Dissidia Final Fantasy
11:20 Uhr - Ein Beat’em up? Ein Rollenspiel? Hack-and-Slay-Taktik-Action-Fantasy-Irrsinn? In Dissidia schickt Square Enix legendäre Final Fantasy Helden und Bösewichte zum Endkampf in Genre-Neuland und erkundet dort gleich mal Ecken, die noch nie zuvor betreten wurden. Eine lohnenswerte Reise oder nur weitere überflüssige Franchise-Ausschlachtung?
Es ist ein herrliches Jahr für Prügelspiel-Fans! Wir haben das tolle Street Fighter IV bekommen, in wenigen Wochen trudelt The King of Fighters XII ein, welches bei der Auslandspresse allerdings eher enttäuschend abschnitt, doch dann dürfen wir im Oktober schon wieder mit Tekken 6 auf die Gamepads und unsere Kontrahenten einhämmern. Importfreude greifen gar noch zum Überraschungshit BlazBlue: Calamity Trigger. Und wem das immer noch nicht reicht, der gibt den nach wie vor fatal unterschätzen Bleach-Prüglern für den Nintendo DS eine Chance, deren zweiter Teil ebenfalls Anfang des Jahres den deutschen Videospielmarkt bereicherte. In dieser Woche gesellen sich sogar noch zwei weitere hochkarätige Namen hinzu. Und als wolle sie ihre ganz persönliche Flaute an reizvollen Exklusiv-Knallern endlich wieder aufbrechen und ihrem großen Konkurrenten zeigen in welchen Genres sie immer noch der Platzhirsch ist, erscheinen beide Titel auch noch ausschließlich für die Playstation Portable. Soul Calibur – Broken Destiny muss noch etwas warten. Den Anfang dieser Offensive macht Dissidia Final Fantasy. Allerdings mutet es beinahe falsch an das Spiel einfach so in die Riege der Beat’em ups einzuordnen, denn der Ableger von Square Enix größter Rollenspiel-Reihe ist ein komplexes Monstrum das definitiv sämtliche Genre-Grenzen sprengt. Und auch den Umfang dieses Test-Berichtes, wollte ich tatsächlich auf alle Einzelheiten eingehen.
Hier, dein erstes eigenes Schwert. Nun mach’ was draus!
Wir fangen mal gleich so an, wie es auch das Spiel tut. Den Begriff Einsteigerfreundlichkeit dürft ihr nämlich getrost aus eurem Wortschatz streichen. Stattdessen scheint Square Enix die Formulierung „Ins kalte Wasser werfen!“ perfektionieren zu wollen. Denn noch bevor es überhaupt ein Intro oder sonst irgendwas gibt, steht ihr auch schon mit dem Krieger des Lichts aus Final Fantasy I in einer Arena und eurem ersten Feind gegenüber. Kurze Hinweise zur Bedienung im Ladebildschirm sind erst mal alles was ihr mitbekommt und los geht’s! Ich hab’ es noch nicht einmal geschafft meinen Charakter in Bewegung zu setzen, da dessen Kontrolle standardmäßig auf den unsäglichen PSP-Analogstick gesetzt war, den ich standardmäßig ignoriere, worauf das Digi-Kreuz meinen Eingaben ebenso wenig Beachtung schenkte. Lustigerweise hab’ ich den Kampf trotzdem gewonnen. Die ersten Auseinandersetzungen in Dissidia sind ohnehin sehr leicht. Das ist auch gut so, denn bis ihr bei allen Menüs und Anzeigen durchblickt vergeht schon die ein oder andere Stunde. Zwar könnt ihr zu fast jedem Punkt ausführliche, nett gemachte Erklärungen nachlesen, die euch von neuen und alten Figuren aus den FF-Universen gegeben werden (z.B. Wedge und Biggs!), deren Fülle ist aber so reichhaltig, dass einem schnell der Kopf raucht. Anfänger werden allein vom umfangreichen Steuerungsschema komplett überfordert. Eine flotte Einstiegsrunde könnt ihr euch also abschminken. Es sei denn es interessiert euch nicht was zum Geier auf dem Bildschirm überhaupt vor sich geht.
Hier hast du ein Taschentuch. Schreibe die Geschichte darauf!
Scheinbar um das empfindliche Spielerhirn nicht zu sehr zu plagen, stellt die Story von Dissidia so ziemlich das genaue Gegenteil zum anspruchsvollen Gameplay dar: Cosmos, die Göttin der Harmonie und Chaos, der Gott der Zwietracht liefern sich einen ewigen Kampf. Es ist der typische, uralte Konflikt, der immer wieder unter anderen Namen ausgefochten wird, so wie die Gefährten gegen Sauron, Link gegen Ganondorf, Harry Potter gegen den dessen Namen wir nicht nennen und bestimmt auch nicht aufschreiben dürfen, Menschen gegen Maschinen, Presse-Sprecher gegen die Glaubwürdigkeit oder Johannes Krohn gegen die Steuerung von Metroid Prime Hunters. Lange scheint das Kräfteverhältnis ausgeglichen, doch dann gewinnt Chaos die Übermacht und Cosmos muss sich geschwächt zurückziehen. Nur eine Allianz aus zehn Helden kann den Anbruch der Finsternis noch abwenden, wenn jeder von ihnen seinen persönlichen magischen Kristall findet, um seine ganze Macht zu entfalten. ... Hm, Kristalle, welche die Welt retten?! Da haben wir wohl etwas zu tief in der Serien-History gewühlt und gleich mal das ultimative RPG-Klischee mit ausgegraben, was?! Die zehn sagenhaften Helden entstammen natürlich alle den Final Fantasy-Spielen, jeweils einer aus jedem Teil. Charaktere wie Firion (FF II), Cecil (FFIV) oder Bartz (FFV) sind wohl eher nur Hardcore-Rollenspielern bekannt, welche die alten 2D-Teile eventuell auf dem Game Boy Advance oder dem Nintendo DS nachgeholt haben. Cloud (FFVII), Squall (FFVIII) oder Tidus (FFX) sollten allerdings auch Nichtkennern der Serie etwas sagen, sofern sie seit der Einführung der ersten Playstation nicht im Kälteschlaf gelegen haben. Den Gegenpol bilden die bekannten Erzfeinde aus den Spielen. Fans freuen sich also auf ein Wiedersehen mit legendären Bösewichten wie Kefka (FFVI) oder Sephiroth (FFVII) und die Möglichkeit alte Duelle neu auszufechten oder völlig neue Konstellationen gegeneinander antreten zu lassen, etwa Bartz gegen Golbez oder Cecil gegen Jekkt. Eine Erklärung, wie die Recken aus den verschiedenen Teilen, die grundsätzlich alle in einer anderen Welt spielen, überhaupt zueinander finden konnten, bleibt Square Enix allerdings schuldig. Wie bereits angedeutet ist die Geschichte für ein Spiel das den Namen Final Fantasy trägt ohnehin enttäuschend schwachbrüstig ausgefallen. Im Story-Modus zieht ihr abwechselnd mit den zehn leider nur oberflächlich beleuchteten Helden durch je eines von zehn unterschiedlich schwierigen Kapiteln (plus einen Prolog-Abschnitt) und hört euch zwischendurch Anime-typisches, existentialistisches Geschwafel an, das kaum ernsthaft zu tiefgründigen Gedankengängen anregt. Es reicht aber aus, um die Missionen halbwegs angemessen und nicht völlig wortlos miteinander zu verbinden.
Hier, ein Foliant. Fülle ihn mit Spielinhalten!
Was Dissidia bei der Handlung fehlt, macht es durch seinen verschwenderischen Umfang wieder wett. Neben dem an sich schon recht langen Story-Modus, stehen zu Beginn im Hauptmenü noch Arcade, Schneller Kampf und der Multiplayer-Modus zur Verfügung. Arcade lässt euch mit traditionell mit vorgefertigten Charakteren in einer bestimmten Anzahl von Kämpfen antreten. Beim schnellen Kampf tragt ihr einzelne Matches mit individuell ausgerüsteten und gelevelten Kriegern aus, deren Werte und Errungenschaften dann auch im Story-Modus zur Verfügung stehen und andersrum, wobei ihr Kontrahent und Regeln selbst festlegt. Im Mehrspieler-Modus könnt ihr euch lokal mit euren fleißig trainierten Kämpfern im Duell gegen einen Freund messen. Diese Auseinandersetzungen lassen natürlich etwas die Ausgefeiltheit und Balance herkömmlicher Beat’em ups vermissen, da es aber sowohl auf Geschick, als auch auf die Charakterfähigkeiten ankommt, sind die Fights trotzdem durchgehend spannend. Sollte die Differenz dennoch einmal zu groß sein, dürft ihr auch hier auf vordefinierte Helden zurückgreifen, deren Kräfteverhältnis wesentlich ausgeglichener ist. Mit stetem Fortschritt gesellen sich noch weitere Spiel-Modi hinzu. Ebenso wie Charaktere, Kostüme, Galerien, Optionen, Bewegungsverbesserungen, Rüstungen, Waffen, Accessoires, Kampffertigkeiten und so weiter, deren Anzahl vermutlich nicht mal die Entwickler wissen.
Da ist der Böse. Mach’ ihn platt! Aber so, dass es gut aussieht.
Freigespielt werden die reichhaltigen Belohnungen in allen Spielmodi, Kernstück ist aber der Story-Modus. In diesem bewegt ihr eure Figur in jeder neuen Runde über eine Art Spielbrett, auf dem Gegner, Schätze und Items zu finden sind. Jeder Zug den ihr unternehmt verbraucht einen Vorsehungspunkt, von denen ihr nur eine vorgegebene Anzahl pro Runde besitzt, welche ihr aber durch das Erfüllen bestimmter Bedingungen, etwa einen besonders schnellen Sieg gegen einen bestimmten Feind, aufstocken könnt. Zwar seid ihr nicht zwangsläufig an die Vorsehungspunkte gebunden, in der Endabrechnung einer jeden Runde resultieren zu viele verbrauchte VP aber in weniger errungenen SP, mit denen ihr wiederum im SP-Katalog des Hauptmenüs die ganzen netten Extras kaufen könnt. Ihr müsst also schon überlegen, wohin der nächste Schritt gehen soll, wenn ihr die Spielfelder möglichst effektiv bereisen wollt. Gegenstände wie Rüstungen und dergleichen ersteht ihr hingegen direkt im Spiel mit gewonnenen Gil. Neue Fertigkeiten lernt euer Superkrieger automatisch in den Kämpfen. Diese präsentieren sich stets als One-on-One-Konfrontationen, die in großen 3D-Arenen ausgetragen werden, welche thematisch an Orte aus den Final Fantasy-Teilen angelehnt sind. Innerhalb der Gebiete dürft ihr euch frei bewegen. Ein Gefecht läuft immer in zwei Phasen ab: Durch spezielle Attacken müsst ihr eurem Gegner erst mal alle Mut-Punkte rauben, die dabei eurer Anzeige gutgeschrieben werden. Erst wenn er demoralisiert ist könnt ihr mit entsprechenden Angriffen echter Schaden anrichten. Doch die Mutpunkte laden sich wieder auf und wandern natürlich auch auf das Konto des Gegners solltet ihr Treffer kassieren. Anfangs sind die Begegnungen teils in unter zehn Sekunden vorbei. Später im Spiel bzw. im anderen Spielmodi werden die Fights aber wesentlich knackiger und dynamischer. Die Charaktere können nämlich neben Standardmanövern, wie ausweichen oder blocken auch richtig coole Aktionen, zum Beispiel an Wänden entlang laufen, auf speziellen Untergründen grinden und ... fliegen! Mit ein bisschen Übung gehen diese Artistikeinlagen so leicht von der Hand, dass die Kämpfe tatsächlich so rasant und spektakulär werden, wie man es in zahllosen Fantasy-Action-Animes a là Dragon Ball oder X oder dem bombastischen Intro des Spiels sieht. Dieses, sowie alle anderen der (seltenen) Render-Sequenzen zeigen sich wie immer in der typisch brillanten Square Enix-Qualität, die wohl nur noch in Blizzard-Spielen eine würdige Konkurrenz finden. Die meisten Cutscenes finden allerdings in der Spielgrafik statt. Das ist aber kein Grund zur Wehmut, denn optisch und akustisch zeigt sich Dissidia dann doch wieder des Final Fantasy-Titels würdig. Trotz hohen Tempos, detailprotzender Kämpfer und Effektorgien im Sekundentakt, ging die Hardware im Test nicht einmal in die Knie oder ließ sich auch nur zu Rucklern hinreißen. Die teils sehr stimmig, teils etwas trist gestalteten Arenen könnten zwar, ebenso wie die Mimik der Charaktere, etwas mehr Leben vertragen, aber auf dem Bildschirm geht ohnehin soviel ab, dass ihr gar keine Zeit hättet auf beiläufige Spielereien zu achten. Gesprochen wird häufig, aber nur auf Englisch und in zweischneidiger Qualität. Hin und wieder wirken einige Sprecher etwas steif und emotionslos, andere sind besser. Außerdem gehen deutsche Untertitel und gesprochener Text inhaltlich nicht immer konform. Die Unterschiede halten sich aber in Grenzen. In den Kämpfen wird ein vielseitiger Teppich aus passend klirrenden und spratzenden Soundeffekten geboten, die etwas mehr Volumen vertragen könnten. Musikalisch wartet Dissidia mit durchgehend sehr gelungenen Stücken auf, die zum Teil noch aus den RPG-Epen bekannt sind und Final Fantasy-Fans somit leicht ein Lächeln der Verzückung aufs Gesicht zaubern.
Pro und Contra
- + über 20 gute und böse FF-Charaktere ...
- + fetzig rasante 3D-Kämpfe
- + rollenspielartige Charakter-Entwicklung
- + Tonnen an Spielmodi und Features
- + endlose Mengen freispielbarer Inhalte
- + hochwertige Grafik- und Soundkulisse
- + komplexe, aber durchdachte Bedienung
- - ... die sich teils recht ähnlich spielen
- - lahme Handlung
- - für Einsteiger zu kompliziert
- - gelegentliche Kameraprobleme
Erst Anlaufschwierigkeiten, dann Spielspaß-Marathon
Ich könnte vermutlich noch mehrere Seiten zu Dissidia Final Fantasy schreiben. So blieben bis jetzt noch EX-Attacken, Bonustage, das Kolosseum, Nebenmissionen oder die Accessoire-Erschaffung unerwähnt und wahrscheinlich noch reichlich andere Sachen, die ich in der gewaltigen Fülle schon wieder vergessen habe. Square Enix hat die UMD zum Platzen vollgestopft. Das Spiel ist beinahe schon zu komplex ... für einen actionorientierten Titel. Und damit stellt sich auch die Frage für wen es überhaupt gemacht ist? Beat’em up-Fans wird vielleicht die mangelnde Stringenz und Balance beim Kampfsystem stören. Actionspieler werden eventuell die umfangreiche Charakterverwaltung zu mühselig und die Spielabschnitte zwischen den Fights im Story-Modus zu langwierig finden. Rollenspieler vermissen hingegen wohl den Abenteuerpart mit Welterkundung und starker Handlung. Am ehesten lässt sich Dissidia noch als RPG mit Echtzeit-Kampfsystem beschreiben, das um den eben genannten Adventure-Part beschnitten und somit auf Kämpfe und Heldenpflege reduziert wurde. Doch abgesehen von der schwierigen Einordnung ist es ganz einfach ein hervorragendes Spiel, welches zwar eine Weile an Einarbeitungszeit erfordert, aber mit jeder Minute mehr und mehr Spaß macht, da es mit schier endlosen Belohnungen auch nach über 20 Stunden noch zu motivieren weiß. Wer also jetzt noch eine längere Urlaubsreise plant und den passenden Handheld-Kandidaten sucht, findet zur Zeit kaum ein reichhaltigeres mobiles Spielerlebnis als Dissidia. Final Fantasy-Fans greifen schon allein wegen der zahlreichen Anspielungen zu.
Bewertung
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Kommentare (6)
MaxSchmerz
Robert Buch
The cake is a lie.
pb2007
eagel
aber sie ist trotzdem vertretbar die 8/10 ^^
Sir Archibal
Maz