Donnerstag, 08. November 2007
11:55 Uhr - Das Merchandise um die gelbe Familie aus Springfield ist
vielfältig: Poster, Becher, Buttons, Bettwäsche, T-Shirts,
Pullover, Basecaps, Postkarten, Figuren, Schlüsselanhänger,
Pappaufsteller, Ketten, Mauspads, PSPs, Wecker, Kartendecks und
Videospiele. Letztere Kategorie wird mit Die Simpsons – Das Spiel
erneut bedient, dieses Mal aus dem Hause Electronic Arts. Wir haben
uns die DS-Version ohne Einfluss eines kühlen Duffs näher
angesehen!
Der Schuss ins eigene Knie
Die wirklich kreativen Autoren des verschrieenen Riesenkonzerns sind zwar nicht kurzzeitig aus dem Dauerurlaub in ihre Büros zurückgekehrt, dafür schwangen Schreiber der Serie selbst die Feder. Denn
Die Simpsons – Das Spiel bedient sich nicht etwa an der Geschichte des Films oder einer bestimmten TV-Episode, sondern geht gänzlich eigene Wege. Nebenbei nimmt die Story mal eben die gesamte Videospielwelt auf die Schippe: Direkt nach dem Erscheinen des gewalttätigen Videospiels
„Grand Theft Scratchy“ (gar nicht cool Rockstar,
wissen wir...) herrscht Unruhe in ganz Springfield. Besonders Marge steht dem Titel äußerst skeptisch gegenüber, folgerichtig muss ein absolutes Verbot her. Dann fällt Bart ein Spielehandbuch in seine gelben Grabscher, das individuelle Superkräfte jedes einzelnen Familienmitglieds offenbart. So schwillt Homer zu einer riesigen Fresskugel an, die alles gnadenlos niedermäht, was nicht niet- und nagelfest ist. Marge hingegen weiß durch demagogische Propagandasprüche erster Güte zu beeindrucken – gewisse gescheiterte Staatsmänner sollten hier abkupfern. Die übernatürlichen Objektverschiebungskräfte des Buddha nutzt Lisa, während Bart in gewohnt düsterem Outfit den „Bartman“ mimt und dank Enterhaken und Gleitcape gekonnt durch die Level schwingt. Absurd lustig: Um die Indizierung des bitterbösen Killerspiels durchzuringen ist Familie Simpson durchaus gewillt, rohe Gewalt einzusetzen. Die Voraussetzungen für einen gelungenen Gegenschlag stehen also, aber auch für ein gelungenes Spiel?
Is' dat da Fernsehen oder Gäimbeu?
Um mal sanft und flockig in den eigentlich Test zu starten, hier die positiven Aspekte von
Die Simpsons – Das Spiel: Originelle Geschichten sind immer eine tolle Sache, erst recht, wenn sie in entsprechender Qualität erzählt werden. Und das ist hier zweifellos der Fall, denn die Videosequenzen könnten eins zu eins aus einer Fernseh-Episode stammen, außerdem machen sie selbst auf den kleinen DS-Bildschirmen einiges her. Darüber hinaus mangelt es den kleinen Filmhäppchen auch nicht an der gewissen Priese Humor. Zwar spielt dieser nicht in der gleichen Liga wie das cineastische Vorbild, trotzdem ernten die Dialoge immer wieder einige Lacher. Nicht weniger lustig ist der Besitzer des Comicladens, der immer wieder auf schier endlos erscheinende Videospielklischees hinweist. Sei es der obligatorische Doppelsprung, die alles schützende Holzkiste oder das unverzügliche Ertrinken bei Wasserberührung. Schwimmen lernt man halt erst im zweiten Teil! Auch die einzelnen Level adoptieren Namen zahlreicher Ikonen der Branche und ziehen sie dann durch den gelben Kakao. So trampelt ihr unter anderem durch „Neverquest“, „Medal of Homer“ oder „Enter the Cheatrix“. Als Konsequenz nimmt sich das Spiel selbst nicht ganz ernst, und das ist auch gut so. Denn über die zahlreichen Schwächen können selbst tausende humoristische Einlagen nicht hinwegtäuschen. Fangen wir langsam an: Zwar sind die einzelnen Level an verschiedene Sehenswürdigkeiten der Stadt angelehnt, z.B. die Duff-Brauerei, das Rathaus oder das Museum für Naturgeschichten, aber wirkliche Klasse vermag kein einzelnes zu beweisen. Meist bewältigt ihr euren Weg in klassischem 2D von links nach rechts, zwischendurch warten Feinde auf ihren Fausttod und Items auf neue Besitzer. Doch damit nicht genug: Dieser Standard wurde ungewöhnlich schlecht umgesetzt.
Schlägst du noch oder stirbst du schon?
Ausschlaggebend ist hierbei vor allem die Steuerung: Noch zu verkraften wären Patzer in den stellenweise vorkommenden Spezialsituationen: Getreu nach dem Vorbild Frogger springt ihr mit Lisa äußerst ungenau über Krokodile und andere Objekte, um auf die andere Flussseite zu gelangen. Oder aber ihr spaziert mit Marge durch die Straßen Springfields und kommandiert eure treu ergebenen Untertanen wie winzige Pikmins durch die Gegend, leider wesentlich ungenauer. Doch auch im regulären Spielverkauf mangelt es der vollen Kontrolle. Bart verweigert unregelmäßig das Festhalten an Seilen und die Buddha-Kräfte lassen Lisa Autos nur wie auf Schienen hin- und herbewegen. Hinzu kommen die nervige Kämpfe mit allerlei Museumswärtern, Soldaten und anderen gelben Krawallmachern. Nicht nur, dass ihr viel zu oft der Fäuste erheben müsst, die Mechanik lässt euch praktisch keine andere Möglichkeit, als irgendwann zu sterben. Feinde lassen sich nur aus nächster Nähe vermöbeln, Kontern ist nicht drin und Herzen zur Regenerierung finden äußerst selten ihren Weg zum Spieler. Außerdem agieren die CPU-Kontrahenten wie vor zehn Jahren: Wenn ihr eine Leiter empor klettert, warten sie millimetergenau am Aufstiegsplatz, wollt ihr auf eine nahe liegende Plattform springen, blockieren sie meist den Rand, so dass ihr kläglich in den Abgrund stürzt. Keine Angst: Nach einem Bildschirmtod erwacht ihr in der Regel nur wenige Zentimeter neben der Unfallstelle erneut zum Leben und wünscht euch mit steigender Spielzeit, einfach im Grabe liegen zu bleiben... Wo wir gerade dabei sind, selbst Gehirntote dürften mit der Lösung der Rätsel meist keine Probleme haben. Schalter müssen umgelegt und die verschiedenen Fähigkeiten der Simpsons einigermaßen sinnvoll eingesetzt werden. Da ihr größtenteils mit zwei Charakteren gleichzeitig unterwegs seid, wechselt das Spiel freundlicherweise automatisch zum jeweils benötigten Protagonisten. Gespeichert wird in relativ kurzen Abständen automatisch über Checkpoints, insgesamt stehen drei Spielstände zur Verfügung.
Springfield schön, Simpsons hässlich
Bei der optischen Gestaltung des Titels bot sich natürlich die Umsetzung der Comic-Vorlage an. Und das sieht man dem Titel auch klar an: Die Hintergründe flimmern in ähnlicher Form bei ProSieben über den Bildschirm, viele Orte erkennt der geneigte Fan sofort wieder. Schlimmer hat es da die sympathischen Simpsons selber erwischt: Zwar ist jede Figur eindeutig auszumachen, jedoch kommt die gelbe Familie deutlich undeutlicher daher. Die Augen sind noch gerade zu erkennen, Münder oder sonstige Konturen sucht man in der gelben Masse aber vergeblich. Wesentlich besser schneidet der Sound ab. Das fängt bei dem originalen Theme im Hauptmenü an und endet bei der äußerst professionellen Synchronisation durch die originalen Sprecher. Und ja, ihr müsst mit Anke Engelke leben! Äußerst nervig sind die sich immer wiederholenden Sprüche während des Spielgeschehens, was sich wohl durch mangelnden Speicherplatz erklären lässt. Hier hilft die regelmäßige Stummschaltung der kleinen DS-Boxen (bis zum nächsten Video). Der Multiplayer ist zwar eine nette Dreingabe und kann sogar mit nur einem Modul gespielt werden, auf längere Sicht lässt der Spaß am Schleuderschießen, „Hungriger Homer“ (möglichst viel Futtern), „Klau den Krusty“ oder „Goldener Donut“ (behalte das Item so lange wie möglich) deutlich nach. Übertroffen werden diese lieblosen Modi nur durch das Homer-Pet, eine Art Tamagotchi für Simpsons-Fans. Durch das Einsammeln möglichst vieler Items im Hauptspiel erringt ihr immer mehr Spielereien für den fanatischen Faulenzer. Dann schiebt ihr diese Gegenstände uninspiriert per Stylus auf den Bildschirm, wo Homer ein und dieselbe Animation wieder und wieder ausführt - laaaaangweilig!
Während
Die Simpsons – Das Spiel auf den großen Konsolen und sogar auf Sonys PSP durch nette 3D-Grafik und hohe Auflösung den Charme der Serie hervorragend einfängt, sieht es auf dem Nintendo DS schon weitaus trostloser aus. Lediglich die originalgetreue Synchronisation sowie die gelungenen Zwischensequenzen wissen auf den kleinen Bildschirmen dank ordentlicher Komprimierung zu gefallen. Aber auch abseits der visuellen Gestaltung muss sich der Titel hinter seinen Plattform-Pendants verstecken. Die Steuerung ist frustig ungenau, die Aufgaben höchst abwechslungsarm und das Kampfsystem stark repetitiv. Die strohdumme KI bildet hier nur die Spitze des Eisbergs. Wem sollte man also eine Empfehlung aussprechen? Zocker mit anderen Konsolen, und selbst wenn es „nur“ eine PlayStation 2 ist, fallen schon einmal raus. Die Version für Nintendos Handheld stellt, wie gesagt, eindeutig den traurigen Tiefpunkt auf allen Systemen dar. Kindern? Leider nein, die ungenaue Kontrolle fördert Aggressionen, die lahme Spielmechanik zieht im schlechtesten Fall Amokläufe nach sich. Die Kleinen sind bekanntlich höchst beeinflussbar... Bleiben nur die gealterten, absoluten und ultimativen Simpsons-Freaks, die ausschließlich einen Nintendo DS zum Spielen verwenden. Und selbst hier quält man sich nur durch die 6-7 Stunden Spielzeit, um die humorvollen Zwischensequenzen sehen zu dürfen. Ansonsten machen es 99,999999999% aller parodierten Vorbilder besser!