Montag, 17. März 2008
00:45 Uhr - Habt ihr mal wieder reaktionären Politikern beim Reden zugehört
oder aus Versehen Fernsehen geguckt? Ja ja, manchmal wünscht man
sich eine höhere Macht herbei, die die Menschen, sagen wir mal,
belehrt. Die marsianischen Misanthrop Pox und sein klugscheißender
Vollstrecker Crypto machen sich nun zum mittlerweile dritten Mal
daran, die Menschheit vom Elend ihrer eigenen Existenz zu befreien.
Da kann man virtuell mal so richtig den großen Willy mackieren.
Jahr 1976 ... die nicht überleben dürfen
Nachdem die beiden außerirdischen Weltenvernichter in Teil eins und zwei bei ihrem Vorhaben leidlich erfolgreich waren, sind sie inzwischen in den 70ern angekommen und Anführer Pox hat einen neuen Plan ausgeheckt, um die Menschheit vom Erdboden zu tilgen. In seiner Fastfood-Kette Big Willy's werden diese nämlich einfach zu Hot Dogs und Burgern verarbeitet. So wird der ganze Leichenberg entsorgt, den Alien-Krieger Crypto bei seinen Zerstörungstouren hinterlässt. Unglücklicherweise, ist die verwöhnte Millionärstochter Patty Wurst (!) hinter das unappetitliche Geheimnis gekommen und versucht mit ihrer Untergrund-Terror-Organisation, die anderen unfreiwilligen Kannibalen davon in Kenntnis zu setzen. Da Pox nach wie vor an seinen Holoprojektor gefesselt ist, müsst ihr in der Rolle von Crypto mit allen Mitteln die Redseligkeit der Wurst unterbinden und nebenbei natürlich soviel wie möglich zerstören. Wie schon in den Vorgängern bewegt ihr euch dafür frei durch ein mehr oder weniger großes Gebiet und erledigt Aufträge für euren Chef, deren jeweilige Standorte GTA-like auf eurem Radar angezeigt werden. In jedem Gebiet müsst ihr eine bestimmte Anzahl von Haupt-Missionen abarbeiten, bevor ihr euch einen anderen Landstrich vorknöpfen könnt. Ihr dürft aber jederzeit in frühere Orte zurückkehren, um versteckte Extras zu suchen oder optionale Neben-Aufgaben anzugehen, für deren erfolgreiche Ausführung ihr Verbesserungen bekommt, die euch das weitere Vorgehen erleichtern. Die Missionen sind allesamt recht abwechslungsreich geworden, sodass es so schnell nicht eintönig wird. Da müssen zum Beispiel Benzin-Laster per Traktorstrahl zum Big Will's Restaurant transportiert werden. Ihr verfolgt einen Wagen zu einer Protestveranstaltung, die ihr dann selbstverständlich fachgerecht aufmischt. Gewaltverliebte Rollschuh-Girls wollen pulverisiert werden, bevor sie Dynamit-Ladungen an Pox' geliebter "Fressbude" aningen können. Oder ihr sollt schlicht eine ganze Stadt in Schutt und Asche legen. Ziemlich früh im Spiel dürft ihr für solche Angelegenheiten, neben dem altbekannten Ufo, auch den Big Willy besteigen, das haushohe Maskottchen, der gleichnamigen Imbiss-Kette - komplett mit allem destruktiven Schnick-Schnack, wie Laser-Augen, Säure-Kotze und Explosions-Furz. Ist Crypto zu Fuß unterwegs (Was meistens der Fall ist.) und kommt es zu Kampfhandlungen mit Polizei, Geheimagenten oder dem ortsansässigen Militär (Was oft passiert.), stehen ihm eine Reihe von Schusswaffen zur Verfügung. Neben dem durchschlagkräftigen Desintegrator oder der klassichen Anal-Sonde (Unten rein, oben raus. Begleitet von einem verzückenden *pflopp*.), gibt es auch neues originelles Handwerkszeug, wie die Zombiekanone, die Menschen in Untote verwandelt, welche andere Homo Sapiens vom ziemlich auffälligen Marsianer ablenken und sie eventuell sogar auch in wandelndes Gammelfleisch verwandeln. Sehr nett.
Lachend geht die Welt zugrunde
Es ist ja wahrscheinlich bereits rübergekommen oder durch die Vorgänger allgemein bekannt: Destroy All Humans! - Big Willy entfesselt nimmt sich wahrlich nicht ernst. Die überall promenierende Zivilbevölkerung schiebt die Sichtung eines Außerirdischen gerne mal auf die schlechte Qualität ihres Rauschmittels oder kommentiert ihr eigenes Abtreten mit geradezu einfältiger Unwissenheit ob des tödlichen Ausgangs. Zum Teil werden typische Klischees der Ära auf die Schippe genommen, wie das Aufkommen des Diskofiebers. Dennoch bekommt man leider selten so richtig mit, dass man sich in den 70ern befinden soll. Hier wäre mehr drin gewesen. Fast die gesamte Zeit bewerfen sich die außerirdischen Streithähne Crypto und Pox mit Sprüchen, Anspielungen und Besserwissereien. Das ist nicht immer wirklich lustig, weil oft albern, weit hergeholt und mit dem Holzhammer präsentiert. Wir haben zwar keine Vergleichsmöglichkeit, gehen aber schwer davon aus, dass mal wieder viel Wortwitz in der Übersetzung verlorengegangen ist. Trotzdem sind ihre Ausführungen meist im Rahmen des Erträglichen, regen zum Schmunzeln an und sorgen insgesamt für eine heitere Stimmung bei der Vernichtung der Erdenbewohner. Das ist aber wohl auch der gelungenen Synchronisation zu verdanken. Die deutschen Sprecher haben sich selbst bei den beklopptesten Sätzen Mühe gegeben. Musikalisch ist ebenfalls alles im Lot. Der Soundtrack ingt noch etwas vom Flair der Seventies mit ein und mischt eine Portion gutes Science-Fiction-Retro-Trash-Feeling (Was für ein Wortmonstrum! Wir können nur sagen: Fuck, Yeah!) unter, bleibt aber stets ein bisschen zu unauffällig im Hintergrund.
Was, das muss man mit den Händen spielen?
Insgesamt bietet die dritte Invasion vom Mars also wieder solide und bizarre Action-Unterhaltung, ohne jeglichen Fortschritt oder Innovationen gegenüber den Vorgängern. Was das Spiel allerdings leider endgültig zurück in die 60er verbahnt, sind - man möchte fast sagen Wii-typisch - Grafik und Steuerung. Undetaillierte Texturen, teils amüsante, aber extrem hölzerne Animationen, generelle Polygonarmut und schwache Effekte liegen auf (schlechtem) Playstation 2-Niveau. Fast schon eine Frechheit, wenn man bei Spielen, wie Metroid Prime 3: Corruption sieht, wozu die Wii fähig ist. Eine ordentliche Weitsicht und die stimmige Farbgebung, sorgen bei Big Willy entfesselt aber noch dafür, dass die Optik halbwegs ansehnlich bleibt und man sich nicht mit Grausen abwendet. Wesentlich frustrierender ist da schon die Kontrolle des außerirdischen Weltenzerstörers. Crypto wird mit dem Analogstick des Nunchuk bewegt, während die Blick- und Zielrichtung per Bewegungserkennung mit der Wiimote festgelegt wird. Das ist naheliegend, recht intuitiv und klappt in der Praxis auch ganz gut. Eine Zielhilfe sorgt dafür, dass ihr nicht immer pixelgenau anvisieren müsst. Stehen allerdings mehrere Menschen in einer Gruppe und ihr wollt einen ganz bestimmten von ihnen fixieren, zeigt sich schon wieder die Schwäche des Systems, da der Cursor ständig zwischen ihnen hin- und herspringt. Auch die Kamera hängt mit Vorliebe an Kanten fest und rührt sich dann kaum von der Stelle, bis ihr euch an eine andere Position begebt. Ziemlich nervig, wenn ihr euch von einem speziellen Punkt aus einfach mal umsehen wollt oder lästiges Menschenpack ballernderweise von allen Seiten auf euch einstürmt. Eine wahre Katastrophe ist allerdings die Bedienung des Ufos und des mechanischen Würstchen-Godzillas Big Willy. Wie viele vor ihnen, ließen sich die Entwickler auch hier dazu hinreißen völlig überflüssige und unausgereifte Bewegungsfeatures einzubauen. Das Ufo wird auf- und abbewegt in dem ihr die Wiimote aus der waagerechten Position entsprechend neigt. Die Kamera wird gedreht in dem ihr die Wiimote aus der senkrechten Position nach links oder rechts kippt. Hebt ihr die Fernbedienung also in eine vertikale Stellung, um den Blickwinkel zu ändern, steigt die fliegende Untertasse gen Himmel. Das heißt, sofern sie überhaupt mitmacht, denn die Sensorerkennung hat die Reaktionszeit eines bekifften Faultiers. Hakelig und überaus belastend. In diesem Zusammenhang kann man von Glück reden, dass der Schwierigkeitsgrad nicht sonderlich hoch ist. Besonders wenn ihr mit Willy die Landschaft verwüstet, seid ihr praktisch unsterblich. Nervig: Verhaut ihr doch mal einen Einsatz, müsst ihr erst wieder zum Ort des Briefings zurückkehren, mit allen Gegnern im Nacken, deren Interesse ihr inzwischen geweckt habt. Während eines Auftrags könnt ihr selbigen aber jederzeit neu starten. Destroy All Humans speichert automatisch nach jeder erfüllten Mission.
In einer Nebenmission von Big Willy entfesselt hofft Pox, dass das Spiel heftig verrissen wird. Ein gutes Beispiel für den Humor von Destroy All Humans und für das etwas zu große Selbstvertrauen der Entwickler. Zwar muss ich die amüsante Menschheits-Dezimierung nicht komplett runtermachen, aber wenn man Grafik von überneulich und eine teils derart verkorkste Steuerung abliefert, darf man sich nicht wundern, wenn der ironische Wunsch des außerirdischen Menschenhassers dann doch irgendwie in Erfüllung geht. Seit dem ersten Teil (Immerhin von 2005!) hat sich technisch und spielerisch nichts getan. Auch Big Willy entfesselt macht, vor allem aufgrund der recht vielseitigen Aufgaben und der herrlich trashig-bescheuerten Story, ziemlich Laune und motiviert zum weiterspielen. Für Besitzer der beiden Vorgänger gibt es allerdings keinen wirklichen Grund, sich Cryptos 70er-Jahre-Auftritt zuzulegen. Ein paar neue Waffen und ein übermächtiger Riesenroboter reichen als Kaufargument einfach nicht aus. Wer also die Wahlmöglichkeit hat, greift lieber auf die Versionen für PS2 und Xbox zurück. Die bieten technisch und inhaltlich nahezu identische Kost, lassen sich dafür aber besser steuern und sind geaucht für 'nen Appel und 'n Ei zu haben. Oder ihr wartet auf das angekündigte Destroy All Humans 3 für die Next-Gen-Systeme, welches dem prinzipiell illanten Szenario hoffentlich mal wieder ein paar Neuerungen und eine zeitgemäße Optik spendiert. Wer allerdings nur eine Wii besitzt, wartet am besten (wenn überhaupt) bis Big Willy entfesselt wesentlich günstiger zu haben ist und spielt bis dahin Bully - Die Ehrenrunde.
Kommentare (5)
Ben Man
H Lecter
Bart Wux
Johannes Krohn