Kirby und das magische Garn
Oh, sie haben den Titel (wortgetreu) eingedeutscht. Aus „Kirby's Epic Yarn“, wurde „Kirby und das magische Garn“. Hm, das nimmt uns jetzt etwas die Grundlage darüber zu philosophieren wie viel Epik denn nun tatsächlich in diesem und auch einem anderen namensprotzenden Vertreter der Knuddelspielgattung steckt. (Gemeint ist „Micky Epic“, für die ganz schnellen. Und ja, wir wissen das „Knuddelspiel“ kein allgemein anerkanntes Videospielgenre ist.) Schließlich haben wir eine etwas andere Vorstellung von „episch“ und gehen davon aus, dass auch ihr dieses Wort eher selten mit Mäusen und der Farbe Pink verbindet. Nun, aber Kirby's erster exklusiver Wii-Auftritt ist ja jetzt nur noch magisch und nicht episch. Das lässt sich nicht leugnen. Doch kann uns der lebende Staubsauger ein weiteres Mal umgarnen oder zieht die 2D-Jump'n run-Formel langsam Fäden?
Worum geht's?
Ohne Frage: Kirby, das etwas undefinierte rosa Kugeldings mit der hohen Saugkraft ist wohl der vielseitigste aller Nintendo-Helden, hat aber wie viele seine Wurzeln auch in klassichen Plattformern („Kirby's Dreamland“, Game Boy, 1992). Auch das neuste Abenteuer des Gesichtsballs wandelt auf traditionellen, seitlich und vertikal scrollenden Hüpf-und-Renn-Pfaden, verlegt das Szenario aber in eine originelle Stoffwelt. Wie Kirby dahin kommt? [Ich-rede-mit-Babys-Stimme: EIN] Ja, als Kirby einmal ganz großen Hunger hatte und eine leckere Tomate sah, dachte er sich: „Fein! Die saug' ich gleich ein. Das wird ein toller Spaß.“ Doch die Tomate besaß magische Kräfte und gehörte einem bösen Zauberer. Als dieser sah wie Kirby die Tomate aß, sprang er hervor und sagte: „Nicht! Das ist meine magische Tomate.“ (oder so) Doch da war es schon zu spät und Kirby wurde in die (hoffentlich gewaschene) Socke gezogen, die der böse (Nur damit ihr es versteht. Er ist also keiner von den Guten.) Zauberer um den Hals trug und landete prompt in einer Stoffwelt, wo er selbst nur aus Garn bestand. Dort erfuhr Kirby von Prinz Plüsch das der böse (!) Zauberer hinter dem magischen Garn (Wenn ihr an den Titel denkt, versteht ihr es.) her ist, dass die Stoffwelt zusammenhielt. Doch jetzt fehlen die Pfäden des magischen Garns und Kirby macht sich mit seinem neuen (besten) Freund auf die Suche nach ihnen. So beginnt ein tolles, aber auch gefährliches Abenteuer für Kirby und Prinz Plüsch, auf dem die beiden viel Spaß haben werden, aber auch große (gefährliche) Gefahren überstehen müssen. Wie die Reise für unsere beiden tapferen Freunde wohl ausgehen wird? [Ich-rede-mit-Babys-Stimme: AUS ... Ach, wir ziehen zur Sicherheit lieber gleich den Stecker] [Weltmännischer-Intellektuellen-Sprachgebrauch-inklusive-Congnac-Schwenkbewegung-auch-bekannt-als-der-AreaGames-Slang: EIN] Soviel zur Alibi-Story, die „Kirby und das magische Garn“ mitsamt deutscher Märchenonkel-Erzählerstimme auf Vorschulalter inszeniert. Eigentlich sollte man für das Spiel aber lesen können, weswegen ich die hyperinfantile Präsentation mal als Satire auslege.
Wie spielt es sich?
Nintendo-Spiele strebten mit ihren Geschichten allerdings noch nie den Vergleich zur Weltliteratur an, sondern begeistern seit jeher mit allerfeinstem Gameplay. „Kirby und das magische Garn“ ist 2D-Jump'n run-Kost nach althergebrachter Art, was das Spiel aber nicht weniger sympathisch macht. Auf einer nach und nach erweiterten Weltkarte wählt ihr einzelne, verhältnismäßig kurze, thematisch und spielerisch jedoch sehr vielseitige Level an, in denen ihr auf eurem linearen Weg zum Ausgang deren Architektur meistert, Gegner ausschaltet, Perlen einsammelt und nach Schätzen sucht. Anders als etwa das ultrapuristische „Super Meat Boy“ verlangt „Kirby“ wieder eher den Komplettierer in euch, der wild darauf ist möglichst viele Punkte zu scheffeln und alle Geheimnisse aufzudecken. Aufgrund des sehr niedrigen Schwierigkeitsgrades liegt darin auch die eigentliche Herausforderung und Motivation. Da Kirby diesmal aus Garn besteht, kann er Feinde und Extras nicht einfach einsaugen. Stattdessen schwingt er einen peitschenartigen Faden, mit dem er seine Widersacher auseinanderzwirbeln oder zu kleinen Wollknäueln zusammenbinden kann, die sich dann wiederum auf Feinde oder Blöcke schleudern lassen. Außerdem erlaubt dieser ihm sich an bestimmten Griffpunkten einzuhaken, um herumzuschwingen oder die Umgebung zu manipulieren, indem er etwa Stofffetzen aus dem Hintergrund reißt, um einen Schatz freizulegen oder ein Stück des Levels zusammenzieht, damit er auf die gegenüberliegende Seite einer Kluft gelangen kann.
Sein Verwandlungstalent hat Kirby aber nicht verloren, auch wenn ihr keine Fähigkeiten mehr von Gegnern adaptieren könnt. Bei Sprüngen kann die lebende Kugel die Form eines Fallschirms oder eines Ambosses annehmen, im Wasser wird er zu einem U-Boot und um Tempo für weite Sprünge aufzunehmen transformiert er sich in ein Auto. An vorgegeben Stellen im Spiel ändert er außerdem seine Gestalt in einen feurkräftigen Panzer, einen Surfboarder oder eine Buddelmaschine. Aus der Verbindung von Fähigkeiteneinsatz und Levelaufbau ergeben sich die typischen kleinen Finden-und-erreichen-Rätsel, wie sie etwa auch die „Donkey Kong Country“-Serie auszeichnen. Zumeist stoßt ihr auf Einrichtungsgegenstände mit denen ihr die einzelnen Zimmer einer Pension in der Hauptstadt von Stoffland umdekorieren könnt, also erwartet nicht die Welt. Die Suche hält trotzdem bei der Stange, denn Nintendo-typisch unterhält jeder Abschnitt mit immer anderen Elementen und gewitztem Aufbau, zum anderen nimmt der Anspruch kontinuierlich zu – auch wenn das Spiel durchgehend recht leicht bleibt – sodass ihr doch schon mal zwei drei Anläufe benötigen könntet, um wirklich alle Secrets aufzudecken. Der Tiefgang und ernorme Abwechslungsreichtum beim Leveldesign der letzten „flachen“ Gorilla- und Klempner-Abenteuer wird allerdings nicht erreicht.
Wie sieht's aus?
Was „Kirby und das magische Garn“ natürlich auch vor der hauseigenen Konkurrenz abhebt ist sein ungewöhnlicher Stofflook, der ganz in der Tradition visueller Experimente wie etwa in „Yoshi's Island – Super Mario World 2“ oder „Paper Mario“ steht und auch hier grafisch wie spielerisch clever umgesetzt wurde. Die ganze Welt inklusive ihrer Bewohner besteht aus verschiedenen Stoffen und verhält sich dementsprechend auch so. Gebäude und Umwelt sind flickenhaft zusammengenäht. Zerstörte Objekte und Gegner zerfallen in einzelne Fäden oder Fussel. Wenn Kirby hinter einer Wand verschwindet, beult sich diese nach vorne aus. An geöffneten Reißverschlüssen fallen ganze Levelteile ab. Oder die Welt schlägt Falten, wenn Kirby sie, wie oben erwähnt zusammenzieht. Der Stil wirkt immer stimmig, ist Kirby-typisch äußerst farbenfroh, detailverliebt und wird nie langweilig anzusehen. Wie gemacht für die Wii, die hier abermals technischen Rückschritt mit künstlerischer Finesse zu kompensieren weiß. 2D bringt's einfach. Gleiches gilt für die wunderschöne Musik. Die lässig-jazzigen Kompositionen sorgen für eine herrlich entspannte, gut gelaunte Stimmung und sind klanglich auf extrem hohen Niveau. Ohne Witz schon jetzt einer der Anwärter auf den besten Spielesoundtrack des Jahres, der sogar „Super Mario Galaxy 2“, dem System-Vorzeigetitel in dieser Kategorie ganz gehörig Konkurrenz macht. Was man „Kirby“ aber, gerade im Hinblick auf seine hauseigenen Genre-Kollegen nicht hoch genug anrechnen kann, ist dessen supergeschmeidige Steuerung, frei von jedem Wiimote-Wackel-Schnickschnack bei womöglich noch essentiellen Manövern, was zuletzt „Donkey Kong Country Returns“ einen unnötigen Spielspaßdämpfer verpasst hat. Wo Nintendo fast alle seine großen Namen in ihren jüngsten Spielen mit fragwürdigen bis faktisch unsinnigen Bedienungskonzepten bedacht hat („DKCR“, „Metroid: Other M“, „Zelda – Skyward Sword“), reichen HAL ein Steuerkreuz und zwei Knöpfe der waagerecht gehaltenen Fernbedienung, um dem Spieler intuitive Kontrolle über dennoch zahlreiche Fähigkeiten ihres Helden zu geben, wie es einst bei Nintendo selbstverständlich war. So fällt es einem zweiten Spieler umso leichter in den Koop-Modus einzusteigen, der glücklicherweise heute zum guten Ton gehört, euch hier alle Level zu zweit freiräumen lässt und wie gewohnt die doppelte Spaßportion zwischen Feindschaft und Solidarität serviert.
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Kommentare (12)
Buschonaut
mojone
zig
MuddaTui
BLaZin
Zocker 3000
Max @ home
Nein, ich kann Euch getrost beruhigen: "Kirby" habe ich schon mehrmals in der bayerischen Landeshauptstadt gesichtet - und das ungeschnitten!!! Aber wen wundert's: "Epic Yarn" bietet weder zerteilbare Gegner noch Multiplayermodi mit 'Friendly Fire'-Feature. Also kein Futter für Haderthauer und Co.… ;-)
zig
kleiner Lemming
War ein Blindkauf mit Vorbestellerknuddelstoffkirby und ich bereue nichts.
Ob ich es mir ohne Kids gekauft hätte, wäre ich mir nicht sicher, dann wäre mir aber eine sehr wohldesignte Spielwelt entgangen.
Superfly71
Die kindliche Präsentation macht auch mir als erwachsener Spieler überhaupt nichts, solange das Spiel stimmt.