Filmkritik: Summer Wars
Wenn sich ausnahmsweise ein aktueller Anime abseits einschlägiger Fantasy- und Asiafilmfeste ins reguläre Kino-Programm verirrt, der nicht das prestigeträchtige Ghibli-Gütesiegel mit Miyazaki-Bonus trägt, verdient das per se schon unsere Aufmerksamkeit. Nicht das ihr denkt, wir würden nur dem hohlbirnigem Mainstream frönen. Im Falle von Summer Wars, dem neusten Werk von "Das Mädchen das durch die Zeit sprang"-Schöpfer Mamoru Hosoda dürft ihr beim nächsten Gang ins Lichtspielhaus aber durchaus auch selbst euren Blick vom seelenlosen Blockbuster-Einheitsbrei abwenden und mal wieder einem handgemalten Trickfilm die Ehre erweisen.
Worum geht’s?
Um Melonen, Feuerwerk und Mädels! Zumindest wenn man Kenjis Kumpel glauben darf. Und auch wenn wir hier bei AreaGames sind, sind diesmal tatsächlich Wasser- und keine Milchmelonen gemeint. Ohnehin egal, denn von Melonen ist in Summer Wars weit und breit keine Spur. Feuerwerk und Mädels gibt’s aber reichlich. Letztere allerdings wieder nicht im areagameschen Sinne. Hey, nicht alle gleich weglaufen! Im Japan der fiktiven Gegenwart besitzt so ziemlich jeder Mensch mit Mobiltelefon (also jeder) einen Account in der Online-Welt OZ, einer Art Second Life in schöner, größer und ... japanischer. Der 17jährige, unsichere Kenji arbeitet in den Ferien für das Sicherheitssystem des multifunktionalen Sozial-Netzwerks, bis er von seiner attraktiven Schulkamerdadin Natsuki unter falschem Vorwand zum historischen Anwesen ihrer Großfamilie gelockt wird, wo er zur Geburtstagsfestlichkeit ihrer 90jährigen Oma ihren festen Freund spielen soll. Nicht die schlechteste Alternative, zumal sich ihre Famile schnell als bunter Haufen kauzig-herziger Sympathieträger erweist, die Kenji mit offenen Armen willkommen heißen. Eines Nachts bekommt er jedoch eine seltsame Nachricht auf seinen OZ-Account, die sich als komplexer Zahlencode entpuppt, den das Mathe-Genie in nächtlicher Schreibarbeit entschlüsselt. Prompt häufen sich am darauffolgenden Tag die Meldungen über Fehlfunktionen in OZ. Eine anarchistische KI macht sich breit und übernimmt nach und nach das ganze System, in dem sie andere Accounts schluckt, was nicht ohne Konsequenzen bleibt, denn an den Online-Konten hängen Kontrollmechanismen für praktisch alle Bereiche im Land und schon bald bricht auch in der echten Welt das Chaos aus. Mit vereinten Kräften sagt die Familie dem Superhacker den Kampf an.
Zweidimensional, aber nicht flach
In Zeiten computergenerierter Pixar-Pracht, in unheiliger Allianz mit dem 3D-Kino, wirkt ein klassischer Zeichentrickfilm auf der Leinwand geradezu exotisch. Allein das macht Summer Wars optisch schon erfrischender als viele der aktuellen Produktionen aus der CGI-Flut. Im Gegensatz zu den meisten westlichen Werken, wo immer noch konsequente Mickey Mouse-Niedlichkeit vorherrscht, vertritt Summer Wars einen freien „Anime-Realismus“. Soll heißen, die Geschichte spielt in der „echten“ Welt mit „echten“ Menschen, ohne Magie, ohne Superkräfte und ohne Riesenroboter. In dieser Hinsicht geht der Film aber dennoch nicht so weit wie etwa Only Yesterday oder Die letzten Glühwürmchen aus dem Ghibli-Hause. Selbstredend dürfen schließlich einige Übertreibungen und unwirkliche Slapstick-Einlagen nicht fehlen, was das Tempo durchgängig hoch hält. Summer Wars will pure Unterhaltung sein und kein tiefgründiges Drama. Die Animations-Qualität ist dabei, wie man es erwarten darf, auf Kino-würdigem Niveau. In den Familien-Szenen auf dem ländlichen Anwesen dominieren idyllische Landschaftsdarstellungen, in denen die Wiesen saftig grün, der Himmel himmelblau und die Aussicht stets überwältigend ist und wo kein Regentropfen die Stimmung trübt. Auch die authentisch-detaillierte Ausstattung der Innenräume, Fahrzeuge, Gebäude und dergleichen sorgen für den Eindruck einer glaubwürdigen Welt. Die frabenfrohe und durchweg perfekt entwickelte Colorierung gibt dem Film schließlich endgültig sein sommerliches Wohlfühl-Flair. Natürlich weiß man auch im Land der aufgehenden Sonne schon seit Jahren digitale Rechenpower einzusetzen um die eigenen Werke optisch entsprechend aufzuwerten, glücklicherweise zumeist ohne den Charme der zweidimensionalen Malerei zu nehmen. In Summer Wars kommt der Computer vor allem bei der Darstellung der bunten Welt von OZ zum Einsatz. Hier wird auch gleich sämtlicher Realismus über Bord geworfen. Mit seinen skurrilen Avataren, den surrealistischen Cyberspace-Kullissen und der erschlagenden Masse an Reizen und Informationen bildet das virtulle Universum das genaue Gegenbild zum naturnahen Dasein auf dem Familiensitz. Erstaunlicherweise wirkt der Film dennoch zu jeder Zeit wie aus einem Guss und bleibt durch seinen Wechsel zwischen den Welten durchweg ein auch visuell spannender Sehgenuss.
Familienfreundlicher Krieg
Summer Wars ist nicht nur optisch originell geworden, sondern auch inhaltlich. Mamoru Hosoda stellt Freundschaft und das intime Familienleben dem unpersönlichen und unnatürlichen Vernetzungswahn entgegen. Dieser nahtlose Mix aus ganz alltäglicher Lebensdarstellung und Cyberspace-Spektakel macht Summer Wars einzigartig und erfüllt dabei auch noch den westlichen Animationsfilm-Anspruch der Familientauglichlichkeit. Die Kritik an der zunehmenden Technisierung, die in Japan genauso ein aktuelles Problem ist wie im Rest der Welt, geht gerade soweit um dem Film ausreichend Tiefe zu verleihen, ohne dabei verkopft zu werden. Daneben verläuft das ganz normale Leben in einer Großfamilie, mit strengen Tanten, coolen Großvätern, frechen Enkeln, introvertierten Jugendlichen, dem schwarzen Schaf der Verwandtschaft und der zarten Liebesbande zwischen den beiden Hauptfiguren Natsuki und Kenji, aber immer mit dem Gefühl der Zusammengehörigkeit und starker Bande, trotz aller Konflikte. Allerdings dürften beim Großteil des deutschen Publikums dennoch Sehgewohnheiten erschüttert werden. Summer Wars macht nämlich auch dem zweiten Teil seines Titels alle Ehre und bietet jede Menge satter Action, die dynamisch und wuchtig daherkommt und im Finale Anime-typisch auf ein episches Ausmaß aufgeblasen wird, das selbst viele Hollywood-Realfilme frühstückt. An dieser Stelle sei aber einmal die Freigabe ab 12 diskutiert. Es dürfte für jüngere Kinder eventuell schwierig sein den wilden Sprüngen zwischen den Ebenen folgen zu können und die Fähigkeit zum problemlosen Lesen sollte den Stepkes auch schon antrainiert worden sein, denn der Film erscheint lediglich mit deutschen Untertiteln in unseren Kinos. Allerdings laufen die Action-Szenen allesamt vollkommen unblutig ab. Zumal sie sich hauptsächlich in der virtuellen Welt von OZ abspielen. Derartige Videospielreferenzen dürften viele Kinder heutzutage vermutlich besser verstehen als ihre Eltern. Die Macher wussten sogar ein schnödes Kartenspiel als bombastisches Augenfutter zu inszenieren. Meine Empfehlung für Eltern die einen Kinobesuch mit ihren Sprößlingen planen ist daher einfach mal fünfe gerade sein zu lassen und auch ihr vielleicht erst acht- oder zehnjähriges Kind mit in den Film zu nehmen. Der oder die Kleine wird sicher mit strahlenden Augen wieder herauskommen. Mit seinem ausgeglichenen Verhältnis aus Humor, Action, emotionalen Momenten, dezenter Romantik und Wertevermittlung eignet sich Summer Wars wirklich für alle Altersklassen.
Unser Fazit
Johannes: Schön, dass es mal wieder ein Anime in unsere Kinos geschafft hat. Schade, dass das leider niemand mitbekommen wird. Da zeigt sich mal wieder wie ungerecht der Filmmarkt ist. Summer Wars läuft hier in Berlin nur an wenigen Tagen in einer Handvoll Programm-Kinos, wo er einfach nicht hingehört. Im Rest des Landes sieht's wohl nicht anders aus. Wieder einmal komme ich zu der Theorie, dass die Menschen nicht immer das gleiche essen würden, wenn sie wüssten das es auch was anderes gibt. Ich wette mit ein bisschen mehr Marketing und einer entsprechenden Plattform in den größeren Kinos hätte Summer Wars auch bei uns ein lohnenswertes Kassenergebnis erzielen können. Abgesehen von Inception schlägt der Film die versammelte diesjährige Fraktion der Popcorn-Unterhaltung um Längen, inklusive sämtlicher Animationsfilme. Hier stimmt einfach alles: Witz, Action und Anspruch werden in einem ausgeglichenen Verhältnis und in einem von Anfang an atemberaubenden Tempo dargeboten, garniert mit einer ordentlichen Portion positivem Sommer-Feeling. Das Summer Wars im Vergleich zur Gewohnheitskost auch noch ein innovatives Seherlebnis ist, macht die stiefmütterliche Behandlung des überbordenden Bildersturms nur noch tragischer. Dabei leistet sich der Film nur kleine Versäumnisse. So könnten die Charaktere noch etwas tiefgehender ausgearbeitet sein. Angesichts derer schieren Masse, ist es aber schon erstaunlich wie gut innerhalb von zwei Stunden die vielseitigen Persönlichkeiten vermittelt werden, auch wenn man die ein oder andere Figur so oder so ähnlich schon mal gesehen hat. In der ersten Hälfte fehlt auch ein wenig der dramaturgische Ausblick, da der Cyberspace-Angriff noch keine richtige Bedrohung darstellt. Das ändert sich jedoch, als die Vorfälle ernster werden und im, mal wieder bis zum absoluten Exzess hochgedrehten Finale wird die Spannungsschraube richtig angezogen. Wenn ihr also in den nächsten Tagen (denn viel länger wird es den Film wohl nicht in den Kinos halten) nach einem schönen Unterhaltungsfilm sucht, ignoriert ausnahmsweise mal die Multiplexe und lasst euch nicht wieder vom vermeintlichen Über-Blockbuster enttäuschen, sondern wagt den Blick über den Tellerrand und gebt dem japanischen Trickfilm seine verdiente Chance. Mir hat der Streifen jedenfalls in jeder einzelnen Minute unheimlich viel Spaß gemacht. Dafür gibt’s von mir vier von fünf bis über den Rand gefüllte Pocorn-Tüten, mit Honig obendrauf.
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Kommentare (32)
HCrider
@HCrider
In Deutschland haben auch Myazaki Filme sehr schlechte Absatzahlen, wenn sie im Kino erscheinen, da wäre es bei diesem hier vergleichsweise nicht weiter verwunderlich.
Endlich mal jemand, der Pixar nicht den Hintern küsst!
Daniel Pook
Speil
*g*
Claudandus
Dennoch schaut das ganz nett hier aus und ich denk ich werde mir den Film mal antun.
Jetzt hast du mich doch dazu bewegt die Kritik zu Toy Story 3 zu lesen, du Schlingel. ;-)
@Claudandus
Oh doch, da geht einiges... inbesondere über NGE :-P
Mobbo
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