Galleon

16.01.2007 15:51
Galleon


„Mein Name ist Guyush Threepwood und ich will Pirat werden!“ war 1990 auf deutschen PC-Bildschirmen zu lesen und Millionen Spieler wurden über Nacht zu Freizeitpiraten. Sie tranken (nicht-alkoholischen) Grog, bohrten mit Wattenbäuschen in den Ohren von Affen herum und zeigten der hübschen Inselchefin, was so alles in die Hose eines gestandenen Freibeuters passt. Kurzum: LucasArts Kult-Adventure Monkey Island machte das Piratendasein auch auf digitalen Bahnen saloonfähig. Während man im fernen San Rafael nun jedoch lieber die gewinningenden Star Wars-Kuh melkt, müssen sich potentielle Digital-Seeräuber nach einer anderen Quelle für ihr Hochsee-Abenteuer umschauen und treffen auf einen unerhofften Bekannten. Toby Gard, seines Zeichens Erfinder der Videospiel-Ikone Lara Craft, hat nach mehr als einem halben Jahrzehnt sein Mammutprojekt Galleon fertig gestellt, welches nach diversen Plattformwechseln endlich auf der Xbox Segel setzen durfte.

Kraut, das Flügel verleiht

Im Gegensatz zum LucasArts-Abenteuer setzt Galleon auf eine klassische Piratengeschichte. Der Spieler schlüpft in die Rolle des Charmebolzen und Abenteuers Rhama Saier, der auf eine abgelegene Insel zitiert wird, um ein verschollenes Schiff zu inspizieren. Wie man spätestens seit Jonny Depps Zugeständnis zu seiner femininen Seite her weiß, bedeutet Geisterschiffe jedoch zumeist Ärger und so findet sich Rhama schon sehr bald auf einer epischen Reise über sieben Inselwelten, um ein mysteriöses Kraut zu finden, welches das Ende der Welt ingen kann. Daher liebe Kinder: Vorsicht vor holländischen Kaffeehäusern!

Da jede gute Geschichte zumindest einen Sidekick und eine knisternde Romanze benötigt, schließen sich eurem Han Solo auf See schon recht bald die beiden jungen Damen Faith und Mihoko an, die euch mit Magie und allerlei Körpereinsatz periodisch zur Seite stehen. Die gesamten Heldenriege von Galleon hat dabei eins gemein: Obgleich fast jedes Klischee eines klassischen Abenteuerfilms bedient wird, wachsen euch die sympathischen Spielfiguren schon sehr bald ans Herz, so dass ihr in den dutzenden, sehr gut geschnitten Ingame-Zwischensequenzen richtiggehenden mit euren Helden mitfiebert.

Hässliches Entlein

Zumindest sofern ihr den ersten Grafikschock verdaut habt. Die Entwicklungszeit von mehr als fünf Jahren sieht man Galleon leider deutlich an. Technisch bewegt sich der Titel auf überdurchschnittlichem Dreamcast-Niveau. Die Landschaften sich über weite Strecken karg, die Texturen verwaschen und fast überall kratzen teils arge Clipping-Fehler an der Atmosphäre. Zu allem Übel nutzt Galleon keines der durch die aktuelle Konsolengeneration eingeführten Effekte. Bump Mapping? Vielleicht ab drei Promille! Echtzeitschatten? Hey, selbst Bitmap-Schatten ist hier über weite Teile ein Fremdwort. Zwar wurden die Szenarios durchaus mit netten Details wie Vogelschwärmen am Himmel oder dahinkrabbelnden Insekten versehen, dies alles rettet Galleon jedoch nicht davor, schlichtweg veraltet auszusehen. Zumindest läuft das Spektakel konstant flüssig und vor allem die Mimik in den Zwischensequenzen überzeugt mit lebensechten Bewegungen.

Wählt ihr zudem die englische Sprachausgabe des multilingualen Titels bewegen die Protagonisten ihre Lippen synchron zum gesprochenen Text. An dieser Stelle üigens ein dickes Lob an die Verantwortlichen der deutsche Lokalisierung: Zu Zeiten, wo selbst Spitzenproduktionen wie Halo oder Driv3r mehr schlecht als recht ins Deutsche übersetzt werden, punktet Galleon mit einer extrem professionellen, deutschen Sprachausgabe, wie man sie im Videospielmarkt bestenfalls noch bei den Sony-Produkten findet. Doch nicht nur die Sprecher wissen zu gefallen, auch in Sachen Musikuntermalung zeigt sich Galleon filmreif. Der spärlich eingesetzt Soundtrack wurde perfekt an die einzelnen Szenen angepasst und unterstreicht das Abenteuerflair des Spiels weiter. Leider wird aus dem bombastischen Soundtrack in den Spielszenen selbst schnell ein laues Lüftchen, so dass ich hier meist mit schnöden Stöhngeräuschen der Spielfiguren Vorlieb nehmen müsst. Tomb Raider-Spieler wissen, was dies bedeutet.

Entdecken, schlagen und knobeln

Doch nicht nur der Geräuschteppich erinnert frappierend an die alten Abenteuer der Miss Croft, spielerisch ging Entwickler Gard kein allzu großes Risiko ein und hat bei Galleon auf dem erfolgreichen Grundkonzept seines letzten Titels aufgebaut. Im Klartext bedeutet dies vor allem eins: Viel zu entdecken und viele Akrobatikeinlagen! Die meiste Spielzeit veringt ihr damit, Berge zu besteigen und auf obskure Konstruktionen entlang zu balancieren. Während die Kletterabschnitte in Tomb Raider jedoch aufgrund der teils extrem trägen Steuerung zur Nervensachen wurde, überrascht Galleon mit einer innovativen, wie genialen Handhabe beim Dirigieren eures Helden. Anstatt eure Spielfigur direkt zu steuern, kontrolliert ihr nur die Kamera und gebt an, ob Rhama vor- oder zurückgehen soll. Die einzelne Schrittfolge nimmt euch das Programm dabei ab. Sprich: Wenn ihr auf einem schmalen Steg lauft, reicht es völlig in die Richtung zu schauen, in die ihr laufen wollt und euer Freibeuter balanciert selbstsicher auf dem engen Trampelpfaden, ohne dass ihr euch darum sorgen müsst, dass ihr herunterfallt. Zumindest sofern ihr langsam lauft. Je nachdem wie stark ihr nämlich das Steuerkreuz nach vorne drückt, umso schneller läuft euer virtuelles Ego auch. Ist es im langsamen Gehen schlicht unmöglich zu stürzen, sind Rhama im Rennen alle Widrigkeiten egal und er stürzt sich auf Wunsch auch jede Schlucht hinunter.

Der Vorteil dieser Steuerung fällt dabei schon recht früh auf. Da ihr euer Abenteuer aus der Third Person-Perspektive durchlebt, würden sich bei der klassischen Handhabe der Kamerasteuerung schnell ähnliche Übersichtsprobleme einstellen wie bei Ninja Gaiden oder Tomb Raider. Durch Gards Steuerungskniff könnt ihr euch jedoch immer sicher sein, genau das vor Gesicht zu bekommen, was ihr euch gerade ansehen wollt, ohne euch noch eine dritte Hand herbeiwünschen zu müssen, die sich um die Steuerung der Spielfigur kümmert.

Somit ist der Spielspaß in den Erkundungsabschnitten also sicher. Leider kann jedoch nicht jeder Gameplay-Aspekt von Galleon so überzeugen und vor allem die Kämpfe, die gut ein Drittel der Spielzeit ausmachen, stellen sich recht bald als ödes Button Smashing heraus. Rhama verfügt über zwei unterschiedliche Attacken, die sich mit einer Wurfattacke je nach Waffe zu allerlei Combos und Spezialattacken kombinieren lassen. Was an sich eine gute Grundlage für spannende Kämpfe sein könnte, wird aufgrund der nicht existenten, künstlichen Intelligenz zum Track & Field der Kampfspiele. Simples Knöpfehämmern führt bei den Standartgegnern fast immer zum Erfolg, wenn diese sich nicht schon vorher selbst außer Gefecht setzen, indem sie beispielsweise das gigantische Loch auf dem Weg zu euch übersehen und sich todesmutig in die Tiefe stürzen. Zumindest die diversen Endgegnerkämpfe erweisen sich als deutlich spaßiger, da ihr die häufig bildschirmgroßen Widersacher nur mit der richtigen Taktik besiegen könnt.

Köpfchen ist abschließend auch in den Rätselabschnitten des Spiels gefragt. Immer mal wieder gilt es, gigantische Maschinen in Gang zu setzen oder im klassischen Adventure-Stil Gegenstände zu kombinieren. Die Interaktion geschieht dabei immer über ein einfaches Drop-Down-Menü, über welches ihr im späteren Spielverlauf auch euren diversen Begleitern einfache Befehle geben könnt. Die Rätsel sind insgesamt sehr gelungen und vor allem überraschend fordernd. Einfach Itemsuche reicht in den späteren Spielabschnitten nicht mehr aus, um ans Ziel seiner Wünsche zu kommen. Damit ungeduldige Spieler nicht an einer besonders schweren Kopfnuss verzweifeln, bietet euch das Spiel zwei Hilfen an. Zum einen verfügt Rhama um eine Art siebten Sinn, der euch beim Auffinden von wichtigen Gegenständen hilft. Nährt ihr euch einem missionskritischen Gegenständ, blinkt ein Icon auf dem Bildschirm auf und empfiehlt euch, die Umgebung genauer unter die Lupe zu nehmen. Wer trotz gut gefüllter Taschen immer noch nicht weiterkommt, kann zudem auf eine Art Komplettlösung im Spiel selbst zurückgreifen. Diese hilft euch dann mit meist eindeutigen Tipps auf die Sprünge, wobei echte Freibeuter aufgrund der peniblen Statistik des Spiels auf solche Schummeleinlagen selbstredend verzichten. Da es sich gemeinsam sogar noch besser knobelt als im Alleingang, bauen viele der Rätsel zudem auf die Mitarbeiter euer Wegbegleiter. Bei den Rätseln icht Galleon üigens auch mit seinem Speichersystem. Müsst ihr euch in den Actionabschnitten immer mit fest definierten Checkpoints zufrieden geben, findet sich vor jedem größeren Rätsel ein praktischer Savepoint, wo ihr nach Belieben eure Fortschritte festhalten könnt.

„Du sieht aus wie eine Kuh!“

(Meinung » Sven Mittag)

Wie passend, du kämpfst wie ein Bauer! Während sich die Freibeuter aus Monkey Island die Beleidigungen noch gegenseitig an den Kopf geworfen haben, treffen für Galleon leider beide Aussagen zu. Weder Technik, noch Kampfsequenzen können wirklich überzeugen. Texturen mit dem wohligen Charme einer Raufasertapete, Polygonbauten, die nach heutigen Maßstäben bestenfalls als surrealistisch durchgehen, und das Fehlen von jedweden Lichteffekten belegen eindrucksvoll, wie lange schon Gards Action-Adventure überfällig ist. Für einen aktuellen Xbox-Titel ist Galleon schlicht eine Unverschämtheit.

Doch nicht nur die Technik ist antiquiert, selbst Pac-Man macht in Sachen Taktik euren Piraten-Widersachern einiges vor. Nicht nur poppen in den Kampfszenen die Milliarden Hein Blöd-Klone fast im Sekundentakt aus heiterem Himmel auf, meist sind die KI-Dödel zudem noch ihre größten Feinde. Nicht selten erlebt ihr, wie sie entweder regungslos in der Gegend herumstehen, um von euch vermöbelt zu werden, oder so zielsicher wie ein Lemming auf den nächsten Abgrund zumarschieren.

Woher dann die immer noch mehr als durchschnittliche Wertung? So groß die Macken von Galleon auch sein mögen, so sehr versöhnen doch die restlichen Spielabschnitte, die glücklicherweise den Großteil des Gameplays ausmachen. Wenn Haudegen Rhama Saier die verzwickten Inselwelten des Spiels erforscht oder vertrackte Rätsel löst, kommt echtes Entdecker-Feeling auf. Eingebetet ist das Ganze dabei noch in einer schön erzählten und durch unzählige Ingame-Zwischensequenzen noch besser präsentierten Hintergrundgeschichte.

Die meisten Sympathiepunkte gewinnt Galleon jedoch mit seiner Steuerung. War es bisher mein Kredo, dass man die Worte „Third Person“ gleichzusetzen hat mit „grauenvoller Kamera“, belehrt mich das Piratenabenteuer eines Besseren: Die anfangs zwar stark gewöhnungsbedürftige Handhabe erweist sich in den später extrem anspruchsvollen Kletterabschnitten als geradezu mustergültig und verweist Tomb Raider: Angel of Darkness wie auch Ninja Gaiden in die hintersten Selbstschäm-Ecken.

Wer entsprechend lieber forscht als kämpft und vor allem mit einer teils katastrophalen Optik leben kann, darf gerne die Segel setzen und die wunderbare Welt von Galleon erkunden. Spieler, die jedoch erst mit Halo Videospiel-Luft geschnuppert haben, sollten dringend vorher Probe spielen. Der Grafikschock dürfte hier zu groß sein.

Bewertung

Galleonxbox

0/10

Alexander Laschewski-Voigt

Der gelernte Industriekaufmann probierte sich im BWL-Studium aus, um dieses dann allerdings zugunsten einer Xbox-Website namens AreaXbox vorzeitig zu beenden. Seitdem steht er als Chefredakteur auf der Kommandobrücke der MS AreaGames. Der bekennende US-Serienfan legt am liebsten Renn- oder Rollenspiele in seine Xbox 360. Zu den Alltime-Hits seiner mit dem C64 begonnenen Spieleleidenschaft gehören Deus Ex, System Shock 2 und die Wing Commander-Reihe.