Die Rose von Illian – Nicht frei von Blut, doch frei von Angst
Wenn der Held seine Rolle gespielt hat, tritt er zurück in den dunklen Bereich der Bühne, der Vorhang fällt und die Leute spenden reichlich Beifall, werfen Blumen und sparen nicht mit „Er lebe hoch“-Rufen. Der Regisseur wird Erfolg und Kritik abwägen und sich in sein Studierzimmer einschließen, wird grübeln und schreiben, wird meditativ den Bleistift betrachten und über Sinn und Unsinn einer Fortführung nachdenken. RICHARD SCHWARTZ wusste, dass die Geschichte noch kein Ende gefunden hatte und neue Geschichten nur darauf warteten, geboren zu werden. Der Held wartet derweil weiter in den dunklen Bereichen der Geschichte.
Ein Veteran aus dem hohen Norden gelangt im eisigen Winter in einen abgeschiedenen Gasthof. Ein brutaler Schneesturm bindet ihn und die wenigen Gäste an diesen Ort, mit dramatischen Folgen. Havald wird zum Dreh- und Angelpunkt einer der erfolgreichsten High-Fantasy-Zyklen des deutschen Sprachraumes und Richard Schwartz erschafft mit seiner mythisch-menschlichen Romanfigur den Prototypen eines zweifelnden, verdrängenden, fragenden Helden. Havald selbst hält sich für einen schlechten Anführer. Die Menschen, die sich ihm anvertrauen, sterben mitunter, dabei setzt Richard Schwartz seine Queste in einen übergeordneten Kontext, die auf ein großes und mitunter fernes Ziel hinarbeiten. Die Charaktere sind gerecht, sie sind mit Magie beschlagen, sie repräsentieren unterschiedlichste Eigenschaften und Fähigkeiten. Ihre Fehler sind Ausgangspunkt ihrer eigenen Legenden. Die Reise beginnt turbulent und so erschafft die Queste ihre eigene Lesart, sie beginnt den Fortlauf zu verändern – das Reich Askir, geeint unter Askannon, und die Metropole Askir, Hauptstadt des Imperiums, werden aus dem Dornröschenschlaf geweckt, ein neues Zeitalter kann beginnen.
„Das Geheimnis von Askir“ umfasst sechs Teile – beginnend mit „Das erste Horn“, endet der Sechser mit „Der Kronrat“. Es gibt noch einen einzelnen, der Reihe etwas entweichenden Band names „Die Eule von Askir“, welcher aber den Bogen zum neuen Zyklus „Die Götterkriege“ zu spannen vermag. Richard Schwartz erschafft ein Fantasy-Universium, welches vor Einzelheiten nur so strotzt. Dem Leser bietet sich ein Bild, welches nicht nur auf einen Handlungsstrang fokussiert ist, die handelnden Personen werden zahlreicher, die Geschichte so immer komplexer. Was Richard Schwartz versucht, ist das Konstrukt einer Welt in mehreren Ebenen, die er nicht nur auf Havald beschränken möchte, denn die Legende um Askir ist tiefgreifend. Um diesem Umstand gerecht zu werden, steuert der Autor die Sicht seiner Leser, hilft ihnen, den Götterolymp, die Geschichte und den Untergang der alten Welt zu verstehen, lässt sie teilhaben am Kampf um die Wiedererlangung der alten Macht, am Kampf religiöser Strömungen, am Konflikt der vermeintlich guten Kräfte gegen böse Mächte. Askir ist die Legende – die Geschichten von Richard Schwartz sind die Bausteine für einen Mythos, der nicht am nächsten Zauntor endet.
„Die Rose von Illian“ ist der erste Teil zum neuen Zyklus „Die Götterkriege“ und wartet gleich mit einem Paukenschlag auf. Nicht im thematischen Sinne, denn hier werden bewehrte Muster fortgesponnen, nein, die Perspektive hat sich geändert. Der Vorgängerzyklus war geprägt durch die Sicht Havalds. Erzählt aus der Ich-Perspektive, eröffnete diese einen tiefen Blick aus der Innenwelt des Protagonisten auf die ihn umgebende Welt. Eine äußerst spannende Wahl der Erzählperspektive, wenn in jüngerer Zeit auch öfter zu finden, ist der Ich-Erzähler noch immer eine Ausnahme in der Welt der Fantasy-Romane. Der Charakter Havald ist das erzählerische Meisterstück des Autors und vielleicht tut er gut daran, an dieser Stelle einmal tief Luft zu holen und sich dem Ausbau einer weiteren Legende zu widmen. Richard Schwartz wusste von Beginn an, wohin die Reise gehen würde, episch angelegte Geschichten sind der Grundstock seines literarischen Schaffens. Schwartz äußerte dem Autor gegenüber: „Als es in die Serie hineinging, hatte ich eine Entscheidung zu treffen. Zerfasere ich meine Handlungsstränge wie Robert Jordan mit seinem ‘Rad der Zeit’, bei dem man irgendwann gar nicht mehr weiß, wer was wo ist, oder versuche ich es anders? Ich war der Meinung, dass es anders gehen muss! Deshalb die stringente Ich-Perspektive des Erzählers.“
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