Forza Motorsport 3
16:16 Uhr - Forza Motorsport 3 hat gegenüber seinem größten Konkurrenten Gran Turismo 5 einen entscheidenden Vorteil: Es ist da. Es ist fertig. Es steht im Händlerregal. Was aber bietet Turn 10 auf zwei DVDs ausgelieferter Edelraser noch, um Racingfans ab diesem Freitag in den siebten Rennsporthimmel zu schicken?
Bevor sich der Spieler hinter seinem Plastiklenkrad (oder mangels Geld, Willens oder Platz: seinem Joypad) bequem machen kann, erwartet Forza Motorsport 3 etwas Vorbereitung. Die Daten der zweiten DVD wollen auf jeden Fall nach dem Spielstart installiert werden. Insgesamt 1,9 GB werden für die Installation auf der Festplatte benötigt. Wer die volle Distanz gehen möchte, installiert natürlich auch die erste DVD auf Platte und hat dann knapp neun Gigabyte seiner Festplatte vom aktuellen Rennspielplatzhirsch belegt. Sind diese Kopierarbeiten erledigt, können die ersten Schritte in der edel-weißen Menüführung begonnen werden. Hier macht FM3 gleich zu Beginn deutlich, dass es das Spiel ernst meint. Keine Showmenüs, die mittlerweile das Kennzeichen der Codemasters Rennspiele geworden sind, und auch keine laute Rockmusik die einem entgegenschallt. Stattdessen fühlt man sich ein bisschen so wie auf der Unternehmenswebsite von Audi. Alles schick, alles sauber, Emotionen bitte am Eingang abgeben. Da man bei Turn 10 anscheinend auf viele Neueinsteiger im Racinggenre hofft, werden fast alle Menüpunkte beim ersten Mal durch eine ruhige und sanfte Stimme erklärt, dermaßen eingelullt würde man vermutlich auch ein paar Yoga-Übungen zum Start des Spiels akzeptieren. Stattdessen widmen wir uns natürlich dem eigentlichen Karrieremodus, um endlich Gummi zu geben.
Kalender ohne Pin-Up Bilder: Karriere als Wunschkonzert
Auch Turn 10 scheint erkannt zu haben, dass das bloße Abklappern von Rennevents vielleicht nicht die spannendste Art ist, sich durch eine Rennkarriere zu kämpfen. Auch wenn man nun nicht gleich einen Campingwagen eingebaut hat, werden die Rennen nun in einem Rennkalender angezeigt. Das hat den Vorteil, dass man immer eine Auswahl an Rennen angezeigt bekommt, die zu den Wagen passen, die man gerade im Fuhrpark hat. Gerade in den ersten Stunden des Spiels ist man ja ohnehin vor allem mit schnellen Klein- und Mittelklassewagen unterwegs. Wer Anbetracht der Wahlmöglichkeit als Vollständigkeitsfanatiker jetzt allerdings schon schweissnasse Finger bekommt („Verpasse ich da nicht zwangsläufig Rennen?), kann beruhigt die Kalenderansicht verlassen und sich stattdessen alle Rennevents in einem übersichtlichen Raster anzeigen lassen. Wie gehabt, sammelt man in den Rennen Erfahrungspunkte und Geld. Das Geld wird logischerweise für neue Autos und Upgrades ausgegeben, die Erfahrungspunkte dienen dazu, aufzuleveln und so neue Fahrzeuge, Rennen und Boni freizuschalten. Gerade zu Beginn ist das sehr motivierend, weil man nach fast jedem Rennen entweder ein Auto geschenkt bekommt, bessere Einkaufs-Konditionen erhält oder ein Achievement freischaltet. Ab Fahrerlevel 10 geht das ganze dann aber weit mühsamer voran.
Wieviel Geld und Erfahrungspunkte man für das erfolgreiche Absolvieren eines Rennen erhält, hängt auch vom gewählten Schwierigkeitsgrad ab, der sich frei konfigurieren lässt. Wer die Gegner KI auf schwer stellt und alle Fahrhilfen deaktiviert, bekommt nach dem Rennen sogar doppelt soviel Punkte gutgeschrieben. Leider kennt die Gegner KI nur drei Stufen. Während sich das gegnerische Fahrerfeld bei „leicht“ nur aus Fahrschülern in der ersten Stunde zusammensetzt, braucht man auf „normal“ immerhin schon drei bis vier Kurven, um auf Platz 1 zu gelangen. „Schwer“ hingegen ist beinahe ein zu großer Sprung von normal, denn hier geben sich die anderen Fahrer fast keine Blöße, auch wenn sie noch immer größtenteils Ideallinie fahren und selten aggressiv von hinten drängeln. Allerdings wird auch der höchste Schwierigkeitsgrad durch die Rückspulfunktion wieder entschärft.
Umfangreich wie die Zubehörliste eines BMW 320i
Die alte Apothekerweisheit „Viel hilft viel“ scheint auch bei Rennspielen in Mode gekommen zu sein, und so verwundert es nicht, dass auch FM3 versucht, mit Zahlen zu protzen: 400 Autos und über 100 Strecken klingt natürlich toll, auch wenn die üblichen Tricks angewendet werden. Natürlich befinden sich bei den 400 Fahrzeugen wieder zahlreiche Supersport-Modell, bei denen es reicht, wenn nur die Lackierung unterschiedlich ausfällt, um als neues Modell zu gelten. Andererseits finden sich auch ein paar Klassiker im Fuhrpark, wie Golf 1, Aston Martin DB5 oder der unsterblich Mercedes 300 SL Flügeltürer. Exoten wie der Delorean DMC haben es leider nicht in die Auswahl geschafft. Marty McFly wäre mit Sicherheit enttäuscht.
Knapp zwei Drittel der Strecken dürften Fans natürlich schon aus Forza Motorspor 2 bekannt sein. Fast alle Strecken des Vorgängers sind auch wieder hier mit dabei, man darf also wieder durch die hübschen Herbstlandschaften des Maple Valleys kurven oder die Road Atlanta unsicher machen. Selbstverständlich ist auch die Nordschleife wieder mit dabei. Der spektakulärste Neuzugang an der Streckenfront ist ohne Zweifel das Renngebiet Fujimi Kaido, das in insgesamt 14 Varianten erfahren werden kann (oder gleich als kompletter Rundkurs, der mit 16 km nur etwas kürzer als die 20 km lange Norschleife ist, dafür aber weitaus hübscher). Insgesamt gibt es in FM3 damit 24 Rennstrecken, von der jeder meisten mehrere verschiedene Varianten bietet. Es ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass diese Streckenauswahl in den nächsten Monaten via DLC noch erweitert wird.
Aber auch wenn die Strecken zum größten Teil bekannt sind und die Fahrzeuge aus den üblichen Verdächtigen zusammengesetzt ist: Beide sind wunderschön umgesetzt. Die Strecken wirken teilweise zwar etwas steril, was natürlich zum einen daran liegt, dass man größtenteils auf echten Rennstrecken unterwegs ist und zum anderen, dass es bei FM3 nur eine Wetterlage gibt: Strahlender Sonnenschein. Regenrennen oder unterschiedliche Tageszeiten sucht man hier vergeblich. Dafür erstrahlen alle Strecken in einem sehr hellen Farbton, der immer ein bisschen so wirkt, als wären alle Gamma-Werte auf Maximum gestellt. Aber auch die felsenfesten 60fps können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Turn 10`s Raser grafisch hinter DiRT 2 einordnen muss. Stattdessen sieht FM3 eben genau so aus, wie man es von einem Rennspiel im Jahr 2009 erwartet. Die Ladezeiten der einzelnen Rennen betragen im Schnitt 10-14 Sekunden, was nicht gerade rekordverdächtig ist, aber immerhin durch nette Infos und Rennsportanekdoten aufgelockert wird.
Die Fahrzeugmodelle sind über jeden Zweifel erhaben. Alle Autos bieten zahlreiche Details, tolle Spiegeleffekte im Lack und natürlich ein authentisches Cockpit. Das Schadensmodell ist allerdings wie so oft, wenn man es mit Serienfahrzeugen zu tun hat, sehr dezent und wenig glaubhaft. Auch nach Hochgeschwindigkeitscrashs sieht man höchstens ein paar Kratzer im Lack, die manchmal auch schon nach sehr sanften Kollisionen angezeigt werden. Bei den Tourenwagen scheint man etwas mehr Freiraum zu haben, hier verlieren die Wagen auch mal Kotflügel, was ihr bei einem BMW M5 sicherlich nie zu Gesicht bekommt. Alles in allem erweckt das Schadensmodell den Eindruck, lediglich aus Selbstzweck eingebaut worden zu sein, da es weder optisch noch spielerisch entscheidend zum Spielspaß beiträgt.
Das Handling der Fahrzeuge ist hingegen göttlich. Auch ohne Lenkrad, also mit dem normalen Xbox Controller, hat man ein perfektes Gefühl für die einzelnen Autos, die sich spürbar unterscheiden, ob sie nun heck- oder frontgetrieben sind, oder über Allradantrieb verfügen. Besonders „erlebbar“ ist die überragende Physiksimulation von Forza 3 auf Streckenabschnitten, die wie die alte Reichsautobahn (ja, Transitreisende werden sich erinnern) aus einzelnen Betonplatten bestehen. Hier spürt man, wie die Federung des Fahrzeuges jede Teernaht an den Fahrerweiter gibt. Das Fahrgefühl ist ganz klar das Highlight des Spiels, dass die teilweise unspektakuläre Grafik deutlich in den Hintergrund drängt.
Adrenalin-Entzug dank Timewarp
Konsolenracer werden sich vermutlich noch in Jahren darüber die behelmten Köpfe einschlagen, ob der Untergang des Rennsport-Abendlandes durch den Mangel an fossilen Brennstoffen oder durch Codemasters Erfindung der Rückspulfunktion verursacht wurde. Das Fehlerbehebungs-Element, dass die Engländer mit GRID zum ersten Mal in Benzinzirkus brachten, findet sich auch in Forza Motorsport 3 wieder. Die meisten Rennfahrer werden die Möglichkeit jedoch begrüßen, gibt es doch gerade bei längeren Rennen keine frustrierende Erfahrung, als in der letzten Kurve durch einen Flüchtigkeitsfehler die Führung zu verlieren. Der Preis ist allerdings eine deutlich flachere Erregungskurve des Spiels. Da die Replays auf Wunsch unbegrenzt zur Verfügung stehen, können die Rennen nun alle mit maximalen Risiko angegangen werden. Natürlich steht diese Funktion im Multiplayer nicht zur Verfügung, und Bestzeiten, die unter Verwendung der Funktion erstellt wurden, sind gekennzeichnet. Wer online bestehen will, kommt daher nicht ohne die gute alte Streckenkenntnis aus.
Überhaupt wurden viele Dinge des täglichen Rennsportlebens vereinfacht. Wer keine Lust mehr hat, selbst an seinem Autos herumzuschrauben, bekommt vor jedem Rennen die Möglichkeit des Auto-Upgrades. Hier wird das Fahrzeug automatisch zum Maximalwert des anstehenden Rennevents getunt. Praktisch und zeitsparend. Auch die Möglichkeit, die Rennen von einem anderen Fahrer bestreiten zu lassen, ist nach wie vorhanden, wenn auch so sinnvoll, wie vor einem One-Night-Stand einen Kumpel anzurufen, ob er nicht mal kurz einspringen könnte. Allerdings, wer die Fahrhilfen alle aktiviert, kann in Forza auch mit zwei Fingern zum Sieg fahren, abschreckend sollte dieses Rennspiel daher auch nicht mehr für wahre Automuffel sein.
Mehr Spieler haben mehr Spaß
Neben der Fahrphysik und dem Handling liegt die größte Stärke von Forza Motorsport 3 lzweifelsfrei im Online-Bereich. Der beliebte Lackier-Editor ist wieder mit von der Partie, auch wenn ich bis heute kaum verstehe, wie kreative Köpfe aus Punkten und Strichen immer wieder hochdetaillierte Motive wie bekannte Videospielfiguren auf die Motorhauben zaubern. Autos können mitsamt der Lackierungen wieder im Auktionshaus ver- und gekauft werden. Bilder der Fahrzeuge lassen sich hochladen und neuerdings auch ganze Videos der Onlinegemeinde zur Verfügung stellen. Die Videos können auf Wunsch noch etwas bearbeitet werden, wobei der Editor etwas hakelig ist. Online-Rennen lassen sich bis ins letzte Detail konfigurieren und verlaufen in unseren Testsessions stets angenehm lagfrei. Zur Auswahl stehen normale Rennen, Driftwettbewerbe und chaotische Modie wie Katz und Masu. Da sich die Erfahrungspunkte der Multiplayer-Rennen unter anderem auch wieder nach Streckenlänge richten, kann man darauf wetten, dass in kürzester Zeit wieder dutzende von Oval-Rundkurs-Rennen auf Mitspieler warten. Wer auf seinen Kumpel auf der Couch zu einem Rennen herausfordern möchte, freut sich über den Zweier Splitscreen-Modus, der leider nicht mehr selbstverständlich bei Rennspiel ist.
Gamerscore-Huren werden mit Forza Motorsport 3 ebenfalls sehr zufrieden sein. Auf das in der Vergangenheit inflationär oft genutzte „Punkte gegen Mehrspieler-Erfolge“-Prinzip wurde komplett verzichtet. Nahezu alle Achievements lassen sich durch das reine Absolvieren des Singleplayer-Abschnitts gewinnen. Wer denn wirklich soviel Ausdauer hat, sich bis Fahrerlevel 45+ hochzuarbeiten dürfte locker zwischen 800 und 900 Gamerscore auf seinem Konto haben.
Pro und Contra
- + Perfektes Handling
- + Geniale Farhphysik
- + Umfangreicher Fuhrpark
- + Pfeilschnelle Grafik in 60fps
- + Riesiger Multiplayer-Umfang
- - Wenig neue Strecken im Vergleich zum Vorgänger
- - Sterile Präsentation
- - Feigenblatt eines Schadensmodell
- - Keine Wettereffekte
Präzise wie ein Uhrwerk, schnell wie ein Porsche, sexy wie ein Dacia Logan
Need for Speed Shift ist dank der dynamischen Cockpitperspektive ein Adrenalinjunkie, DiRT 2 eine effektgeile Rampensau, bei der am liebsten alle fünf Sekunden etwas explodieren würde. Forza Motorsport 3 hingegen ist anders. Fast etwas unterkühlt beschränkt es sich auf die sinnvolle Evolution von Teil 2 ohne dabei großartig mit neuen Features zu experimentieren. Trotzdem bietet Forza Motorsport 3 insgesamt ein besseres Gesamtpaket für monatelangen Spielspaß. Denn auch wenn der Evolutionsprung für exzessive Forza 2 Spieler auf den ersten Blick gar nicht allzu groß erscheint, bietet FM3 die zur Zeit beste Fahrphysik in Verbindung mit einem Handling, dass neue Referenz ist und belegt mit seinen zahlreichen Online-Funktionen und dem Lackier-Editor ganz klar die Pole Position der Weltrangliste. Dank der vielen neuen Komfortfunktionen ist Forza 3 damit der ideale Einstieg in das Genre, ohne dabei in den höheren Spielstufen Profis zu unterfordern, die am liebsten ohne Fahrhilfen mit einem Porsche 911 über die Nordschleife jagen. Genau wie die Formel 1 Legende Michael Schumacher schafft FM3 in vielen Disziplinen bravouröse Bestleistungen, lässt dafür aber bisweilen etwas an Emotion und Leidenschaft vermissen. Und so ist die Wertung am Ende vermutlich genau so berechenbar und überraschend wie das Spiel selbst.
Bewertung
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Kommentare (71)
CommanderShepard
rorschach
@ CommanderShepard: Dazu ist es zu langweilig.
L1ghT
Jack Scallion
Alexander Laschewski-Voigt
Wer die Gegner KI auf schwer stellt und alle Fahrhilfen deaktiviert, bekommt nach dem Rennen sogar doppelt soviel Punkte gutgeschrieben. Leider kennt die Gegner KI nur drei Stufen. Während sich das gegnerische Fahrerfeld bei „leicht“ nur aus Fahrschülern in der ersten Stunde zusammensetzt, braucht man auf „normal“ immerhin schon drei bis vier Kurven, um auf Platz 1 zu gelangen. „Schwer“ hingegen ist beinahe ein zu großer Sprung von normal, denn hier geben sich die anderen Fahrer fast keine Blöße, auch wenn sie noch immer größtenteils Ideallinie fahren und selten aggressiv von hinten drängeln.
Jack Scallion
yates
Ansonsten - tja Es ist da. Es ist fertig. Es steht im Händlerregal und das hätte GT auch sein können. Ich hoffe die zusätzliche Wartezeit macht sich am Ende positiv bemerkbar - wobei sich mir nicht erschliesst, was Jamuschie da noch drauf packen will - bin echt gespannt!
W3b3
Test gefällt mir jedoch gut.
Mit freundlichen Grüßen
W3b3
Strolch
Bloody Angel