16.01.2007 11:37
NHL 2002
Wer EA Sports hört, der weiß: Name ist Programm! Seit einigen Jahren konnte sich die Division für Sportspiele nun schon fest in diesem Genre etablieren und legt Jahr für Jahr die Messlatten mindestens mit den FIFA- und NHL-Reihen einige Zentimeter höher. Mit NHL 2002 schicken sich nun die Teams der NHL sowie die Nationalmannschaften der ganzen Welt auch auf der Xbox an, Genreprimus zu werden.
Nun wird EA Sports immer wieder vorgeworfen, meistens nur Detailverbesserungen vorzunehmen und kaum neue Features zu integrieren oder Fehler auszumerzen. NHL 2002 schlägt ebenfalls in diese Kerbe und bietet im Vergleich zu seinem Vorgänger nur wenige Neuerungen, die noch dazu das direkte Gameplay kaum beeinflussen. Dafür wurde die ohnehin schon TV-reife Präsentation noch weiter aufgebohrt. So gibt es beispielsweise die sogenannte Konter-Kamera. Sobald man mit einem seiner NHL-Gladiatoren allein auf den gegnerischen Torhüter zurast, zoomt die Kamera auf das Duell der beiden, das Geschehen wird etwas verlangsamt und das eingespielte Geräusch eines Herzschlags verdeutlicht die Dramatik dieses Moments. Das Feature ist nett, dem Gameplay aber ehrlich gesagt wenig zuträglich. Je nach gewählter Kameraperspektive kann es passieren, dass die Kamera hinter dem Goalie platziert ist und das macht es nicht eben einfacher, ein Tor zu erzielen; aber wer die Konter-Kamera nicht mag, der schaltet sie ab. Ebenfalls zur Präsentation hinzugekommen sind InGame-Wiederholungen von utalen Checks auf dem eisigen Schlachtfeld oder sensationellen Saves der Torhüter. Nach einer derartig spektakulären Situation tobt nicht nur die Menge, sondern das Spielgeschehen wird kurzzeitig eingefroren und man erlebt den historischen Moment noch einmal aus drei verschiedenen Kamerawinkeln. Wem das zuviel wird an amerikanischer Show, der drückt einfach die entsprechende Taste und darf weiterspielen. Gleiches gilt für die sogenannte 'Game Story' die sporadisch herausragende Leistungen während eines Spiels hervorhebt. In Bezug auf die Xbox-Version ist zu erwähnen, dass nicht Michael Leopold und Rick Amann das Geschehen kommentieren, die in der PC-Version ihre Weisheiten zum Besten gaben, sondern der Xbox-Spieler kommt in den Genuss des original US-Kommentars von Jim Hughson und Don Taylor. Wer dem Englischen nicht mächtig ist, wird vielleicht enttäuscht sein, doch alle Anderen freuen sich über das geniale Zusammenspiel der beiden und amüsieren sich köstlich über den sprudelnden Wortwitz. Alle Bildschirmtexte wurden aber selbstredend lokalisiert.
Noch ein paar abschließende Worte zur Präsentation: Die Grafik der Xbox-Umsetzung kann sich durchaus sehen lassen. State Of The Art bekam jeder NHL-Profi seinen ureigenen Polygon-Kopf verpaßt und Fans werden ihre Lieblinge sicherlich wiedererkennen. Auch das Publikum kommt recht ansprechend daher; besteht die mehr oder weniger frenetisch-jubelnde Menge je nach Spielsituation beim eigentlichen Spiel zwar nur aus flachen Körpern, die wie deplazierte Schießbudenfiguren wirken, so gibt es zum Illustrieren der Stimmung immer wieder Nahaufnahmen kleinerer Gruppen, die dann drei-dimensional dargestellt ihre Fanhütte in die Kamera halten und kräftig jubeln dürfen. Aber auch die "Schießbudenfiguren" wirken deutlich realistischer als die Kollegen Marke Farbklecks aus früheren Zeiten oder auch der PC-Fassung von NHL 2002 mit entsprechend heruntergeregelten Details. Die Soundkulisse bedarf keiner größeren Erwähnung; sie ist wie gewohnt auf höchstem Niveau und gibt dem Spieler das Gefühl, wirklich mittendrin statt nur dabei zu sein. Neben dem in Gute-Laune-Pop gehaltenen Soundtrack (besonderes Highlight: Die in Deutschland leider recht unbekannte Band Barenaked Ladies) geben die Stadionlautsprecher in Spielpausen oder vor den Bullies lustige Melodien zum Besten; eben alles so, wie's sein soll.
Am Spiel selbst hat sich - wie bereits erwähnt - recht wenig verändert. Die NHL-Reihe von EA Sports war schon immer eher ein Arcade-Spaß denn eine Simulation und so beschränken sich auch in der neuesten Fassung die taktischen Möglichkeiten auf ein Minimum. Der Spieler hat die Möglichkeit, sich zwischen verschiedenen Taktiken für die Offensive und die Defensive sowie speziellen Powerplay-Taktiken zu entscheiden, oder jeweils auf ‚Auto' zu schalten und sich gänzlich der Action auf dem Eis hinzugeben. Ähnlich sieht es mit dem Wechseln der Aufstellung in den einzelnen Reihen aus. Nach jedem Spiel bekommt man gegebenenfalls Infos über verausgabte Spieler, kann aber auch hier der CPU die Wahl der passenden Aufstellung überlassen. Die Steuerung des Geschehens auf dem Eis geht flott von der Hand und wem die Standard-Tastenbelegung nicht gefällt, der darf frei umkonfigurieren. Austoben kann sich der Spieler wahlweise in einer kompletten Saisons, den Playoffs, einem Turnier oder einem kurzen Shootout. Die etwas wilderen Spielernaturen haben wie immer die Möglichkeit, mittels diverser Regler das Regelwerk und die Härte des Schiedsrichters zu beeinflussen, herunterzuregeln, beziehungsweise ganz zu deaktivieren.
Ansonsten bietet NHL 2002 gewohnte Kost, was leider auch gewohnte wie ungewohnte kleine Mängel beinhaltet. So führen Schüsse von bestimmten Positionen aus noch immer zu einem fast garantierten Tor; wer beispielsweise stets mit kurzen Pässen arbeitet und dann von der blauen Linie aus sein Glück versucht, bekommt vom gegnerischen Torhüter zumeist eine ideale Vorlage zugespielt, da selbiger den Puck in dieser Situation meistens nur abprallen lässt. Außerdem verheddern sich die computergesteuerten Sportskanonen gerne mal im Tor oder können sich von so manchem Werbebanner an den Banden buchstäblich nicht mehr lösen. Diese Schnitzer sind zwar nicht vernichtend, aber angesichts des ansonsten spürbaren Perfektionismus der Mannen von EA Sports muss man sich schon fragen, warum derartig offensichtliche Fehler nicht behoben, dafür aber Extras wie eine Konter-Kamera integriert werden. Seichten Unmut erzeugen auch die nicht gerade optimal ausbalancierten Schwierigkeitsgrade. Während die Stufe 'Einfach' auch für die blutigsten Anfänger nach zwei Dutzend Spielen zu leicht sein dürfte, zieht der Computer einen Grad höher bereits kräftig an und checkt bis das Zahnfleisch blutet. Die NHL-Reihe ist aber seit jeher optimal für Multiplayer-Matches geeignet und auch der neueste Spross macht im launigen Wettstreit mit bis zu vier menschlichen Kontrahenten noch immer am meisten Spaß.
Die wohl augenscheinlichste Neuerung von NHL 2002 sind die NHL-Sammelkarten. Will man dieses Feature nutzen, muss man zunächst ein Kartenprofil anlegen, dieses unter einem frei wählbaren Namen abspeichern und aktivieren. Je nach gewähltem Schwierigkeitsgrad sind nun eine Palette von Aufgaben zu bewältigen, die von "Erziele das erste Tor im Spiel" bis zu "Gewinne den Stanley Cup drei Mal in Folge" reichen. Für die Erfüllung jeder Aufgabe gibt es Punkte, die man wiederum in den Erwerb von NHL-Sammelkarten investieren kann. Diese Sammelkarten sind aber nicht nur in einem Album archiviert und nett anzusehen, sondern auch von Nutzen und können vom Spieler effektiv eingesetzt werden. So wird durch das Gros der Karten ein NHL-Profi für ein oder mehrere Drittel zum Helden und lässt alle anderen alt aussehen. Andere Karten aktivieren kleinere Easter Eggs oder schalten neue Animationen für den Torjubel der Spieler frei.
Alles in Allem hätte niemand dieses Feature wirklich geaucht, das Erfüllen der Aufgaben und das Sammeln der Karten macht aber doch eine Menge Spaß und sorgt für weitere Langzeitmotivation.
„Ice, Ice Baby!“
(Eigene Meinung » David Bergmann)
NHL 2002 ist sicher nicht perfekt; noch immer trüben kleinere Mängel und stellenweise größere Unzulänglichkeiten den Spielspaß ein wenig. Trotzdem macht kaum ein anderes Sportspiel so ungezwungen Spaß und mit dem NHL-Karten-Feature steigt die Langzeitmotivation des Singleplayer-Modus noch einmal an; der Multiplayer-Modus ist ohnehin über nahezu alle Zweifel erhaben.
Wer auch nur einmal bei einem Heimspiel mit einem tosenden Publikum im Rücken den Sieg erspielen konnte, der weiß, was den Reiz von NHL 2002 ausmacht und warum EA Sports auch auf der Xbox ein Referenztitel gelungen ist.