Im Test: Ni No Kuni - Der Fluch der Weißen Königin

Freitag, 01. Februar 2013 Johannes Krohn 
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Wenn das wohl berühmteste Anime-Studio der Welt und eine der renommiertesten japanischen Spieleschmieden zusammen ein Rollenspiel auf die Beine stellen, ist ein absoluter Kritikerliebling vorprogrammiert, von lächerlich hohen Absatzzahlen im Heimatland ganz zu schweigen. Im Westen haben J-RPGs über die letzten Jahre allerdings einiges von ihrem Glanz und exotischen Reiz eingebüßt. Kann das PS3-exklusive „Ni no Kuni“ den alten Ruf wiederherstellen?

„Ni no Kuni“ will Euch schon dem Titel nach in „eine andere Welt“ entführen. Dafür kommt dem geneigten Freund fernöstlicher Rollenspiele (und in diesem Fall werdet Ihr „geneigt“ sein) erstmal alles recht vertraut vor. Das Produkt dieser Giganten-Fusion ist in seinen Grundfesten durch und durch ein J-RPG, so klassisch, dass es manchmal fast schmerzt. Doch bereits im Jahre 2004 haben Level 5 mit dem alten Tugenden vereidigten „Dragon Quest VIII – Die Reise des verwunschenen Königs“ ein Stück Videospielmagie hervorgebracht, welches international einstimmig Begeisterung erntete. 

In gleicher Weise finden Anime-Fans typische Ghibli-Charakteristika wieder, sowohl in der Geschichte, als auch der visuellen Gestaltung und der Musik. Traditionelle Werte aus den Werken des Studios wie Familie, Freundschaft, das Erwachsenwerden, aber auch die Wunder des Lebens ziehen sich durch die Erzählung über den kleinen Oliver, der bei einer kindlichen Torheit beinahe ums Leben kommt. Seine Mutter kann ihn retten, leidet jedoch unter einem schwachen Herzen und stirbt kurz darauf an den Folgen der Aufregung. Oliver, nun ganz allein, ist tieftraurig und weint bitterlich. Schon lange gab es keine so ehrlich herzergreifende Szene mehr in einem Videospiel, denn Ollis Gefühle wird wohl so ziemlich jeder nachvollziehen können. 

Als seine Tränen auf einer Puppe landen, die seine Mutter ihm einst schenkte, erwacht diese plötzlich zum Leben und stellt sich als Tröpfen, der große Großfürst der Feen vor. Ziemlich vollmundige Worte für eine kurzbeinige Gestalt, die kaum einen Kopf größer als ein Marmeladenglas ist. Doch wie sich schnell herausstellt sind Bescheidenheit, Schweigsamkeit und verbale Etikette kaum seine größten Stärken. Tröpfchen ist ein zwar cleverer und herzensguter, aber auch rotzfrecher Zeitgenosse, der Olli für sein Dauergeflenne erstmal den Spitznamen Heulsuse oder kurz Suse gibt und auch sonst kein Blatt vor den Mund nimmt. Sympathisch. 

Die Fee erkennt in dem kleinen Waisen den Auserwählten mit dem reinen Herzen und berichtet ihm von dem Parallelreich aus dem er stammt, welches vom finsteren Dschinn Shaddar heimgesucht wird. Zudem gibt es dort von jedem Lebewesen aus Ollis Welt einen Seelenverwandten. Die Doppelgängerin seiner Mutter könnte ihm demnach helfen sie wieder zum Leben zu erwecken. Nach anfänglichen Zögern machen sich Junge und Fee auf, das Land und die Mama zu retten.

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Anime-Conoisseure werden die Geschichte wohl eher als Ghibli-light empfinden. „Ni no Kuni“ erreicht nicht ganz das Niveau subtil gezeichneter zwischenmenschlicher Beziehungen, dramatischer Kraft und fantastischer Verspieltheit, welches man aus den Filmen kennt. Das liegt meiner Meinung nach zu einem nicht geringen Teil an der Darbietung. Viele Zwischensequenzen laufen in Spielgrafik ab und wirken dabei häufig recht statisch und altbacken inszeniert. Die meisten Dialoge verzichten weitestgehend auf Sprachausgabe oder Gestikulierungen und drehen dann zu allem Überfluss auch noch die Hintergrundmusik runter. Mir ist es oft passiert, dass ich beim Lesen der Untertitel so schnell gar nicht mitbekommen habe, wer jetzt eigentlich spricht. Handgezeichnete Filme stellen das aufwendige Äquivalent zum üblichen CGI-Pomp dar und versprühen authentische Ghibli-Stimmung, sind jedoch recht selten zu bestaunen und leider sehr kurz. Gerade eine der emotionalsten Szenen, den Tod von Ollis Mutter müsst als Ingame-Sequenz verfolgen, was aus oben genannten Gründen nicht so nahegeht, wie es könnte. 

Ganz allgemein ist das Tempo der Erzählung zu Beginn recht zäh. Viele Sachverhalte werden Euch über Gebühr vorgekaut, langwierige Gewaltmärsche zu vorhersehbaren Plotpoints sind an der Tagesordnung und Höhepunkte bleiben aus. „Ni no Kuni“ trägt zudem ein Problem der zuletzt deutlich Ghibli-inspirierten „Zeldas“ (und dieser Vergleich wird noch öfter fallen) in sich: Trotz wiederholter Erklärung, ist die allumfassende Bedrohung durch das Böse kaum zu spüren. Hier und da sind kleine Wehwehchen zu heilen. Doch insgesamt geht es allen recht dufte. 

Das klingt vernichtender als es ist. Denn später zieht die Handlung deutlich an und wartet auch mit einigen Überraschungen auf. Zudem kauft man dem Spiel seinen emotionalen Anspruch in jeder Sekunde ab. Die vielen kleinen Einzelschicksale und wie Oliver den Bewohnern der „anderen Welt“ helfen möchte, strahlen die vielleicht etwas naive, vielleicht auch kitschige, jedoch äußerst erholsame Warmherzigkeit familiengerechter, moralgetränkter Animationsfilme aus. Eine willkommene Alternative zur verbreiteten „Wir lösen alles mit Gewalt“-Attitüde.

Dennoch muss ich sagen, auch wenn Oliver das erfrischend natürliche Gegenbild zum gängigen Ultramarine oder dem „Heute heul' ich, morgen kämpf' ich“-Emo anderer J-RPGs darstellt, fehlen seinem offensiven Gutmenschentum ein wenig die psychologischen Facetten, geschweige denn eine Entwicklung über die erste halbe Stunde hinaus. Gerade Filme wie „Mein Nachbar Totoro“, „Die letzten Glühwürmchen“ oder „Only Yesterday“ überzeugten mit ihrer fein beobachteten Zeichnung kindlicher Verhaltensweisen und Gedankenwelten. Auch halte ich die Rettung der Mutter prinzipiell für ein tolles Motiv, das viel persönlicher und nachvollziehbarer ist als etwa politische Ränkeschmiede. Allerdings gibt das Ziel ihrer Wiederbelebung der Reise ins Erwachsenendasein des kleinen Olli eine weltfremde Note, welche die Botschaft untergräbt. Man muss sich mit dem Tod eben abfinden. 

Letztlich bleibt die Geschichte jedoch gerade diesmal ein sehr subjektives Erlebnis. Ein Blick auf andere Rezensionen verrät, das der Großteil der Fachpresse enorm angetan ist von der Story, den Figuren und der gefühlvollen Erzählung und das auch sicher nicht zu unrecht. Da die Handlung jedoch immer noch zu den wichtigsten Elementen eines Rollenspiels gehört, wollte ich Euch meine wohl etwas kleinliche Kritik daran nicht vorenthalten. Irgendwer hat mir auch gesteckt, dass ein Testbericht genau dafür da ist. 

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Sowieso ist das auch alles nicht so tragisch. „Ni no Kuni“ vermag auf zahlreichen anderen Ebenen restlos zu begeistern. Wie gesagt, bekommt Ihr hier ein vordergründig altbewährtes RPG japanischer Bauart. Wir nehmen also einen gutbürgerlichen „Dragon Quest“-Fond, schnippeln reichlich gesundes „Tales of“-Gemüse hinein und kochen saftige „Pokémon“-Klöße unter. Zum Schluss sorgen erlesene Ghibli-Gwürze für ein herrliches audiovisuelles Aroma. 

Übersetzt aus dem „Cooking Mamaschen“ bedeutet dies, Ihr lauft bzw. segelt und fliegt später wie in alten Zeiten über eine weitläufige Oberweltkarte, bekämpft zahlreiche Monster und macht Ausflüge in Städte und Dungeons. In den Metropolen plaudert Ihr mit der Bevölkerung, treibt so die Handlung voran, nimmt Quests an und kauft Proviant und Ausrüstung für die Expeditionen in Wälder, Höhlen und Tempel, wo Ihr noch mehr Ungetüme erlegt und kleine Rätsel löst. Wie gesagt: Klassisch.

Zufallskampfphobikern darf Entwarnung gegeben werden. In „Ni no Kuni“ sind die Feinde stets zu sehen. Wenn Ihr keine Lust auf Monsterklatschen habt, könnt Ihr den Viechern also einfach aus dem Weg gehen. Doch Vorsicht, sobald sie Euch erspähen werden sie Euch verfolgen (oder wegrennen, solltet Ihr weitaus stärker sein) und einige von ihnen sind echt schnell. Nach einer Weile lassen sie jedoch ab von der Jagd. Zudem könnt Ihr vorher nicht erkennen, wie viele und welche Biester sich dahinter verbergen. 

Kommt es zur Konfrontation, wechselt Ihr in eine abgegrenzte Arena. (Nur, falls noch Zweifel bestanden, ob es sich tatsächlich um ein J-RPG handelt.) Hier zeigt sich der „Tales of“-Faktor. Innerhalb des Areals dürft Ihr Euch frei bewegen, das Kampfgeschehen läuft in Echtzeit ab. Habt Ihr einen Gegner von hinten überrascht, dürft Ihr einen Erstschlag ausführen. Selbiges gilt allerdings auch für Eure Widersacher. Über ein Ringmenü wählt Ihr flugs Aktionen wie Angriff oder Verteidigung. Nur in bestimmten Momenten, wenn Ihr Zauber, Items oder Charaktere einsetzt pausiert die Action. Sämtliche Manöver haben übrigens eine Abkühlphase. Ihr müsst also gut abwägen ob und wann Ihr was einsetzt.

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Schnell im Spiel bekommt Oliver einen sogenannten Vertrauten, eine kleine kampfstarke Kreatur, die mit Euch in die Schlacht zieht. Davon findet Ihr im Laufe des Abenteuers immer mehr und könnt sie später sogar aus den feindlichen Reihen rekrutieren. Insgesamt gibt es ca. 200 verschiedene. Jedes Party-Mitglied – ein Mädchen namens Esther und ein Dieb namens Sven gesellen sich hinzu – darf drei Vertraute in den Kampf schicken. Schlussendlich befehligt Ihr also bis zu zwölf Figuren. 

Vertraute verfügen über ganz eigene Techniken und Eigenschaften, dürfen aber nur eine begrenzte Zeit auf dem Schlachtfeld bleiben, bevor sie sich vorerst wieder erholen müssen, ähnlich den normalen Kampfaktionen. Damit Euch nicht der Kopf explodiert, könnt Ihr den Gefährten, die Ihr gerade nicht kontrolliert rudimentäre Verhaltensmuster vorgeben. Diese befolgen sie auch recht pflichtbewusst. Mitunter segnen sie allerdings doch das zeitliche, obwohl es sich vermeiden ließe.

Wenn Ihr geschickt abwehrt oder Attacken platziert, fallen blaue oder grüne Essenzen ab, welche Magie- und Lebenspunkte regenerieren. In regelmäßigen Intervallen wirft Tröpfchen auch welche aufs Feld. (Was mich zu der Frage führt, warum er uns eigentlich nicht immer versorgt?) Habt Ihr also wenigstens zwei Figuren, die flink genug sind, um den gegnerischen Standardangriffen zu entkommen und stärkere Angriffe abwehren können, braucht Ihr einfach nur eine Weile herumlaufen und die Wellnessperlen einzusammeln, um die Truppe auf Vordermann zu bringen. 

Auch jenseits solcher, etwas billigen Tricks sind Timing und Bewegung alles. „Ni no Kunis“ Kampfsystem verlangt von Euch in gleichem Maße Reaktion und einen kühlen Verstand. Das macht die Kämpfe aber auch so enorm mitreißend und befriedigend. Und ich hab' hier längst noch nicht alle Schichten aufgedeckt. 

Passionierte Monster-Züchter werden an den Vertrauten wohl noch mehr Spaß haben. Die putzigen Kerlchen steigen wie Eure menschlichen Mitstreiter mit zunehmender Kampferfahrung im Level auf. (Classic ...) Ab bestimmten Stufen lernen sie neue Fertigkeiten, von denen Ihr aber nur begrenzt viele zuordnen dürft bzw. sind bereit für eine neue Evolutionsstufe, von denen es je zwei gibt. Mit verschiedensten ungesunden Leckereien, wie Schoki, Pudding und Eis könnt Ihr deren Attribute gezielt aufwerten, was die Bande zwischen Euch stärkt. (… Pokémon …) Auch Ausrüstung und Waffen dürft ihr ihnen anlegen. Im Spiel seht Ihr die dann allerdings nicht, was damit erklärt wird, dass die lütten Racker das Zeug in magischen Blasen schlucken und so deren Eigenschaften adaptieren. Alle Monster zu finden und aus ihnen die ultimative Killer-Party zu formen, kann Euch noch weit über die veranschlagte Spielzeit hinaus beschäftigen. (… Awesomeness!)

Weiter zu Seite 2 (Ja, der Test ist etwas lang)

 

Kommentare (15)

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01.02.2013 08:30 -

Tut mir echt leid Johannes, da schreibst du so viel und ich les nur das Fazit ich weil ich zu viel Angst vor den kleinsten Spoilern habe. Ich hols nach wenn ich mit dem Spiel irgendwann durch bin ^^ 

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01.02.2013 09:18 - Genau das gleiche habe ich mir auch gedacht:)
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01.02.2013 09:28 - Nun will ich eine ps 3 :/
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01.02.2013 09:38 -

Toller (langer) Test.

Meine Wizard Edition steht neben mir auf dem Schreibtisch im Büro.

Bis 15 Uhr noch aushalten, dann gehts los.

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01.02.2013 10:15 -

Spiele es gerade und muss sagen das ,das Spiel echt genial ist.

Von dem Grafikstil, dem Gameplay und der Musik von Joe Hisashi

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01.02.2013 10:33 - Mir ist das alles zu süsslich. Von den Gibli Filmen mag ich auch eher das auch finstere und groteske Seiten zeigende "Prinzessin Mononoke" als "Totoro". Verkneif ich mir erst mal, später gebe ichs mir irgendwann gebraucht oder als "Nice Price".
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01.02.2013 14:58 -

Ist natürlich geschmackssache. Der Grafikstil ist natürlich kindlich gehalten, nur die Themen ja eher nicht. Schon in der ersten Stunde war ich emotional berührt und habe mit Oliver mitgelitten.

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01.02.2013 15:25 -

wow, sehr guter test! Der stil ist so gut, dass ich noch eine seite gelsen hätte ;)

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01.02.2013 16:57 -

Ich finde die Länge für ein so lange Spiel absolute okay. Freu mich über solche Tests und hätte gerne mehr davon,da der Test wriklich gut geschrieben ist.

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01.02.2013 21:23 -

Der Johannes mag oft Scheisse labern, aber Tests schreibt er wie kein Zweiter.

Nur schade, dass mich kaum ein Spiel von seiner Auswahl interessiert :P

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