Im Test: Fist of the North Star – Ken's Rage 2

Freitag, 08. Februar 2013 Johannes Krohn 
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Na, mal wieder extrem geladen von egozentrischen Mitmenschen? Enttäuscht über die verkackte Prüfung? Hat „Dead Space 3“ nicht die erhoffte Wertung erhalten? Lange nicht das Schlafzimmer umgeräumt? Oder habt Ihr schlichtweg ein paar Kästen Bier zu viel im Schrank, die endlich mal wegmüssen? Egal ob Ihr nun ein paar Aggressionen, überschüssige Energien oder einfach ein paar Leberzellen abbauen wollt, „Fist of the North Star“ ist Euer Rehabilitierungsprogramm in diesen schweren Stunden.

Ein Spiel, welches einem so entgegenkommend die Bälle für eine exzellente Porno-Titel-Alternative zuschmeißt, muss man schon von vorneherein irgendwie liebhaben. Und ja, ich überlasse es Eurer Fantasie wie „Fisting of the Porn-Star – Cock's Range 2“ anders heißen könnte, wenn … Ups! Na ja, passenderweise ist Koeis Manga-Versoftung nicht weniger testosterongeschwängert als der übliche Internet-Besuch nach 23 Uhr. Dass hier wie dort eimerweise Körperflüssigkeiten spritzen, wäre für einen Vergleich dann aber wohl doch zu weit hergeholt. Dafür ist das Gameplay in beiden Varianten des Körperkontakts ähnlich abwechslungsarm.

Machen wir es kurz: Bei „Fist of the North Star – Ken's Rage 2“ von einem guten Spiel zu reden, würde meiner Testkompetenz wohl einen gehörigen Tiefschlag verpassen. Böse Zungen mögen gar behaupten, dass man ohnehin nicht schnell genug Kühlbeutel nachliefern kann, wie sie Schwellungen zu lindern hat. Doch wie lautet die AreaGames-Regel Nr. 1: Wenn es nicht gut ist, muss es wenigstens witzig sein. (Nein, es gibt keine Entschädigung, falls Ihr während des Lesens statt in einen Lachkrampf, in eine jahrelange Depression verfallt.) Und ganz ähnlich verhält es sich auch mit dem Endzeit-Prügler. „Ken's Rage 2“ mag nicht gut sein, doch es hat seine Vorzüge.

Der beachtliche Umfang gehört allerdings nicht unbedingt dazu. Die Discount-Formel „Mäßige Qualität in rauen Mengen“ wird schließlich kaum den Videospiel-Gourmet von Welt in Euch zufriedenstellen. Dennoch, mit Legend und Dream Mode bekommen unverbesserliche „Fist“-Fans viele Stunden platzende Menschen satt. Freizuspielen gibt’s auch reichlich. Im Legend-Modus wird die Story der Mangas nacherzählt. Als Serienheld Kenshiro, der aussieht wie ein junger aufgepumpter David Hasselhoff im Siegfried-und-Roy-Kostüm durchstreift Ihr postapokalyptische Landen und sprengt „Mad Max“-Punks, denen die atomare Verseuchung das Hirn zermanscht hat. 

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Mehr müsst Ihr über die Handlung eigentlich gar nicht wissen. Denn die Motivation der Ereignisse reicht immer gerade bis zur nächsten Massenkeilerei, verfehlt aber den Sprung vom Kleinhirn ins Langzeitgedächtnis. Genau hier setzt allerdings schon das unschätzbare Trash-Potential von „FotNS“ an: Die Bösen machen stets was wirklich grausam böses, zum Beispiel wehrlose, unschuldige Dorfbewohner abschlachten und sich dabei kaputtzulachen wie besoffene Paviane und Ihr setzt ihnen die Rechnung vor, ohne überhaupt irgendeine Emotion zu zeigen. Die Definition von cool, wie sie nur aus den 80ern stammen kann. Es macht einfach Spaß, es den Schurken heimzuzahlen, ohne sich über die Graustufen von Recht und Unrecht den Schädel zu kratzen. Dazwischen gibt es reichlich Drama, Pathos und philosophisches Kampfkunst-Geblubber über „Hockto-Schinken“ und andere Köstlichkeiten. Der von uns propagierte Witz kommt da von ganz alleine, wenn wohl auch unfreiwillig. Guilty Pleasure-Alarmstufe: Rot. 

Kenner der (animierten) Vorlage werden womöglich zu schätzen wissen, dass auf das endlose Gequatsche auch mal Action folgt, die länger als zehn Sekunden durchhält. Aber wer 200 Kilo pure Muskelmasse mit sich rumträgt, wird wohl zwangsläufig Probleme mit der Sauerstoffversorgung bekommen. Vor allem, wenn man wertvolle Luft damit verschwendet inhaltsleere Phrasen metaphysisch aufzublasen. Im Gegenzug müsst Ihr Euch beim virtuellen Fisting allerdings am laufenden Band durch vollkommen bedeutungslose Kämpfe gegen ganze Armeen gehirnamputierten Klon-Volks ackern. Respekt, wer da bis zum Ende durchhält. Diese Ausdauer belohnt das Spiel mit Galerien, Musikstücken, Videos und neuen Charakteren für den Dream Mode. Darin spielt Ihr Story-Kapitel mit unterschiedlichen Figuren des „FotNS“-Universums nach oder bestreitet bestimmte Herausforderungen, bei denen Ihr etwa auf weitläufigen Karten Basen erobern und Bosse verdreschen sollt, was übrigens auch kooperativ über das Netz oder im Zwei-Spieler-Splitscreen funktioniert. „Hokuto Crashing Winkmitdemzaunpfahl“!!!

Egal, welchen Modus Ihr startet, Eure Aufgabe wird es schlussendlich sein Zillarden von Weichbirnen den Lidschatten zu stempeln. Die „Dynasty Warriors“-Recken wären erfreut zu hören, das ihr Handwerk auch in der Post-Apokalypse noch die Butter aufs Brot bringt. Je nachdem welche Angriffsarten und Kombinationen Ihr einsetzt, erhöht sich Euer Technik-, Aura, Lebenslevel und so weiter. Verstreute Schriftrollen steigern diese Werte ebenfalls und eröffnen durch kluge Verteilung im Menü neue Moves. Und natürlich dürft Ihr auch fleißig Orbs einsammeln. Derlei geheuchelte Spieltiefe könnt Ihr gleich in die Tonne treten. Zum einen merkt Ihr von den Verbesserungen so gut wie gar nichts. Zum anderen reicht es grundsätzlich wie ein brennendes Karnickel auf die Knöpfe einzuhämmern, um galonenweise Blut abzuzapfen. Erst auf den höheren Schwierigkeitsgraden werdet Ihr gefordert. Von wahrer Kampfkunst kann allerdings auch hier nicht die Rede sein.

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Zu seinem und Eurem Glück, spielt sich „Ken's Rage 2“ jedoch recht lässig, sprich die Steuerung läuft intuitiv und technisch tadellos. Im Resultat können selbst Spieler mit Haken statt Händen ein aberwitziges Klopperspektakel abfeuern. Wenn Kenshiro mit einem Sturm aus Fußtritten 20 Gegner gleichzeitig in die nächste Wand befördert, mit seiner „Füntausend-Punkt-Kopf-Explosionstechnik“ einen Boss in seine Moleküle zerlegt oder mit zwei Fingern einen Armbrustbolzen fängt und ihn direkt ins Auge des Absenders zurückschickt kommt herrlich primitive Freude auf, die sich durch irgendeine Form von Hexerei oder geistiger Zersetzung erstaunlich lange aufrecht erhält. 

Während Ihr darüber schallend lacht, solltet Ihr allerdings achtgeben, dass Euer Ästhetikbewusstsein beim Anblick des Spiels nicht das letzte Frühstück durch die weit geöffnete Fressluke nach draußen schubst. Man könnte meinen auf der Spiel-Disc befände sich ein Software-Update für Abwärtskompatibilität, zusammen mit einem Nachzügler-Titel aus der letzten Generation. Doch, nein, „Fist of the North Star“ sieht tatsächlich so grottig aus. Gegen die tristen Level-Schläuche sind eingestürzte Plattenbauten architektonisch geradezu visionär. Jeder Schrottplatz hat mehr Charme. Die Texturen wurden anscheinend aus benutztem Toilettenpapier digitalisiert. Da sind sämtliche Farben vor Schreck gleich zu „Ni no Kuni“ geflüchtet. Als kleine Wiedergutmachung präsentiert das Gegner-Ensemble eine vollendete Form des Synchrontanzes, bei dem sie sich sogar den selben Platz im Raum-Zeit-Gefüge teilen. Highend-Clipping sei dank. 

Auch inszenatorisch spielt „Ken's Rage 2“ ganz oben mit. Ihr bekommt undynamische Ingame-Cuscenes bei denen sich nicht mal die Münder bewegen. Dann gibt es wieder aufwendigere, filmisch geschnittene Sequenzen in Spielgrafik. In erlesenen Momenten dürft Ihr CG-Filmchen bestaunen. Und oft wird die Geschichte besonders „true“ in statischen Comic-Panels präsentiert, die ebenfalls ganz doll von der bildhübschen Optik profitieren. Da könnten „Uncharted“ und „Metal Gear Solid“ vor Neid platzen. … Ach, nee. Moment … Hm, wer würde auch auf so völlig absurde Ideen wie Original-Manga-Seiten oder wenigstens richtig gemalte Bilder kommen? Bei der Vorlage, völlig aus der Luft gegriffen. 

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Doch sind wir ehrlich, wenn das Spiel besser aussehen würde, müsste man glatt traurig sein, dass es spielerisch so banane ist. Selbst der Soundtrack, mit seinem stereotypen Dauer-Metal transportiert auf perfekte Weise den Trash-Charakter und ist mit etwa genauso vielen Instrumenten eingespielt wie die Grafik Farben hat, nämlich zwei. 

Ganz persönlich hat „Fist of the North Star – Ken's Rage 2“ mir sogar noch ein echtes Nostalgie-Erlebnis beschert. In den letzten Jahren war es mir vergönnt größtenteils echte Perlen zum Testen abzugreifen, was sich im berüchtigten (und trotz alledem wohl kontroversen) 9/10-Regen niederschlug. In meiner Anfangszeit als Praktikant bei AreaGames hatte ich hingegen vor allem mit Nischentiteln und Videospiel-Abfall für die Wii zu tun. Spiele, die man normalerweise sowohl verdient als auch ungerechtfertigt ignorieren würden, die über die Jahre jedoch auch ihren Platz in meinem Herzen eingenommen haben Und genau an diese Art von Spielen hat mich auch „Fist of the North Star“ erinnert. Hm, gilt man damit schon als wunderlich?

Auf der anderen Seite hat mich diese Veröffentlichung aber auch verärgert. Wie kann es eigentlich sein, dass ein Spiel, dessen Franchise bei uns nur eine sehr kleine Basis hat und dessen erster Teil wohl kaum von goldenen Verkaufszahlen singen kann und das dazu noch von zweifelhafter Qualität ist, mit einer hiesigen Veröffentlichung gesegnet wird, während etwa ein „Final Fantasy Type-0“ vermutlich niemals die Grenzen Japans überwindet? Zum kot …   

Fazit

Fans der ultramännlichen Vorlage mögen mir verzeihen und sich vielleicht mit ernsthafter Begeisterung durch das Spiel prügeln. Obwohl ich der Meinung bin, dass ein One-on-One-Klopper im Anime-Gewand, wie es ihn schon für die PS2 gab, in jedem Fall die adäquatere Umsetzung des Stoffs darstellt. Doch „Fist of the North Star – Ken's Rage 2“ ist für sich genommen einfach nur eine vergnügliche Trash-Bombe deluxe. Das eintönige Spieldesign und die unterirdische audiovisuelle Verpackung verhindern eine höhere Wertung. Abgesehen davon, kann ich nur jedem Empfehlen das Teil aus der Videothek zu holen, ein paar Kumpels ranzupfeifen und einen Abend lang mächtig abzufeiern. Und den besten Witz liefert Koei dafür selbst noch, indem sie das Spiel allen ernstes zum Vollpreis in die Läden stellen.  

Bewertung

Fist Of The North Star: Ken's Rage 2ps3

5/10

Bewertung

Fist Of The North Star: Ken's Rage 2xbox360

5/10
 

Kommentare (4)

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08.02.2013 17:03 -

Für total schlecht und etwas lustig für einen Abend, weil so schlecht ist 5/10 aber schon echt oberes Limit oder? ;)

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08.02.2013 18:33 -

" Die Texturen wurden anscheinend aus benutztem Toilettenpapier digitalisiert"  Epic pur :D

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08.02.2013 19:18 -

Ich freu mich schon drauf den Test zu lesen. Das Spiel interissiert mich dagegen überhaupt nicht.

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09.02.2013 23:36 - Sehr schöner Test, wo das Lesen wohl wieder mehr Spaß macht, als das scheiß Spiel zu spielen.Ich sah neulich die Asylum-Gurke Zombie Apokalypse und als ich anfangs noch extrem genervt und schon richtig sauer darüber war wie einfallslos die Story und abartig dumm die Handlungen der Protagonisten waren, war ich im nachhinein schon wieder froh das konsequenterweise auch die Effekte und Zombie-Make Ups der untersten C-Filmschublade entsprangen. Ich denke wenn ein Videospiel oder eben auch ein Film von vorne bis hinten scheiße ist, kann man darüber wenigstens noch lachen. Wenn ich den Test hier so lese und dazu noch das Vorspielvideo gucke dann scheint mir Kens Rage 2 genau in diese Kerbe zu schlagen. Das Teil auszuleihen und mit meinen Buddys zu zocken...davon will ich aber doch lieber Abstand nehmen. Wir sind alle Martial Arts begeisterte Film-Nerds und mit genügend Alkohol, der sollte beim konsumieren zweifelhafter Software ja natürlich reichlich vorhanden sein, könnte es wieder zu einer Apokalypse kommen. ;-)
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