Filmkritik: SALT
"Agentin 00 Sex", so nennt die BILD-Zeitung Angelina Jolies neuste Rolle: Evelyn Salt. Klingt das nicht nach dem perfekten "Regel Nr. 2"-Film mit der perfekten "Regel Nr. 2"-Besetzung? Verdammt, ja! Ist es aber leider nicht geworden, wie ihr nun in unserer Filmkritik nachlesen könnt.
Worum geht's?
CIA-Agentin Evelyn Salt ist hübsch, beruflich erfolgreich (die beste Verhördame im ganzen Land) und kurz davor zu heiraten. Da kommt der russische Überläufer Orlov ja gerade Recht... nooooot! Vor den Augen und Ohren von Frau Saults Geheimdienstkollegen plaudert der mysteriöse Mann von einem gewissen "Tag X", einem Komplott rund um ein geplantes Comeback des kalten Krieges (der Film spielt um 2011 rum) und von einer Doppelagentin in den Reihen der CIA. Einer Doppelagentin namens... dadadadadadadam... Evelyn Salt, welche den russischen Präsidenten in wenigen Tagen auf U.S.-amerikanischem Boden umbringen würde. Wie pikant. Was folgt ist selbstverständlich Salts Flucht vor den eigenen Kollegen und eine weitere Story rund um die Frage: Wer ist sie denn nun wirklich? - Na ja, schön wär's. Die doppelten Böden von SALTs Story werden nach interessantem Beginn schnell entweder extrem durchsichtig - weil der Film sie auch stets mit viel zu offensichtlichen Anspielungen zerdeppert - oder sie sind so bescheuert, dass man sie nicht auf sich zukommen sah, weil sie... ja, zu blöde sind als dass man sie vorweg wahrhaben wollte. Das alleine hätte kein Beinbruch sein müssen, würde SALT nicht so konsequent versuchen, sich selbst extrem ernst zu nehmen und tatsächlich eine intelligente, spannende, wendungsreiche Polit-Thrillerstory zu erzählen. Der Film will immer wieder demonstrativ zeigen, dass er sich für cleverer als seine Zuschauer hält, während man als Zuschauer nur seine Augen verdreht und vor sich hin kichert. Das fühlt sich ungefähr so an als würde ein Fünfjähriger einem stolz 'nen Zaubertrick vorführen, mit Karten auf denen das "Mickey Maus Magazin"-Logo abgedruckt ist und Hemd-Ärmeln aus denen acht Asse herausgucken.
Was ist nur aus Kurt Wimmer geworden?
Den Autoren des überall in schlecht zusammengeklauten Drehbuchs von SALT werden die meisten Leser wohl als Regisseur und Scriptschreiber des Kulthits Equilibrium kennen. Leider hat sein Folgefilm Ultraviolet gezeigt, dass ein fantastischer Low-Budget-Hit mit Tiefgang, Einfallsreichtum und effizientem Einsatz günstig produzierter Spezialeffekte nicht davor bewahren kann, einen sowohl stilistisch als auch inhaltlich grauenhaft miesen Streifen für deutlich mehr Geld hervorzubringen. Doch auch wenn SALT erneut ernsthaft am Drehbuchschreibvermögen des Herrn Wimmers zweifeln lässt, vergisst man schnell: Er war auch für das starke Script des Agenten-Thriller-Geheimtipps Der Einsatz, des durchaus ordentlichen Die Thomas Crown Affäre und der atmosphärischen Film-Adaption von Sphere verantwortlich. Hoffen wir also, dass SALT bloß ein neuerlicher Ausrutscher war, denn als nächstes steht bei Kurt Wimmer unter anderem eine Neuauflage von Total Recall auf der "To do"-Liste...
Eine Frage der Action: Mehr Bourne oder A-Team?
Selbstredend ist Jason Bourne ein toptrainierter, genetisch hochgezüchteter Superagent. Was die Filme rund um ihn aber auch abseits der bloßen Verschwörungsstory so spannend gemacht hat, war die trotz dieser Tatsache modern perfektionierte Inszenierung von "Believable Action". Hektisch, mit echtem Impact, viel Körperkontakt, real anmutender Physik und vor allem einem Helden, der nicht nur eine Tube Filmblut aufs Hemd geklatscht bekommt und dann trotzdem fröhlich weiter vor sich hin lächelt. Bourne leidet, er verletzt sich, schwitzt, humpelt auch mal,... er sieht auch dann echt aus, wenn er recht unwirkliche, übermenschliche Dinge vollbringt. SALT sollte bewusst als weibliches Pendant zu Bourne aufgebaut werden, letztendlich sogar eine richtige Agentinnen-Kinoserie nach Vorbild von Matt Damons Paraderolle sein. Wenn ich dann aber sehe, wie diese zierliche Angelina Jolie gigantische Sprünge in die Tiefe mit einem bloßen Stöhnen wegsteckt, als würde sie so etwas jeden Tag machen, kommt mir das einfach nur blöd vor. Wenn sie einen Aufzugschacht von Seite zu Seite wie Spider-Man hinabhüpft, finde ich das nicht minder blöd. Angebliche Superkiller und Spezialeinheits-Sonderkräfte, die sich binnen Sekunden fast ohne Gegenwehr von ihr umnieten lassen... blööööd!!!! Nicht nur, weil Angelina Jolie es den ganzen Film über so einfach hat und deswegen nie echte Spannung entsteht, sondern auch weil die Art der Inszenierung von SALTs Actionszenen kein Gefühl für Durchschlagskraft, eine echte Welt oder wahre Intensität vermittelt. Das sind die Eigenschaften, die ein ernst gemeinter Polit-Spionagethriller einfach auftischen können muss, wenn man ihn heutzutage noch als packend empfinden soll. Wobei... alberne Story, nicht ernst zu nehmende Action. Das ist ja fast schon wieder stimmig. Wenn SALT nur verbergen könnte, dass er eigentlich etwas ganz anderes sein möchte, hätte er noch viel konsequenter die lockere Popcornschiene eingeschlagen, mit dickeren Explosionen und viel mehr nackter Haut, wäre er vielleicht ein unterhaltsamer "Angelina-Jolie-Solo-A-Team"-Streifen geworden. Aber was nützt alles träumen, der Film ist draußen und sein letztendlich gewähltes Action/Thriller-Konzept will hinten und vorne nicht zusammenpassen.
Angelina Jolie: Süß oder salzig?
In der allerersten Szene ganz zu Beginn von SALT wird Angelina Jolie in Gefangenschaft ganz schön hart durchgenommen. Nicht so ganz bekleidet wird an ihr gezerrt, sie wird gefoltert, befragt, weigert sich zu antworten und versichert immer wieder, dass sie nicht mehr als eine unwissende Fabrikarbeiterin sei. Etwas nackte Haut? Check. Ein Hauch von SM-Erotik? Check. Und genau so vielversprechend geht es weiter, denn in den folgenden Szenen sehen wir sie am Alltagsarbeitsplatz in den USA, in seriöser aber nicht zu unsexy geschnittener Businesskleidung, mit schön akzentuiert vollen Lippen, süßen Augen zum Dahinschmelzen und so zierlich, aber doch so selbstbewusst. Es ist ein Genuss, Angelina Jolie in dieser perfekten Aufmachung dabei zuzusehen, wie sie ganz bestimmend und ohne mit der Wimper zu zucken ihr knallhartes Verhörprogramm durchzieht. Komplett im Sitzen, ohne Waterboarding und dergleichen, mit einem alles durchschauenden, überlegenen Blick in den Pupillen. Das spielt sie fantastisch, optisch ist sie momentan sowieso auf dem Zenit ihrer "Regel Nr. 2"-Schnuckerzeckigkeit und damit ist sie eines der wenigen Elemente des Films, die halten, was SALT in der Werbung verspricht. Mag man Jolie, wird man den Kinogang ganz ungeachtet des versagenden Restfilms gewiss nicht bereuen. Wobei man sich selbstverständlich auch besser noch mal Changeling aus der Videothek ausleihen könnte. in Clint Eastwoods Meisterwerk schaut sie nämlich nicht minder bezaubernd aus, sie spielt darin sogar noch viel besser und da gibt's dann eben wenigstens noch einen tollen Streifen mit dazu.
Wie viel Platz bleibt da noch für die Männerwelt?
An sich viel. Die Frage ist bloß, wie er genutzt wird. Rund um Evelyn Salt gesellen sich im Laufe der Filmhandlung zwei mächtige Präsidenten in reiner Statistenfunktion, zwei inkompetente U.S.-Agenten, eine ganze Reihe noch viel inkompetenterer Handlanger und ein treudoofer Ehemann. Bei allen genannten männlichen Protagonisten fallen sämtliche Groschen der Story mit einem Tempo als wären sie die heimlichen Kinder von Rudolf Scharping und Maddin Schneider. Evelyn Salt schafft es nicht etwa immer wieder erfolgreich zu fliehen und sich zu verstecken, obwohl sie sich dabei extrem auffällig und vorhersehbar verhält, weil sie so eine verdammt perfekt trainierte Spionin ist, sondern weil sich die Herren Männer in diesem Film alle so herrlich unfähig anstellen. Angesichts dieser Neigung kann man eigentlich nur froh sein, dass Tom Cruise die ursprüngliche Version von SALT (mit männlichem Hauptdarsteller) aufgrund zu großer Ähnlichkeit zu Mission Impossible abgelehnt hat.
Wie gut küsst Basterds-Star August Diehl?
Die Frage müsste man an Angelina Jolie weiterreichen, denn tatsächlich durfte Major "King Kong" Hellstrom aus Inglourious Basterds den Hollywoodstar als ihr Film-Ehemann abknutschen. Der in Berlin geborene Schauspieler, den Brad Pitt persönlich angeblich für die Rolle in SALT vorgeschlagen haben soll, spielt dabei klischeehafter Weise abermals einen Deutschen. Und das macht er so überzeugend natürlich, dass er weitläufig bekanntere Mimen wie Liev Schreiber (als SALTs Ex-Vorgesetzter beim CIA) locker an die Wand schauspielert. Zwar wurden ihm als Nebenfigur keinerlei rasante Actionszenen gegönnt, trotzdem konnte er in seiner kurzen Zeit auf der Leinwand einen bleibenden Eindruck hinterlassen, der ihm in größeren Produktionen dieser Art (Budget: ca. $130 Millionen) hoffentlich für die Zukunft noch ein paar weitere Türen geöffnet hat. Dass eine Hollywoodrolle in einem mäßigen Actionfilm mit Angelina Jolie allerdings keinesfalls ein Freifahrtschein für die Traumfabrik ist, hat ja schon vorher Til Schweiger (Lara Croft - Tomb Raider: Die Wiege des Lebens) recht eindeutig zur Schau gestellt.
Unser Fazit
Daniel: Trotz einer sexy Angelina Jolie, die mal wieder eine tolle schauspielerische Leistung abliefert, ist SALT ein ziemlich unbefriedigender Mix aller möglicher anderer Filme. Hier ganz viel Jason Bourne, da eine Menge The Manchurian Candidate, dort etwas The Sum of All Fears, actionmäßig eher A-Team und in einer Szene wird die gute Evelyn plötzlich zu so einer Art Spider-Woman... ohne je ansatzweise an die offensichtlichen Vorbilder heran zu kommen. Während sich die simple Polit-Spion-Thriller-Story selber extrem ernst nimmt, verkommen die Flucht- und Kampfszenen des Films von Minute zu Minute mehr zum albernen, unrealistischen Klamauk. Mit dieser unstimmigen Mischung, die jeden Hauch von spannender Atmosphäre im Keim erstickt, geht SALT dann in ein Finale, das zu allem Überfluss auch noch krampfhaft versucht, totaaaaal clever zu sein. Vergeblich, denn zu diesem Zeitpunkt kann man den Film längst nicht mehr ernst nehmen (Stichwort: Stromkasten) und es stellt sich plötzlich eine Art der Unterhaltung ein, welche Regisseur Phillip Noyce, Autor Kurt Wimmer und der restlichen Crew wohl kaum vorgeschwebt haben dürfte: Man muss aus tiefster Lunge heraus ablachen. Zwei Tüten gibt's trotzdem, denn am Ende hat's wie gesagt unverhofft Spaß gemacht und Angelina Jolie selbst ist hier schlichtweg so sehenswert, dass der Kinogang dank ihr nicht zum Totalreinfall wird.
Der Trailer
So haben wir Frau Jolie einst lieben gelernt
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Kommentare (26)
Saibot
Haha :D
Gut geschrieben.
Zwar leider keine Extras, aber die Bidergalerie macht das schon wett ;D
Werd ihn mir wahrscheinlich eher auf DVD ansehen, momentan läuft genug anderes.
magforce
Der Film interessiert mich null!
Daniel Pook
magforce
jurista
Cuberde
Nie gehört von dem Film... bis jetzt halt.
Dr4g0nfir3
Gebts zu... inzwischen seid ihr sogar schon zu Faul für den klassischen Controller... :D
Mr. Zweig
Mr. Zweig
Der Papa
nach diesem Möchtegern-Thriller frage ich mich, wann ihr endlich den Test zu The Expandables veröffentlicht?
Der interessiert mich und wahrscheinlich 98% der Leser nämlich brennend. Man will ja wissen, ob dieses Allstar-Game des Actionkinos nun wie erhofft ist. Nämlich total sinnfrei und oberflächlich, aber ein wahrer Spaß für echte Männer :-)