Mittwoch, 22. August 2007
Am Dienstagabend war es mal wieder soweit: Die nach wie vor suboptimal informierte Öffentlichkeit wurde von suboptimal vorgebildeten Journalisten (siehe Bild von Moderator Theo Koll unten) im Rahmen eines (leider auch in diesem Zusammenhang) vielbeachteten Magazins aufs Neue mit fragwürdigen bzw. fragwürdig interpretierten Studienergebnissen konfrontiert und gezielt desinformiert – auch diesmal durfte
Omnipräsenz-Professor Pfeiffer natürlich nicht fehlen.Da der mittlerweile berühmt-berüchtigte Autor
Rainer Fromm extra für diesen Beitrag wieder aus der Versenkung aufgetaucht war, wusste man ja im Prinzip von vornherein, was einen erwarten würde. Neu war eigentlich nur, dass unter dem Titel „Töten am Bildschirm – Studien belegen Auswirkungen von Computergewaltspielen“ neben den bösen Spielen diesmal nicht die
Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) an den Pranger gestellt wurde, sondern die vor Kurzem an der
Fachhochschule Köln ins Leben gerufene
Initiative „Spielraum“. Unter Anderem sollen im Rahmen dieses Projekts speziell geschulte Referenten zukünftig die längst überfällige Aufgabe übernehmen, die Öffentlichkeit umfassend über Computer- und Videospiele zu informieren und so allmählich die „digitale Kluft“ zwischen Spielern und Nicht-Spielern zu überücken. Da ein solches Vorhaben natürlich Geld kostet, wird die Inititative von
Nintendo und
Electronic Arts finanziell unterstützt. Das war für
Frontal21 Grund genug, die Glaubwürdigkeit der Kölner Medienwissenschaftler nun gleich mal ganz grundsätzlich in Frage zu stellen, obwohl diese sich nicht erst seit gestern, sondern bereits
seit Mitte der 1980er Jahre erfreulich aufgeschlossen mit dem Thema Computer- und Videospiele befassen. Wer mit der Industrie zusammenarbeite, sei eben nicht unabhängig und der von jenen Experten vertretene Standpunkt damit auch nicht, so die nahegelegte Schlussfolgerung.Wie wir alle wissen, ist von
Herrn Pfeiffer, dem Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, welches unlängst im Auftrag des regionalen „Killerspiele“-Chefanklägers
Uwe Schünemann (CDU-Innenminister) nachweisen sollte,
dass die
USK bei ihren Spiele-Einstufungen schlechte Arbeit leistet, dagegen natürlich extreme Objektivität zu erwarten. Und so durfte er hier erneut seine auf
Korrelationsstudien beruhenden Lügenmärchen vereiten, die den Zuschauern nun schon seit Jahren regelmäßig suggerieren, dass zwischen dem Konsum gewalthaltiger Spiele und Jugendgewalt eine Ursache-Wirkungs-Beziehung bestehe. Derartige Aussagen sind mit den von
Pfeiffer durchgeführten Studien wissenschaftlich jedoch unmöglich. Aber das wurde im Beitrag natürlich – genau wie in früheren Sendungen – nicht mal am Rande erwähnt. Stattdessen gab es mal wieder jede Menge höchst plakative Szenen aus diversen „Killerspielen“ zu sehen (mit am Start wie immer
GTA: San Andreas).Der eigentliche „Anlass“ des Berichts war üigens eine mit 12- bis 14-jährigen Kindern durchgeführte neue Langzeit-Studie der
Uni Tübingen und der
Schulberatungsstelle Bayern Ost. Deren Ergebnisse sollen zwar erst Ende des Jahres veröffentlicht werden, vorab konnte man aber schon mal so viel sagen:
„Je mehr in der mittleren Kindheit Horror- und Gewaltfilme konsumiert werden und je mehr Gewaltspiele zu Beginn des Jugendalters gespielt werden, desto größer ist die Schülergewalt und Delinquenz mit 14 Jahren“. Hmm, auch das klingt doch wieder sehr verdächtig nach Zusammenhangsberechnungen, die keine Aussage über Ursache und Wirkung zulassen. Da die zahlreichen methodischen Probleme der Wirkungsforschung für Laien viel zu kompliziert sind, hätte
Frontal21 zugegebenermaßen nicht mal die Möglichkeit gehabt, diese im gesendeten Beitrag zu erläutern – mal davon abgesehen, dass es ja sowieso nicht ums Erklären, sondern um die altbewährte Panikmache ging.Der von uns verfolgte Experten-Chat nach der Sendung war wie gewohnt leider viel zu kurz und trotz Moderation etwas chaotisch. Auch hier offenbarte sich in erschreckend überzeugender Weise, wie sehr die Kritiker – darunter sowohl Beitrags-Autor
Fromm als auch
Prof. Pfeiffers Urlaubsvertretung vom Kriminologischen Forschungsinstitut – von ihren eigenen Ansichten überzeugt sind. Zwar trifft das auf die Pro-Spiele-Fraktion glücklicher- und vor allem berechtigterweise ja ebenfalls zu, nur leider kommt diese eben nach wie vor seltener zu Wort als die Schwarzmaler-Ecke. Tja, schlechte Nachrichten verkaufen sich eben auch im Sommerloch 2007 besser als gute.
Kommentare (10)
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