Disney Micky Epic
Weihnachten gehört längst nicht mehr den Christen, sondern Disney und der Videospielindustrie. Demzufolge ist das heilige Fest für fromme Kirchengänger in diesem Jahr komplett verloren, denn der Trickfilm-Gigant hat ein Videospiel auf einer Konsole veröffentlicht die nunmehr in wirklich jedem Haushalt zu finden sein dürfte. Latente Weltherrschaftspläne sind dabei nicht auszuschließen ... sofern das Teil auch genug Spaß macht, um vollkommene Hörigkeit gegenüber den Erschaffern zu erzwingen. Wir sagen euch, ob „Micky Epic“ nur die Regierung des Schlafes zurückfordert oder ihr schonmal die Rebellion organisieren solltet.
Worum geht’s?
Darum, dass Micky endlich cool wird. Der immerfreundliche Mäuserich ist ein unbestrittener Held und ewig leuchtendes Disney-Symbol und sein Image genau so sauber wie das des, um jeden Preis familienkompatiblen Spaßkonzerns, dessen geldgeile Führungsriege unlängst mit dem Teufel beim Brunch gesichtet wurde. Erstes Ergebnis dieser Hingabe zur dunklen Seite war wohl der Brachial-Raser „Split/Second“ ... Oh, Entschuldigung, „Split/Second: Velocity“ natürlich. Jetzt soll die Maus dran glauben. Denn zuviel Moraltreue und Altruismus macht langweilig wie Superman. Kein Wunder das der launische und egoistische Donald Duck beim gemeinen Pöbel schon immer besser ankommt. Micky muss halt mal zeigen was für ein Killer in ihm steckt. Zu Beginn darf er daher auch gleich veranschaulichen das er offensichtlich zumindest etwas Dämliches im Frühstückt hatte, als er in der Werkstatt eines Zauberers mit einem magischen Pinsel rumspielt, dabei ein schleimiges Phantom erschafft und vor lauter Schreck noch Verdünner über eine Modellbaustadt kippt. Micky drückt sich feige vor der Verantwortung, wird jedoch bald im unverdienten Schlaf der Gerechten von dem Phantom in die verwüstete Welt gezogen, wo er richtig ackern darf um wieder in sein heimeliges Bett zu kommen. Die besagte Modellbaustadt wird das Wasteland genannt. Ein Ort, den der Zauberer als Zuhause für vergessene Dinge geschaffen hat. Hier tummeln sich Charaktere aus alten Disney-Werken, die es nie zu großer Popularität gebracht haben. Die Landschaften lehnen sich an Bereiche aus den Disney-Freizeitparks an und werden nun von fiesen Kreaturen überlaufen. Überall haben sich Teile der Umgebung durch den Verdünner aufgelöst, sind Maschinen kaputt und Einwohner traurig. Und ihr dürft es richten, wenngleich das „Wasteland“ danach auch nicht heiler aussieht. Hat seinen Namen
Worin zeigt sich der „Spector-Factor“?
Es ist ausgelutscht, aber man kann nicht oft genug betonen wie weit „Deus Ex“ seiner Zeit voraus war. Vor allem nicht wenn man verdeutlichen möchte, welches Gewicht der Name Warren Spector, des Mannes der uns ebenfalls Kulttitel wie „Sytem Shock“ und die „Thief“-Reihe beschert hat, in die Vorab-Rezeption von „Micky Epic“ legt. Ein Spiel mit Zeichentrick-Lizenz wird normalerweise bis zum Test kaum beachtet. Hier zieht Spectors Designführung eine enorme Erwartungshaltung mit sich. Das Gameplay unterscheidet sich dabei erstmal grundlegend kaum von den üblichen Plattform-Adventure-Franchise-Versoftungen. Es wird reichlich gehüpft, mit lustig aussehenden Comic-Figuren gequasselt, es werden Objekte zerschlagen, bunte Sachen eingesammelt, Maschinen repariert und Schalter betätigt. Interessant wird das Deja vù-Erlebnis erst so richtig durch Micky's magischen Pinsel, der schüttelnderweise als Schlagwaffe dient, aber – viel wichtiger – mit Farbe oder Verdünner spritzen kann, wobei ihr das umzugestaltende Objekt mit dem Wii-Pointer anvisiert. Aus diesem Prinzip, in Verbindung mit den jeweiligen Aufgaben entwickelt sich Spector's typisches Element der Entscheidungsfreiheit. So könnt ihr bestimmte Objekte auflösen oder neu malen. Damit lassen sich Geheimgänge freilegen oder etwa undichte Rohre verschließen. Feinde tintet ihr ins Zeichentrick-Nirvana oder macht sie durch einen neuen Anstrich zu Verbündeten. Auch Rätsel wollen geknackt werden, wenn ihr etwa drehende Plattformen durch Anmalen und Auslöschen der Zahnräder so ausrichten müsst, dass ihr sie gut passieren könnt. Oft stellen euch Quests offensichtlich vor zwei Lösungswege. Bei dem Weg durch einen Tunnel könnt ihr Nilpferd-Figuren wieder vervollständigen oder Leitungen zerstören, um die Tür am Ende zu öffnen. Der Kleine Karlo ist mit seinem Boot ins Kobold-Dorf gerammelt und hat jetzt einen schlechten Stand bei den Wichteln. Das Schiffslogbuch soll beweisen das hier nur ein Versehen vorlag. Selbiges könnt ihr bergen und dann dem Anführer zeigen oder gegen einen Anstecker an eine zweifelhaft vertrauenswürdige Kobold-Kanaille tauschen.
Zeigt die Maus nun ihr zweites Gesicht?
All diese Möglichkeiten dienen nicht dem reinen Erfüllen der spielerischen Freiheitsliebe der Zocker. Eure Entscheidungen haben tatsächlich Auswirkungen auf die Spielwelt und nicht zuletzt darauf wie funky-fresh oder schauderhaft euch deren Einwohner finden. Kleckert ihr beispielsweise zuviel mit Verdünner herum und bevorzugt moralisch fragwürdige Problembehandlungen, löst sich schwarze Farbe von Micky, was Kater Karlo mit den Worten kommentiert: „Ganz egal was die anderen sagen, du tropfst wie das Phantom. Du bist ganz bestimmt nicht nett.“ Figuren denen ihr anfangs entgegengekommen seid oder eben auch nicht, zeigen euch oft erst später was sie davon halten und treffen ihrerseits eine Entscheidung, die euer Abenteuer beeinflussen wird. Auf diese Weise gewinnt die spannende Story zusehends enorm an Tiefe und „Micky Epic“ deutlich an Wiederspielwert, dank mehrerer unterschiedlicher Enden. Vor allem aber entwickelt sich daraus die besondere Faszination des Titels, aufgrund der leicht melancholischen, aber auch klassisch-freundlichen Stimmung des Wastelands, sowie interessanten Verkehrungen vertrauter Konstellationen, wie in dem genannten Dialog zwischen Micky und Kater Karlo. Zumindest wenn man mit der Disney-Historie halbwegs was anfangen kann.
Was hat „Micky Epic“ mit dem üblichen Lizenzeinheitsbrei gemein?
Wo Warren Spector's Micky Maus-Mär bei der Geschichte durchaus dem Titel gerecht wird und eine beinahe „epische“ Flexibilität annimmt, muss sie in Sachen Spieldesign kräftig einstecken, weswegen wir uns hier eher widerwillig (Aber hey, es ist unser Job.) ans Austeilen machen. Dabei kann ich mir Meckereien über die umnachtete Kamera, die „Ninja Gaiden“ alle Ehre macht, beinahe sparen. Was Win Spector bereits öffentlich zugegeben hat, trifft sich im Spiel wieder. Egal ob bei Kämpfen, Sprungpassagen oder der bloßen Erkundung – das virtuelle Auge macht fast zu jeder Zeit Zicken und muss ständig nachjustiert werden.
Punkt 2: Das Leveldesign. Ähnlich „Deus Ex“ landet ihr mit der Maus immer wieder in einem abgeschlossenem Areal, in dem ihr euch frei bewegen könnt und in dem es verschiedene Aufgaben zu erledigen gibt. Allerdings sind diese Gebiete nicht so elegant unauffällig abgegrenzt und auch nicht so subtil und beinahe unmerklich untereinander verbunden wie im Cyberpunk-Meisterwerk. Stattdessen kommt ihr in ein neues Gebiet und habt erstmal das Gefühl vor einem riesigen Schrotthaufen zu stehen, weil auf einer verhältnismäßig kleinen Fläche soviele bewegliche Objekte und Gebäude platziert sind, dass die Umgebung jeglichen Sinn von Konsistenz vermissen lässt. Spielerisch ist das noch recht interessant, da sich zahlreiche versteckte Details, Wege und Geheimnisse finden lassen und interaktive Abwechslung geboten wird, wenn auch auf meist simple Weise. Gefühlt ist das aber einfach nur chaotisch und willkürlich. Nun gut, es ist das zerstörte Wasteland, aber man kann den Verfall auch weniger reizüberflutend darstellen.
Punkt 3: Die Quests. In jedem Abschnitt trefft ihr Nebencharaktere, die euch um Gefallen bitten oder das Spiel stellt euch selbst Aufgaben, die in einem Logbuch vermerkt werden und oft über mehrere Level ablaufen. In mindestens 80% der Fälle handelt es sich jedoch um einfach gestrickte Absuch-und-Interaktions-Missionen, die ihr dann nach und nach abgrast, sprich, ihr sollt an einen Punkt gelangen, dort etwas kaputthauen, anmalen, ausradieren oder ansprechen und weiter geht’s. Wie oft ich in der Mean Street von einem wehleidigen, lebensunfähigen und damit zurecht vergessenen Typen zum nächsten geschickt wurde, wollte ich nachher gar nicht mehr wahrhaben. Keine Spur von den flüssigen und vielseitigen Aufgabenfolgen eines „Zelda“. Auch die Kämpfe sind keine Komplexitätspakete, nicht mal die Bosse, sowie mitunter etwas zappelig und die Kollisionsabfrage kam mir das ein oder andere Mal schwer verdächtig vor.
Wieviel Disney-Flair kommt überhaupt rüber?
„Micky Epic“ will seinen Helden neuinterpretieren, aber nicht komplett umkrempeln und ist damit noch immer auf Disney-Fans ausgerichtet. Als eben solcher fühl' ich mich angesprochen, erwarte dafür auch die entsprechende Atmophäre-Qualität der so geliebten Zeichentrick-Werke auf denen die Marke ihren Ruhm gründet. Ein Anspruch den das Spiel leider nur bedingt erfüllt. Die fast schon legendären ersten Artworks versprachen eine herrlich entrückte Steampunk-Endzeit-Disney-Welt. Die gibt es nicht mehr. Macht nichts, wenn ich dafür klassisch gute Trick-Szenarien mit düsterem Einschlag kriege. Abgesehen von einigen unerwarteten absonderlich heftigen Szenen, etwa gleich zu Beginn, wenn Micky mit einem Pömpel das Herz ausgesaugt werden soll, beschränkt sich „düster“ aber wirklich eher auf eine dunkle Optik, die es trotzdem schafft alles immer mit allen Farben darzustellen. Versteht mich nicht falsch, die Optik ist technisch gesehen aufwendig (Sogar manchmal zu aufwendig, wie kleine Ruckler zeigen.) und künstlerisch die meiste Zeit überaus ansprechend, aber nur in ihren Einzelteilen. Und diese, mal mehr mal weniger großen Bereiche, zum Beispiel ein Turm oder eine Straßenecke, ergeben dabei oft einen Level, ohne eine stimmige Einheit bilden zu wollen. Mann hat nie das Gefühl sich innerhalb einer zusammenhängenden, auch nicht einer absurden Logik folgenden Welt zu bewegen. Das Wasteland ist eine gewaltige Sammlung von Versatzstücken. Das mag gewollt sein. Schön ist es aber nicht.
Dennoch wird häufig Disney-Flair in konzentrierter Form versprüht, besonders über die durchgehend märchenhafte Musik, die das Gemüt verzaubert und euch zeitweise in geradezu schwelgerischer Getragenheit durch das Spiel schweben lässt. (Sagt „Nein!“ zu Drogen!) Oder bei Ausblicken auf besonders gelungene Fleckchen. Audiovisuelles Highlight sind aber die 2D-Filmrollen-Abschnitte, welche die 3D-Gebiete miteinander verbinden. Diese nehmen sich grundsätzlich einen alten Cartoon zum Vorbild und stricken daraus einen klassischen Jump'n run-Parkour, komplett mit Filmführungsrändern und originalgetreuer Musik. Fan-Service wie er sein soll. Ebenfalls künstlerisch interessant, aber stilistisch abschweifend sind die gezeichneten Zwischensequenzen, deren grober Look sich deutlich vom restlichen Design unterscheidet. Ach, und erwartet keine Sprachausgabe á la „Hey, Pluddo!“ oder „Ahiak, Ahiak, Donnawetta!“, was die atmosphärischen Möglichkeiten zusätzlich dämpft.
Disney Micky Epic Trailer
Pro und Contra
- + abseitig-interessanter Blick auf das Disney-Universum
- + Aufgaben eröffnen stets mehrere Lösungsmöglichkeiten...
- + ...die sich deutlich auf Spielwelt und Charaktere auswirken...
- + ...und dadurch für hohen Wiederspielwert sorgen
- + Pinseleinsatz gute und gut ausgenutzte Idee
- + phantastische Musik
- + nostalgischer Disney-Fan-Service ...
- + 2D-Abschnitte verursachen echte „Mickey Mania“
- - generell weitgehend uninspiriertes, simples Gameplay
- - krüppeligste Kamera seit langem
- - künstlerisch ein ungeordneter Haufen schicker Einzelstücke
- - nimmt sich zwei Stunden Zeit den Spieler zu überzeugen nicht gut zu sein
- - kleine Level verhindern Eindruck einer konsistenten Welt
- - ... der sich aber nicht durch das ganze Spiel zieht
Ein Meisterwerk versteckt in einem Retortenspiel
In der Fachpresse herrscht scheinbar ebenso große Uneinigkeit über „Micky Epic“ wie Unordnung im Wasteland, die durch die unsinnige Titelumkehr in hiesigen Gefilden geradezu orakelhaft vorweggenommen wurde. Zeit also unser Urteil in den Topf zu schmeißen. Was wirklich schwer ist, denn das Spiel verschreckt in den ersten zwei Spielstunden durch beispielhaftes 08/15-Design, wie es in jeder gehobenen Lizenzumsetzung zu finden ist, schickt euch von einem unübersichtlichen Areal zum nächsten, ohne dafür Motivation zu erzeugen und nervt nebenbei mit bockiger Kameraführung. Doch dann auf einmal macht es „klick“ und „Micky Epic“ entwickelt eine überraschende Soghaftigkeit. Das liegt zum einen daran, dass das Level- und Artdesign sich bessert und die simple Spielmechanik des Entdecken und Einsammelns trotzdem Spaß macht. Schließlich entfalten sich dann aber auch erst Story und die Ergebnisse eurer Handlungen. Ihr trefft mehr echte Charaktere mit Profil. Die Welt wird lebendiger. Mit zunehmender Spieldauer wird es so immer spannender eure Entscheidungsmöglichkeiten auszuschöpfen und deren Konsequenzen mitzuerleben und auch der Diney-Bonus summiert sich zu einem atmosphärisch tiefergehenden Eindruck, dank der coolen 2D-Level und der wundervollen Musik. Nichtsdestotrotz verschenkt „Micky Epic“ zuviel Potential, wirkt teils unpoliert, visionär nicht vollständig und spielerisch altbacken, darf aber für sich verbuchen, weit mehr zu sein, als die Summe seiner Teile und bekommt aufgrund seines faszinierenden Konzepts dennoch eine Kaufempfehlung. Die Maus ist vielleicht noch nicht cool, aber sie ist auf jeden Fall wieder interessant.
Bewertung
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Kommentare (15)
Jace
könntet ihr nicht, statt der Launch-Trailer, Gameplay-Videos in die Tests einbauen?
Leoneo
IM Carlos
Wie hat man mich gescholten als ich meinte Spector sollte doch besser an einem Ultima Underwolrd, oder System Shock Nachfolger arbeiten ...
richard50
Na vielleicht kommen dann wie bei GT5 ewig Patches raus : P
Cuberde
IceOnly2
anonymous86
Superfly71
Das Spiel ist klasse und eine willkommene Abwechselung im Actioneinheitsbrei. Und mal ehrlich: Es wird wertungstechnisch auf eine Stufe mit einigen Kinecttiteln gestellt und hier wird das simple Gameplay kritisiert? Okay ...
Turkishflavor
Johannes Krohn