16.01.2007 13:14
Evil Dead - A Fistful of Boomstick
Ein Wochenendausflug in eine entlegene Waldhütte hat schon etwas Besonderes. Es gibt keinen Stadtlärm, keinen Stress mit dem Vorgesetzen und auch keine nervigen Nachbarn. Problematisch wird es erst dann, wenn die Natur plötzlich ein seltsames Eigenleben entwickelt und sich gegen die „Eindringlinge“ wendet. Bereits vor über 20 Jahren wurde dieses Grusel-Szenario effektvoll für die große Leinwand umgesetzt. Der erbarmungslose Independent-Horrorfilm The Evil Dead (Tanz der Teufel) machte Regisseur Sam Raimi (Spider-Man) und Hauptdarsteller Bruce Campbell über Nacht schlagartig bekannt und besitzt selbst heute noch eine eingeschworene Fangemeinde. Ist der Horror bei Konkurrenzfilmen wie The Blair Witch Project meistens subtiler Natur, so könnte der Unterschied zu Evil Dead nicht größer sein – die gesamte BPJS-Kommission bekommt sicherlich heute noch einen multiplen Herzanfall, wenn sie an die ungeschnittene Version von Tanz der Teufel 1 denken muss. Sobald nämlich aus dem Necronomicon Ex Mortis (dem Buch der Toten) die Passagen zur Wiederauferstehung des Dämons vorgelesen werden, icht unvorstellbares Chaos aus, das man nur mit einer Kettensäge oder einer Axt beseitigen kann. Eben Splatter pur.
Dank der großen Fangemeinde versuchte THQ schon einmal die populäre Horrorlizenz auf die heimischen Konsolen zu ingen. Doch anstatt vor einigen Jahren einen vernünftigen Resident Evil-Klon abzuliefern, gehörte Hail to the King eindeutig auf die Müllhalde des schlechten Geschmacks. Zwar begeisterte auch damals Bruce Campbell mit einigen neuen coolen Sprüchen, jedoch war das eigentliche Spiel himmelschreiend frustrierend und sehr durchwachsen designt. Wer sich einen rostigen Nagel in sein Knie bohrt, hat sicherlich mehr Spaß , als wenn man Hail to the King noch einmal spielen würde. Dass THQ lernfähig ist, haben sie nun mit A Fistful of Boomstick mehr oder weniger eindrucksvoll beweisen können. Erfreulicherweise dürfte nicht nur der Preis von 25-29 Euro für viele Fans ein Anreiz sein, erneut mit der blutgetränkten Kettensäge auf unzählige Monsterhorden loszugehen.
Im Grunde setzt die Handlung von Ashs neuestem Abenteuer kurz nach den Ereignissen aus Armee der Finsternis ein. Nachdem während einer Talkshow im örtlichen Kabelfernsehen die Tonbandaufzeichnung von Professor Knowby’s Necronomicon-Passagen ausgestrahlt wurde, öffnen sich in der Kleinstadt Dearborn die Tore zum Reich des Bösen. Schuld daran ist die Journalistin Trisha Pettywood und der mysteriöse Okult-Author Alex Eldrige. Im nu verwandelt sich die friedliche Stadt Dearborne im wahrsten Sinne des Wortes in einen Hexenkessel. Sanftmütige Bürger mutieren plötzlich zu Untoten (so genannte Deadites) und dürsten nach dem Blut der Normalsterblichen ("I swallow your soul!"). Wie gut, dass Ash noch immer auf seine doppelläufige Remington-Schrotflinte und seine Kettensäge zählen kann. Doch das kleine Städtchen Dearborn muss nicht nur in der Gegenwart gerettet werden, auch in der Vergangenheit haben die Deadites die Herrschaft übernommen. Während der nervenaufreibenden Zeitreise trifft Ash auf so manch skurrile Geschöpfe, aber auch auf einen seiner direkten Vorfahren. Nun liegt es an ihm, die Vergangenheit und Gegenwart wieder in Ordnung zu ingen.
Um in der Geschichte weiter voran zu schreiten, müssten neben der obligatorischen Dauermetzelei immer wieder kleine Miniaufgaben im altbekannten Action-Adventure-Stil erfüllt werden. Zwar handelt es sich hierbei nicht um die härtesten Kopfnüsse aller Zeiten, aber einige der Denksportaufgaben verlangen schon mehr Gehirnschmalz als nur simple Schlüssel zu finden – ansonsten bleibt Ash bereits im dritten Level hoffnungslos stecken. Es empfiehlt sich außerdem bei den (englischen) Konversationen genau hinzuhören – ansonsten verpasst man möglicherweise ein wichtiges Detail zur Lösung eines Problems oder viel schlimmer: einen guten Oneliner Campbells.
Kommen wir zu den Waffen: Hell, yeah – Evil Dead hat wirklich so ziemlich alles was man als Splatterfan erwartet. Um sich der übermächtigen Feindesschar zu erwehren, setzt Ash auf seine Shotgun aus dem S-Mart, die berühmte Kettensäge, eine Gattling Gun, einen Flammenwerfer, Pistolen, einen Spaten, ein Schwert aus der Zeit des Bürgerkrieges, dutzende Dynamitstangen und auch ein paar Molotov Cocktails. Die meisten Waffen erlauben den Einsatz verschiedenster Munitionsarten, die je nach Variante unterschiedlich starke Durchschlagskraft besitzen. Leider herrscht in Dearborne relativ häufig Munitionsknappheit, was den Spieler oft dazu zwingt neben den Distanzwaffen auch in den Nahkampf via Kettensäge zu gehen. Ein sehr cooles Feature bietet insbesondere die Shotgun, welche auch wahlweise "blind" über Ashs Schulter schießen kann. Groovy! Das Zielsystem ist erfreulich simpel ausgefallen, da jeweils der nächste Feind mithilfe des linken Triggers als Autotarget markiert wird. Auch die Bosskämpfe sind nicht allzu schwer und mit dem richtigen Timing spätestens beim zweiten Anlauf zu schaffen. Wer einmal mit der Spielmechanik warm geworden ist, schießt und schnetzelt sich relativ schnell durch die 6 großen Level von Dearborne. Mit einer Nettospielzeit von ca. 10 Stunden gehört Evil Dead zwar nicht gerade zu den epischsten Genrevertretern, aber dank des unkomplizierten Splatterspaßes holt man den Titel immer wieder gerne hervor, um noch einmal Bruce Campbells Geabbel zu lauschen.
Wer Armee der Finsternis gesehen hat, weiß wie gut Ash normalerweise mit Zaubersprüchen umgehen kann – nämlich gar nicht. Dennoch helfen dem schussligen Supermarktangestellten auf der Reise durch die verschiedenen Zeitebenen von Dearborn immer wieder zahlreiche dunkle Zauber. Beispielsweise gibt es effektive Possess-Sprüche, bei denen Ash kurzzeitig in einen fremden Charakter schlüpfen kann sowie einen Blitzzauber, mit dem man den Untoten eine ordentliche Ganzkörpermassage verpasst. Auch Erdbeben, ein kampferprobter Höllen-Hund oder Feuerstürme können herbeigeschworen werden. Einziger Nachteil der Zauber: in der Hitze des Gefechts sind oft die normalen Hand- und Feuerwaffen schneller und effektiver als die via Button-Kombo ausgelösten Zaubereien. Besonders nett ist die Egoperspektive der Possess-Zauber, die deutlich erkennbar von den Evil Dead-Filmen inspiriert wurde. Einige der kleinen Puzzles verlangen es üigens, den magischen Hokus Pokus sinnvoll zum Betreten verschiedener Räume einzusetzen.
Sobald man einen Abschnitt erfolgreich absolviert hat, darf man in einem freigeschalteten Arcademodus erneut auf die fröhliche Zombiejagd gehen. Viele Arcade-Aufgaben verlagen es vom Spieler, mit limitierter Munition eine bestimmte Zahl Untoter zu eliminieren, Zeitlimits zu knacken oder einige Gegenstände einzusammeln. Dieser Modus ersetzt zwar kein vollwertiges Spiel, ist aber ein netter Spaß für zwischendurch der die Langzeitmotivation noch ein Stückchen nach oben schraubt.
Let's move to the graphics: Ein Blick auf die Screenshots sagt mehr als tausend Worte. A Fistful of Boomstick schreit geradezu „Ich bin ein Multiplattformtitel - hab mich trotzdem lieb!“. Obwohl weder die durchwachsenen Texturen, der niedrige Polygoncount, noch die schwachen Spezialeffekte die Xbox in irgendeiner Weise fordern, so erfüllt die Grafik letztendlich ihren Zweck. Evil Dead ist ein düsterer Splatterspaß, der ohne Frameratenschwankungen dutzende Untote sowie eine verhältnismäßig große Kleinstadt ohne ständiges Nachladen darstellen kann. Teilweise wird sogar die Umgebung bei den Kämpfen in Mitleidenschaft gezogen. Ähnlich wie bei Hunter empfielt es sich Evil Dead nur nachts zu spielen. Nicht weil man sich dadurch besser gruselt, sondern weil man sonst kaum etwas auf dem Bildschirm erkennen würde. Auch wenn Ash von vorn betrachtet nur wenig Gemeinsamkeiten mit Bruce Campbell hat, so ist zumindest die Standard-Perspektive von hinten gut gelungen (auch wenn man sich gelegentlich wünscht, etwas mehr herauszoomen zu können, um die Übersicht zu verbessern). Der Titel erscheint hierzulande üigens komplett ungekürzt.
In Sachen abwechslungsreiches Leveldesign wird es bei Evil Dead definitiv zwei Spieler-Läger geben. Den einen wird es sicherlich nicht sonderlich gefallen, immer nur in ein und derselben Stadt herumzulaufen, den anderen ist jedoch die dicht erzählte Story wichtiger – und diese erzwingt es quasi, dass Ash nicht die Stadt verlässt, sondern lediglich die Zeitebenen wechselt. Das koloniale Dearborn besitzt zudem einige atmosphärische Waldabschnitte, welche jedem Hardcore-Fan sicherlich stark an Evil Dead 1 und 2 erinnern werden. Leider erweist sich die relativ große Levelstruktur gelegentlich als Spielspaßemse, da die viele Laufarbeit sicherlich nicht jedermans Sache ist. Immerhin darf der Spieler jederzeit abspeichern, sobald man eines der vielen Save-Icons aufgesammelt hat. Ärgerlich ist es allerdings, dass man manche Cutscenes (z.B. zu Beginn eines Levels oder Bossfights) nicht abechen kann. Schade ist ebenfalls, dass die CGI-Sequenzen etwas unbeholfen wirken, letztendlich aber noch akzeptabel ausgefallen sind.
Der Sound. Die Synchro. Der Hauptkaufgrund! Bruce Campbell seines Zeichens B-Moviestar auf Lebenszeit (Xena, Brisco County Jr.) leiht dem Antihelden Ash nun bereits zum fünften Mal seine markante Stimme. Zwar sind einige Oneliner etwas flach ausgefallen, aber die meisten Sprüche sind dermaßen lustig, dass man sich auf jede neue Zwischensequenz und auf jeden Zombiekill wie ein kleines Kind freut. Die Musik geht weitestgehend in Ordnung, auch wenn man keinen monumentalen Bombastsoundtrack erwarten darf. Allerdings ist das Überblenden der 2 Musikstücke pro Level nicht immer perfekt gelungen. Teilweise wirkt der Wechsel zwischen Suspense und Action extrem abgehackt. Die Soundeffekte der Waffen sind prima gelungen, vor allem die Kettensäge klingt herzzerreißend schön.
„We can take these Deadites, we can take`em...with science"
(Meinung » Alexander Wilke)
Evil Dead: A Fistful of Boomstick hat mich in vielerlei Hinsicht positiv überrascht. War der Vorgänger im Resident Evil-Stil noch eine mittelschwere Software-Katastrophe, so hat sich THQ die Kritik der Fans sichtbar zu Herzen genommen und das Spieldesign komplett überarbeitet (bzw. frech bei State of Emergency geklaut). Infolgedessen bekommt der blutdürstende Evil Dead-Fan endlich genau das was er erwartet: A Fistful of Boomstick ist quasi eine spielbare Fortsetzung der Tanz der Teufel-Filme mit der wohlbekannten Mischung aus markigen Sprüchen und hohem Metzelfaktor. Neben dem erwartungsgemäß hohen Body Count bietet Evil Dead zusätzlich noch einen mehr oder weniger umfangreichen Zauber- und Adventurepart, der die kurzweilige Schnetzelei deutlich aufwertet.
Abzüge in der B-Note gibt es allerdings für die schwache Grafik, die zwar mit megaflüssigen 60 Frames pro Sekunde läuft, aber die Multiplattform-Entwicklung zu keinem Zeitpunkt abstreiten kann. Auch das Fehlen einer Automap sowie bessere Hinweise zum Lösen mancher Rätsel werden besonders beim erstmaligen Spielen eines neuen Abschnitts schmerzlich vermisst. Mit einer gesunden Orientierungs- und Auffassungsgabe findet man sich auch irgendwann in Dearborn zurecht. Schade ist auch, dass auf einen auswählbaren Schwierigkeitsgrad verzichtet wurde. Einsteiger werden ganz schön zu knabbern haben, während Profis leicht unterfordert sein dürften.
Anyway, ich hatte mit Evil Dead sogar mehr Spaß als mit Hunter The Reckoning, was aber vor allem daran liegt, dass ich mich schon lange auf eine anständige Fortsetzung der Evil Dead Trilogy gefreut habe. Wenn Bruce Campbell seinem Sarkasmus freien Lauf lässt, gibt es einfach kein Halten mehr. Für 25 Euro sollten sich alle tanzenden Teufel und Campbell-Fans das kurze aber unterhaltsame Spektakel nicht entgehen lassen.