19.01.2007 10:32
IndyCar Series
Wer aucht die Formel 1? Das fragt sich - globale Allgemeinbildung vorausgesetzt - mit Sicherheit der Großteil aller rennsport-interessierten US-Bürger, denn neben der sehr populären NASCAR-Serie buhlen die Open-Wheeler der Champ Car- und der IndyCar-Serien um die Gunst der Fans. Das neueste Rennspiel aus dem Hause Codemasters widmet sich nun der noch relativ jungen IndyCar Series und ist glücklicherweise auch in europäischen Gefilden erschienen.
Die erst 1996 gegründete Indy Racing League (IRL) entstand in Konkurrenz zur bestehenden Champ Car-Serie, die sich immer mehr an der Formel 1 orientierte und heutzutage im Rennkalender nur noch drei der (in den USA sehr beliebten) Ovalkurse aufweisen kann. Mit dem legendären Indianapolis-Rundkurs als Highlight wird in der IRL bis heute ausschließlich auf Ovalkursen gefahren. Die Saison 2002, auf der IndyCar Series basiert, bestand aus 14 Rennen auf ausschließlich amerikanischen Rennstrecken.
Die Motoren aller Rennwagen der 13 Teams haben die gleichen technischen Daten: 8 Zylinder, 3,5 Liter Huaum, 670 PS - betankt werden die Boliden mit Methanol. Für alle Fahrzeuge, Motoren und Chassis gibt es ein Kostenlimit, das nicht überschritten werden darf. Die meisten technischen Spielereien wie eine sequentielle Automatik oder die Traktionskontrolle sind verboten - bei nahezu identischen technischen Voraussetzungen steht die Leistung der Fahrer und die umfangreichen Setup-Abstimmungen im Vordergrund.
Die Rennen werden fliegend und ausschließlich auf trockener Strecke gestartet - Regenrennen finden nicht statt. Vor jedem Lauf stehen allen Teams für die Abstimmung der Wagen-Setups vier freie Trainingssitzungen zur Verfügung, woraufhin die Startaufstellung in einem Qualifikationstraining ermittelt wird. In Sachen Punkteverteilung erhält der Gewinner eines Rennens 50 Zähler, während selbst der (theoretisch) 33. noch einen Trostpunkt bekommt. Da das Fahrerfeld jedoch zumeist aus lediglich 25 Piloten besteht, muss niemand leer ausgehen - zudem gibt es weitere zwei Bonuspunkte für den Fahrer, der die meisten Rennrunden in Führung gelegen hat.
Im Spiel habt Ihr die Wahl zwischen Einzelrennen, den Indy 500, recht umfangreichen Multiplayer-Duellen oder einer kompletten IRL-Saison. Auf Wunsch erstellt Ihr Eure eigenen Teams und Fahrer und bereitet Euch in der Meisterklasse auf anspruchsvolle Profi-Rennen vor. In diesem umfangreichen Tutorial erläutert Euch Indy 500-Gewinner Eddie Cheever Jr. alles Wissenswerte in Bezug auf Wagenbeherrschung, Setups, Qualifikationen und Renntaktiken. Nach jeder Lektion wendet Ihr die Inhalte in einer praktischen Prüfung an, deren Ergebnis mit einer Medaille belohnt wird. Diese Auszeichnungen schalten diverse Sammelkarten frei, die Euch Zugriff auf Bonus-Gimmicks wie Saison-Videos oder alternative Rennwagenlackierungen verschaffen.
Wer jetzt denkt, dass die 14 Ovalkurse keinerlei Abwechslung böten, darf sich beruhigt zurücklehnen. Jede Strecke ist auf ihre Weise einzigartig und unterscheidet sich in puncto Länge, Breite, Kurvenradius, Asphaltbeschaffenheit und Kurvenhöhe von den anderen - selbst die Höhenlage und die damit verbundene Luftbeschaffenheit muss berücksichtigt werden. Die Rennen mit 25er-Fahrerfeld (in Indianapolis sind gar 33 Boliden unterwegs) garantieren dank regelmäßiger Positionswechsel Daueraction mit hohem Taktikanspruch. Nur wer gekonnt die Windschatten der Mitkonkurrenten nutzt und sein Fahrzeug perfekt auf den jeweiligen Kurs abgestimmt hat, kann sich Chancen auf den Meistertitel im härtesten Schwierigkeitsgrad erarbeiten. Die (im Profi-Härtegrad zwingend zu benutzende) Handschaltung liegt praktischerweise auf dem rechten Analogstick und bietet im Vergleich zur Automatik entscheidende Vorteile, denn nur hier kann der benzinsparende 6. Gang sinnvoll eingesetzt werden.
Vor jedem Rennen müsst Ihr Euren Boliden im Setup aufwendig abstimmen, wobei zahlreiche Faktoren und Parameter eine Rolle spielen: In den Trainingssitzungen besucht Ihr die Garage, in der Ihr Einstellungen in Bezug auf Flügel, Reifendruck, Radsturz, Bodenhöhe, Vorspur, Gänge, Federn und Stoßdämpfer vornehmen könnt. In der Boxengasse werden (auch während eines Rennens) die Treibstoffmenge festgelegt sowie bei Bedarf weitere Modifikationen der Flügel durchgeführt.
Auf der Strecke habt Ihr weitere Möglichkeiten, das Handling Eures Rennwagens zu beeinflussen: Per Tastendruck lassen sich Treibstoffgemisch und Gewichtsverteilung verändern. Ersteres sorgt für das Verhältnis der Geschwindigkeit zum Verauch, während sich ein ungleichmäßig verteiltes Gewicht auf etwaiges Über- oder Untersteuern auswirkt. Zusätzlich wird Euch anhand eines Wagendiagrammes der Reifenverschleiß angezeigt, wobei sogar zwischen innerer, mittlerer und äußerer Lauffläche unterschieden wird - in diesem Punkt schaffen Korrekturen am Radsturz und Reifendruck Abhilfe. Ein interaktiver Balken informiert Euch über etwaige Windschatten, recht umfangreiche Plazierungs- und Zeitabstandsinformationen halten Euch stets auf aktuellem Stand. Das Schadensmodell spielt ebenfalls eine übergeordnete Rolle, da selbst leichte Berührungen mit der Streckenbegrenzung verheerende Folgen haben können. Dazu gibt es ebenso spektakuläre Crashes, Motorplatzer und selbstverständlich die darauffolgenden Pace Car-Phasen.
Technisch gibt sich IndyCar Series sehr schlicht, aber trotzdem solide und zweckmäßig. Die Grafik bewegt sich (leider nur in 50 Hz) durchgehend flüssig auf gutem PS2-Niveau, leider werden keine 60 fps erreicht. Die Strecken wurden (auch bei Nacht) optisch ansprechend in Szene gesetzt und zeichnen sich durch sehr unterschiedliche Fahrbahnoberflächen und Randbebauungen aus. In diesem Punkt hätten wir gern mehr Details gesehen, zudem gibt es leider keine Echtzeitschatten - dafür kann man auf einigen Kursen feines Bump Mapping und hübsche Sonnenreflektionen auf dem Asphalt entdecken. Die Weitsicht geht in Ordnung, Pop-Ups gibt es dank weich einfadender Grafik in ausreichender Entfernung überhaupt nicht. Die Wagenmodelle wurden ansprechend und proportional realistisch modelliert, allerdings hätten ihnen Echtzeit-Lackreflektionen gut zu Gesicht gestanden. Das Geschwindigkeitsgefühl ist in allen 4 Ansichten hervorragend, naturgemäß geht's in der Bumper- und Cockpit-Perspektive am schnellsten zur Sache. Leider fehlt in sämtlichen Ansichten ein Rückspiegel, so dass Ihr auf die Rücksicht per Knopfdruck angewiesen seid. Die zahlreichen Crashes werden dank vieler umherfliegender Teile fernsehreif inszeniert und dürfen von Euch im (leider etwas kurzen) Replay nochmals begutachtet werden. Unter dem Strich freuen wir uns zudem über die gelungene 16:9-Unterstützung und den (in diesem Fall selbstverständlichen) Lenkrad-Support.
Der Soundbereich ist etwas durchwachsen ausgefallen: Während die Motoren realistisch (und in Dolby Digital 5.1-Qualität) heulen, kann man die spieleigene Musikuntermalung getrost vergessen, zumal auf die Einbindung optionaler eigener Soundtracks leider verzichtet wurde. Da die Zielgruppe des Spiels die Musik aber so oder so ausschaltet, um vollends in die Rennatmoshäre einzutauchen, fällt dieses Manko in unserer Teilwertung verhältnismäßig gering ins Gewicht. Sehr gelungen ist der schlichte und stets informative Boxenfunk sowie die deutsche Stimme unseres Meisterklassen-Einweisers Eddie Cheever Jr., die allerdings im Vergleich zum (nicht getrennt einstellbaren) Hintergrund-Sound deutlich lauter hätte ausfallen müssen.
Zu guter Letzt werden auch Multiplayer-Freunde zufriedenstellend bedient, denn mit maximal 3 Freunden dürft Ihr im (flüssigen) Splitscreen mit bis zu 8 zusätzlichen CPU-Gegnern Einzelrennen auf allen Kursen bestreiten. Leider sind wieder einmal keine Mehrspieler-Meisterschaften möglich, und auch auf System Link- und jeglichen Xbox Live-Support müsst Ihr leider verzichten.
"Mit Ausdauer gegen den Uhrzeigersinn"
(Meinung » Matthias Loges)
Ich danke Codemasters für ihren Mut, entgegen aller Gewohnheit eine waschechte Simulation für eine relativ kleine Zielgruppe auf dem PAL-Markt zu veröffentlichen! Mit IndyCar Series erwartet alle Fans des doch sehr speziellen US-Motorsports eine für Konsolenverhältnisse hochkomplexe Simulation. Die einfachen Schwierigkeitsgrade bieten im Zusammenhang mit den einsteigerfreundlichen Fahrhilfen zwar auch Spielspaß für Genre-Neulinge, doch selbst hier fordert die sehr gute Gegner-KI dem Spieler alles ab. Die wahre Offenbahrung erfährt der Fan allerdings im beinharten Profi-Modus, in dem zahlreiche, zum Teil sehr komplexe Setup-Modifikationen, eine ausgeklügelte Renntaktik, gekonntes Windschattenfahren und viel Ausdauer die Schlüssel zum (hart erarbeiteten) Erfolg sind.
Den Sprung in die obersten Wertungsregionen bleibt dem ambitionierten Titel trotzdem verwährt, denn neben der "nur" soliden Grafik fallen besonders die schmerzlich vermissten Rückspiegel ins Gewicht. Zudem trifft die Tatsache, dass ausschließlich Ovalrennen bestritten werden, sicherlich nicht jedermanns Geschmack, doch Simulations-Freaks und Freunde der Sportart sollten unbedingt zugreifen. Unter dem Strich bleibt eine äußerst gelungene Simulation von Fans für Fans, die in dieser Form auf der Xbox außer Konkurrenz steht.