NHL 10
13:40 Uhr - Fußball vs. Eishockey. In Amerika mag dieses Duell zugunsten des Kufensports auf Eis ausgehen, bei uns fußballverrückten Deutschen dagegen, vermag man mit einem Titel wie NHL 10 nur sehr wenige Eisprinzessinnen hinter dem Ofen hervorlocken. Diejenigen aber, die es sich wagen, werden von EA mit der wohl besten Eishockey-Simulation aller Zeiten beehrt – wenig Neuerungen gegenüber dem Vorgänger hin oder her.
Auf's Maul
Ich will mich hier nicht als der große Eishockey-Kenner aufspielen. Zugegeben, ich verfolge die WMs und EMs dieser Sportart und als Berliner ist man aufgrund der Qualität der Eisbären ein wenig erfolgsverwöhnt und ich habe auch den Vorgänger NHL 09 getestet, dennoch könnte ich euch nicht sagen, wer gerade in der NHL-Serie führt, welches das Top-Team, geschweige denn der Top-Spieler ist. Daher bitte ich unter euch Eishockey-Freaks ein wenig um Nachsicht, wenn ich nicht ständig mit Begriffen wie „Icing“, „Power Play“ und „Bully“ um mich werfe. Letzten Endes ging es mir beim Spielen von NHL 10 darum, Spaß zu haben und eine gute Simulation präsentiert zu bekommen. Und genau das habe ich. Als FIFA-Spieler bin ich es gewohnt, im „Be a Pro“-Modus MEINEN persönlichen Spieler virtuell in das Geschehen einzubauen. Es macht einfach Laune mit meinem Namen auf dem Trikot auf den Torwart zuzustürmen (am besten im Finale der Weltmeisterschaft) und den entschiedenen Ball (im besten Fall) zu versenken. Genau diesen Modus findet man, wie im Vorgänger, auch in NHL 10. Genau darauf habe ich mich gestürzt, um in die Rolle eines Führungsspielers zu schlüpfen, als „Center“. Vorsicht liebe Ego-Spieler, der Center ist nicht etwas der Typ, der die ganzen Tore schießt, sondern die dazu benötigten Vorlagen gibt. Teamplay ist hier also groß geschrieben, ganz anders bei den „Individualisten“, die ihr eigenes Ding machen. Als klassischer Stürmer muss man flink unterwegs und im Moment des Querpasses (den man per Knopfdruck anfordern kann) zur richtigen Stelle sein. Der „Sniper“ ist all denen zu empfehlen, die sich gerne mit einer eleganten Drehung Raum verschaffen, um dann aus der zweiten Reihe auf das Gehölz zu ballern. Neben dem klassischen Verteidiger und dem Torwart steht außerdem noch die Position des „Harten“ zur Verfügung. Dieser Spieler ist den anderen körperlich überlegen und eigentlich nur dafür da, besonders hart bzw. physisch zu spielen. Er verunsichert den Gegner durch heftige Bodychecks (die verdammt schwer zu timen sind) und verwickelt Führungsspieler in Rangeleien, um sie dann K.O. zu schlagen. Das „K.O.“-Schlagen hat EA dabei neu inszeniert. Auf Knopfdruck kann man den Gegner nämlich so weit provozieren, dass er sich auf einen Nahkampf mit dem Spieler einlässt. NHL 10 wechselt in diesem Moment in die Ego-Perspektive, aus der man dann Haken austeilt, blockt und an dem Trikot des Gegenübers zieht. Nett anzusehen und kurzweilig spaßig, sollte man diesen „Ego-Trip“ aber schnell vergessen, denn im Endeffekt schadet man dem Team damit.
-5 auf Geldbeutel
Da die Entwicklung des eigenen Spielers quälend lange dauert (maximal 20 Erfahrungspunkte in den Bereichen „Athletik“, „Angriff“ und „Verteidigung“ pro Spiel; 150 -200 Punkte braucht man, um einen Fähigkeiten-Punkt hinzuzufügen), sind sogenannte Boosterpakete eine sinnvolle und hilfreiche Erfindung von EA. Mit diesem Rollenspiel ähnlichen Element verhält es sich folgendermaßen: Im neuen NHL-Shop kann man seinem „Be a Pro“-Helden neues Equipment wie Schläger, Schlittschuhe und Helme kaufen. Diese Gegenstände (die freigespielt werden müssen) besitzen bis zu drei Boost-Slots, die wiederum mit Boost-Karten aus Boost-Paketen bestückt werden können. Wir können unseren „Spinne“-Hockeyschläger also mit dem „+3 auf Schlagschuss“ und „+1 auf Puckkontrolle“ versehen, um so für zusätzlichen Skill bei unserem Spieler zu sorgen. Das klingt auf dem Papier nach einer richtig coolen Idee, ist aus auch – jedenfalls, wenn man nicht vorhat, die wirklich guten Booster-Pakete freizuschalten. Die Anforderungen dafür sind nämlich abstrus. Mit sämtlichen Schweizer Mannschaften in der Liga spielen, um EIN Booster-Paket freizuschalten? Das hat nichts mit Spielspaß, oder gar Skill zu tun, sondern einfach nur mit Abarbeiten. Wie soll man das schaffen? Halt! Wir übersehen da ja was ... Man kann die Pakete ja auch „anders“ erwerben. Ihr habt es erraten, auch in NHL 10 regiert das reale Geld die virtuelle Welt. So ein Booster-Paket für einen Center-Spieler kostet gerade mal 240 Microsoft Points, ist doch geschenkt oder? Schade, dass EA diesen wirklich guten Gedanken, durch diese offensichtliche Geldmacherei trübt. Wir können euch aber beruhigen, auch ohne diese Pakete seid ihr mit der Konkurrenz auf einer Höhe und müsst nicht etwa befürchten, als lahmer „boosterloser“ Krüppel der Konkurrenz hinterherzuhumpeln.
Stick-Akrobatik
Gravierender kann es diesbezüglich im Online-Modus von NHL 10 ausfallen. Hier können bis zu 12 Spieler, also 6 auf jeder Seite, gegeneinander antreten. Ein VOLL ausgemaxter Charakter könnte theoretisch insgesamt 60 Attributpunkte mehr besitzen, als ein „normaler“ Spieler. Doch abseits dieser Zahl-Vorteile kann man den Jungs von EA zum Online-Modus nur gratulieren. Während der Vorgänger unter teilweise heftigen Lags litt, spielt sich NHL 10 nahezu butterweich – essenziell bei einer Sportart, die von Geschwindigkeit und blitzschnellen Reaktion lebt. Ansonsten sind die Neuerung/Verbesserungen gegenüber NHL 09 nur mit der Lupe zu finden. Da hätten wir das Bandenspiel-Feature. So kann man in verteidigender Position einen Gegner per Druck auf Dreieck/Y an die Band festnageln, um dann durch Gestochere mit dem Hockeystick den Puck zu erobern. Das Rammen gegen die Bande sollte gut getimt sein, denn die gegnerischen Spieler sind meist fix unterwegs und passen den Puck schnell weiter, daher passiert es öfter, dass man einen pucklosen Spieler an der Bande festnagelt und eine 2-Minuten-Strafe wegen Sperrens absitzen muss. Muss man sich das Geschehen (jedenfalls im „Be a Pro“-Modus) gezwungenermaßen von draußen anschauen, kann man sich von der guten KI von NHL 10 überzeugen. Im Angriff spielen sich die Flügelstürmer immer wieder frei, während der Center den Puck geschickt über die Außen verteilt um einen gefürchteten Querpass zu provozieren. Aber auch die Verteidigung hält gut dagegen, was vor allem an den überragenden Leistungen der Torwärter liegt, die so gut wie keinen Schuss, der „einfach so“ gemacht wird, in die Maschen lassen. Gerade am Anfang von NHL 10 ist es ein wenig deprimierend, wenn selbst eine 1-gegen-1-Situation immer zugunsten des Torwarts ausgeht (in Mighty Ducks war das doch immer anders ...). Das liegt sicherlich an der Steuerung, die den Körper und den Hockeystick voneinander trennt. Mit dem linken Stick steuert man nämlich seinen Kufen-Künstler, während man mit dem rechten die Schlägerbewegungen kontrolliert. Das erfordert EINIGES an Einarbeitungszeit, beschert dem Spieler bei einem Torerfolg aber doppelte Freude. Wem das zu kompliziert ist, der kann, wie auch im Vorgänger, in die beliebte Arcade-Steuerung aus NHL 94 wechseln, bei der man mit den Buttons ballert und die Sticks nur zum Lenken benutzt werden.
Auch im Umfang hat sich bei NHL 10 nicht viel getan. Neben dem dominanten „Be a Pro“-Modus kann man außerdem noch eine Art Manager-Spiel auswählen. Hier gilt es ein Team zu leiten, Spieler einzukaufen und Titel zu holen. Da die Konsolen noch nie berühmt für Manager-Spiele waren (was vor allem an der Steuerung durch das Gamepad liegt), kann man diesen Punkt als nette Dreingabe betrachten, der höchsten Eishockey-Freaks ansprechen wird. Ansonsten haben wir noch den klassischen Liga-Modus mit dem Ziel, in die Play-offs für den Stanley Cup zu gelangen, oder aber noch den „Battle for the Cup“-Modus, der nichts anderes ist, als der Kampf um den Stanley Cup OHNE sich vorher für die Play-offs qualifizieren zu müssen.
Grafiker bald arbeitslos
Was wäre ein Eishockeyspiel ohne johlende Zuschauer, die bei Bandenkämpfen heftig gegen die Plastiktrennwände schlagen und natürlich ohne die passenden Kommentatoren, die das Geschehn auf dem Eis mit geistreichen Sprüchen veredeln? Zum Glück findet man all dies in NHL 10 und das auf einem Niveau, dass man sich fragt, was EA in NHL 11 noch Neues hinzufügen möchte? Die Präsentation der Spiele ist grandios, spektakuläre Lichtshows begleiten den Einlauf der Eisrecken und das frenetische Jubeln nach dem Abpfiff durch die Sirene sorgt für Gänsehautstimmung. Die typischen Elemente wie die dudelnde Musik bei Spielunterbrechungen (und im Eishockey gibt es VIELE Unterbrechungen) klingt genauso überzeugend wie das Krachen des Pucks, wenn er gegen das Latteneck des Tors knallt. Die Kommentatoren Gary Thorne und Bill Clement leisten aus meiner Sicht gut Arbeit, doch schon bald wiederholen sich einige Sprüche, die man aber eh überhört, wie man es in FIFA schon gewohnt ist. Die amerikanischen Kollegen berichten von fehlerhaften Aussprachen einiger Namen, ich selbst kann das schlecht beurteilen. Um Stimmung aufzubauen, reicht die stimmliche Unterlegung aber allemal. Tja und wie schaut es grafisch aus? Die Grafikprogrammierer bei EA müssen langsam verzweifeln, denn viel detaillierter könnte ein Eishockeyspiel nicht mehr aussehen. Zum Standard gehören ja schon realistische Spiegelungen auf dem Eis, Kufenkratzer bei heftigen Wendemanövern, butterweiche Animation bei Täuschungsmanövern und Gesten bei Spielunterbrechungen wie das Drehen des Schlägers in der Hand. Was soll man da noch besser machen? Wir haben da ebenfalls keinen Vorschlag, bis auf das Publikum. Das scheint aus den Stadien von FIFA entflohen zu sein, da die meisten Fans ziemlich gleich aussehen (meisten blonde Haare und ein blaues T-Shirt) – seht ihr liebe Grafiker, JETZT habt ihr etwas zu tun.
Pro und Contra
- + Großer Umfang
- + Guter Online-Modus
- + Be a Pro-Modus
- + Tolle Grafik
- - Kaum Neuerungen gegenüber NHL 09
- - Bezahlmodell für Boost-Pakete
Genrereferenz
Ich betone es noch einmal: Ich bin kein Eishockey-Freak (wie die meisten unserer Leser wahrscheinlich auch). Wenn ich einer wäre, dann wäre NHL 10 sicherlich DIE Eishockeysimulation der Wahl. Der EA-Titel kauft der Konkurrenz aus dem Hause 2K mühelos den Schneid ab und überzeugt durch kleine, aber feine Neuerungen, einen überarbeitetn und flüssigeren Online-Modus und geballten Umfang – wie eigentlich schon NHL 09. Daher sei gesagt, dass Besitzer des Vorgängers nicht unbedingt zuschlagen müssen. Zu gering fallen die Neuerungen aus und zu GUT ist NHL 09, als dass man es durch eine Kaufempfehlung von NHL 10 abstrafen muss. Das Rollenspiel ähnliche Element der Boost-Slots wird durch die doch nahezu unmöglich freizuspielenden Booster-Pakete (dafür umso leichter für Geld zu erwerben) zwar getrübt, gefällt aber dennoch durch die Möglichkeit seinen Star-Spieler weiter zu individualisieren. Wer keine Lust auf kaltes Wetter und Stürze auf hartem Eis in der Realität hat, dennoch Pucks in die Maschen jagen will, der sollte, der MUSS NHL 10 kaufen.
Ach ja, trotz der hervorragenden Puck-Physik, kann man DAS trotzdem nicht:
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Kommentare (11)
Stalkingwolf
Ich hatte mich so auf den Be a Pro Mode in 09 gefreut und wurde derb enttäuscht.
chiefrebelangel
ne is scho gut geschrieben, aber eishockey interessiert mich noch weniger als fußball^^
Alexander Kaphahn
Es ist tatsächlich so, dass man sehr viele bzw. die meiste Tore schießt. Das finde ich aber ehrlich gesagt ganz gut, weil NUR als Verteidiger zu glänzen wird auf die Dauer langweilig. Das Problem erübrigt sich übrigens, wenn man auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad spielt - da ist man froh wenn ÜBERHAUPT einer ein Tor schießt.
Stulle-Man
Leoneo
Habs bereits daheim, und die Wertung bestätigt meinen Eindruck. Das Spielgefühl ist äußerst realistisch, und die Partien sehr packend. Bzgl. der Neuerungen: Es wurde Feinschliff betrieben, was das Gesamtbild noch besser abrundet, deshalb ist es als solches auf jeden Fall sein Geld wert, auch wenn man 09 bereits zu Hause hat. Btw bin ich kein Eishockey-Experte, und schaue auch nie echte Partien. Bin aber seit ´97 ein Fan der NHL-Serie von EA, und hab fast alle Teile gezockt.
Jetzt noch der FIFA-Test (meiner Meinung nach auch ne 9er Wertung), dann paßts...
Stalkingwolf
Egal auf welcher Schwierigkeitsstufe, wobei ich eh immer die höchste Spiele.
Mir reicht aktuell aber 09. Ist ein gutes Spiel.
Alexander Kaphahn
Nun, ich finde den Modus nicht so wichtig, da ich, wenn ich mir ein Eishockey-Spiel kaufe, Eishockey spielen will und keine Mannschaft managen will. Und einen Charakter mühsam hochuzupeppeln und zum besten Spieler aller Zeiten zu machen, halte ich für zentraler als eine Mannschaft zu betreuen, Verträge abzuschließen usw.
Wer NHL 10 aber wegen der Manager-Aspekte gekauft hat, kann sich tatsächlich über den umfangreichen GM-Modus freuen auch wenn der Computer manchmal merkwürdige Transaktionen vornimmt, die eigentlich unnütz sind und Spieler zu Dumpingpreisen verscherbelt.
Dennoch, ich finde dass alleine aus Komfort technischen Gründen ein Managerspiel auf dem PC gehört - ist einfach entspannter zu spielen.
Alexander Kaphahn
Das ist dieses Mal nicht so. Ich habe es öfter gesehen, dass meine Jungs, trotz einer Strafpause von mir (Führungsspieler verprügeln macht einfach Spaß) selbst in Unterzahl ein Tor gemacht haben.
Athene
wie siehts mit fußball aus, wann kommen da die tests?
Alexander Kaphahn