Gebrauchtspieler sind Verbrecher!
Mittwoch, 12. November 2008
17:08 Uhr - Für viele Spieler ist der Handel mit gebrauchten Spielen ein normales Mittel, um die finanziellen Belastungen im erschwinglichen Rahmen zu halten. Neuerdings werden Gebrauchtspiele aber immer öfter zum Sündenbock für sinkende Verkaufszahlen von PC- und Videospielen gemacht. Zeit für unsere Uncut-Kolumne, Farbe zu bekennen!
Ein Gespenst geht um in der Spielebranche. Das Gespenst des Gebrauchtkäufers. Dicht gefolgt vom nicht weniger gruseligen Gespenst des privaten Spielverkäufers. Meistens stecken beide sogar unter einer Decke und dealen sich gegenseitig die neusten Spiele zu. Gegen diese beiden dunklen Gestalten wirkt der gute alte Raubkopierer ja schon fast wieder sympathisch. Denn der arme Eigenbrenner hat halt anscheinend keine Kohle für Spiele. Die Gebrauchtkäufer hingegen haben sogar Geld, bringen dies aber nicht mehr nur ausschließlich direkt zum Publisher ihrer Wahl. Ein Skandal. Branchenteilnehmer wie Epics Michael Capps holen da gerne einmal die große Keule heraus. Wer Gebrauchtspiele kauft, gilt als Nestbeschmutzer: „
Eher wird die Hölle zufrieren, als dass man einen Epic Mitarbeiter sieht, der ein gebrauchtes Videospiel kauft, denn so machen wir unser Geld und unsere Freunde in der Videospielindustrie“. Das spricht natürlich für die erfreulich hohen Freizeitbudgets eines Epic-Mitarbeiters, hilft dem Otto-Normalspieler mit einem monatlichen Budget zwischen 50 und 100 € im Monat nicht wirklich weiter.
Ursache Nummer eins: Das Preisleistungsverhältnis von PC und Videospielen
Ein ganz einfache Frage wird wohl von den Michael Capps dieser Welt vergessen. Die simple Frage nach den Ursachen für den schwunghaften Gebrauchthandel von Videospielen. Ursache Nummer eins ist schnell ausgemacht. Das Preisleistungsverhältnis von PC und Videospielen. Ein Xbox 360 oder PS3 Spiel kostet in der Regel 69,99 €, zumindest der unverbindlichen Preisempfehlung nach. Dank recht aggressiver Preispolitik von Onlinehändler wie z:b. Spielegrotte, DigiGames oder auch Amazon pendeln sich diese Preise allerdings bei knapp unter 60 € ein. Es ist zwar erfreulich, dass der Handel die Preise schon selbst etwas abmildert, trotzdem stimmt das Preis-Leistungsverhältnis bei einigen Spielen nicht mehr: Nicht jeder Titel bietet die epische Spieldauer von 50+ Stunden, nicht jedes Spiel ist ein GTA IV, Fallout 3 oder Lost Odyssey, für die Spieler ohne schlechtes Gewissen ihr Bankkonto plündern. In bestimmten Genres wie z.B. den Actionspielen sinkt seit Jahren kontinuierlich die Spieldauer. Aktuelle Spiele wie James Bond – Ein Quantum Trost oder Mirror`s Edge haben eine durchschnittliche Spielzeit von knapp 4-5 Stunden. Wer keinen Wert auf Multiplayer legt, zahlt so rund 10 € pro Spielstunde. Finanziell lässt sich das meist nur dann rechtfertigen, wenn man das Spiel nach dem Abspann wieder verkauft, sei es bei Ebay, Trade-a-Game oder zur Inzahlungnahme beim stationären oder Online-Handel. Letzterer ist mittlerweile ohnehin auf den Verkauf von Gebrauchtspielen angewiesen. Da durch den harten Wettbewerb untereinander die Margen bei Neuspielen auf nicht selten unter 10 % gefallen sind, sind die Gewinnspannen von 20-30 % bei An- und Verkauf von Gebrauchtspielen natürlich ein Hoffnungsschimmer für den Handel. Denn auch mit Merchandising-Artikeln, Sammelkarten und Lösungsbüchern lassen sich die geringen Margen von Neuspielen nicht mehr kompensieren. Zumal der Handel auf lange Sicht ohnehin vom Erfolg der digitalen Distribution bedrängt wird und daher ohnehin nicht mehr auf einen Freundschaftskurs mit den Spielepublishern eingestellt ist. So sind mittlerweile passionierte Gamer wie Händler auf einen funktionierenden Gebrauchtmarkt angewiesen. Jeder Spielepublisher sollte sich darüber hinaus im Klaren sein, dass sich viele Gamer Neuheiten nur deshalb zum Neupreis kaufen können, weil sie sie im Anschluss auch wieder verkaufen. Es wäre also auch ein Szenario vorstellbar, das mit einem ausgehebelten Gebrauchtmarkt auch weniger Vollpreis-Spiele gekaut werden.
Der Weg aus der Krise: Neue Angebote
Aber es gäbe sinnvolle Gegenmaßnahmen. Zum einen müsste der Verkaufspreis von Spielen gesenkt werden. Wenn dies über den stationären Handel aufgrund der langen Wertschöpfungskette nicht möglich ist, dann spricht zumindest nichts dagegen, bei digitaler Distribution via Steam, Gamesload und co, die eingesparten Kosten auch an den Kunden weiterzugeben. Solange allerdings ein Gran Turismo 5 Prologue im Playstation Store genauso viel kostet, wie die Disc-Variante, sieht der Käufer zu wenig Vorteile um auf einen Datenträger und eine Hülle fürs Regal zu verzichten. Auch die Umstellung auf DRM-Systeme, die quasi durch die Hintertür die reine Nutzung eines Spiels als Gegenstand des Handels zwischen Hersteller und Kunden einführen, dürften erst dann akzeptiert werden, wenn die Vorteile nicht nur zu Gunsten der Publisher gehen. Wenn ein Spiel nach der x-ten Installation auf dem PC unbrauchbar wird, entstehen dem ehrlichen Käufer dadurch zwei Nachteile. Es ist zum einen nicht gesichert, dass das Spiel nach 5 Jahren und 2-3 PC-Wechseln noch spielbar ist, und zum anderen kann ein solches Spiel nicht wieder verkauft werden. Diese Nachteile sollten durch einen geringeren Preis ausgeglichen werden. Warum nicht einzelne Lizenzen günstiger verkaufen. Hier, lieber Kunde: Du kannst das Spiel nur einmal auf einem PC installieren. Dafür zahlst du auch nur 10 €. Jede weitere Lizenz kaufst du extra. Oder ein ganz anderer Weg: Warum nicht Singleplayer- und Multiplayerpart getrennt verkaufen? Du spielst nur den Einzelspieler-Part von Call of Duty 5? Prima, kostet auch nur 30 €. Oder man bietet man digitaler Distribution Pay-per-Play an, und zwar auf Zeitbasis. Die Stunde spielen für 5 €. Ein Haze für die PS3 in vier Stunden durchgespielt, würde dann nur 20 € kosten.
Spielepublisher täten auf jeden Fall gut daran, den Handel mit gebrauchten Spielen nicht zu verteufeln und mittels DRM und co trocken zu legen, sondern ihn vor allem als Kundenaussage ernstzunehmen. Wenn die Bereitschaft der Spieler sinkt, den vollen Preis für Neuheiten zu bezahlen, sollten neue Angebote her. Hier gäbe es genug mutige Alternativen, die die Lust am Kauf von Neuheiten wieder ankurberln würden.
Kommentare (26)
Stigma242
Werner Stelzenpop
Das viele (kurze) Spiele viel zu teuer sind ist echt ärgerlich und nicht nachvollziehbar.
Außerdem lächerlich, dass solche Statements von jemandem kommen dessen Firma sicherlich alleine aufgrund diverser Lizenzvergaben ihrer Engine nicht zu den Ärmsten gehören.
Nicht nur vom vielen Zocken gibts anscheinend Realitätsverlust, nein, auch wenn man Spiele programmiert. (Die nebenbei bemerkt auch noch Topseller sind.)
TimDuran
Sehr schöne Kolumne, sehr gute und stichhaltige Argumente. Spielzeit, Qualität, und die Preis-Relation zum PC rechtfertigen einfach für die meisten Spiele nicht mal einen Preis von 50,- EUR! (meine Meinung) Aber nein, anstatt mal auf seine Kunden zu hören, wird die Brechstange rausgeholt um dem Gamer mit Sachen wie DRM und den o.a. Aussagen, mit Anlauf in die Eier zu treten...
Timeo
Und dann wundern sich die produzenten das sie nicht die einnahmen haben die sie erwarten!
erstmal an die eigene nase greifen bevor man nach anderen schreit!
IM Carlos
So viel entgegenkommen erwarte ich von einer franchisemelkenden, fortsetzungsschwangeren, idee- und mutlosen Industrie nicht.
Das ganze wird ähnlich erfolgreich laufen, wie die Rettungsversuche der Musik- und Filmindustrie. Erst die, die sich auch in die Hände der Kunden begeben werden gewinnen (z.B. Radiohead).
Ich für meinen Teil kaufe Spiele unter einer gewissen Spielzeit schon lang nicht mehr zum Vollpreis. Erst was länger dauert als ein Wochenende (10+ Stunden) ist mir das wert, weil eben genau diesen Stundenpreis ausrechne. Denn wenn es so weiter geht ist der Puff um die Ecke bald günstiger.
ninjai71
Porlox
Worauf ich hinaus will ist, dass wir etwas für viel Geld kaufen was aber praktisch schon nach dem verlassen des Ladens kein Wert mehr hat. Mir würde es besser gehen, wenn ich das Gefühl hätte auch etwas zu kaufen was seinen Wert erhält, mich nicht zum Volksidioten, Killer oder sonst was abstempelt. Hinzu kommt, dass fast jedes Produkt nicht nur qualitativ sondern auch technisch mit Mängeln behaftet ist und somit das Wertgefühl ebenfalls abnimmt.
Wenn der Preis steigt und Qualität und Image fallen, muss man sich nicht wundern wenn der Konsument keine Lust hat in Vollpreisartikel zu investieren.
Stigma242
Werner Stelzenpop
Was sollen die Verantwortlichen auf irgendwelches Geschreibsel in Foren und ähnlichem gucken?
Da hätten sie ja alleine mit meinem Geblubber hier schon viel zu tun. ;-)
Unsere Aussagen haben für die (großen) Firmen und Pubslisher sicher nicht mehr Bedeutung und somit Einfluß als "Fanpost".
Letztendlich entscheidet doch der Erfolg auf dem Markt ob sich eine Entscheidung durchsetzt und somit als richtig erwiesen hat. Erst dann ist man bereit umzudenken oder sich bestätigt zu fühlen.
Und da Games ja im Moment (oft auch zurecht) gekauft werden, warum sollten die Entscheider was die Preispolitik betrifft umdenken? Im Moment befindet sich die Gamesindustrie auf einem Höhepunkt und wer verzichtet schon gerne auf etwas, solange sich die Kuh bereitwillig melken lässt?
Timperator