16.01.2007 13:12
Fila World Tour Tennis
Tennis-Fans durchlaufen in den letzten Jahren ein Wechselbad der Gefühle. Zwar flackert ab und an mal ein Lichtlein namens Tommy Haas oder Nicolas Kiefer auf, aber der richtige Boom will einfach nicht wieder kommen. Das Interesse an Tennis erreicht schon fast das einer Schachpartie der unterfränkischen Seniorenliga und demzufolge ist es auch verständlich, dass sich kaum ein Hersteller dazu überreden lässt, mal ein gutes Tennisspiel für eine Konsole zu coden. Vor kurzem muss allerdings ein geheimes Publisher-Treffen zum Thema "Tennis-Games auf Konsole" stattgefunden haben, denn wie sonst ist die Masse an bald folgenden bzw. bereits erhältlichen Tennis-Spielen zu erklären?
Nachdem wir schon vor kurzem Infogrames Slam Tennis getestet haben und auch schon die Kollegen aus dem Hause Vivendi (Tennis Masters Series 2003) und Konami (WTA Tour Tennis) auf ihren ersten Aufschlag warten, erreichte uns vor kurzem THQ's Versuch namens FILA World Tour Tennis.
Die schlechteste Nachricht gleich zu Beginn. THQ hat es leider nicht geschafft, sich einen lukrativen Lizenz-Deal unter den Nagel zu reißen. Auf gut Deutsch bedeutet das, dass ihr von Spielern wie Tommy Haas oder Anna Kournikova nur träumen könnt. Stattdessen erwarten euch uninteressante Phantasienamen. Ebenfalls nicht der Realität entsprechen die Schauplätze des Spiels. Original-Turniere à la Wimbledon oder French Open sind also in weite Ferne gerückt. Die einzige Lizenz im Spiel, ist die des Sportartikel-Herstellers FILA, bekannt für das große F als Logo. Gerade im Tennis-Sport ist der Branchenriese gut im Geschäft und nahezu jeder zweite Spieler trägt Sportswear dieser Marke. Doch FILA World Tour Tennis kann nicht nur mit dem Namen der Marke glänzen. Im Karriere-Modus des Spiels wurde alles auf diese Marke ausgelegt, ihr könnt zwischen diversen Schlägern, Schuhen oder auch Stirnbändern von FILA auswählen. Die Integration der Firma geht sogar so weit, dass nicht THQ das Spiel programmiert hat, sondern FILA selbst.
Ersten Grund zur Kritik gibt es schon bei der Präsentation des Spiels. Legt man die DVD ins Xbox-Laufwerk, erwarten einen zwar unzählige Produced by-Screens, aber ein zünftiges Intro gibt es leider nicht zu bestaunen. Natürlich lässt sich darüber streiten, ob ein Sportspiel wirklich ein Intro aucht, aber ehrlich gesagt ist so etwas heutzutage Standard. Doch auch die sonstige Präsentation des Games ist nicht gerade das Gelbe vom Ei. Die Menüs sind langweilig gestaltet, wir nehmen an, es handelt sich um erste Gehversuche eines Flash-Designers. Immerhin passt die Menü-Musik gut zur Sportart. Sagte ich Menü-Musik? Ich meinte natürlich In-Game-Musik. Ach nein, bei FILA ist das ja beides das gleiche. Jeder der schonmal ein Tennis-Spiel gezockt hat, dürfte wissen, dass Musikuntermalung während der Partie arg unsinnig ist. Was macht man also? Man geht ins Menü und stellt die Musik aus. Jetzt geht uns zwar während wir den Schläger schwingen keine Musik mehr auf den Wecker, aber im Menü fehlt sie auch. Sicherlich ist es fraglich, ob so etwas wirklich einen Kritikpunkt darstellen sollte, aber Fakt ist, dass das ganze Spiel durch solche unlogischen Denkfehler nur wenig Spaß bereitet.
Die Präsentation des eigentlichen Spiels setzt ebenfalls keine neuen Maßstäbe. Eigentlich gibt es nur vier Elemente, die sich auf dem Screen bewegen. Die zwei Spieler, die gelbe Filzkugel und der Kopf des Balljungen. Das wars dann auch schon. Natürlich kann man sagen, Tennis ist eine ruhige und konzentrierte Sportart, da wird nunmal während der Partie kein Samba getanzt. Aber muss denn so etwas Spartanisches im 128-Bit Zeitalter noch sein? Nicht einmal die normalen Laufbewegungen der Balljungen wurden ins Spiel integriert. So kommt natürlich nur schwer richtiges Tennis-Flair auf.
Einen Award gibt es für FILA World Tour Tennis dann aber doch noch. Und zwar den "Die schwachsinnigsten Wiederholungen in einem Sportspiel"-Award. In Abständen von ungefähr einer halben Stunde streuten die Programmierer kleine Wiederholungen ein. Leider zeigen diese rein gar nichts vom eigentlichen Spielgeschehen, sondern basieren darauf, das Gesicht eines Spielers für 3 Sekunden in Szene zu setzen. Auf wirklich nützliche Wiederholungen wie eine Linien-Kamera, die dem Spieler zeigt, ob der letzte Ballwechsel wirklich im Aus landete, wurde leider gänzlich verzichtet. Spektakuläre Ballwechsel kann man sich ebenfalls nicht erneut anschauen, da es keine manuelle Wiederholung gibt.
Glücklicherweise kann man vom eigentlichen Spiel wesentlich Positiveres berichten. Zwar ist FILA World Tour Tennis nicht der neue Gameplay-Gott unter den Tennis-Simulationen, aber richtig in den Sand gesetzt wurde die Spielbarkeit zum Glück auch nicht. Hat man einige Stunden (!!!) hinter sich, fängt man an, sich mit der Steuerung anzufreunden und erlernt Laufwege und Schlagtechniken. Ein Tipp an alle frischen Besitzer des Games. Spielt unbedingt zuerst den Multiplayer-Modus mit einem Freund. Der Einzelspieler-Modus kann leider nicht so überzeugen und vor allem bei fehlender Erfahrung überlegt man desöfteren, den Tennisschläger gegen den Fernseher zu schmettern. Schon auf normaler Schwierigkeitsstufe verliert man vor Frust mehr Haare als Andre Agassi und stöhnt mehr auf als Anke Huber zu ihrer besten Zeit. Der CPU scheinen Dinge zu gelingen, bei denen man selber verzweifelt aufgeben muss. Insgesamt gesehen muss man von einer missratenen KI sprechen. Einige Ballwechsel gestalten sich sehr unrealistisch und hinterlassen ebenfalls einen faden Beigeschmack.
Komisch ist nur, dass auch in diesem Bereich das Match gegen einen guten Freund die Lösung aller Probleme ist. Erst hier sieht man, wie spannend FILA World Tour Tennis eigentlich sein kann. Während die CPU fast nie ins Aus schlägt oder einen Aufschlag ins Netz haut, sorgen bei einem menschlichen Duell gerade diese kleinen Fehler für einen realistischen Touch.
Die Steuerung von FILA World Tour Tennis hinterlässt anfangs einen merkwürdigen Eindruck. Alle 4 Aktionstasten sind mit einem eigenen Schlag ausgestattet worden. Wenn man es genau nimmt, gibt es aber nur den normalen Schlag und den Lob. Schmetterbälle erkennt euer Recke von selbst und der Druck auf den A-Button lässt die Filzkugel je nach Situation mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit beim Gegner ankommen. Richtig gut spielt man aber erst mit den Schulterbuttons. Mit dem richtigen Timing lassen diese den Ball andrehen und ingen euer Gegenüber gehörig ins schwitzen. Einfach wunderbar anzuschauen, wenn ihr die Kugel mit einem schönen Bogen ganz knapp auf die Linie setzt und euer Gegner krampfhaft versucht, noch an den Ball zu kommen. Der Umgang mit dem Pad erweist sich aber auch bei Standards als äußerst schwierig. "Zur richtigen Zeit am richtigen Ort" passt hier wohl am besten. Bei jedem Ballwechsel sollte man zusehen, dass man richtig zum Ball steht und auch im richtigen Moment die passende Taste drückt. Ohne das richtige Timing und ein gutes Auge wird man nie in den Genuss kommen, den Siegerpokal in die Luft zu strecken.
Die Spielmodi in FILA World Tour Tennis lassen sich an einer Hand abzählen. Ein Arcade-Modus, bei dem man sich von Spiel zu Spiel nach vorne ackern muss, nach Wahl in 4 verschiedenen Schwierigkeitsstufen. Desweiteren gibt es den Punkt Quick-Match, bei dem ein einfaches Spiel ausgetragen wird. Einen Spieler ausgewählt, sich für Gras, Asche, Kunstrasen oder Hallenboden entscheiden und schon geht es los. Je nach Vorliebe im Doppel oder Einzel. Von einem Doppelspiel mit CPU-Partner und Gegner ist üigens abzuraten, mangelhafte KI x 3 sozusagen. Dann lieber doch 3 Freunde einladen und die CPU außen vor lassen. Das eigentliche Herzstück des Spiels ist aber der Karriere-Modus. Ähnlich wie bei Virtua Tennis habt ihr hier die Möglichkeit, euren Recken diverse Dinge wie Schmettern oder Zielgenauigkeit trainieren zu lassen. Ehrlich gesagt ist dieser Bereich des Spiels sogar besser ausgefallen als beim großen Vorbild. Üigens sollte man immer einen Blick auf sein Konto werfen. Die Teilnahme an Turnieren kostet Geld, das Training ebenfalls und neue Schuhe und Schläger fallen natürlich auch nicht kostenlos vom Himmel. Geht euer Kontostand unter Null, heißt es Abschied nehmen à la Boris Becker und ihr könnt die Tennis-Schuhe an den Nagel hängen. Eure Karriere wäre somit beendet.
Ein weiterer Pluspunkt gegenüber der Konkurrenz ist eindeutig die Möglichkeit, komplette Matches zu bestreiten. Bei FILA kann man tatsächlich über komplette 5 Sätze spielen, inklusive Tie-Break und allen anderen wichtigen Regeln. Schlechter hingegen schneidet die Optik des Spiels ab. Zwar flackert das Netz nicht, aber das war es dann auch schon an optischen Überraschungen. Die Spielermodelle wirken ein wenig kantig und die Gesichter einfach nur langweilig. Richtig Weltklasse sind nur die Animationen der Spieler. Ob nun das Hechten zum Ball oder das einfache Laufen. Den Vogel schießt dann aber der Aufschlag ab. Derart gut animierte Tennis-Spieler gab es auf Konsolen wohl nicht zu bewundern.
„Ohne Tommy macht's keinen Spaß“
(Eigene Meinung » René Held)
Da hatte ich mich wahnsinnig auf ein anständiges Tennis-Game gefreut und wurde durch einen bockschweren und langweiligen Single-Player-Modus abgeschreckt.. Zum Glück konnte ich aber jemanden überreden, mit mir ein kleines menschliches Duell zu starten. Danach sah die Sache schon ganz anders aus. Im Multiplayer-Modus weiß Fila nämlich durchaus zu gefallen. Im Endeffekt muss man wohl sagen: Singleplayer pfui, Multiplayer hui. Spielt man alleine gegen die CPU, ist das Gameplay häufig schlaffer als die Drähte eines zu oft benutzten Tennisschlägers. Präsentationstechnisch erinnert das ganze Drum und Dran eher an eine unfertige Beta-Version, als an Wimbledon oder French Open. Wenn dann selbst die Grafik nicht auf ganzer Linie zu überzeugen weiß, scheint der Weg auf das Siegertreppchen der Tennis-Spiele endgültig verwehrt: Ein durchschnittliches Spiel, das wohl kaum zum Systemseller avancieren wird. Da ingt auch eine, in meinen Augen völlig unsinnige FILA-Lizenz nichts. Die Tennis-Freaks lechzen nach originalen Spielernamen, authentischen Schauplätzen und einem der Realität entsprechenden Turnier-Ablauf. Von alledem hat das Spiel leider nichts zu bieten.
Wirklich schade drum, mal wieder verspielt ein Hersteller die Chance, ein wirklich gutes und "rundes" Tennis-Spiel auf den Markt zu werfen. Tennis-Fans dürften spätestens jetzt zwei Gebete gen Himmel senden. Einmal, dass das deutsche Tennis wieder erfolgreich wird und zweitens, dass Sega möglichst bald Herz zeigt und das überragende Virtua Tennis auf der Xbox veröffentlicht.
„Mängel in vielen Details“
(Eigene Meinung » Matthias Loges)
Im Gegensatz zu René messe ich dem Enthalten einer Originallizenz nicht unbdingt eine spielspaßfördernde Komponente zu, daher lasse ich dieses Argument auch nur unterschwellig in meine Wertung einfließen. Ich frage mich vielmehr, wozu ich neben dem Lob drei weitere Schlagvarianten bekomme, die sich effektiv kaum voneinander unterscheiden. Zudem greifen Richtungsbeeinflussungen des Balles so gut wie überhaupt nicht, ein cross geschlagener Ball über das gesamte Feld ist schlichtweg unmöglich.
Insgesamt haben sich die Entwickler offensichtlich an der aktuellen Tennis-Referenz Virtua Tennis orientiert, ohne ansatzweise deren Klasse zu erreichen - zu unausgereift ist das gesamte Gameplay. Zumindest grafisch wirkt FILA World Tour Tennis sehr sauber, allerdings fallen die staksigen Spieleranimationen in diesem Bereich stark ab. Zumindest im Xbox-internen Vergleich kann sich THQ's Beitrag zum Grand Slam-Zirkus als derzeitige Referenz behaupten, was angesichts der ebenfalls schwächelnden Konkurrenz allerdings auch kein Grund zur übermäßigen Freude ist.
Tennis-Fans, die nicht auf ein Dreamcast inklusive einem der Virtua Tennis-Teile zurückgreifen können, dürfen ein Probespiel wagen. Alle anderen hoffen auch weiterhin auf eine Umsetzung des Hitmaker-Klassikers für die Microsoft-Konsole.