MX 2002

16.01.2007 15:21
MX 2002


Endlich gibt es das erste Zweirad-Rennspiel für die Xbox beim Händler eures Vertrauens. Solltet ihr jetzt aber Jan Ulrich in den nächsten Tagen völlig verstört durch die Innenstadt irren sehen, weil er noch immer keinen Händler gefunden hat, der ihm eine Mountainbike- oder Rennrad-Simulation verkaufen will, dann weist ihn bitte darauf hin, dass er diesen Artikel bis zum Ende hätte lesen sollen. Denn mit MX 2002 feat Ricky Carmichael haben wir es natürlich nicht mit einem Rennspiel für Hobbyradler zu tun, sondern mit dem ersten Motocross-Rennerlebnis für Xbox-Fans. Also: Motorradanzug anziehen, Helm auf und los geht's.

Nach einem fulminanten Intro, in dem man zwar nicht mit Ingame-Szenen, jedoch mit atemberaubenden Stunts und spannenden Szenen aus der echten Motocross-Welt belohnt wird, kann man es kaum noch erwarten, selber über die Hügel und durch die Kurven der Rennstrecken zu heizen. Nachdem man nach diesem Intro wieder zu Atem gekommen ist und den Dreck vom Helm wischen konnte, hat der Spieler auch eine klare Sicht auf das Hauptmenü des Spiels, wo einem neben dem obligatorischen Optionen-Menü auch ein Exhibiton-Modus, der Freestyle-Modus, der Karriere-Modus und auch ein Multiplayer-Modus entgegenstrahlen.

Optionen? Die können wir uns später betrachten, denn das Adrenalin kocht bereits. Die Piste ruft! Karriere-Modus hin oder her - zuerst einmal wird ein Einzelrennen im Exhibition-Modus gefahren. Hier darf man nun zwischen 21 Fahrern wählen oder den im Karrieremodus kreierten eigenen Fahrer auf den heißen Ofen setzen. Bei der Streckenauswahl ist man anfangs zwar noch sehr eingeschränkt, wer sich aber im Karrieremodus vorankämpft, darf letztendlich zwischen 15 Strecken wählen, die leider nicht immer durch ihren Abwechslungsreichtum glänzen. Dann muss man sich noch schnell entscheiden, ob man erst einmal üben möchte oder lieber gleich ins Rennen geht und dann kann es nach Einstellen der Motorradklasse (von der einem anfangs nur die 125 ccm-Klasse zur Verfügung steht), der Runden- und Gegnerzahl sowie des Schwierigkeitsgrades endlich losgehen.

Während die Motocross-Räder ordentlich aufgemotzt wurden, kann man dies bei der restlichen Grafik gegenüber der PS2-Version leider nicht behaupten. Zwar wurden die Texturen minimal verbessert, insgesamt wäre hier jedoch sicher wesentlich mehr möglich und auch nötig gewesen.Wer behauptet, dass es ihn beim Anblick der Grafik aus dem Sattel hebt, der sollte lieber die Finger von echten motorisierten Fahrzeugen lassen. Den ersten Dämpfer bezüglich der Grafik kann das Gameplay glückerlicherweise wieder halbwegs wettmachen, denn bei der sehr arcadelastigen Steuerung fällt es nicht schwer, in den Bann der staubigen Atmosphäre gezogen zu werden.

Mit Vollgas die Gerade runter… über den ersten Hügel, flacher Sprung über den zweiten Hügel, mit Powerslide in die Kurve, beschleunigen, schon wieder ein Hügel… ja, ich wag es, ich mach 'nen Stunt… und… und… und ich sehe den ersten Sturz des Spiels. Auch wenn ich die Schmerzen förmlich spüren kann und mir das Aufstöhnen der Zuschauermenge noch in den Ohren klingt, muss ich sagen, das sah wirklich nicht schlecht aus, denn die Stürze können von der Präsentation vollkommen überzeugen und glänzen durch einen hohen Grad an Realismus (wenn man einmal davon absieht, dass man kurz nach dem erneuten Start bereits wieder munter durch die nächste Kurve ettert).

Doch beenden wir das Gerede über zwar schöne, aber kontraproduktive Stürze und widmen wir uns den Aktionen, die zu einem erfolgreichen Abschluss des Rennens führen. Schon beim Start lässt sich gegenüber der Konkurrenz ein erster Vorteil herausholen, wenn man bei gezogener Kupplung (L-Trigger) und gleichzeitigem Gasgeben die Kupplung im richtigen Moment löst. Wer sich damit den sogenannte "Hole Shot" verdient, der ist oft als erster in der ersten Kurve und darf der Konkurrenz von Anfang an zeigen, wer der König des verannten Gummis ist. Ein wesentliches Element, um am Ende als glorreicher Sieger dazustehen, ist der richtige Absprung vor einem Hügel. Mit dem R-Trigger wird die Absprunganzeige eingeblendet, die möglichst hoch im Moment des Absprunges ausschlagen sollte, um lange in der Luft zu bleiben und einen Stunt aningen zu können. Wer dann noch am Scheitelpunkt des Sprunges durch Drücken des L-Triggers die Kupplung offenhält und gleichzeitig den Motor in für ihn sicherlich schmerzreiche Zonen treibt, kann im Idealfall nach dem Sprung mit unverminderter Geschwindigkeit weiterfahren. Zwar lässt sich das Spiel sowohl mit Analogstick als auch mit dem Steuerkreuz spielen, gerade bei wilden Stunteinlagen ist aber vom Steuerkreuz abzuraten.

Der Sound des Spiels ist insgesamt als gut zu bewerten, die Musik jedoch wird leider viel zu schnell langweilig, da man hier leider mit nur sieben Titeln und einer fehlenden Möglichkeit, eigene Songs in das Spiel zu integrieren, an der falschen Stelle gegeizt hat. Die Auswahl der Titel unterstützt zwar die Motocross-Atmosphäre, allerdings ist das bei Titeln von American Hi-Fi, Injected, Relative Ash, Sum 41 und Saliva aber auch nicht besonders verwunderlich. Wer die Musik nicht mag, darf sie vom Soundgeräusch gesondert abstellen. Während die Motorengeräusche zwar voll aus den Boxen klingen (ein DD 5.1-Sound ist leider nicht integriert worden), aber für sich betrachtet nichts Besonderes sind, fällt das Publikum durch Honorationen oder aber durch kräftiges Ausbuhen des Fahrers auf.

Der Stunt-Modus des Spiels ist gut gelungen. Steht einem anfangs nur ein einziger Stunt-Parcours zur Verfügung, kann man als angehender Motocross-Champion im Laufe des Spiels auf insgesamt neun Kursen beweisen, dass man Herr über die Schwerkraft ist und dass einem in punkto halsecherischer Luftakrobatik niemand so schnell etwas vormachen kann. Zwar lassen sich alle Stunts mit der Zeit selbst erlernen (Grundvoraussetzung ist das Drücken des R-Triggers), eine kleine Auflistung findet man aber auch in der Anleitung des Spiels, die einen guten Überblick über die Funktionen des Spiels liefert.

Das Herzstück von MX 2002 ist der Karrieremodus. Hier startet man mit einem selbst kreierten Fahrer, den man mit Helm, Schutzille, Rennanzug und Rennstiefeln erst einmal einkleiden muss, bevor der Spieler in der 125 ccm-Klasse mit dem Ziel vor Augen, einer der ganz großen Motocross-Fahrer zu werden, loslegen kann. Mit eigenem Namen, individueller Rückennummer und einem Bike von einem der fünf Hersteller geht es dann ins Untermenü des Karrieremodus, wo man mit einem Veranstaltungskalender, einer Punkteübersicht, der Möglichkeit zu speichern und dem Optionsmenü konfrontiert wird. Sobald man einen Sponsor gefunden hat, wird außerdem der Menüpunkt "Bike tunen" verfügbar. Hier kann man zwar in den Kategorien Auspuff, Bremsen, Aufhängung und Spureite nur zwischen drei Ausprägungen wählen, diese beeinflussen aber merklich das Fahrverhalten. Habe ich da jemanden "Tieferlegen" schreien hören? Falsches Spiel...

Die im Veranstaltungskalender aktuelle Rennwoche ist hell hervorgehoben. Als Symbole in diesem Rennkalender gibt es einen Helm, eine Stoppuhr, eine karierte Flagge und ein Sprungsymbol. Der Helm bietet den Zugang zu Tutorials, die über die verschiedenen Rennwochenenden verteilt sind und die gute Einblicke in die Steuerung des Spiels geben. Per Stoppuhr kann man vor dem eigentlichen Rennen seine Fahrfertigkeiten noch einmal auf Vordermann ingen. Wählt man danach die karierte Flagge, geht es zum eigentlichen Wettbewerb. Das Sprungsymbol ingt den Spieler erwartungsgemäß zum Freestyle-Modus.

Überraschte Gesichter wird es geben, wenn man einen Blick ins Optionsmenü wagt, neben den obligatorischen Sound- und Grafikoptionen kann man sich nämlich im Challenge-Bereich 24 Videoschnipsel von Stunts den Motocross-Helden anschauen, die es schon zu Ruhm in der Szene geacht haben, allerdings nur, wenn ihr die Bedingung, die für jedes einzelnen Video unterschiedlich ist, auch erfüllt. So müsst ihr beispielsweise vorher bestimmte Stunts absolvieren oder alle Tutorials erfolgreich abgeschlossen haben.

Zu jedem guten Rennspiel gehört natürlich auch ein Multiplayer-Modus, der hier leider eher dürftig ausfällt. Zwar darf man in guter alter Racer-Manier im Splitscreen-Modus gegen einen Freund antreten, aber ihr habt weder die Möglichkeit, euch gleich mit drei menschlichen Gegnern auf einmal zu messen noch die XBox per Link-Kabel mit den "Zwillingskonsolen" zu vernetzen. Über dieses Defizit tröstet leider auch nicht hinweg, dass ihr sowohl im Renn- als auch im Freestyle-Modus gegeneinander antreten könnt und dass es in eurer Hand liegt, ob der Bildschirm horizontal oder vertikal geteilt werden soll. Auch hier gilt wieder: Nur ein erfolgreiches Weiterkommen im Karrieremodus beschafft euch freien Zugriff auf alle Strecken und Parcours.

Wer ist eigentlich Ricky Carmichael?

Was bei den Skatern Tony Hawk ist, scheint Ricky Carmichael bei den Motocross-Fahrern zu sein. Doch wer ist diese Person, die im Namen des ersten XBox-Motocross-Rennspiels auftaucht?

Ricky Carmichael wurde am 29. November 1979 in Amerika geboren. Nach seiner Amateurkarriere im Motocross, die bereits sehr erfolgreich verlief, gab er 1996 mit dem Honda-Bike CR 250 sein Profi-Debüt. Die 125cc-Klasse dominierte er die ersten vier Jahre seiner Profikarriere, 1999 wechselte er deshalb in die 250cc-Klasse, wo er bereits im ersten Jahr den Titel holen konnte. Nur zwei Jahre später wurde er Supercross-Fahrer. Dort gewann er 2001 seinen ersten Supercross-Titel und gilt seitdem als einer der ganz Großen im Motocross-Business.

Wer ein paar Fotos des Champions sehen möchte, wird hier fündig.

„Lieblose Konvertierung“

(Eigene Meinung » Sebastian Philipp)

Wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, dass man mit MX 2002 feat Ricky Carmichael keinen grafischen Leckerbissen vorgesetzt bekommt, sondern eben nur ein mittelprächtiges Motocross-Rennspiel, dann kann man mit dem Spiel durchaus einige nettige Stunden veringen. Wem es möglich ist, der sollte sich MX 2002 vorher einmal ausleihen und prüfen, wieviel Spaß ihm das Spiel auch noch nach einigen Stunden macht, denn leider ließ bei mir der Spielspaß relativ schnell nach, was nicht zuletzt am teilweise tristen Leveldesign liegt.

Wer eine Playstation 2 sein eigen nennt und das Spiel bereits ausgiebig gezockt hat, jetzt allerdings vor der Entscheidung steht, MX 2002 noch einmal für die XBox zu kaufen (es fällt mir schwer zu glauben, dass es diesen Fall gibt), der sei an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich gewarnt. Die geringen Verbesserungen, bei denen man sogar zweimal hinschauen muss, um sie überhaupt zu bemerken, haben nicht nur zu einer deutlichen Abwertung geführt, sondern sind auch der beste Grund, sich nicht neben der PS2-Variante das Spiel noch einmal ins Regal zu stellen.

Wer allerdings schon lange auf ein Motocross-Spiel für die Xbox gewartet hat, der wird zumindest nicht maßlos enttäuscht werden, da wenigstens der Karrieremodus für einige Zeit vor den Bildschirm fesseln kann. Trotzdem bleibt zu hoffen, dass in naher Zukunft die Entwickler entdecken, welches Potential in der Xbox steckt und dass sie auch das nötige Engagement an den Tag legen, die Spiele an die Fähigkeiten der Konsole anzupassen. Andernfalls darf man sich nicht beschweren, in der Bewertungsskala nie in die oberen Regionen vorstoßen zu können.

Bewertung

MX 2002xbox

0/10

Alexander Laschewski-Voigt

Der gelernte Industriekaufmann probierte sich im BWL-Studium aus, um dieses dann allerdings zugunsten einer Xbox-Website namens AreaXbox vorzeitig zu beenden. Seitdem steht er als Chefredakteur auf der Kommandobrücke der MS AreaGames. Der bekennende US-Serienfan legt am liebsten Renn- oder Rollenspiele in seine Xbox 360. Zu den Alltime-Hits seiner mit dem C64 begonnenen Spieleleidenschaft gehören Deus Ex, System Shock 2 und die Wing Commander-Reihe.