Filmkritik: Toy Story 3
Jedes Frühjahr, wenn in Los Angeles der Oscar für den besten Animationsfilm vergeben wird, reden alle schon resigniert vom Pixar-Oscar. Schließlich scheint die digitale Pixelschmiede seit Jahren auf den Filmpreis abonniert zu sein. Dieses Jahr schicken sie den dritten Teil ihrer Toy Story Reihe in die Kinos, dem aktuellen Trend folgend wahlweise in 3D. Ob das Wiedersehen mit Cowboy Woody und Co. erneut alt und jung begeistern kann, lest ihr in unserer Filmkritik.
Worum geht’s?
Die Zeit geht auch nicht an den Freunden der Spielzeugwelt von Toy Story vorbei. Ihr Besitzer Andy ist mittlerweile 17 Jahre alt und dabei, das Elternhaus zu verlassen um auf das College zu gehen. Da die Spielzeuge nun einer ungewissen Zukunft gegenüber stehen, die irgendwo zwischen Dachboden und Müllkippe liegt, beschließen sie das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und zu einem Kindergarten auszuwandern. Hier werden sie schließlich gebraucht und von einer nicht enden wollenden Flut von jungen Kindern bespielt. Leider stellt sich das Kindergarten-Asyl als nicht ganz so paradiesisch heraus, denn der Anführer der Kindergarten-Spielzeuge mag zwar wie ein knuffiger Bär aussehen, hinter den lustigen Fusseln versteckt sich aber ein ausgesprochen fieser und diktatorischer Charakter. Woody und Co. kennen bald nur noch eine Richtung: Die Flucht aus der Kindergarten-Hölle.
Was hat es mit Schindlers Spielzeugliste auf sich?
Das Pixar auch gerne mal „erwachsene“ Themen anspricht, konnte schon bei „Oben“ beobachtet werden. Schließlich wird in den ersten 20 Minuten die komplette Lebensgeschichte eines Pärchens mit all seinen Höhen und Tiefen erzählt, inklusive der frühen Unfruchtbarkeit der Frau und deren späteren Ablebens. Bei Toy Story 3 scheint sich Pixar aber etwas übernommen zu haben, was reifere Themen angeht. So fühlt man sich fast an Jack Bauer aus 24 erinnert, wenn im Film fleißig ein Spielzeug gefoltert wird und die Flucht aus dem Kindergarten spielt eifrig mit Motiven aus „Gesprengte Ketten“ und „Prison Break“. Zum Finale hin wird es dann besonders düster: Nicht nur, dass unwillkürlich Vergleiche zu Holocaust-Motiven suggeriert werden, auch der drohende Tod aller Helden wird ausgesprochen ernst aufgebaut, um dann auf sehr billige Art aufgelöst zu werden. Klar, auch frühere Disney-Filme scheuten nicht vor Brutalität und historischen Motiven. Als Beispiel sei hier an „Der König der Löwen“ erinnert, in dem Bösewicht Scar seine Truppen wie in einem Leni Riefenstahl Film aufmarschieren lässt. Trotzdem folgte in solchen Filmen fast immer ein Hakuna Matata und alle Sorgen waren vergessen. Toy Story 3 hat den ganzen Film über einen Schatten über sich liegen, der keine unbeschwerte Freude zulässt. In unserer Vorführung waren die Hälfte der Zuschauer Kinder. Viel gelacht haben die nicht.
Lohnt sich der 3D Aufschlag?
Auf keinen Fall. Wenn möglich, sollte Toy Story 3 im altmodischen 2D gesehen werden. Und dies ist keine Empfehlung der Propaganda-Abteilung der 2D-Defense Force von AreaGames, sondern schlicht der Tatsache geschuldet, dass Toy Story 3 keinerlei nennenswerte 3D-Effekte bietet. Zwar zeigen einige weitläufigere Aufnahmen einen gewissen Tiefe-Effekt, der wird aber durch die üblichen Nachteile wie geringeren Kontrast und mangelnde Schärfe wieder mehr als aufgewogen. Pixar selbst weist auch immer wieder darauf hin, dass die Geschichten und die Figuren im Mittelpunkt stünden und man keinen Wert auf 3D-Effekthascherei lege. Das sieht man Toy Story 3 auch deutlich an.
Wie nervig ist die Bully-Parade?
Nicht so schlimm wie befürchtet. Leider wurden viele Sprecher der ersten beiden Filme ausgetauscht. Peer Augustinski, der Cowboy Woody in den ersten beiden Filmen seine Stimme lieh, stand leider aus gesundheitlichen Gründen nicht zur Verfügung. Dass man nun unbedingt auf Bully Herbig mitsamt seinen Bully-Paraden Sidekicks setzen musste, mutet doch etwas stark nach PR-Aktion an. Allerdings hält sich gerade Bully selbst mit zu viel Selbstdarstellung angenehm zurück, so dass seine Verkörperung von Woody nicht störend auffällt. Auch sein Kollege Tramitz als Anziehpuppe Ken kann durchaus überzeugen.
Unser Fazit
Alex meint: Toy Story 3 ist nicht der schlechteste Pixar-Film. Diesen Preis hat in meinen Augen immer noch der schnulzig-belanglose Ratatouille verdient. Aber er zeigt eine seltsame Entwicklung bei Pixar: Bei Filmkomödien mit realen Schauspielern spricht man gerne davon, dass die gute Stimmung am Set auch im Film spürbar war. Bei Toy Story 3 scheint hingegen eine Horde von depressiv veranlagten Zynikern am Werk gewesen zu sein. Waren ältere Pixar-Filme trotz der subtil eingebauten Schrecken der Erwachsenenwelt (Verlust von Mutter und 4 Millionen Geschwistern bei „Findet Nemo“) immer noch beschwingt und leichtfüßig, wird in Toy Story 3 gerade zum Ende ein Szenario aufgebaut, dass man nicht unbedingt mit sehr jungen Kindern ausdiskutieren will. Beim letzten Pixar-Film „Oben“ wurde die bittersüße Stimmungspille wenigstens zu Beginn verabreicht, wo sie dann im späteren Filmverlauf nicht mehr ganz so nachgeschmeckt hat. Offensichtlich hat der viele positive Zuspruch zu den ersten 20 Minuten von „Oben“ Pixar dazu veranlasst, weiter auf der Schiene der Melancholie und Wehmut zu fahren. Natürlich sehen heutige Kinder das gar nicht so eng und ignorieren vermutlich schlicht das dramatische Fließband-Szenario, weil sie fest davon ausgehen, dass es ohnehin ein Happy-End gibt. Trotzdem animierte mich der Film über weite Strecken nicht zu mehr, als einem sanften Grinsen. Und das ist nun wirklich nicht genug, wenn es um einen Film von Pixar geht. Das Wiedersehen mit Woody und Co. hat mich zwar gefreut, aber nach dem Film verspürte ich trotzdem eher den Wunsch, nach Teil 2 wäre die Reihe beendet worden.
Daniel meint: Mut zur Veränderung bei Sequels, da habe ich prinzipiell nichts gegen. Schon Toy Story 2 hatte neues zu bieten, deswegen ist er für mich auch einer der besten Nachfolgerfilme aller Zeiten. Toy Story 3 strapaziert diese Idee allerdings so weit über, dass er wichtige Elemente und Grundsätze seiner Vorgänger mit Füßen tritt, die für mich eigentlich immer die für alle Altersgruppen gleichermaßen erlebbare Magie des uns präsentierten Spielzeuguniversums ausgemacht haben. Sie können sprechen, gehen und ihre eigenen kleinen Abenteuer erleben, letztendlich sind die Hauptdarsteller der Serie bis jetzt allerdings trotzdem immer Spielzeuge geblieben, so wie ich Spielzeuge als Kind mit Herz und Seele erlebt und geliebt habe. In Toy Story 3 werden sie zu etwas anderem. Etwas befremdlichem, zu dem ich nicht mehr dieselbe Beziehung aufbauen kann wie in den tollen Vorgängern.
Und das sage ich, während ich zugleich trotzdem zugeben muss, dass selbst das Drehbuch von Toy Story 3 keinesfalls schlecht geworden ist. Der Film an sich ist "gut", er sieht toll aus (nur nicht in 3D, da ist er mir viel zu dunkel und effektlos), unterhält mit einigen charmanten, wenn auch nie richtig brillianten Gags und langweilt zu keiner Sekunde. Er lässt mich als "Toy Story"-Fan aus den geschilderten Gründen bloß so enttäuscht zurück, dass ich ihn nicht mehr ganz so sehr genießen kann, wie es seine allgemeine Qualität sicherlich verdient hätte.
Der Trailer
Pixar auf DVD und Blu-ray
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Kommentare (23)
Cendoor
KEKSi360
Alexander Laschewski-Voigt
Freestyle27
Ich liebe die gesammte Toy Story Reihe. Sie weckt einfach viele Erinnerungen :)
DAMN-BigPS360
DAMN-BigPS360
P.S. Ich fand Heavy Rain Klasse, beor mich hier ne Bashlawine überrollt.
chuck norris 82
Gaylord_M_Focker
Spawn
Und das für einen TS Film:p
Konnte schon mit Teil 1+2 nichts anfangen.
Habe aber trotzdem ein bisschen in euren Filmcheck gelesen.
Mugiwara
War gerade drin. Ich finde ihn nicht schlecht, ich finde es eig. sogar sehr gut. Hier wird ein natürlicher Prozess gezeigt. Das ist der 3. Teil der Serie. Die ersten beiden haben den jungen, kindlichen Andy gezeigt. Dieser hier zeigt den älteren Andy, der die Schule abgeschlossen hat. Er ist auf dem Weg zum College. Dass er für Spielzeug sein Interesse verloren hat, ist ganz selbstverständlich.
Aber die andere Seite - und zwar die der Spielzeuge - ist auch klar. Sie haben Angst vor der Zukunft! Dass sie vernachlässigt werden oder sogar weggeworfen, ist das einzige an was sie denken.
Der Film hatte sehr witzige Stellen. Manche Sachen wurden wie gewohnt auf die Schippe genommen. Toy Story 3 nimmt sich ja auch die ersten Filme auch mit für das erste Drittel. Was danach kommt ist Pixar-gewohnt.
Und Toy Story 3 macht das, was es machen muss. Er geht einen Lebenszyklus eines Spielzeugs an. Dass man sich hier beklagt, dass es nicht Toy Story ist, ist nur dann nachvollziehbar, wenn man einen Pixar-Film ohne Kontext haben will, d.h. der selbstständig ist. Jedoch ist es bei dem 3. Teil nun einmal nicht möglich!
Aber wie gesagt, jedem seine eigene Meinung. Ich hab mich amüsiert. Bin mehr als zufrieden mit dem Film. Vill auch, weil ich (rein zufällig) Toy Story immer in dem Alter angeschaut habe, in welchem Andy war, so dass mir das Ganze persönlicher betrifft.