Dragon Quest IX – Hüter des Himmels
Es passiert nicht alle Tage, dass ein Entwickler das Wagnis eingeht eine seiner größten Serien, abseits diverser Spin-Offs, in ihrem Hauptstrang tatsächlich auf einem Handheld fortzusetzen, anstatt die Power der stationären Konsolen auf die Probe zu stellen. Angesichts der Hardware-Verkaufsbasis hält sich das kommerzielle Risiko im Falle von Dragon Quest IX allerdings in Grenzen. Dennoch stellt sich natürlich die Frage, ob der neueste Teil der langlebigen Rollenspiel-Reihe, gerade im Vergleich zum vielgelobten Vorgänger auf dem DS Federn lassen musste oder doch unerwartetes Potential ausspielen kann?
Zeit für eine kurze Zeitreise: In der ersten Hälfte der 90er, als Mega Drive und Super NES die Konsolenwelt rockten gehörten japanische Rollenspiele zu den heißbegehrtesten Titeln für Fernsehzocker. Das hatte vermutlich zwei Gründe: Zum einen fühlten sich westliche RPGs auf dem PC ganz offensichtlich heimischer und machten nur selten einen Abstecher auf die Sega- und Nintendo-Systeme. Zum anderen blieb die Genre-Konkurrenz aus dem Land der aufgehenden Sonne meist gleich ganz zu hause. Die grafisch aufwendigen, episch ausschweifenden Abenteuer aus Fernost waren so ziemlich die einzigen Konsolenspiele, die eine lange, vielschichtige und emotionale Geschichte erzählen konnten, als jede Spielstunde noch Gold wert war, weil man sich nicht zweimal im Monat einen Titel gekauft hat. Die umfangreichen Lokalisierungsarbeiten für den verhältnismäßig kleinen deutschen (und oft auch den amerikanischen) Markt, waren den meisten Herstellern aber häufig zu aufwendig, bei scheinbar nicht allzu aussichtsreichem finaziellen Erfolg. Schon damals unverständlich, wenn man bedenkt wie Titel wie Secret of Mana, Illusion of Time oder Secret of Evermore (die zugegeben eher im Action-Adventure-Bereich anzusiedeln sind) dauerhaft die Charts bewohnten und heute ordentliche Sammlerpreise erzielen. Klassiker wie Final Fantasy III (also VI), Chrono Trigger oder eben Dragon Quest (aka Dragon Warrior) waren allerdings maximal noch den Amerikanern vorbehalten. Wieder in der Gegenwart angekommen, sieht der Markt heute freilich ganz anders aus. Die Heimkonsolen haben inzwischen fast jedes Genre assimiliert und J-RPGs sind in vereinzelten Fällen auch bei uns zu waren Kassenstürmern geworden, in deren Fahrwasser selbst viele Exoten, aber auch Rohrkrepierer noch zu uns rüberschwappen (die bei der Übersetzung jedoch oft immer noch stiefmütterlich behandelt werden), die sich aber auch den Vorwurf gefallen lassen müssen, sich nur schleppend bis gar nicht weiterzuentwickeln. In diesem Szenario erschien nun vor wenigen Wochen mit Dragon Quest IX – Hüter des Himmels die nächste Episode einer Serie, die seit jeher der altbewährten Formel besonders treu geblieben ist. Das hat dem Vorgänger nichts getan. Doch reicht es auch noch dieses Mal?
Sturz in die RPG Urzeit
Dabei fängt das Spiel gar nicht so traditionell an. Ausnahmsweise startet ihr nämlich mal nicht als kleiner, unbedarfter Junge in einem kleinen Dorf, der durch widrige Umstände in das größte Abenteuer aller Zeiten geworfen wird, sondern als ein, vom Allmächtigen bestimmter, mit Flügeln und Heiligenschein bestückter Hüter über die Menschen, den ihr im überaus spartanischen Editor sogar selbst gestalten könnt. Wahlweise als männlicher oder weiblicher Astral-Helfer versucht ihr nun den Sterblichen das Leben etwas leichter zu machen, indem ihr ihnen etwa verlorene Kostbarkeiten vor die Nase setzt oder sie auf ihren Pfaden vor Monstern beschützt. Eure Schützlinge können euch nicht sehen, wissen aber von eurer Existenz und für ihre ehrliche Dankbarkeit erhaltet ihr Benifizit, welches ihr im himmlischen Heim der Hüter, dem Observatorium, dem großen Weltenbaum Yggdrasil darbietet. Erhält dieser genug von dem magischen Stoff, so berichtet die Legende, wird er Früchte tragen und dann kommt der Heilige Zug und bringt alle Hüter wieder ins Reich des Allmächtigen. Natürlich ist es auch bald soweit und mit eurer himmlischen Gabe kann der Baum endlich gedeihen, der Zug rauscht heran und ... wird zerschlagen von einer gewaltigen Macht. Ein riesiger Blitz schlägt durch das Observatorium und schleudert unseren Helden in Richtung Erdboden, wo die Geschichte wieder ihren gewohnten Gang geht und er als kleiner, unbedarfter Junge, der nun auch sterblich ist, von einem kleinen Dorf aus aufbricht, um das erschütternde Ereignis aufzuklären und nebenbei natürlich neue Freunde kennenzulernen und unzählige Kämpfe zu bestreiten.
Geteilte Zeit, geteilter Streit, geteiltes Leid, geteilte Freud
Was hier ein bisschen langweilig klingt und sich tatsächlich zu Beginn auch etwas zieht, entwickelt sich zunehmend zu einer spannenden Geschichte, die alles hat was ein großes, wenn auch stets kindgerechtes Abenteuer braucht und ist, wie es auch sein sollte einer der Hauptmotivationsfaktoren des Spiels. Allerdings nicht ohne ein paar Abstriche: Dass die Hauptfigur kein einziges Wort sagt, hinterlässt häufig einen schon fast dümmlich-passiven Eindruck und macht sie eben nicht zur idealen Identifikationsfigur wie dieser Umstand gerne begründet wird. Auch die Nebencharaktere, wenngleich jeder individuell und weitaus besser ausgearbeitet entwickeln sich im Laufe der Handlung kaum weiter. Zum Vergleich hat das 15 Jahre alte Chrono Trigger die originelleren Typen und die vielschichtigere Story. Besonders Akira „Dragon Ball“ Toriyamas wie immer charmantes Charakterdesigns sorgt dafür, dass dennoch jede Figur reichlich Persönlichkeit ausstrahlt ... und sämtliche Gegner zumeist eher niedlich als furchteinflößend aussehen. Um die charakterliche Sparkost auszugleichen hat Dragon Quest IX jedoch ein Ass im Ärmel, das in dieser Form recht einzigartig sein dürfte: Einen waschechten Vier-Spieler-Koop-Modus. Hätten Videopieler sowas 1994 gehört, wären sie vermutlich vor Aufregung geplatzt. Heute ist das kooperative Vorgehen weiter verbreitet und durch MMOs auf die Spitze getrieben, was am Spaßfaktor des gemeinsam erlebten Abenteuers aber auch hier nichts nehmen kann. Einziger Wehrmutstropfen: Erst nach zwei bis drei Stunden des alleinigen Zockens kommt ihr ein Wirtshaus namens „Rastender Recke“, indem ihr euch dann mit euren Kumpels verbünden könnt. Interessante Randbemerkung aus der Rubrik „Nice to know“: In Tokio hat Square Enix eine Bar eröffnet, die äußerlich eben diesem Wirthaus gleicht und in der Speisen und Drinks mit dem Aussehen und den Namen von Tränken oder ähnlichem aus dem Spiel serviert werden, während der Dragon Quest-Soundtrack im Hintergrund düdelt und sich Besucher zu kampfstarken Partys in Dragon Quest IX zusammenfinden. Das nenne ich mal Hingabe zum Spiel. In unserem Land könnte es allerdings wiederum schwierig werden mehrere Freunde dazu zu bringen sich stundenlang vor den DS zu hängen, um ein derart umfangreiches Spiel zu meistern. Auch wenn sich die im Vorfeld angekündigte Zwei-Cartridge-Gigantomanie des Titels mal wieder als Marketing-Protzerei herausgestellt hat.
Schlachtplatte traditionale
Seid ihr also doch alleine unterwegs laufen die restlichen Charaktere brav hinter euch her. In den Kämpfen dürft ihr dann entscheiden, ob der Computer selbstständig nach taktischen Vorgaben agiert oder ihr lieber die volle Kontrolle sämtlicher Kämpfer übernehmt. Auseinandersetzungen laufen traditionell rundenbasiert, ohne „Active Time“-Hetzerei ab, sind aber längst keine Zufallsereignisse mehr. Die vielgestaltige Monsterschar wird willkürlich, aber stets sichtbar in der Landschaft platziert, gibt allerdings keine Auskunft über Größe und Stärke der Gruppe mit der ihr es schließlich aufnehmen müsst. Wenn sie euch sehen, nehmen sie häufig die Verfolgung auf. Seid ihr schnell genug, könnt ihr wegrennen. Manchmal helfen allerdings auch die flinkesten Füße nichts. Innerhalb der Kämpfe gingen die Entwickler allerdings keine großen Experimente ein. Befehle wie kämpfen, abweheren, Spezial-Fähigkeit oder Flucht bestimmen die Möglichkeiten. Anfangs sind die Scharmützel eher langweilig, weil im Vorbeigehen erledigt. Sobald die Party größer, die Gegner stärker und die verfügbaren Moves reichhaltiger werden, gewinnen auch die Kämpfe an Taktik und Format. Durch gewonnene Schlachten bekommt ihr Talentpunkte, die ihr frei auf bestimmte Gegenstandsbereiche verteilen dürft, etwa Schwert oder Fächer (!). Praktischerweise wird euch dabei immer angezeigt, wieviele Punkte ihr noch braucht, um die nächste Fähigkeit in dieser Gattung zu erlernen, auch wenn ihr vorher noch nicht wisst, was man damit eigentlich anstellen kann. Das macht das Aufleveln, neben der üblichen motivierenden Suche nach besserer Ausrüstung zusätzlich reizvoll, weil die vorausschauende Verteilung von Talentpunkten euch entsprechende Vorteile bescheren kann. Die Zugänglichkeit des Titels darf ohnehin ganz allgemein gelobt werden, zumindest im Vergleich zur Genre-Konkurrenz. Zwar müsst ihr anfangs noch ein wenig rumgucken, um die Zusammenhänge zu erkennen. Insgesamt sind Menüs und Spielmechanik aber übersichtlich und selbsterklärend. Die Anleitung darf getrost in der Packung bleiben.
Eine Quest für die Sinne
Augen und Ohren werden ebenfalls entsprechend des großen Namens bedient, wobei sich keine wahre Euphorie einstellen will. Die 3D-Grafik ist für DS-Verhältnisse und angesichts des enormen Umfangs beeindruckend und erfreulich abwechslungsreich und versprüht durch die putzigen Animationen Retro-Feeling der letzten Konsolengeneration, womit jetzt nicht der hier weit überlegene Vorgänger, sondern eher ein Spiel wie Tales of Symphonia gemeint ist und gewinnt vor allem durch die geschmackvolle Farbgebung viel Flair. Gerade die Zwischensequenzen profitiern auch von der Polygon-Optik, die ansonsten meiner Meinung nach spielrisch keine Punkte bringt. Einige Kullissen, besonders die Innenräume hätten jedoch mit mehr Blick auf Individualität gestaltet werden können. Häufig sehen sich einige Gebäude, gerade in den Ortschaften zu ähnlich, ohne das ihre Funktion oder der Charakter ihres Bewohners erkenntlich wären. Auf melodischer Ebene schwingt der überraschungsarme, aber treffende Soundtrack durch die Szenerie und das Spiel ist auch schon mal so krass euch einen 8 bit-Soundeffekt (!) vorzusetzen, was aber wohl eher als Ehrung der eigenen Wurzeln zu verstehen ist. Gesprochen wird über die gesamte Spielzeit übrigens kein Wort. Richtig schnieke sind allerdings, die, bei besonderen Ereignissen einsetzenden Zeichentrick-Cutscenes, im unverwechselbaren Toriyma-Stil. Insgesamt ist die Präsentation, wie auch der Rest des Spiels eine absolut runde Sache.
Pro und Contra
- + hat alles was ein gutes Rollenspiel braucht
- + gut ausgearbeiteter Mehrspieler-Modus
- + zeitlos-ansprechendes Akira Toriyama-Design
- + unterhaltsame Geschichte
- + ausgewogener Schwierigkeitsgrad
- + tolle Anime-Cutscenes
- + einsteigerfreundlich
- - profilloser Held und stereotype Nebenfiguren
- - schwimmt weitgehend noch immer in der spielerischen Ursuppe des Genres
- - Umgebungen mitunter austauschbar
- - zäher Anfang
Für die Geselligen unter den RPG-Traditionalisten
Ich muss zugeben, dass ich eine Weile gebraucht habe, um mit Dragon Quest IX – Hüter des Himmels warm zu werden. Anfangs hat mich das Spiel richtiggehend gelangweilt. Zu langer Prolog, mit zu vielen ereignislosen Gesprächen, zu viel Latscherei, alles schon mal gesehen. Doch sobald die Geschichte schließlich zugelegt hat und auch die Kämpfe langsam kniffliger wurden und schließlich die Auflevelsucht einsetzt, die mich einfach immer erwischt, kam auch die Freude. Und die lässt sich hier schließlich auch mit anderen teilen. Nach wie vor bin ich jedoch der Meinung das der ambitionierte Multiplay-Modus auf einer stationären Konsole besser aufgehoben wäre, denn die Möglichkeit überall mit Freunden gemeinsam ein echtes Rollenspiel bestreiten zu können ist zwar schön. Doch der Fokus auf den Mehrspieler-Part geht hier nunmal mit einigen Defiziten für Solospieler einher, siehe die eher flachen Charaktere. Ich will aber mal gar nicht zu viel meckern, sondern mich lieber ein gelungenes neues Handheld-RPG freuen. Und Dragon Quest IX macht eigentlich nichts richtig verkehrt. Geschichte, Aufmachung und das grundsolide Spielsystem zeigen einen Titel, der mit großer Sorgfalt geschaffen wurde und mit zunehmender Dauer immer mehr Möglichkeiten und feine Gameplay-Details eröffnet und somit auch den Spielspaß weiter in die Höhe schraubt. Auch wenn Hüter des Himmels kaum als Gral der Innovation die Videospielhistorie prägt und nicht den einnehmenden Zauber von Dragon Quest VIII versprüht, ist es durchweg ein charmantes und lohnenswertes Rollenspiel.
Bewertung
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Kommentare (6)
mojone
stimm dir mit den meisten punkten überein, aber die umgebungen finde ich für ein ds - game doch sehr gut!
Die Anime-Sequenzen finde ich auch toll, aber viel zu spärlich gesät!
review is gelungen :D
Fenix Fontaine
Super Review! Vor allem hinsichtlich dem eeeeewiglangem Prolog stimme ich dir zu, aber dann wirds echt Klasse.
Da fällt mir ein, dass ich DQ9 endlich weiterspielen sollte, aber Dragon Age frisst soooo viel Zeit...
Blackburn7
Clubfighter17
Naed