Die Meute
Eine Frau allein im Auto und auf der Straße, eine Bande von Motorradfahrern, ein Anhalter und alle treffen sich in einer Kneipe mitten im Nirgendwo. Doch nichts kommt so, wie der Zuschauer es erwarten würde. Ein Film wie eine Überraschungstüte. Nur mit blutigen Einzelheiten, wie AGM-Redakteurin Kathrin Rohmann ergänzt.
Charlotte ist ohne bestimmtes Ziel unterwegs. Sie will eben solange fahren, wie ihre CDs vorhalten. Ein kurzer Stopp bringt sie das erste Mal mit den Bikern zusammen, die sich natürlich keine Anzüglichkeit verkneifen können. Das bringt Charlotte dazu, den Anhalter Max mitzunehmen, um Gesellschaft zu haben. Die beiden verstehen sich sogar und machen gemeinsam Halt, um was zu essen. Die Gang taucht allerdings wieder auf und macht richtig Ärger, dagegen hilft erst die vorgehaltene Waffe der Kneipenbesitzerin. Und kaum beruhigt sich alles, verschwindet Max spurlos bei einem Gang zur Toilette. Das ist der Moment, in dem Filme uns lehren, dass wir nicht zu nett mit Fremden sein sollten. Ohne zu wissen, was passieren wird, möchte man Charlotte zurufen, nicht nach Max zu suchen. Natürlich tut sie es trotzdem und findet sich bald in einem Käfig wieder. Ihr Zellennachbar sieht schon nicht mehr zurechnungsfähig aus.
Bis hierhin vermutet man eine gewisse Form von Standardkost hinter dem Film. Und erste Szenen, in denen Charlotte Folter ausgesetzt wird, lassen nicht lange auf sich warten. Aber hier geht es nicht darum, dass sich jemand einfach am Leid anderer Menschen ergötzt. Es werden keine Gliedmaßen sinnlos abgetrennt. Nein, „Die Meute“ wendet sich von den Konventionen des Genres Folterhorror ab und stattdessen der düsteren Seite der Fantasy zu. Denn die titelgebende Zusammenrottung besteht nicht aus normalen Menschen mit abartigen Hobbys. Ein gewaltiger Stilbruch folgt. Und im Grunde bietet der Film damit das, was so viele Zuschauer nach einem Film enttäuscht verlangen - Innovation und Überraschungen.
Die Franzosen haben mit Filmen wie „Haute Tension“ oder „Frontière(s)“ die menschliche Psyche und Grausamkeit ausgelotet. Regisseur Franck Richard geht nun wieder einen Schritt zurück und lässt die Schatten für sich selbst sprechen. Mit ein bisschen Unterstützung seitens der Anwohner. Es ist genau die Art von Film, die sich das eingelullte Publikum wünscht. Ein unberechenbarer Trip, in dem man nicht mehr sicher sein kann, was noch passieren wird.
Das wichtigste Element bleibt aber auch hier wohl das lieb gewonnene Geschlotze. Umherspritzendes Blut in einer dreckigen Atmosphäre. Dafür bietet sich dieser verlassene Flecken Land wunderbar an. Was Make-up und Effekte angeht, kann sich „Die Meute“ sehen lassen. Dafür wird auf die üblichen Schrecksekunden eher verzichtet und man nähert sich eher dem Gore-Bereich der Horrorabteilung an. Die Ahnungslosigkeit des Zuschauers findet sich dabei wunderbar in der Hauptfigur Charlotte wieder. Erfreulicherweise ist ihr einziger Fehler, dass sie sich um einen Fremden sorgt. Ansonsten macht sie als Opferfigur so ziemlich alles richtig, um sich eine Chance auf Flucht zu ermöglichen. Das ist hier auch gar nicht so einfach mit einem Schlüssel getan. Vermutlich würde Charlotte sich wünschen, sie wäre in eine Falle von Jigsaw aus „Saw“ getappt, um einen möglichen Ausweg besser zu erkennen. Im großen Angebot an Horrorfilmen stellt „Die Meute“ ein Experiment dar, ob das Publikum wirklich bereit ist für eine unvorhersehbare Geschichte. Der Tisch ist gedeckt, das Essen serviert und ein ungewöhnlicher Geschmack bedient.
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