19.01.2007 10:31
Kung Fu Chaos
"Kung Fu" ist der westliche Begriff für das chinesische Gong-fu und heißt übersetzt "harte Arbeit". Doch an harte Arbeit denken Kinogänger der westlichen Welt sicher nicht, wenn sie sich an die Hochzeit der Kung Fu-Filme aus den 70er Jahren erinnern. Ob Jackie Chan oder Bruce Lee, Kung Fu auf der Leinwand bedeutete eigentlich immer völlig überdrehte, aber deswegen nicht minder spaßige Action, bei der Handlung oft im Hintergrund stand. Handlung im Hintergrund? Genau. Auch Kung Fu Chaos, der von Just Add Monsters entwickelte und Microsoft gepublishte Xbox-exklusive First Party-Titel, will nicht gerade durch seine Geschichte punkten.
Vielmehr verspricht man die Prügelei mit dem gewissen Etwas und ein abwechslungsreiches Gameplay, das dem Titelzusatz "Chaos" alle Ehre macht. Und nach dem Motto: "Was man verspricht, muss man auch halten." entstand ein insgesamter gutes Partyspiel, das auch alleine vor die Xbox lockt und nur dank weniger Schwächen im Gameplay nicht um die dünne Luft am Spielehimmel mitkämpfen darf. Dabei versteht sich Kung Fu Chaos keineswegs als traditionelles Prügelspiel, sondern eher als deutlich ironisches Aufeinandereinschlagen, das die ganze Kung Fu Szene ordentlich auf die Schippe nimmt. Bewusst unrealistische Sprünge und halsecherische Stunts hätten dem ein oder anderen Shaolin-Mönch sicher die Tränen in die Augen getrieben, als nicht ernst gemeintes Videospiel sind die Ansätze jedenfalls gut.
Ziel des Spiels ist es, einen völlig durchgeknallten Regisseur mit dem eigenen Einsatz von Fäusten und Beinen davon zu überzeugen, der beste Kung Fu Fighter zu sein, um damit lange in der Filmanche Fuß zu fassen. Dabei wird man neben einigen Minispielchen an verschiedene Filmkulissen geacht, von denen einige den Kulissen bekannter Hollywood-Filme entsprechen sollen. So darf man beispielsweise den Untergang der Titanic miterleben oder den bösen Dinos aus dem Jurassic Park ins Maul schauen. Mit einer Auswahl von acht verschiedenen Möchtegern-Filmstars mit jeweils eigenem Kampfstil, dürfte für jeden eine Figur dabei sein, mit der man sich halbwegs anfreunden kann. Egal ob Altmeister Sho-Yu, der Ninja Fu Hiya oder Lucy Cannon, eine Mischung aus Spice-Girl Mel B und Nadja von den No Angels, so ganz zurechnungsfähig ist keiner der Protagonisten.
Auch wenn Kung Fu Chaos, nicht zuletzt dank Ähnlichkeiten zur Powerstone-Reihe, eigentlich in die Multiplayer-Kerbe haut, dürften die meisten Spieler auch mehrere Stunden mit der ausgiebigen Singleplayer-Kampagne beschäftigt sein, bei der es dank einiger Spielmodi viel freizuschalten gibt. Der erste Kampfschauplatz ist dabei die Ninja-Challenge, deren Namen kurzerhand mit Ninja-Aufgabe übersetzt wurde. Diese im Spiel öfters vorkommenden fragwürdigen Übersetzungen und der Versuch des Regisseurs, deutsch zu sprechen, wurden bewusst mangelhaft umgesetzt, da man bei der Entwicklung der Meinung war, dass dadurch ein gewisser asiatischer und witziger Charme entsteht. Bis auf einige Ausnahmen ist das auf den ersten Blick auch ganz gut gelungen, nach einiger Zeit möchte man den Entwicklern aber gerne ein Wörterbuch Chinesisch-Deutsch zukommen lassen.
Die Ninja-Aufgabe besteht in der Perfektionierung des eigenen Kampfes durch die verschiedenen Filmkulissen, dem Bestehen in verschiedenen Minispielen, dem Verkloppen des ein oder anderen Endgegners und dem Absolvieren einiger Trainingseinheiten (welche auch direkt im Menü anwählbar sind). Dabei ist der Spielverlauf recht simpel. In den Kulissen kommen verschiedene Kämpfer auf euch zu, deren Blick schon verrät, dass sie euch nicht freundlich gesinnt sind. Der Spieler muss diese Charaktere jetzt windelweich prügeln oder sie am besten ins Land der Träume schicken. Erst einmal ausgeknockt, bleiben die Gegner kurz auf dem Boden liegen, was sie zum perfekten Wurfgeschoss gegen andere Gegner macht. Mindestens ebenso effektiv ist es aber, den Gegner aus dem meist automatisch weiterscrollenden Bildschirm zu schmeißen, was die Beliebtheitsskala am unteren Bildschirmrand auffüllt. Da der Regisseur nur eine begrenzte Länge von Filmrollen hat, fällt nach einiger Zeit der Vorhang und es ist Zeit zur Aechnung. Wenn man von den insgesamt fünf Sternen auf der Beliebtheitsskala mindestens drei erreicht hat, ist das Ziel geschafft und man darf ins nächste Szenario. Bei entsprechend mehr Engagement schaltet man neue Szenarien, Minispiele oder Charaktere frei. War man schlechter, dann heißt es üben, üben, üben. Und dieses Üben ist manchmal wirklich bitter nötig.
Zwar ist die Konfiguration des Gamepads letztendlich sehr spartanisch und einzelne Tritte wie auch Kombinationen sind schnell gelernt, aber die teilweise atemberaubend inszenierten Filmkulissen, erfordern manchmal etwas Vorkenntnis vom Szenario. Sonst ersäuft man plötzlich im Wasser der sinkenden Titanic, man fällt in eine Felsspalte, die eben noch nicht da war oder man wird von in die Quere kommenden Gegenständen kurzerhand aus dem Bildschirm gefegt. Glücklicherweise haben die sich katzenartig bewegenden Charaktere fast ebenso viele Leben wie die Vierbeiner und so darf man an gleicher Stelle weitermachen, bis das letzte Leben ausgelöscht ist.
Aufgelockert wird der normale "Hauptquest" durch verschiedene Minispiele, deren "Ernsthaftigkeit" sich ins ironische Gesamtbild einfügt. So muss man beispielsweise verschiedene Kung Fu Kämpfer, die aus einem Haus herausfallen auffangen, ohne sich dabei von Kühen erschlagen zu lassen (ja, wir meinen wirklich die Tiere, die im normalen Leben meist friedlich auf einer Weide stehen). Ein anderes Mal muss man mit einem Schwimmreifen um den Bauch erfolgreich auf einer Eissscholle überleben, während die Gegner versuchen, den eigenen Charakter ins eiskalte Wasser zu schubsen. Und so gibt es einige Minispiele, die fast spaßiger sind als die eigentlichen Aufgaben im Spiel, wenn auch die große Langzeitmotivation etwas zu vermissen ist.
Trotz einem fast ungewöhnlich tiefgängigen Singleplayer-Modus darf man Kung Fu Chaos sicherlich als Partyspiel für mehrere Spieler bezeichnen. Bis zu vier Spieler dürfen gleichzeitig in den Ring steigen, wobei der Ring leider auf die heimischen vier Wände beschränkt ist. Xbox Live Support sucht man vergeblich, was angesichts der Xbox-Exklusivität des Titels schon einem Frevel gleicht. So muss man also den Spaß dadurch entstehen lassen, dass vier - am besten gleichwertig starke - Spieler zusammen die Fäuste fliegen lassen. Hier hätten die Entwickler jedoch leider mehr herausholen können. Typischer Vorteil ist natürlich, dass jeder Kämpfer jetzt eigenständig denken muss und nicht die CPU mehr Überblick hat als man selber, dennoch hat man sich den Titel des Spiels bei der Programmierung des Multiplayer-Bereichs wohl zu oft durchgelesen. Denn Chaos ist hier wirklich Programm.
Während man alleine gegen die CPU noch gewisse Taktiken anwenden muss, um nicht aus der Kulisse herauszufallen oder um recht widerstandsfähige Gegner auch wirklich in die Knie zu zwingen, verkommt ein Kampf im trauten Kreis enger Freunde sehr schnell zum Buttonsmashing, weil man leider mal wieder die Übersicht verloren hat. Wenn man dabei noch darauf aufpassen muss, nicht von der eigenwilligen Umgebung misshandelt zu werden (man bekommt wirklich das Gefühl, dass es persönliche Differenzen zwischen Gegenständen und dem Spieler gibt), dann liegt der Schwerpunkt vieler Spiele viel näher am Stress als am Spaß - wie es eigentlich in so einem Spiel sein sollte.
Problem ist dabei wirklich die fast zu eingängige Steuerung im Spiel. Einfaches Drücken einer Taste löst einen Angriff aus, wer mehrmals auf dieselbe Taste haut oder auch mal auf zwei Tasten gleichzeitig drückt, vollendet eine Kombination. Zwar gibt es Spielelemente wie zum Beispiel das Blocken und Kontern, aber auch das ist dermaßen simpel gehalten, dass es auf Dauer nicht wirklich motivierend ist. Zwar ist der Ansatz, bei einem Partyspiel auch die seltener spielenden Gäste nicht zu überfordern, natürlich löblich, aber wenn eine weitere Verbesserung im eigenen Spiel schon nach sehr kurzer Zeit kaum noch möglich ist, da man alle Grundlagen beherrscht, dann fehlt auch irgendwann die Motivation, um weiter zu machen.
Äußerst spaßig im Kreis von Freunden ist allerdings das Beschimpfen des Gegners. Dies ist zwar auch in der Singleplayer-Kampagne möglich, doch welch Vorzüge hat es, dem eigenen Freund einen Wortschwall an den Kopf zu schmeißen statt einer nichts empfinden CPU. Zum Beschimpfen des Gegners muss man nur nach einer Attacke im richtigen Moment den linken Trigger drücken. Wer dreimal erfolgreich beschimpft hat, der darf dann eine charakterabhängige Spezialattacke machen, die von Einrichtungsgegenständen und Gegnern wenig üig lässt.
Grafisch ist das Spiel angesichts der comiclastigen Zielsetzung sehr gut gelungen. Zwar kratzt man bei den meisten Szenarien mit Sicherheit nicht an der Höchstleistung der Xbox, das Gesamtkonzept wirkt allerdings stimmig und die Effekte beim Zusammenechen einer ganzen Kulisse überzeugen. Überzeugen kann auch vor allem die grafische Umsetzung der einzelnen Charaktere. Sie wurden mit Liebe zum Detail entwickelt und auch wenn sie manchmal nicht wirklich die nette Art eines Vorbildschwiegersohns an den Tag legen, sind sie insgesamt doch zum Knuddeln.
Grafisch am beeindruckendsten ist mit Abstand der inzwischen inflationär verwendete Matrix-Effekt, der aber auch in diesem Fall immer noch einfach grandios aussieht. Eingesetzt wird er meistens bei einem Drehsprung in den Gegner, nach dem der Kontrahent erst einmal mit Sternchen vor den Augen auf dem Boden liegt. In diesen Momenten fühlt man sich wirklich wie ein fähiger Kung Fu Fighter und kann es kaum abwarten, den nächsten Gegner auf die Matte... pardon, den unbequemen Boden zu werfen. Insgesamt kann man den Programmierern ein gutes Zeugnis bei der Präsentation unterschreiben. Egal, ob es um das Grieseln wie in alten Kung Fu-Streifen geht oder das asiatische Gedudel, atmosphärisch konnte man den Flair der Genre-Filme einfangen.
Gelegentliche Probleme gibt es mit der Kameraführung (vor allem in der Singleplayer-Kampagne). Während es nicht gedacht ist, dass man außerhalb des Bildschirms kämpft (dort verliert man sofort ein Leben), so ist es doch so, dass man aufgrund der ein oder anderen wilden Kamerafahrt kurzzeitig die Orientierung verliert. Zwar versteht man das Interesse, dadurch ein actiongeladenes Spiel zu schaffen, bei dem man permanent gefordert ist, die ein oder andere Actioneinlage hätte man aber gerne zugunsten größerer Übersicht streichen dürfen. Letztendlich ist es aber nicht so, dass die vorhandenen Kameraprobleme das Spielgeschehen dauerhaft negativ beeinflussen. Zwar beißt man das ein oder andere Mal liebend gerne ins Gamepad, weil man mal wieder unter Zeitdruck neben eine Plattform gesprungen ist und ein Leben verloren hat, insgesamt sind die gelegentlichen Aussetzer aber entschuldbar.
"Everybody was Kung Fu Fighting"... an diese Textzeile sollte man sich definitiv gewöhnen. Denn passend zum Spiel kam man auf die Idee, den 70er Jahre Song "Kung Fu Fighting" von Carl Douglas zum Titelsong des Spiels zu machen. Es ist sicherlich Geschmackssache, ob man dieses Musikstück gut findet, aber da Kung Fu Chaos insgesamt nur eine äußerst begrenzte Anzahl von Titeln zur Verfügung hat, dankt man es den Entwicklern sehr, dass man auch seine eigenen Soundtracks abspielen darf. Dabei ergeben sich dann auch überzeugende Atmosphären. Bei Mozart und Beethoven den Gegner verprügeln, Queen aus den Boxen schmettern lassen und dem Gegner zeigen, warum wir die Champions sind: Dem Erfindungsreichtum der Spieler sind keine Grenzen gesetzt.
Die Soundeffekte sind insgesamt gelungen, wenn auch nichts Besonderes. Die Geräusche für die Schläge und Attacken der eigenen Figur kommen jedoch knackig aus den Boxen und einstürzende Teile der Kulisse sind ebenfalls akustisch authentisch. Wünschenswert wäre es allerdings gewesen, wenn die Beschimpfungen des Gegners noch besser aufgearbeitet worden wären. Hier müssten die Beleidigungen lauter sein und die Beschimpfungen glaubhafter. Natürlich sollte man dabei nicht in die Vulgärsprache autschen, aber ein "stilb, du schimmelige Flühlingslolle" wäre doch toll gewesen.
Die Langzeitmotivation ist absolut überdurchschnittlich. Während anfängliche Befürchtungen, außer dem Mehrspieler-Modus gebe es bei dem Spiel nichts zu entdecken, schnell zerstreut sind, werden vor allem Perfektionisten bei diesem Spiel vor eine große Herausforderung gestellt. Um einfach nur in der Ninja-Challenge voranzurücken, erreicht man das Ziel von drei Beliebtheitssternen schnell. Wer allerdings alles sehen und in der permanent einsehbaren Anzeige der freigeschalteten Boni 100 Prozent stehen haben möchte, der wird einige Stunden damit zuingen, in jedem Szenario die Gegner lehrbuchmäßig übers Knie zu legen.
„Die Hohe Kunst der Shaolinmönche: Buttonsmashing“
(Eigene Meinung » Sebastian Philipp)
Insgesamt gefällt mir das Spiel richtig gut. Mit einem nicht ganz alltäglichen Spielprinzip und Dialogen, deren Repertoire zwischen lustig und nervig liegt, skurrilen Protagonisten und teilweise illianter Inszenierung der Stages, steht eine ganze Menge auf der Haben-Seite von Kung Fu Chaos. Doch trotzdem hat es dieses Mal nicht für den ganz großen Wurf gereicht, auch wenn es sicherlich viele Spieler geben wird, für die der Kauf absolut lohnenswert ist.
Das Problem liegt darin, dass die Steuerung "zu einfach" ist und die unterschiedlichen Bewegungsabläufe sich zu oft wiederholen. Keine Angst: Auch mir ist klar, dass bei einem Multiplayer-Spiel eine einfache Steuerung quasi Pflicht ist. Doch wenn man das erkennt, dann stellt sich das Problem, dass man sich dann seitens der Entwickler auch auf den Multiplayer-Bereich konzentrieren sollte. Dieser bietet leider mit vier menschlichen Spielern aber nicht ganz so viel Spaß wie mit einem (menschlichen) Kontrahenten oder gar der Singleplayer allein gegen die CPU. Denn zuviel Hektik und das dadurch ins Buttonsmashing ausartende Gameplay versauern ein wenig den ansonsten äußerst positiven Gesamteindruck. Während im Singleplayer die Gegner meist mehr oder weniger einzeln und hintereinander ausschaltbar sind (man sich folglich auch überlegen kann, wie man den Gegner jetzt fertig macht), enden Spiele im Kreis von Freunden oft im Wollknäuel-Syndrom. Tumultartig stürzen sich alle aufeinander, so dass heftiges und planloses Drücken der Angriffsknöpfe am ehesten zum Erfolg führt.
Ein abschließendes Lob gibt es trotzdem. Im Vergleich zu unserer Preview-Version wurde noch einmal mächtig an der Präsentation gefeilt. Vor allem die Matrixeffekte sind einfach supercool und erhöhen den Spaß im Spiel doch immens. Glücklicherweise ist man auch nicht gezwungen, sich das auf Dauer nervtötende Gedudel der Ingame-Musik anzuhören, da eigene Soundtracks abspielbar sind. Es bleibt ein Spiel, das die Spielergemeinschaft spalten wird. Einigen wird es zu eintönig sein, viele allerdings werden mächtig Spaß haben, wenn sie die Gegner formschön zurechtprügeln. Trotz salomonischem Urteil: Mir hat es Spaß gemacht.