Filmkritik: District 9
20:45 Uhr - Dass Neill Blomkamp einstmals von Peter Jackson als Regisseur für den mittlerweile "verstorbenen" Halo-Film auserwählt wurde, wisst ihr natürlich. Die Story ist bekannt, schon mehrfach hier durchgekaut worden und darum wollen wir uns damit nun auch nicht noch mal herumplagen. Die Frage, ob Blomkamp denn nun der passende Mann für das Projekt gewesen wäre, hat er bekanntlich schon selbst mit ein paar grandiosen Kurzfilmen beantwortet. Ich kann mich hier also angenehmer Weise ganz darauf konzentrieren, euch meinen Eindruck von genau dem Film zu liefern, der als spirituelles Folgeprojekt von Produzent und Regisseur aus der Halo-Asche erwachsen ist: District 9.
Gordon Shumway wird auch gerne ALF genannt, er kommt vom zerstörten Planeten Melmac und frisst am liebsten Katzen. Da sind uns die “Prawns” doch tatsächlich etwas lieber. Die stehen nämlich ganz bescheiden eher auf Katzenfutter und würden am liebsten wieder zurück auf ihren eigenen Planeten düsen. Scheinbar hängen die Rieseninsekten mit Zangenhänden allerdings als interstellare Gestrandete auf der Erde, genauer gesagt in Johannesburg fest und gammeln seitdem, uns Menschen mehr schlecht als recht, in einer Art umzäunter Slumsiedlung herum. Gut, wir haben sie reinen Interesses halber aus ihrem riesigen, kaputten Raumschiff gezerrt und damit in die Armutshütten gezwungen... aber hey, war gut gemeint! Fragt man die Leute auf der Straße, sind die ungewollten Besucher allerdings trotz aller "Gastfreundschaft" eher heute als morgen wieder vom Erdboden verschwunden. Dass sie überhaupt samt Alibi-mäßigem Integrationsverfahren (sie bekamen z.B. alle menschliche Vor- und Nachnamen verpasst) in den Flüchtlingssektor ziehen durften, ist vor allem der privaten Organisation MNU zu verdanken. Natürlich nicht aus „humanitären“ Gründen, von Anfang an erhoffte sich der weltweit größte Rüstungskonzern vom „ersten Kontakt“ ungemeinen technologischen Fortschritt... speziell auf dem Gebiet wirkungsvoller Waffen. Der blieb jedoch auch 28 Jahre nach gewaltsamer Öffnung des Alienschiffs noch aus, da die tatsächlich verheerend mächtigen Waffen der Prawns biologisch abgesichert sind und sich deswegen nicht von Menschen bedienen lassen. Aufgrund immer weiter anschwellender Konflikte zwischen außerirdischen und menschlichen Einwohnern, speziell angeheizt durch eine mächtige nigerianische Untergrundgang und gewaltsame Militärpräsenz, plant die MNU eine Umsiedelung der Aliens in ein überdimensioniertes, steriles Zeltlager, welches später im Film viel treffender Weise als „Konzentrationslager“ bezeichnet wird. Klar, die MNU mag gerne intensiver an den Körpern der Prawns forschen.
Woher ich das alles so weit und so detailliert wissen will? Nein, ich habe vorab keine kleine Broschüren über den Film gereicht bekommen, sondern schlicht das lange Pseudo-Doku-Intro von District 9 genossen. Der atmosphärische Einstieg des Films zeigt fiktive Interviews, Archivmaterialien und Feldberichte auf eine sehr authentische Art inszeniert und lässt einen dabei gar nicht erst merken, wie absurd das Gezeigte doch teilweise ist. Das meist ulkig-rustikale Verhalten der Prawns, die sich auf der Erde nur sehr unbeholfen in rudimentäre Ansätze menschlicher Lebensweisen zwängen lassen (wollen) und die hilflos-militante Art der MNU-Truppen amüsieren auf die gleiche Art wie die überzogenen Nachrichtensendungen aus Starship Troopers, ohne dabei aber so sehr in Slapstick abzudriften. Letztendlich gelingt der Spagat zwischen glaubhaftem Ambiente und grotesken Situationen so gut, dass man den stilistischen Übergang zur eigentlichen Story, rund um einen gewissen Wikus van de Merwe, kaum bewusst wahrnimmt. Ehe man sich versieht kommt der Leiter des besagten Umsiedelungsprogrammes nämlich bei einer Routinedurchsuchung in Kontakt mit einem mysteriösen Experiment, das ihn schrittweise in bester „Die Fliege“-Manier zum Mischling aus Mensch und Prawn werden lässt. Ganz, ganz ungünstig für ihn, denn nun will die MNU seinen Körper, ob tot oder lebendig, zu Forschungszwecken sezieren, während eine Gruppe religiöser Krimineller glaubt, dass der Verzehr seines Krallenarms zu göttlicher Macht verhilft. Vor gefühlten zwei Minuten hat van de Merwe sich noch mit der von ihm angeordneten Verbrennung eines Hauses voller Prawn-Nachwuchseier belustigt, jetzt ist er der meistgesuchte Mensch der Welt und er kann sich nur noch an einem Ort verstecken: Dem District 9.
Was bis hierhin in jeder Hinsicht verspricht, das Zeug zum „Sci-Fi“-Klassiker zu haben, beginnt etwa ab diesem Punkt sein ohne Frage vorhandenes Großpotenzial zu verschenken. Der Hybrid wider Willen tut sich zufallsgesteuert ausgerechnet mit dem Prawn zusammen, dessen Experiment für seine ungünstige Lage verantwortlich ist. Der Außerirdische braucht das bei dem Missgeschick konfiszierte Gerät zurück, um sein 20 Jahre in Entwicklung befindliches Werk (mehr dazu wäre zu viel gespoilert) zu vollenden, van de Merwe vielleicht sogar wieder zurückmutieren zu lassen und sein Volk samt kleinem Sohn damit nach Hause zu bringen. Alles in allem eine ausweglose Situation, die das Drehbuch mit der plötzlichen Rekordgeschwindigkeitsentwicklung des vormals komplett tollpatschig-naiven Hauptdarstellers zu einem Selbstmordkommando-Rambo löst. Langweilig wird das bis zum Finale mit Mech-Kampfroboter und jeder Menge platzenden Köpfen ausgeschmückte Actionfest zwar nie, einfach schon weil es optisch verdammt schick gemacht ist, bloß die bis zur Filmmitte so überlegt erzählte, fesselnde, ja sogar zum Nachdenken anregende Handlung verkümmert dabei urplötzlich fast komplett. Wikus van de Merwe verwandelt sich nicht nur von einem liebenswerten Idioten in einen Prawn, sondern auch in einen 08/15-Actionhelden, dessen Schicksal mich trotz bemüht anrührsam inszenierter Schlusszene so nicht mehr richtig packt. Auch der Handlungsstrang über den Außerirdischen “Christopher Johnson” und dessen kleinen Sohn verläuft zu konventionell, gar leicht klischeebehaftet, womit er bei mir in keiner Weise mehr solch einen starken Eindruck wie das interessante erste Drittel des Filmes hinterlassen konnte.
Letztendlich habe ich die Pressevorführung von District 9 (regulärer Kinostart: 10.09. 2009) mit dem positiven Gefühl verlassen, einen ziemlich gelungenen Unterhaltungsfilm gesehen zu haben. Der Actionfan in mir kam mit herrlich splatterhaften Körperexplosionen im Stil „Wassermelone“ auf seine Kosten. Der Filmtechnikfan dagegen erfreute sich vor allem an den (trotz vergleichsweise schmalem Budget von $30 Millionen) beeindruckend realistisch ins Gesamtbild eingefügten CGI-Effekten, die selbst im Falle der organischen Aliens cinematographisch verblüffend an die Realaufnahmen angeglichen wurden. Nur der „Sci-Fi“-Fan in meinem Herzen trauert ein wenig dem Film hinterher, der District 9 mit noch etwas mehr Augenmerk auf den späteren Verlauf der Story hätte werden können. Je mehr Neill Blomkamps Kino-Debüt zum Shoot’em’Up-Movie wurde, umso weniger wollte mich sein bis dahin intelligentes und vielschichtig wirkendes Universum noch faszinieren. Und je mehr sich der oberflächlich gelungene Actionpart mit immer vorhersehbarer werdendem Ende langsam abnutzte, umso mehr grobe Ungereimtheiten kamen mir schon beim Gucken bezüglich der ganzen Situation in District 9 in den Sinn. Ungereimtheiten, nach denen ich mich nie im Leben zu Fragen begonnen hätte, wäre die Handlung des Films fortwährend so packend wie am Anfang geblieben. Dass mir District 9 trotzdem eine Empfehlung für jeden Filmfreund wert ist, liegt nicht nur an der handwerklichen Güte des kompletten Werkes. In vielen Bereichen schafft Neill Blomkamp es, seinem ersten großen Kino-Auftritt einen eigenen Stempel aufzudrücken, der ihn nicht nur im „Science-Fiction“-Segment als sehr individuelles Filmerlebnis hervortut. Außerdem zeigt District 9 sehr schön, wie man auch einem großen Publikum ziemlich ernste Themen mit regelrecht grausamem Hintergrund (siehe Extrakasten unten) näher bringen kann, ohne ihm gleich das Nagelbett für die Seele auf dem Kinosessel auszubreiten. Blomkamp und sein prominenter Gönner Peter Jackson mögen sich im letzten Drittel ganz und gar der jugendlichen Spielzeug-Action-Fantasie-Orgien-Opera hingegeben haben, ein Grundgedanke ging ihnen selbst dabei aber nie abhanden: Ersetze die Prawn im Film durch Menschen und die Geschichte hätten den gleichen Verlauf genommen.
District 6 - Die bittere Wahrheit
Genau wie auch schon die unter Neill Blomkamps Beteiligung entstandene Kurzfilmsammlung "Alive in Joburg" ist auch District 9 im Grunde eine modern inszenierte Parabel auf die Rassenunruhen im Heimatland des in Südafrika geborenen Regisseurs. Zwar kann man aus den Geschehnissen im Film viele Schlussfolgerungen bezüglich der Themen "Rassismus" und "Armut" allgemein ziehen, nicht zuletzt wegen des Titels besteht allerdings in erster Linie eine direkte Verbindung des "Sci-Fi"-Stoffes mit der tragischen Geschichte rund um das District Six, dem ehemaligen sechsten Bezirk von Kapstadt. Aus dem inzwischen zu Brachland gewordenen Gebiet wurden ab Anfang des 20. Jahrhunderts in Folge der aufkeimenden Ausgrenzungspolitik immer mehr dunkelhäutige Bewohner vertrieben. Das vormals als neue Heimat für Künstler, einfache Leute und freigelassene Sklaven populär gewordene Bezirk verarmte nach dem als Reaktion darauf hervorgerufenen Wegzug der wohlhabenderen Bevölkerungsschicht immer mehr, was die damals zuständige Regierung zum Anlass nahm, um im Jahre 1966 die Zwangsumsiedlung der bis dahin fast ausnahmslos farbigen Einwohner zu befehlen. Im kurzerhand zur "weißen Zone" ernannten Gebiet wurden nach gesetzlich verordneter Vertreibung der Bewohner alle Gebäude abgerissen. Wie Wikipedia weiter schildert (die englischsprachige Version des Artikels ist deutlich ausführlicher), waren bis 1982 mehr als 60 000 Menschen von der Umsiedlung in die so genannten Townships, auf einer Sandebene östlich Kapstadts, betroffen. Jene Townships sind es als Idealbild der in District 9 adaptierten Apartheidspolitik letztendlich auch, denen das Alien-Slum vom Konzept her am erschreckend ähnlichsten kommt. Und das liegt nicht zuletzt daran, dass Blomkamp große Teile seines Filmes an Originalschauplätzen in südafrikanischen Armutsvierteln drehen ließ.
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Kommentare (21)
Minuterush
Alexander Kaphahn
dmXbox
ist nicht ganz richtig, es existierte bereits ein kurzfilm von blomkamp mit diesem thema... und dann kam halo...
Tails
Es ist nunmal kein Sci-Fi sondern einfach ein Mix aus Drama, Thriller und Action. Wie Daniel bereits sagte, hätte man die Prawns durch Menschen ersetzt... und so kam mir der Film auch erst vor. "Boah, Moralkeule in disguise! Braucht keiner, wenn das so weitergeht schalte ich aus."
Doch dann kommt unser höchst naiver, unsympathischer Antiheld mit dem außerirdischen Stoff in Berührung und beginnt zu mutieren. Ab da war ich absolut begeistert; nunja, die ein oder andere Hollywood-typische Stelle a la "Wir sind die Pösen und foltern dich für Waffentechnik" oder "Schatz, mir geht's gut... eh... ich verwandle mich auch gerade nicht in ein Alien und dein Dad ist auch kein geldgieriger Mörder" oder "Hey, Krabbe... ich scheiß auf unser Abkommen, ich bin nur ein standardtisierter Stereotypen-Arsch von Mensch" *mal wieder zum Thema* hat mich dann doch etwas abgeschreckt. Aber es ist eben kein Film perfekt, und District 9 kommt schon sehr nahe an eine 9/10 od. 10/10 heran - auch wenn man die Prawns einfach durch einen Haufen Afrikaner hätte ersetzen können >.>
miguel2009
CeeKay
Daniel Pook
Zocker 3000
paulfect
Als nächstes bitte
Helikoptermann 2: Rückkehr des Kreiselfickers ;).