Filmcheck: Mission Impossible - Phantom Protokoll
Kurz vor Weihnachten möchte Tom Cruise im Kino noch einmal beweisen, das er noch lange nicht zur Seniorenliga der Geheimagenten gehört. Das würden wir ihm auch sofort abnehmen, wäre seine vierte Mission als Ethan Hunt nicht von einem schwachen Drehbuch und extrem nervigen Produktplacement sabotiert werden.
Die Zeichen standen so gut. Im Grunde liebe ich alles, was mit Agenten zu tun hat. Als James Bond Fan liegt einem das förmlich in der DNA. Ob Jason Bourne, Harry Tasker, Sydney Bristow oder Ethan Hunt, im Action-Spionagegeschäft fühle ich mich einfach zu Hause. Und auch die Mission Impossible Filme konnten durchaus begeistern: Mein Lieblingsteil der Reihe ist natürlich der Erste, auch wenn die Wandlung von Jim Phelps zu einem Bösewicht schwer zu schlucken war und wohl nur mit einem Zitat aus "The Dark Knight" zu erklären ist: "Entweder man stirbt jung als Guter, oder lebt so lange, bis man selbst der Bösewicht ist". Selbst John Woo`s MI2 generiert immer noch Gänsehaut, zumindest bei dieser Szene, Hans Zimmer sei dank) Und äh, Teil drei, nun, also die Szene mit Philip Seymoure Hoffman im Flugzeug war ganz nett. Und Michelle Monaghan geht eigentlich immer. Nun aber erscheint Teil vier der Reihe ausgerechnet an meinem Geburtstag. Schicksal, Fügung oder schlechtes Omen?
Der Film beginnt vielversprechend: Wenn Ethan Hunt gleich zu Beginn aus einem russischen Gefängnis ausbricht, erleben wir einen Tom Cruise in Top-Form, der sich in physischer Sicht nicht hinter Daniel Craig verstecken muss. Von wegen zu alt. Das ganze ist schnell und aufregend inszeniert und endet im Mission Impossible Titelthema. Erfreulicherweise geht es dann auch gleich in diesem Tempo weiter und der erste Einsatz im Kreml baut sogar die selbe Spannung auf, wie die berühmte CIA-Abseil-Computer Aktion des ersten Mission Impossible Streifens. Leider kann der Film die Qualität der ersten 30 Minuten dann aber nicht mehr aufrecht erhalten, was vor allem am ideenlosen Drehbuch liegen dürfte.
Dabei hat Brad Bird, der Regisseur von Phantom Protokoll (war der US-Titel "Ghost Protocol" eigentlich wirklich so schwer verständlich für das deutsche Publikum?), bereits seine Erfahrungen mit guten Geschichten (Iron Giant) und Superhelden (The Incredibles), auch wenn es sich bei seinen Werken bisher immer um Animationsfilme handelte. Trotzdem ist es etwas enttäuschend, dass ihm für die zweite Filmhälfte nur die dutzendfach benutzte Story eines russischen Ultranationalisten einfällt, der mit einem Atomangriff auf die USA (witzigerweise direkt auf die Pixar-Firmenzentrale in San Francisco) den dritten Weltkrieg auslösen will. Und weil wir gerade bei Klischees sind: Auch dieser Film kann es nicht lassen, jedes noch so alte Klischee aufzuwärmen. Wir sind in Russland, also ein russischer Männerchor als Background-Musik. Wir sind in Dubai, also Kamele auf der Fahrbahn. Wären sie noch in Italien gewesen, wäre Ethan bestimmt die Uhr geklaut worden. Statt auf dem schiefen Turm von Pisa darf Tom Cruise als Ethan Hunt allerdings auf dem höchsten Gebäude der Welt, den Burj Khalifa in Dubai herumklettern. Das sorgt für spektakuläre Bilder, die wohl vor allem in IMAX Kinos gut zur Geltung kommen. Als Berliner kann man da leider nicht mehr mitreden, da die Cinestar-Gruppe das einzige Berliner IMAX in ein Pseudo-Luxus Kino mit normaler Leinwand umgebaut hat. Wer dann allerdings auf dei Idee gekommen ist, dass ein Sandsturm doch ein toller Ort für eine Verfolgungsjagd wäre, gehört gesteinigt. Kleiner Tip: Kino ist ein visuelles Medium. Nichts zu sehen macht keinen Spaß. Von Dubai aus geht es dann nach Indien, wo auch das Finale des Films steigt. Die Reisebudgets eines typischen James Bond Streifen dürften damit nicht erreicht worden sein.
Neben neuen Schauplätze gibt es aber auch zwei neue IMF-Teammitglieder zu bestaunen: Paula Patton und Jeremey Renner (der in seiner Rolle als Bombenentschärfer in "The Hurt Locker" bereits eine Oscar-Nominierung einfahren konnte). Paula Patton darf vor allem durch ein atemberaubendes Kleid im letzten Filmdrittel bezaubern, während sich Jeremy Renner bereits als potentieller Tom Cruise Nachfolger in Position schiebt, bzw. hängt. Seine Chancen stehen dabei gut, sieht er doch jetzt schon aus wie das geklonte Kind von Daniel Craig und Matt Damon. Der britische Komiker Simon Pegg ist wie in Teil 3 wieder mit dabei und darf einige witzige One-Line beisteuern. Fans der TV-Serie 24 werden sich über ein kurzes Wiedersehen mit Anil Kapoor freuen, der allerdings auch in Mission Impossible ein ähnlich trauriges Bild abgibt wie in der letzten Staffel von Jack Bauer. Dafür wirkt Michael Nyqvist (hierzulande als Mikael Blomkvist aus der Verfilmung der Millenium-Trilogie bekannt) als Bösewicht erheblich fehlplatziert. Er erreicht nie die nötige physische Präsenz, als das man ihm abnehmen könnte, eine echte Gefahr für Tom Cruise zu sein. Jemand der sich durch einen ganzen russischen Knast prügelt, stellt man keinen abgehalfterten Journalisten als Gegenspieler vor die Tür.
Alles in allem ist der Film jedoch gut besetzt und bietet auch einige Überraschungen, die ich natürlich nicht spoilern möchte. Doch auch wenn die Story ab einem starken Akten-Austausch in Dubai etwas nachlässt, bietet sie noch vereinzelte Highlights: So wird keine künstliche Beziehung zwischen Tom Cruise und seiner neuen Agenten-Kollegin aufgebaut und auch das Schicksal von Julia (Michelle Monaghan), Ethans Ehefrau aus Mission Impossible 3 wird auf sehr clevere Art behandelt. Besonders erfreulich: Auf die ewigen Running Gags mit Masken wurde komplett verzichtet, weil die Masken-Maschine des IMF-Teams zum Glück den Geist aufgegeben hat. Als weniger clever stellt sich aber die Partnerschaft mit dem Autohersteller BMW heraus, die den Film unnötig überschattet.
Spätestens mit der James Bond Reihe ist Product Placement auch im Actiongenre salonfähig geworden. Gerade in der Pierce Brosnan Ära musste der britische Spion fast immer notgedrungen BMW fahren und seinen Vodka Martini ausschließlich mit Smirnoff mixen (letzteres kann man ja noch nachvollziehen). Glücklicherweise wurde das in den vergangenen Filmen mit Daniel Craig wieder stark zurückgefahren. Umso verwunderlicher, dass sich Mission Impossible 4 nach drei recht werbefreien Teilen (okay, fast jeder Zweiradfan träumte wohl nach MI2 von einer Triumph Speed Triple) nun völlig den Bayerischen Motorwerken verschrieben hat. Sind die Szenen in Dubai noch zu ertragen, wo eine Verfolgungsjag ausschließlich in BMW-Modellen statt findet, wird es im letzten Filmdrittel fast unerträglich: Nicht nur, dass Ethan Hunt unbedingt einen BMW Prototypen durch die Gegend fahren muss, nein, der Dritte Weltkrieg wird im Grunde durch die sichere Fahrgastzelle eines 1er BMWs verhindert.
Mission Impossible 4 ist ein Wechselbad der Gefühle: Der Film fängt spannend mit der typischer Mission Impossible Gewitztheit an und wird dann immer beliebiger in der Auswahl seiner Actionszenen und Drehbuchwendungen. Der Film bietet eine überzeugende schauspielerische Leistung von Tom Cruise, stellt ihm aber einen blassen und unspektakulären Gegenspieler ins Haus. Nach den spektakulären Kletter-Szenen in Dubai zur Hälfte des Films werden die Actionszenen immer langweiliger und unspektakulärer, die neuen Nebenfiguren immer klischeehafter und das BMW Productplacement nimmt zum Ende gar groteske Züge an. So waren für mich vor allem die Kampfszenen mit Cruise ein Genuss, dessen Badass-Attitüde Daniel Craig in nichts nachsteht und der den Stuhl nicht zu früh für Jeremy Renner räumen sollte. Für den restlichen Film gilt leider, dass es ihm nicht gelingt, über den schon nicht so tollen dritten Teil des Franchises hinaus zu wachsen. Nette Action, schöne Schauplätze und ein paar witzige Dialoge reichen allerdings nicht aus, um die elegante Atmosphäre und spannende Geschichte des ersten Teils zu erreichen. Hier verpasst es das Mission Impossible Franchise leider, sich nach dem enttäuschenden Bond-Streifen "Ein Quantum Trost" für kurze Zeit die Spionage-Action Krone zu sichern.
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Kommentare (34)
richard50
Also auch wenn das manche anders sehen, ich finde den 3. Teil echt geil!! Klar, der 1. war "anders", aber ich finde persönlich den 3. Teil mindestens so gut, wie den 2.!
S€llfish
Tom Cruise = NO GO!
richard50
Are you ready for Mission Scientology?
Oder um es mit den Worten von Cruise zu sagen: Wollt ihr das wir die Welt säubern? ; )
Saibot
Das manche immer noch mit diesem Scientology Zeug anfangen...
Lasst ihn doch machen was er will, mich interessiert das nicht die Bohne. Ich will mir einfach nur einen Kinofilm ansehen. Wenn ich die Persönlichkeit und die Interessen von jedem Schauspieler, Entwickler etc. hinterfragen würde, bliebe wahrscheinlich nicht viel übrig.
@topic: Yes, Filmcheck! :)
richard50
Naja, wenn du dich mal im Web ein wenig umhörst, dann erfährst du, das in Hollywood schon einige prominente dabei sind!
Und ganz ehrlich, das er immer einen Helden spielt, ist ja auch kein Zufall!
Fakt ist: es gibt verdammt gute Schauspieler, die charkterlich Arschlöcher sind. Da wirst du mir wohl Recht geben, oder?
Matt1980
Also für mich ist der Film wichtig - was Cruise privat macht und welche Ansichten er vertritt, kann mir egal sein. Erwarte von den Filmen nicht viel und scheinbar wird die Erwartung auch erfüllt. Mit "Mission Impossible" haben diese Actionfilme für mich sowieso nur den Namen gemeinsam. Ist für mich ein Film zum Ausleihen für einen Popcorn-Abend - nicht mehr und nicht weniger.
Thanatos
Seh ich genauso wie Saibot.
Man kann ja Tom Cruise als Schauspieler nicht mögen, aber ihn wegen Scientology zu verachten, ist echt ein bisschen heuchlerisch, vor allem wenn man bedenkt, dass z.B. dem Christentum quasi jede Tür geöffnet wird, obwohl dieses jahrhundertelang quasi das Monopol auf Gewalt, Mord und sonstiges Verursachen von Leid hatte. Darüber sehen die meisten aber gerne hinweg. Ich find Scientology scheiße wie jede andere Religion, aber das ist echt lächerlich!
Alexander Laschewski-Voigt
Zumal die Scientology-Gegner dann konsequenterweise auch kein Pulp Fiction sehen dürfen (wegen John Travolta),und auch kein King of Queens (wegen Leah Remini). Ich sehe es wie die meisten: Ob die Leute privat in einer Sekte sind, Blut trinken oder andauernd Kinder adoptieren ist egal. Was zählt ist auf der Leinwand. Und da gehöre ich auch zu den Tom Cruise Fans.
Der Papa
Ich bin froh, dass ihr endlich mal wieder eine Filmkritik schreibt. Bitte schenkt dem Thema wieder mehr Beachtung wie im letzten Podcast versprochen. Das ergänzt euer Themen-Portfolio sehr gut und hat sowohl die Seite als auch die Podcasts für mich immer noch interessanter gemacht.
Und zum Thema Tom Cruise muss ich mich Alex anschließen. Ich mag ihn als Typ nicht, aber als Schauspieler überzeugt er meistens und das kann ich klar trennen.
Valium
Der Film ist so gut, dass Cruise NACHWEISLICH in mind. 5 Ländern, bei der Filmpremiere bzw Filmvorstellung ein paar Hanswürste geschmiert hat die mit Fanplakaten vor den Veranstaltungsgebäuden standen und so taten, als wären sie hin und weg von Cruise und dem Film !!! In einem dieser besagten Länder (glaube war irgendetwas indochinesisches, wussten die bezahlten "Fans" nicht einmal wer Tom "Der Schmierlappen" Cruise überhaupt ist.
Ausser Vanilla Sky fand ich alle Filme von ihm einfach nur durchschnitt... Ist halt, wie so vieles, Geschmackssache