Disgaea 3: Absence of Justice
10:59 Uhr - Videospielmonster haben es nicht leicht. Sie sind meist unbeliebt, fristen ein Nischendasein und verkommen zur Randfigur in einem Videospiel, wenn sie nicht gerade zur Sorte der besonders großen und einzigartigen Rasse der Obermotze gezählt werden. Dabei sind sie nicht von Grund auf Böse, sondern müssen dafür erst eine Schule besuchen. Das wollen uns zumindest die Jungs von Nippon Ichi mit ihrem ersten Auftritt auf der Playstation 3 weismachen. Im Rundenstrategiespiel Disgaea 3: Absence of Justice verschlägt es euch erneut in die Netherworld, die Heimat aller Dämonen, Teufel und Spukgestalten.
Dieser Titel beginnt wie viele andere japanische Genrevertreter auch. Ihr schlüpft in die Rolle eines jugendlichen Hauptcharakters, der wieder einmal einen mächtigen Dunkelfürsten besiegen will. Aber halt! Dieser Hauptcharakter ist weder ein strahlender Held, noch will er eine Prinzessin befreien oder sich dem Bösen in glänzender Rüstung entgegenstellen. Wie es sich für einen guten Dämonenschüler gehört, sinnt er lediglich auf Rache und will seinem Vater (dem Obermacker unter all den dunklen Gestalten) ans Leder, um seinen Platz als Overlord einzunehmen. Dieser hat es doch tatsächlich gewagt, die Videospielsammlung seines Filius zu zertrampeln, was ihm nun das Leben kosten soll.
Hey Dude!
Nippon Ichi ist bekannt für seine verrückten Plots und setzt im dritten Disgaea-Abenteuer nochmal einen drauf. Hier wird die komplette Rollenspielzunft durch den Kakao gezogen. Jeder bekommt sein Fett weg. Aufgrund des tiefgründigen, schwarzen Humors bleibt kein Auge trocken. Wenn, ja, wenn man denn über gute Englischkenntnisse verfügt, denn auf deutsche Untertitel oder gar eine Sprachausgabe mit germanischem Dialekt muss man bei diesem Nischentitel verzichten. Hier wird ein couragierter Haudegen mit einem Augenzwinkern zum Sklaven des Dämonenschülers, den ersten Bosskampf bestreitet man gegen den Stinkefinger des Overlords, und um seinen Vater endgültig ins Datennirwana schicken zu können, muss unser gelehriger Teufelsjunge zum schlimmsten werden, was er sich vorstellen kann. Zu einem Helden.
Untermalt wird die durchgeknallte Hintergrundgeschichte durch schön gezeichnete Avatare, die sich mit allerlei Gestiken den Stimmungen in den Textboxen anpassen. Hinzu gesellt sich eine stark überspitzte englische Sprachausgabe, die gelegentlich nerven kann, aufgrund der schrillen, überzeichneten Stimmen aber sehr gut zum schrägen Rest passt. Auch sonst ist es Nippon Ichi gelungen, ihr bisher schönstes Spiel zu veröffentlichen. Das muss allerdings nichts heißen, denn die beiden Vorgänger waren grafisch alles andere als Technikreferenzen. Der ein oder andere wird sich von den bunten aber karg animierten Charaktersprites naserümpfend abwenden, zumal sie leicht verwaschen und auf den hoch aufgelösten Hintergründen deplatziert wirken. Auch muss man einige Kameraschwierigkeiten in Kauf nehmen, weil sich diese nicht frei im isometrischen Raum drehen und zoomen lässt.
Nippon Ichis schönste Arbeit
Will man es positiv ausdrücken, erfüllt die Optik allerdings ihren Zweck und ordnet sich eines besseren Überblicks zu Liebe unter. Was will man mit hochdetaillierter Grafik, wenn so wichtige und kampfentscheidende Bestandteile nicht sofort ins Auge stechen und übersehen werden können? Was zählt, ist schließlich auf dem Platz, oder besser gesagt in der Arena, und hier trumpft Disgaea mächtig auf. Was dabei an taktischer und spielerischer Tiefe aufgefahren wird, lässt so ziemlich die ganze Genrekonkurrenz neidlos erblassen. Das fängt schon bei der Zusammenstellung eurer Partie an. Abgesehen vom Hauptcharakter könnt ihr diese nach euren Vorlieben zusammenstellen. Waffenstarrende Nahkämpfer finden sich ebenso im Portfolio der Kämpferriege wie mächtige Zauberer, Scharfschützen und Heilmagier. Dazu gesellen sich unzählige Monsterkreationen, die im Verlauf des Spiels freigeschaltet werden wollen. Angefangen mit Killerpinguinen (den heimlichen Stars im Spiel) über Oger mit Latinoslang bis hin zu Killerpuppen, schlechtgelaunten Zombies und sexy Oberlehrerinnen ist wirklich für jeden Geschmack etwas dabei.
Alle Mitstreiter lassen sich spezialisieren, mit mächtigen Spezialangriffen ausrüsten oder bestimmten Jobs zuweisen, eure Möglichkeiten sind schier unendlich. So werden gerade Anfänger aufgrund der Optionsvielfalt überfordern. Wobei man sagen muss, dass die dritte Disgaea-Episode den leichtesten Einstieg bietet und somit für Neulinge in der Welt von Nippon Ichi eine gute Grundlage darstellt, da der Titel storytechnisch nicht an die vorhergehenden Teile anschließt. Zudem gibt es gut gemachte Tutorials, die euch die Grundlagen des Kampfsystems schnell näher bringt. Dieses gestaltet sich recht komplex. Natürlich könnt ihr einfach auf einen Gegner zurennen und ihn angreifen, taktisch klüger ist es allerdings, in Gruppen aufzutreten. Steht ein weiterer Charakter eurer Truppe neben dem Angreifer, dann sind die Chancen recht gut, einen Teamangriff auszuführen, der dem Gegner natürlich härter zusetzt. Versammelt ihr auf anderen Feldern zusätzliche Mitstreiter, lassen sich diese Kombinationsangriffe noch stärker ausbauen.
Wie beim Rubikwürfel
Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die Geo Panels, farblich unterschiedliche Quader, die den auf ihnen stehenden Einheiten zusätzliche Kräfte verleihen, etwa stärkere Angriffskraft oder eine bessere Defensive. Diese Quader lassen sich zerstören, so dass der Bonus verschwindet. Kluge Taktikgeneräle verbinden einzelne Geo Panels nun mit farblich gleichen. Zerstört ihr so mehrere der Panels gleichzeitig, erhalten alle Einheiten, die auf den Quadern standen, einen Schaden. Noch interessanter gestaltet sich das Farbsystem, wenn ihr die Panels auf farblich markierte Flächen werft. Diese wandeln sich dann entsprechend des Farbquaders um. Jede Einheit die auf der Fläche stand, erleidet Schaden. So lassen sich ganze Kettenreaktionen zusammenstellen, die eure Skillanzeige während des Kampfes nach oben schnellen lässt und für zusätzliche Boni in Form von barer Münze oder seltenen Items sorgt.
Doch nicht nur die Geo Panels lassen sich werfen, sondern auch alle anderen Gegenstände und Personen. So könnt ihr einen Mitstreiter lange Wege ziehen lassen, eure Gegner in einen Pulk eurer Partie werfen und von dieser vertrimmen lassen oder Abgründe überqueren, die euch eigentlich den Weg versperren. Neu im Spiel ist die Möglichkeit, Monster eurer Partie für einige Züge in mächtige Waffen zu verwandeln. Dazu verschmelzen sie mit menschlichen Dämonen und verleihen ihnen dadurch mehr Power. Leider nur für kurze Zeit, danach wird das Monster komplett aus dem Spiel genommen und kann in dem Level nicht mehr eingesetzt werden.
Stund um Stund in der Netherworld
Wollt ihr nur der Hauptstory folgen, könnt ihr den Titel in gut dreißig Stunden durchspielen. Wer allerdings alle Feinheiten der Netherworld kennen lernen will, inklusive aller Nebenmissionen, kann auf die Spielzeit locker noch mal hundert Stunden draufrechnen. Bevor ihr alle Charaktere komplett aufgelevelt, alle Spezialgegenstände erlangt und auch den letzten Dämonen besiegt habt vergehen unzählige Stunden. Diese verbringt ihr beispielsweise in der Itemworld. Normale Items lassen sich in mehrteilige Dungeons verwandeln, die natürlich besonders hart sind, aber auch seltene Belohnungen bietet. Noch abgefahrener geht es in der Class World zur Sache. Hier reist ihr ins Innere eurer eigenen Mitstreiter um neue Level freizuschalten. In den USA und Japan gab es zu Disgaea 3 jede Menge zusätzlichen Downloadcontent in Form zusätzlicher Charaktere und Missionen. Diese wurden zum Testzeitpunkt auf dem deutschen Marktplatz noch nicht angeboten.
Pro und Contra
Rundenstrategie für Feinschmecker
Dieses Review geht nur auf einen Bruchteil der Möglichkeiten ein, die Disgaea 3: Absence to Justice zu bieten hat. Was Nippon Ichi hier auf den Bildschirm zaubert, verzückt Freunde strategischer Rundenschlachten für Wochen, Grafikfetischisten wenden sich aufgrund der mangelhaften grafischen Umsetzung vor Grausen ab. Wer darüber hinwegsehen kann, bekommt allerdings ein Spiel besonderer Klasse vorgesetzt. Die Story ist witzig und einzigartig, die Charakter ein bunter Haufen von Verrückten, die Seitenhiebe auf andere Spiele sind großartig. Die Spieltiefe ist grandios und lässt dem Spieler unzählige Freiheiten. Wer mag spielt den Titel innerhalb einiger Tage durch und erfreut sich am Plot, wer es wirklich auf die höchste Levelstufe schaffen will, braucht in diesem Jahr kein anderes Spiel mehr und taucht ein in die Tiefen von Disgaea 3.
Bewertung
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Kommentare (9)
IM Carlos
Grafik ist mir egal. Advance Wars sah auch bestenfalls zweckmäßig aus und motiviert noch immer.
chiefrebelangel
Traumweberin
Sir Archibal
Zerfikka
Traumweberin
Grafik ist nicht alles Zerfikka, es geht auch ums Spiel. Sonst würd ja auch zb FF7 oder so keine Beliebtheit mehr haben :>
Shoap
crazy_jb
Traumweberin
Wegen der BD gibt es über tausende von verschiedenen Stages für Item World, für die Eigenschaften die man extra kriegen kann. Und wegen den Downloadcontents, das wäre ja nicht wirklich bei den anderen machbar.