Kane & Lynch 2: Dog Days
Das erste Kane & Lynch lag ganze 30 Spielminuten in meinem DVD-Laufwerk, dann flog es in hohem Bogen hinaus. Na gut, hört sich brutaler an als es war, schließlich musste das Teil wohlbehalten zur Videothek zurückgebracht werden. Glück für den zweiten Teil: Ich hatte das fragliche Privileg, ihn zu testen - daher stand eine voreilige Ausrangierung außer Frage. Doch was wäre wohl passiert, hätte ich ihn wieder einmal ausgeliehen oder gar gekauft? Erfahrt es in dem folgenden Testbericht!
Mit Kane & Lynch 2: Dog Days schickt Entwickler IO Interactive zwei der wohl unsympathischsten Titelhelden zurück auf den Bildschirm, daher klären wir folgendes gleich zu Anfang: Ist das mörderische Duo aus Psychopath und Ex-Söldner im zweiten Anlauf... liebenswerter? Naja, irgendwie schon. Die ganz kranken Ausfälle Lynchs sind Vergangenheit, vor allem, da er nun direkt vom Spieler kontrolliert wird. Ihr müsst ihm also nicht mehr dabei zusehen, wie er dutzende Unschuldige ohne erkennbaren Grund über den Haufen ballert, noch andere entsetzliche Dinge, mit denen ein gewisses Flughafenlevel aus einem anderen Shooter nicht mithalten könnte. Dass man sich mit beiden Akteuren trotzdem nicht zum Brunch am Sonntagvormittag treffen würde, gilt aber weiterhin. Natürlich ist das kein Manko, schließlich will Dog Days ein gradliniges Actionspiel ohne Charaktertiefe, dafür jedoch mit viel Action und spektakulären Szenen sein. Somit passt es ganz gut, dass man einen Locationwechsel in die chinesische Großstadt Shanghai vorgenommen hat.
Schönes, hässliches Shangai
Für mich ist die Darstellung der Stadt, vor allem in einigen Zwischensequenzen, eine der großen Stärken von Kane & Lynch 2. Shanghai ist dreckig, bis auf den letzten Quadratzentimeter bevölkert, hektisch und, dank der unzähligen Neonröhren, von denen mindestens eine an jeder Bruchbude hängt, verdammt bunt. Viele Details, zum Beispiel schlaffe, von Haus zu Haus hängende Kabel, marode Werbetafeln oder fahrradfahrende KI-Bewohner, geben den richtigen Grundton vor. Doch worum geht es überhaupt? Ganz einfach: nicht viel. Lynch hat sich in Shanghai niedergelassen, genießt ruhige Momente vor dem Fernseher mit seiner Freundin (oder einer Nutte, das wird erstmal nicht ersichtlich) und bringt ab und zu einen waghalsigen Deal über die Bühne. Da der langhaarige Waffenliebhaber bei genau so einem Geschäft Hilfe benötigt, holt er seinen alten Kumpel Kane in seine Stadt. Statt Sightseeing zum Einleben geht es dann auch direkt los mit einer Verfolgung, bei der die Tochter eines mächtigen Mannes aus Versehen eine Kugel in den Kopf bekommt. Blöd gelaufen. Was im Verlauf der Story geschieht... darauf hab‘ ich nicht wirklich geachtet. Sind wir doch ehrlich: Könnte man die beiden Hauptfiguren ganz ohne Begründung zum Töten in die Stadt schicken, hätte man sich die Mühe um eine zusammenhaltende Geschichte nie gemacht. Zwar nehmen immer wieder neue Charaktere am Geschehen teil - manche müssen getötet, manche geschützt werden - und zum Ende gibt‘s sogar einen kleinen Storytwist, seinen Fokus legt der Titel aber ganz offen auf die Ballerei. Schade eigentlich, denn einige der Cutscenes wirken aufgrund ihrer Youtube-Ästhetik, sowohl was Aussehen als auch Schnitt angeht, angenehm frisch und künstlerisch sogar wertvoll. Selbstverständlich in einem solchen Rahmen, in dem es bei Kane & Lynch 2: Dog Days überhaupt möglich ist.
Wie im Internet. Nur cooler.
Dabei wurde die „Web 2.0“-Optik bereits im Vorfeld von vielen scharf kritisiert: Zu aufgesetzt, zu anstrengend für die Augen, zu viel Verschleierung einer im Grunde mageren Optik. Was diese Vorwürfe angeht, so kann ich nur dem letzteren wirklich zustimmen. Parkhäuser und andere Gebäudekomplexe wirken äußerst trist, die Charakterbewegungen sind oftmals sehr steif und bei genauerem Blick scheint es geschätzte vier bis fünf Modelle für computergesteuerte Figuren zu geben. Abseits davon ist der benutzte Grafikstil nicht nur mutig, sondern passt perfekt zum Geschehen, wirkt absolut rund und bietet einen deutlichen Mehrwert. So wirkt es, als ob ständig jemand hinter Lynch hinterher rennt, um mit seiner Low-Budget-Handycam oder dem Handy eine Dokumentation zu basteln. Dabei perfektionieren Kompressions-Artefakte, vertikale Störlinien bei Lichtquellen, völlige Verschleierung und Farbverlust bei größeren Explosionen, ja sogar Zensur-Balken bei Kopfschüssen oder Genitalien (oh ja, die kommen vor) die allgemeine Ästhetik. Gerade Fans von Filmen wie Cloverfield oder Blair Witch Project, die zumindest mich meist mehr in das Geschehen hineinzuziehen vermögen als „herkömmliche“ Streifen, sollten sich Kane & Lynch 2 alleine deswegen einmal näher ansehen. Das einzig potentiell störende Element ist die äußerst wackelige Kamera - vor allem, wenn man einen Sprint hinlegt. Menschen mit Motion-Sickness (willkommen im Club) müssten hier auf Dauer ordentlich loskotzen, gäbe es nicht im Optionsmenü glücklicherweise eine optional einschaltbare Steadycam. Schwein gehabt.
Ballern. Ballern. Ballern. Ballern. Ballern. Ba...
Kommen wir aber endlich zu dem, was Kane & Lynch 2: Dog Days letztendlich doch wieder die Treppe in den Qualitätskeller hinunterschubst: das Gameplay. Schon lange ist mir kein derart abwechslungsarmes Spiel mehr untergekommen: Während der gesamten Spielzeit ballert ihr euch durch die mal mehr, mal weniger schönen Gegenden Shanghais. Egal, ob in Gebäuden, Parkhäusern, Autobahnen, ... die Spielmechanik bleibt zu jeder Zeit gleich, erst zum Ende hin gibt es eine einzige abwechslungsreichere Szene, doch selbst diese beinhaltet im Grunde eine Schießerei, nur in größerem Stil. Mehr will ich in diesem Fall auch gar nicht verraten. Immerhin wurde die Steuerung im Vergleich zum Erstling verbessert: Statt automatisch hinter Wänden, Pfeilern und Autos in Deckung zu gehen, ist nun ein Tastendruck von Nöten, wodurch weitaus weniger ungewollte Manöver zustande kommen. Darüber hinaus ist es dem Duo möglich, über ihren Schutzwall hinüberzuspringen, Menschen als kurzlebiges Schutzschild zu verwenden sowie blind in eine Richtung zu feuern. Hier findet also endlich eine Annäherung an moderne Third-Person-Shooter statt, auch wenn sich Lynch noch immer nicht so geschmeidig kontrollieren lässt wie ein Marcus Fenix oder Nathan Drake. Granaten und andere explosive Wurfgeschosse aus der Hemdtasche wurden komplett abgeschafft, dafür kann man sich herumstehende Benzinkanister oder Wasserlöscher schnappen, sie seinen Feinden entgegenwerfen und via Tastendruck in die Luft jagen. Manuell zielen muss man auf das jeweilige Objekt erfreulicherweise nicht, womit die bleihaltigen Auseinandersetzungen einen weitaus flotteren und kinoreiferen Eindruck erwecken. Damit stößt Kane & Lynch 2 dann aber auch schon an seine Grenzen, eine ausgefeilte Nahkampf-Steuerung oder ähnliches gibt es schlichtweg nicht. Schade ist zudem, dass sich die Waffen, von denen man zwei gleichzeitig tragen kann, allesamt zu sehr ähneln und man den Impact der Kugeln nicht richtig spürt bzw. erahnen kann. So oder so ist die Zielerfassung sehr ungenau: Gegner auf weitere Distanz zu töten erfordert meist ein oder zwei Magazine, bis endlich eine Kugel ihr Ziel nicht verfehlt. Ein Glück, dass überall die Schießprügel gefallener Widersacher auf einen neuen Besitzer warten.
Trotz Kürze gewaltig Mehrspieler-Würze
Besonders interessant ist der Titel für Co-Op-Fans: Der Story-Mode von Kane & Lynch 2: Dog Days kann komplett mit einem Freund gezockt werden, wobei Spieler Nr. 2 logischerweise in die Rolle von Kane schlüpft. Obwohl die Mitstreiter-KI (im Gegensatz zu Feinden und Zivilisten, die sich oft mitten in den Bleiregen stellen) stets einen guten Job macht, verleiht der kooperative Spielmodus dem Ganzen noch einmal eine ganze Ecke Extra-Spielspaß. Ist ja dasselbe wie im Bett: Mit Menschen macht es in der Regel mehr Spaß als mit Robotern. Glaubt mir. Leider ändert auch der Co-Op-Mode nichts an der Tatsache, dass die Story in mickrigen vier bis fünf Stunden durchgespielt ist und nicht gerade zu einem erneuten Durchgang verlockt. Um dieses Manko auszugleichen, findet sich im Hauptmenü außerdem noch ein kompetitiver Mehrspieler-Teil in insgesamt drei Variationen: In „Fragile Alliance“ treten mehrere Spieler gemeinsam als Verbrecherbande gegen die KI-gesteuerte Polizei an und begehen Diebstahl. Wer man Ende mit der meisten Kohle das Fluchtfahrzeug erreicht, entscheidet die Runde für sich. Der besondere Kniff: Als hinterlästiger Dieb habt ihr die Möglichkeit, euren augenscheinlichen Mitstreitern in den Rücken zu fallen, um auch deren Kneten einzusacken. Hierbei ist das richtige Timing gefragt: Sind zu viele Mitspieler in der Nähe? Wie viele Cops müssen noch ausgeschaltet werden? Wie weit ist das Fluchtfahrzeug entfernt? Eine Variation ist „Undercover Cop“ - hier bekommt einer der Spieler am Anfang der Runde gesagt, dass er ein verdeckter Ermittler ist. Es liegt also an ihm, die anderen Panzerknacker hochgehen zu lassen. Als letztes bietet „Cops and Robbers“ das gewohnte Katz-und-Maus-Spiel, in dem eine Hälfte in die Rolle der Räuber, die andere in die der Polizisten schlüpft. Alle drei Modi machen äußerst viel Laune und liefen während unser Testsession flüssig!
Pro und Contra
- + Lynch nicht ganz so unsympathisch wie früher
- + Steuerung im Vergleich zum Erstling optimiert...
- + detailliertes Shanghai
- + genialer Youtube-Effekt mit optionaler Steadycam
- + kurzweilige Mehrspieler-Modi
- - abwechslungsarmes Gameplay
- - ..., aber insgesamt immer noch zu ungenau
- - viele triste Levelabschnitte
- - KI-Aussetzer bei Feinden und Zivilisten
Und schon wiiieeeder verbockt!
Liebe Mitarbeiter von IO Interactive, wann widmet ihr euch endlich wieder dem, was ihr könnt? Hitman, zum Beispiel? Eine neue Geschichte rund um den Glatzenkiller, gespickt mit spielerischen Neurungen, ist nämlich längst überfällig. Angesichts des Verkaufserfolgs von Kane & Lynch 2 (im UK Platz 1, das gelang dem Erstling nie) sowie dem kommenden Kinofilm muss man jedoch davon ausgehen, dass uns die beiden in nicht allzu ferner Zukunft wieder beehren werden. Dabei ging wieder einmal so viel schief: Die Steuerung lässt mich ab und an daran zweifeln, nicht zwei Kilometer am Gegner vorbei zu zielen, zwischen den einzelnen Waffen spürt man nur wenige Unterschiede und spielerische Abwechslung wurde während der Entwicklung des Spiels offensichtlich zum Feind erklärt. Doch ich habe Hoffnung: War Kane & Lynch: Dead Men noch von vorne bis hinten beschissen, stimmt nun zumindest die Optik. Hätte ich den zweiten Teil erneut nur aus der Videothek geholt, wäre es neben der teils äußerst stimmig eingefangenen Stadt nämlich der geniale Youtube-Effekt gewesen, welcher mich länger als 30 Minuten bei Stange gehalten hätte. Und bei den vier bis fünf Stunden, die die Story rund um den Psychopaten und den Ex-Söldner anhält, handelt es sich hier tatsächlich um den perfekten Titel, um keinen Vollpreis auszugeben, sondern ihn lediglich auszuleihen. Standard-Fazit-Spruch eines Videospielredakteurs hin oder her... Es sei denn natürlich, man will wirklich mehr Zeit mit dem spaßigen Mehrspieler-Modus verbringen.
Bewertung
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Kommentare (38)
linktim
AssassinsWeed
BigSM
Claudandus
Was leider wirklich sehr stört ist der VIEL zu kurze Einspielermodus.
dr.gun
K&L2 wird also ein Videothekentitel. Super, wasch ich gleich zusammen mit dem neuen Splinter Cell ab. :)
Robert Buch
Boandl86
k&l2 durchschnitt, ebenso wie mafia2... hatte gehofft dass die beiden was werden !
truespin
HCrider
Pausenbrot
@Claudandus: Da haste wohl nicht im Options-Menü die Steady-Cam aktiviert... hilft Wunder gegen Seekrankheit