Deutschland braucht die MTV Game Awards!
Freitag, 21. November 2008
18:10 Uhr - Gestern wurde in Berlin praktisch Geschichte geschrieben, denn zum ersten mal veranstaltete MTV auch in Deutschland eine eigene Game Award Show. Als Stargäste waren Hideo Kojima und Jade Raymond geladen, womit das Ganze abseits von Acts wie Sido, „Polarkreis irgendwas“ und K.I.Z. auch für Branchenveteranen noch einen gewissen Erlebniswert hatte. Aber kann man über ein Gamingevent mit Laudatoren wie dem gescheiterten „Next Uri Geller“ Farid überhaupt glücklich sein? Für mich besteht kein Zweifel, das kann man absolut!
Ernst zu nehmende Awards für Videospiele sind hierzulande zum einen mal rar gesät, es gibt in der Hinsicht praktisch nichts außer den Privataktionen der etablierten Magazine und dem Deutschen Entwicklerpreis. Letzterer ähnelt jedoch eher einem Businesstreffen zwischen Presse und Industrie, was auch sicherlich bewusst und wichtig so ist, der Status unseres Hobbys als Popkultur wird dabei aber bestimmt nicht vermittelt. Hier sehe ich MTV auf dem guten Weg eine Nische zu füllen, klar, als Musiksender sind die Begebenheit selbstverständlich auch optimal. Dort weiß man wie so eine Veranstaltung massenpublikumsgerecht konzipiert werden muss. Das ist dann natürlich ein Schaulaufen der hauseigenen Stenzprominenz, das sieht aus als habe jemand seinen letzten Drogentrip versucht anhand einer Lasershow zu rekonstruieren, aber exakt das ist es was uns als international immer größer werdende Entertainmentindustrie in Deutschland einfach noch gefehlt hat. Eine Show die Funcharakter hat, die selbst ein mit Games nicht so vertrautes Publikum vorm Fernseher kurzweilig zu unterhalten weiß und Videospiele als bunte Erlebniswelt verschiedenster Genres präsentiert.
Dazu haben auch die gut gemischten Kategorien im typischen MTV Stil beigetragen, die unter anderem das beste ingame Item sowie den größten „Badass Motherfucker“ gekürt haben. Wenn Mami und Papi, beide Fans guter Gangsterfilme, mal reinzappen und sehen wie Brucie aus GTA IV als bester Nebendarsteller geehrt wird, hätte man sie an den Facettenreichtum der meisten heutigen Games gar nicht besser heranführen können. Ohne sie dabei aber mit ausgeblendeten Schimpfwörtern in den gezeigten Cutscenes mit einem zensierten Bild zu veräppeln. Dass man bei Kraftausdrücken und (comicartiger) Gewalt keine Hand vor den Mund genommen hat, brachte derweil gute wie schlechte Seiten mit sich. Auf der einen Seite haben die absichtlich trashig gehaltenen Zwischeneinspieler so immer wieder für kleine Lacher sorgen können, auf der anderen landete speziell der männliche Moderator Yoko mit peinlichen Peniswitzchen so manchen Humorfail. Zwar muss ich ihn bei einer Aktion in Schutz nehmen, den Wortwitz „Metal Gear Soldiers“ als Überleitung zu einem Soldatenausbildungsvideo hatte das Publikum als Fehler verstanden und entsprechend zu quittieren gewusst, ansonsten hätte man sich aber auch gerne auf seine deutlich souveränere weibliche Kollegin beschränken können. Auch abgesehen vom fragwürdigen Auftritt der beiden K.I.Z. Jungs („Der Award für den Badass Mutterficker geht an... Hideo Kojimi.“), gab es derweil ein paar zum Glück sehr kurze Phasen, in denen man sich doch etwas fremdschämen musste und die dem Image unseres Hobby nicht unbedingt gut tun dürften. Diese Momente nahmen zwar nie Überhand an, trotzdem sollte man sich fürs nächste mal dringend überlegen ob ein gewisses Mindestmaß an Niveau nicht die ganze Show über gewahrt werden sollte. Als Beispiel wie man es richtig macht kann man gleich die verschiedenen Kostüme von Solid Snake bis Peach nennen, die sich das Moderationsduo jeweils in den Pausen übergestreift hat. Das ist originell, einem solchen Event würdig und trotzdem viel effektiver als zuweilen auf Kindergartenniveau herumzublödeln.
Was kann sonst noch besser werden? Vieles, denn man hat der Show gestern in der ganzen Produktions einfach noch ihre fest zugeschnürten Kinderschuhe angemerkt. Was fehlte war bei allen Mühen einfach das amerikanische Flair, das man bei ähnlichen Veranstaltungen wie den Scream Awards oder eben auch den MTV Movie Awards hat. Da muss noch mehr Starpower rein, mehr Erlebnis und mehr Größe. Ich weiß nicht, ob da gestern überhaupt jemand ohne Einladung reingekommen ist, das Publikum war insgesamt ohnehin nur moderat groß (was im Fernsehen später bestimmt wieder ganz anders wirkt), aber man braucht bei so was einfach die kreischenden Mädchenhorden die sich dicht an die Bühne drängen, die Billy Crystals die so einen Abend so schwungvoll leiten als seien sie auf einer Barnbournerparty in ihrem eigenen Wohnzimmer und außer Jade Raymond noch andere Laudatoren, die wissen was der Preis überhaupt bedeutet den sie da verleihen. So nett die Trickfilme zwischendurch waren, die Güteklasse der meisten MTV Movie Awards Einspieler haben sie nie erreicht. Dabei erwarte ich keine Nerdshow oder sinnliche Tiefe, nein, es soll sogar ruhig im positiven Sinne oberflächliche, pure Unterhaltung sein. Nur eben „more badass“. Auf der After Show Party hatte ich die Gelegenheit mit den Organisatoren zu plaudern und ich habe ihnen auch mein ehrliches Feedback abgegeben. Was mir ein gutes Gefühl für nächstes Jahr gibt, denn wie man mir sagte musste man sich beim ersten Anlauf, gerade im Vergleich mit einschlägigen U.S. Events, mit einem verhältnismäßig kleineren Budget zufrieden geben. Da sich von Nintendo, über Konami, bis zu Activision im Anschluss aber jeder wichtige Branchenvertreter sehr zufrieden mit der Veranstaltung zeigte und überhaupt die ganze Party danach eine überaus euphorische Stimmung unter allen Beteiligten demonstrierte, dürften die Weichen für eine noch etwas aufgemotztere zweite Ausgabe gestellt sein.
Die internationale Beteiligung und sei es nur durch Videodankesreden einiger abwesender Awardgewinner, demonstrierte in meinen Augen ganz klar wie wichtig der weltweit bekannte Name MTV dafür ist, dass so eine Preisverleihung überhaupt in größerem Ausmaß stattfinden und über die Jahre auch weiter wachsen kann. Kojima und Raymond waren schon ein starker Einstand, den man so aus dem Nichts eigentlich gar nicht aufbieten kann. Nächstes Jahr soll das Event während der Games Com in Köln abgehalten werden, was bestimmt noch mehr Koryphäen der Spielewelt auf die Bühne bringen wird. Heute Abend gilt es für euch aber erst mal um 20:00 Uhr in die Erstausstrahlung der MTV Game Awards 2008 reinzuschalten. Deutschland braucht einen Spielepreis der in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird und unser Hobby vor großem Publikum als Teil der modernen Popkultur präsentiert. MTV hat nun den mutigen Versuch so etwas aufzubauen gemacht und das fürs erste sogar ganz ordentlich. Jetzt liegt es auch etwas an uns, die Aktion zu unterstützen und ihr die Grundlage zu schaffen sich langfristig weiterzuentwickeln.
Zum Abschluss die Liste aller Gewinner der MTV Game Awards 2008:
- Spiel des Jahres: Grand Theft Auto IV
- Bestes unveröffentlichtes Spiel: Final Fantasy XIII
- Bester Look: Grand Theft Auto IV
- Beste Spielfigur: Altair - Assassin's Creed
- Bestes Handheldgame: Crisis Core: Final Fantasy VII
- Bester Nebencharakter: Brucie - Grand Theft Auto IV
- Bester Mehrspielermodus: Call of Duty 4 - Modern Warfare
- Bester Bossfight: Screaming Mantis - Metal Gear Solid 4
- Bestes ingame Item: Portal Gun - Portal
- Bestes Partygame: Guitar Hero III - Legends of Rock
Exklusive Fotos vom Event in Berlin mehr...
Kommentare (18)
Scrub
hoiji
Dr4g0nfir3
Fands gut das Elton mit dabei war. Der is ja einer der wenigen deutschen Promis, die sich auch wirklich für Videospiele begeistern und wohl auch Ahnung davon haben.
Ansonsten einmal bitte Jade Raymond - Extrascharf zum mitnehmen
Meyson
IM Carlos
... Drück die Daumen für MTV und nächstes Jahr. Unser Hobby hat große Preise verdient. Vielleicht ham wir sie ja nächstes Jahr. Ich wünsch es mir.
Hinterwäldler
Daniel Pook
RaLLe_X
Aber ansonsten fand ich es jetzt nicht so extrem schlecht.
Man kann es als "Blueprint" sehen und dann in Zukunft drauf aufbauen.Das ganze etwas ernster nehmen aber trotzdem nicht Humorlos sein.
Man muss froh sein das es überhaupt sowas gibt.Hoffen wir auf nächstes Jahr :)
hoiji
Die Gewinner fand ich in Anbetracht dessen, dass viele Multititel zur Auswahl standen einfach nur logisch nachvollziehbar.
Ich fands nicht schlecht und gerade als Harcoregamer sollte man die Sache nicht zu ernst nehmen, unser Hobby wird durch die Show ja nicht wirklich in den Dreck gezogen, sondern kann nur mehr Aufmerksamkeit bekommen.
IM Carlos
Bin trotzdem frohen Mutes und bin auch trotzdem mit dem dem Voting uneins. GTA hat nix verdient. Null Impact. Null Neues. Alles seit GTA III schon mal da gewesen. Dort hätte Portal, Patapon, oder sogar SMG hingehört. Naja für nächstes Jahr hab ich jetzt schon zwei Favoriten: Dead Space und Fallout 3 .... allerdings bringt das neu Jahr auch ein neues Final Fantasy ... ^^