswelt zu laufen, die mir nur vor Augen führt, dass ich nie das bekommen habe, was ich eigentlich erschaffen wollte? Ok, auf armseelige Weise hat mich das Spiel kurzweilig amüsieren können, da ich in meiner Verzweiflung tatsächlich die meiste Zeit über primitive Albernheiten aufs virtuelle Papier gerotzt habe, die auf ihre sauschlechte Art dann mächtig lustig rüberkamen. Doch selbst das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Der magische Stift abseits seiner vermurksten Basteltools nicht mehr als ein viel zu leichtes Durchschnitts-Jump`n`Run ist, welches vom Look&Feel her eher in die Independent-Wiiware-Kategorie gehört hätte. Auch ein Okami löst die Zeichenproblematik mit der Wiimote nicht unbedingt viel besser, aber es schränkt deren Gebrauch so weit ein, dass ich mit genügend Konzentration zum vom Spiel verlangten Erfolg kommen kann. Und ganz nebenbei gesagt ist es auch an und für sich ein rundum genialer Titel, welcher das Zeichnen stimmungsvoll und mit Sinn in seine packende Story einbindet. Eine solche hat Der magische Stift dagegen noch nicht mal und so sei der Titel auch nur den Leuten empfohlen, die ein supereinfaches Hüpfspiel nach klassischem Muster suchen, ohne dabei großen Wert auf das eigentliche Hauptfeature zu legen. Wer den Malmodus weitesgehend überspringt und überhaupt bloß als kleines Gimmick betrachtet, kann zusammen mit kleinen Nachwuchszockern nämlich durchaus ein paar kurzweilige Stunden in der bunten, unkompliziert gestrickten Sidescrollerwelt verbringen. Ich dagegen bin noch kinderlos, wohne weit weg von allen jüngeren Verwandten oder Bekannten und kriege deswegen bei Der magische Stift auch nur eine Mischung aus Wut vor dem Paint-Tool sowie großem Gähnen im eigentlichen Spiel zu spüren.
Bewertung
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Kommentare (5)
Strolch
Vorgeschichte und Auslöser (...)
Viele qualitativ schlechte Spiele wurden von den unterschiedlichsten Spieleanbietern auf den Markt gebracht.
;-)
HLecter
"wenn man bei entsprechendem Spielfortschritt auch gleich mit einem Paar Zungenflügel (AreaGames-Hardcore-Members bekommen an dieser Stelle übrigens das Wort "Penisflügel" eingeblendet. Upgradet noch heute eure Userschaft zum Preis von 1ner Menge € oder der doppelten Menge $!)"
Ich habe Tränen gelacht!
KEKSi360
das feature sollte man später mal in andere games einbinden.
aber ich glaube, ich code erstmal ein game für den pooook. so mit nackten nymphen die den armen pook in einem haus der schmerzen und lüste gefangen halten. der poook muss sich dann durch den zauberstift werkzeuge malen um den böösen böösen nymphen gerecht zu werden :D
verkaufe ich dann bei xbox live als indie game für 400points. wird bestimmt der renner :D
Mugiwara
Pousch