Goldeneye 007
Activision nimmt im November alle Action-Fans ins Visier. Nach dem ohnehin schon Über-Super-Kracher Verkaufszahlen Rambo Call of Duty: Black Ops werden noch zwei James Bond Spiele gereicht. Während das Abenteuer Blood Stone nur Xbox 360 und PS3 Besitzern vorbehalten bleibt, freuen sich Wii-Spieler über ein zeitgemäßes Remake des zeitlosen Klassikers Goldeneye.
Worum geht’s?
Darum die Kuh mal wieder ordentlich zu melken. Rare's „Goldeneye“ für das Nintendo 64 stellte 1997 nicht nur ein doch eher überraschend überragendes Spiel dar, sondern definierte die Konsolen-Ego-Shooter nachhaltig, stieg auf zu einer Splitscreen-Multiplayer-Legende, gilt als beste Filmversoftung überhaupt, hat eine riesige Fangemeinde bla bla bla ... Das ist 13 Jahre her und geht dem Tester am Allerwertesten vorbei. Denn der hat das Spiel damals nicht länger als eine Stunde gezockt, dafür aber den Film gesehen und für gut befunden. Doch natürlich ist der Titel der Spielerschaft noch in guter Erinnerung und man kann Activision nicht verdenken, dass sie den zugkräftigen Namen nutzen, um das Verkaufspotential der Agenten-Action noch anzuziehen. Im Folgenden lest ihr jedoch einen völlig Nostalgie-bereinigten Test. „Goldeneye 007“ für die Wii wird sich heute nämlich mit aktuellen Shootern messen müssen und nicht mit der verklärten Warnehmung des längst überholten Vorbildes. Auch dem Vergleich zur Filmvorlage braucht sich das Spiel kaum unterziehen. Die Bond-erfahrenen Entwickler von Eurocom („James Bond 007: Nightfire“) haben die Story über den EMP-Satelliten Goldeneye in die Gegenwart geholt, ähnlich Bond-Film Numero vier „Feuerball“ und dessen Remake, dem inoffiziellen und grundsätzlich nicht mit in die Reihe gezählten „Sag niemals nie“. Das heißt nicht nur das Neu-Bond Daniel Craig dem Helden Aussehen und Stimme zur Verfügung stellt, sondern ihr mit aktueller Technik und Waffenausrüstung und modernen modischen Trends konfrontiert werdet. Am eigentlichen Inhalt der Story, die mit witzigen kleinen Abweichungen erzählt wird, welche sie auch für Kenner interessant macht, ändert sich freilich wenig. Noch immer versuchen russische Schurken mit Hilfe des Goldeneye England in die Krise zu stürzen. Die Präsentation der Handlung beschränkt sich dabei auf kurze Cutscenes bzw. Skript-Ereignisse innerhalb der Missionen und Briefings im üblichen High-Tech-Design zwischen erledigten Abschnitten. Ausschweifende Zwischensequenzen hat man sich komplett gespart. Auch wenn ich durch das kürzliche Spielen von „Uncharted 2“ besonders verwöhnt bin, aber das ist selbst auf der Wii etwas zu wenig. Besonders bei einem so filmisch verankerten Franchise. Schon vor zwei Konsolengeneration haben Spiele gezeigt wie mehr geht. Erstaunlicherweise wurden sämtliche Dialoge tadellos deutsch vertont, sogar mit den Stammsprechern von Daniel Craig und Judi Dench. Die beiden lassen aber gerade Filmfans einen weiteren Wermutstropfen schmecken. Neben Muschikatzenpuppe Nicole Scherzinger, die in beachtenswerter Konkurrenzfähigkeit Tina Turner's eingängigen Titelsong neu einsingt, sind sie nämlich die einzigen prominenten Darsteller des Spiels. Kein Sean Bean mehr, keine Famke Jansen und kein Robbie Coltrane. Nur gesichtslose Polygonfiguren in den Rollen von 006 (besonders blass) oder General Orumov ... Molotov ... Rubbelkopf ... wie auch immer (der sogar noch austauschbarer daherkommt). Dadurch geht leider viel vom Bond-Glamour flöten.
Wie sehr setzt Bond auf moderne Kriegsführung?
„Goldeneye 007“ ist also gleichzeitig eine Art Film- und Videospielremake, obwohl die Macher selbst von einer Neuinterpretation sprechen. So orientieren sich die 14 Level zwar in den Settings und an einigen Stellen auch im Aufbau am N64-Original, haben aber ansonsten nicht mehr viel damit gemein. In den meisten Fällen habt ihr die Möglichkeit euch zwischen schleichendem Fortkommen zu entscheiden und Gegner mit der schallgedämpften P99 zu kopfschießen bzw. sie mit Stealth Kills zu überwältigen oder einfach alles lautstark über den Haufen zu ballern was aufrecht geht, was den praktischen Effekt zu Folge hat, dass sich noch mehr Wachen zum Umnieten zur Verfügung stellen. Mehr Gegner, mehr Action ... hähä. Das Leveldesign forciert aber in ausgeglichenem Verhältnis beide Vorgehensweisen. Auch vorsichtige Naturen werden also nicht drumherum kommen, den Finger hin und wieder am Abzug festzukleben. Direkt vom Rare-Meisterwerk übernommen ist die Idee, mit gestiegenem Schwierigkeitsgrad neue Missionsziele in die Gebiete einzubauen. Das erhöht den Wiederspielwert, werdet ihr doch so dazu angehalten Abschnitte zu erkunden, die man beim erstmaligen Durchspielen komplett ignoriert hat, wenngleich das Leveldesign dabei kaum „Deus Ex“-Komplexität auffährt und Aufgabenstellungen wie „Hacke drei Netzwerk-Knotenpunkte“ nicht gerade vor Anspruch platzen. Letzteres erledigt ihr übrigens mit James' Smartphone, das obendrein zum Manipulieren von Geschütztürmen oder Fotografieren herhalten muss. Der Fokus liegt aber klar auf Ballereinlagen. Und die sind erstaunlich satt inszeniert. Die Areale und Gegnerpositionen sind abwechslungsreich und sorgfältig konzipiert, sodass sich die Schießereien stets anders anfühlen. Hier wird auch spätestens klar das sich „Goldeneye“ spielerisch weniger an das titelgebende Vorbild hält, als vielmehr (und viel besser) am hauseigenen „Modern Warfare“. Die Ähnlichkeiten, vom Anvisieren mit der Waffe, über die automatische Heilung, kontextsensitive Aktionen, etwa beim Aufbrechen einer Tür oder geskripteten Fahrsequenzen, bei denen ihr zum Beispiel aus einem Truck heraus alles in der näheren Umgebung ummäht, gehen bis zu blanker Kopie, wenn Bond in einen Raum prescht und das Spiel in eine Zeitlupe schaltet, welche euch die Möglichkeit gibt in Ruhe alle anwesenden Schurken wegzupusten, bevor selbige eine Geisel zum ewigen Schweigen verdammen oder den Alarmknopf drücken.
Ist die Präsentation in den 13 Jahren richtig gereift?
Als wir im Sommer den ersten E3-Trailer gesehen haben, waren wir einstimmig der Meinung, dass das neue „Goldeneye“ scheinbar immer noch genauso „gut“ aussieht wie das alte. Da haben wir uns ein wenig getäuscht. Das Wii-Spiel hat seine Stärken und Momente. Besonders die vorberechneten Sequenzen glänzen mit hervorragenden Animationen. Einige Kulissen, wie die Schickimicki-Tanzbar in Marokko sind äußerst stimmig geworden. Hier werden etwa hunderte von Menschen auf dem Floor durch schwarze Silhouetten simuliert. Ein leicht durchschauberer Trick, der eigentlich nur die geringe Hardwareleistung kaschiert, aber mit reichlich Stil durchgeführt wurde. Ich finde es jedenfalls löblich, dass die Entwickler versucht haben aus der Not heraus trotzdem ein möglichst beeindruckendes Ergebnis abzuliefern. An einer anderen Stelle im selben Level kommt es zur einem Shoot-Out im Speisesaal, wobei die Soundeffekte heruntergeschraubt wurden und fast nur noch ein sehr ruhiges Lied zu hören ist. Derlei Szenen hat es in Filmen zwar schon hunderttausendmillonen Mal gegeben und sie erinnert passenderweise auch gleich an eine ähnliche (und völlig misslungene) Sequenz aus dem letzten Craig-Bond „Ein Quantum Trost“, ist aber in Videospielen eher selten zu finden und ohnehin immer super cool. Durchaus beachtenswert sind auch die vielen zerstörbaren Elemente in der Umgebung. Diese gehen zwar lange nicht soweit wie „Battlefield: Bad Company 2“ und beschränken sich auf bestimmte Gebiete, sorgen dort aber für den rechten BÄM!-Faktor und gesteigerte Dynamik, wenn ihr ständig weiterhechten müsst, weil mal wieder eure schützende Deckung zerschossen wurde. Demgegenüber stehen aber die meiste Zeit generelle Farb- und Detailarmut und weitestgehende Leblosigkeit der Umwelt. In Anbetracht von Titeln wie „Chronicles of Riddick“, „Resident Evil 4“, „Metroid Prime“ oder besonders natürlich „Black“, wunderschöne, actionlastige Werke aus der letzten Generation, kann man „Goldeneye“ wahrlich nicht als Grafik-Rakete bezeichnen. Wobei sogar die Framerate zeitweise spürbar, wenn auch nicht belastend, einbricht. Beim der Soundkulisse wurde allerdings, von den bereits erwähnten Sprechern, über die Waffeneffekte, bis zur stimmigen Musikunermalung alles richtig gemacht.
Welche Steuerungsmöglichkeiten stehen zur Auswahl?
Kurz: Alle bzw. alle sinnvollen. Das Balance Board bleibt selbstreden offline. Eurocom lässt euch mit Wiimote und Nunchuk, Classic Controller (Pro) oder Game Cube Controller auf Superschurkenjagd gehen. Obwohl ich ja eigentlich ein Freund der Wiimote-Nunchuk-Methode in Shootern bin, weil sich das in der „Metroid Prime Trilogy“ und bei „Sin & Punishment 2“ (FOREVER!) als überaus dufte herausgestellt hat, bin ich hier damit überhaupt nicht klar gekommen und darüber fast wahnsinnig geworden. Grund dafür ist vermutlich der Spielraum, den der Cursor bei Wii-Shootern meistens auf dem Bildschirm hat, um eventuell das Händezittern auszugleichen, was ja noch einleuchtet. Wieso der aber bei schnellen Drehungen immer bis an den Bildschirmrand wandern muss, geht mir nicht in den Kopf. Ist dann nämlich ein Gegner ins Blickfeld gerückt, muss man das Fadenkreuz auch gleich wieder ein Stück zurück bewegen. „Metroid Prime 3“ hat dafür zum Beispiel eine Methode angeboten, bei der sich der Bildausschnitt stets mitbewegt. Und siehe da, diese Art und Weise spielte sich traumhaft und brachte dem Spiel viel Lob für seine Bedienung ein. „Goldeneye“ hat diese Alternative nicht. Hinzu kommt, dass das anvisieren mit der Waffe die Bewegungsgeschwindigkeit ändert. Trotz Sensibilitätsjustierung war es für mich dadurch fast unmöglich effektiv zu zielen. Kleine Verbindungsunterbrechungen taten ihr übriges, können aber auch daran gelegen haben, wie die Technik bei mir aufgebaut ist und in welcher Höhe Sensorleiste und Couch zueinander stehen. Aber wie gesagt: „Metroid Prime 3“ ... Doch der Maus-und-Tastatur-verwöhnte Johannes hat inzwischen gelernt Shooter auch mit einem Controller annehmbar zu steuern und nicht umsonst gibt es eine Special Edition des Bond-Spiels, inklusive goldenem (und damit rotzhässlichen) Classic Controller Pro, mit dem sich die Action einfach tadellos bedienen lässt. Konfiguration nach Genre-Standard und präzise Analogstick-Abfrage – saubere Arbeit, kann man da nur sagen. Selbiges gilt für den Game Cube Controller, dessen Ergonomie aber bekanntlich nicht ganz so elegant ausgefallen ist.
Ist der Multiplayer noch immer gold wert?
Keine Frage, zu seligen N64-Zeiten war Splitscreen-Ego-Shooter-Action das große Ding ... zumindest auf der Konsole. Denn die hatten noch keine Internetanbindung, im Gegensatz zum PC. Heute wird auch auf der Konsole, trotz allgemein größerer Bildschirme vornehmlich online gezockt. In dieser Zeit wirbt „Goldeneye“ vor allem mit seiner Back-to-the-Roots-Vier-Spieler-Gaudi vor dem heimischen Fernseher, der im Falle der Wii ja auch weniger wahrscheinlich auf überdimensionales HD-Format angewachsen ist. Das lasse ich mir bei Rennspielen gut und gerne gefallen, in Ballerspielen ist die beschränkte Übersicht für mich hingegen weitaus störender. Davon müssen sich Fans von Splitscreen-Schießereinen nicht beeindrucken lassen und erleben in „Goldeneye“ wieder treibende Offline-Duelle, mit legendären Bond-Charakteren wie Beißer oder Oddjob in witzigen Spiel-Modi. Abseits meines subjektiven Unwillens bleiben die völlige Abstinenz von Bots und die deutlich runtergedrehte Spielgeschwindigkeit (welche mir schon im Solo-Modus zu langsam ist) jedoch nicht zu leugnende Defizite. Abhilfe schafft dabei der Online-Modus gegen bis zu sieben Spieler, der wieder offensichtliche „Call of Duty“-Parallelen aufweist und euch für erledigte Abschüsse, Kill-Ketten oder Headshots mit neuen Waffen und Ausrüstung belohnt. Dank des flüssigen Ablaufs und den durchdachten Karten hält der Spielspaß hier deutlich länger vor. Mit der großen Genre-Konkurrenz kann sich Bond allerdings auch hier nicht messen.
Offizieller Launchtrailer
Pro und Contra
- + gut ausbalancierter Mix aus Ballern, Schleichen und Skript-Action
- + hervorragende Steuerung mit dem Classic Controller Pro ...
- + Action-Szenen teils sehr stylisch und spektakulär inszeniert ...
- + hoher Wiederspielwert, dank zusätzlicher Missionsziele
- + netter Online-Multiplayer ...
- - nüscht, aba auch jar nüscht neuet
- - ... mit Wiimote und Nunchuk hingegen ... mäh
- - ... grafisch ansonsten eher ein hässliches Bondlein
- - kaum Bond-Atmosphäre
- - leidet Offline unter stark reduziertem Tempo
Nur Bronze, aber immer noch auf dem Siegertreppchen
Wenn man das Versagen des Spiels bzw. das seiner Entwickler zusammenfassen möchte, dann ist es wohl die Tatsache, dass es sich völlig damit begnügt ein gutes Spiel zu sein, ohne jemals den Versuch zu unternehmen herausragend zu werden. Der Spielablauf bietet genug Variation, um bis zum Ende durchgehend bestens zu unterhalten, sei es in den spannenden Schleichmomenten, den teils spektakulären Schießereien oder den rasanten Rail-Abschnitten. Leider fehlt zu jeder Zeit der Eindruck man hätte alles nicht schon mal und auch nicht schon oft noch besser gesehen, vor allem in den offensichtlichen meisterhaften Vorbildern. So bleibt „Goldeneye“, trotzdem man ihm die Sorgfalt und Mühen der Entwickler anmerkt immer ein wenig belangslos, ganz besonders auch was die Bond-Lizenz angeht. Denn abgesehen davon das Daniel Craig hier den britischen Agenten mit dem berühmten Namen mimt, kommt nur wenig vom Bond-Feeling rüber. Hier hätte man mit einer filmischeren Präsentation Wunder wirken können. Das haben andere Titel (*hust* „Metal Gear Solid“ *hust) schließlich bereits vor Jahren hinbekommen. „Goldeneye“ ist zweifellos der beste First-Person-Shooter auf der Wii. Das sagt aber nicht so viel über dessen Qualität aus, als mehr über die Abwesenheit hochwertiger Genre-Kost auf dem System.
Die Limited Edition
Für einen geringen Aufpreis von ca. 25€ gibt es auch eine Limited Edition zu GoldenEye für die Wii. Diese wird in einer Box im GoldenEye-Design, geliefert und beinhaltet selbstverständlich das Spiel und einen goldenen Classic-Controller.
Bewertung
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Kommentare (8)
Cuberde
IM Carlos
dawool
z101
Ähm ... naja zu dem Test sag ich jetzt mal nichts weiter.
Johannes Krohn
Johannes Krohn