Ninja Blade
15:09 Uhr - "Fühlen, nicht denken. Vertraue auf deine Instinkte." - Danke für den tollen Tipp, Qui-Gon. Leider ist aber nicht jeder von uns bei seiner Geburt von Medichlorianern geküsst worden und so müssen wir uns bei Quicktime-Events auf nichts als klassische, pure Reflexe verlassen. Wem das - und wirklich fast nichts anderes als das - spielerisch nicht zu dünn ist, der bekommt bei Ninja Blade trotzdem kaum Luft... vor atemberaubender Popcorn-Action.
Ein Quicky nach dem anderen
Was bei anderen Spielen als Gimmick in den Cutscenes oder kurze Sondereinlage bei Spezialaktionen zum Einsatz kommt, ist bei Ninja Blade die grundlegende Gameplaymechanik. Anders gesagt: Das Spiel besteht zu 85% aus interaktiven Zwischensequenzen. Egal wie man es nun ausdrücken möchte, die Häufigkeit der Quicktime-Events in From Softwares Actionspiel macht God of War II und Heavenly Sword ernsthaft Konkurrenz. Was für Fans dieser Art von Spiel kein schlechtes Zeichen sein sollte. Und tatsächlich, in Sachen Größe sowie Spektakularität der gescripteten Sequenzen lässt Ninja Blade schon beim bloßen Zuschauen ein "Wow" nach dem anderen durch den Mund jedes Augenzeugen entfleuchen. From Software werfen Realismus und speziell physikalischer Korrektheit mehr als nur eine Hand voll Shuriken ins Gesicht, bevor auch nur eines von beiden Beschwerde über das auf dem Bildschirm zelebrierte Choreographienfest anmelden kann. In bester Hulk-Manier (Norton-Version) stürzt man sich gleich zu Anfang absichtlich aus einem Helikopter, der noch höher als jede Wolkenkratzerspitze über Tokyo fliegt. Anschließend Fuß verstaucht, krank gemeldet und nachhause gegangen? Nichts da! Über die Schulter abgerollt (vermutlich Judotechnik, aber ich bin auf dem Gebiet kein Experte) und losgekämpft. Später schwebt ihr immer wieder elegant wie ein vermummter Ballettänzer durch die Lüfte, stets im stürzenden Hochgeschwindigkeitsanflug auf irgendein gigantisches Monsterwesen der Superzerstörung. Ihr lauft über Autos, die euch in der Luft entgegengeschleudert werden, springt auf ein hochgeworfenes Motorrad, lasst es im Flug an, fahrt über einen in eure Richtung geworfenen Schulbus und... so weiter halt. Das gerade ziemlich lückenhaft Beschriebene ist nur das untere Ende der Fahnenstange. Schon mal auf 'ner großen Abrissbirne surfend 'nen Endgegner niedergemäht? Ist ja alles nicht schwer, einfach im richtigen Moment den (per Zufallsprinzip ausgesuchten) eingeblendeten Button drücken, dann läuft das. Wer also auf "Ich hatte keine Munition mehr"-Action à la "Live Free or Die Hard" steht (Stichwort: fliegenden Hubschrauber mit Auto zerstören), die sich immer weiter, immer verrückter steigert, oft überraschend inszeniert und stets verdammt stylisch anzusehen ist, der bekommt mit Ninja Blade definitiv seinen persönlichen Traum kredenzt.
Einziges Problem ist dabei nur mal wieder, abseits von einer auf Dauer spielerischen Eintönigkeit, dass man aufgrund der jederzeit zu erwartenden Quicktime-Events die meiste Zeit über auf den Bildschirmmittelpunkt fixiert ist und die atemberaubenden Riesensequenzen so oftmals gar nicht richtig genießen kann. Im Prinzip wird man bei Ninja Blade als Zuschauer tatsächlich besser unterhalten, was zumindest den sozialer veranlagten Gamern mit häufigem Freundesbesuch entgegenkommen sollte. Wurde man doch mal von einem viel zu krassen Move geschockt - wie es die Jugend heutzutage so schön ausdrücken würde - und hat deswegen zu viele Quicktime-Events verpasst, zeigt Ninja Blade sich sehr entgegenkommend. In bester "Sands of Time"-Manier spult das Geschehen ein Stückchen zurück und man kann es in einem fließenden Übergang gleich noch mal probieren. Und zwar so oft man möchte. Außerdem werden die Tastendrücke passend zur Einblendung in der Regel auch bei langsameren Naturen noch registriert. Wer besonders fix schaltet wird dafür eben mit einem besseren Rating am Level-Ende belohnt.
Heavenly Kratos Hayabusa
Regelmäßig aber verhältnismäßig kurz werden die interaktiven Sequenzen durch regelrechte "Zwischenspieleinlagen" unterbrochen, die sich praktisch wie ein "Ninja Gaiden"-Klon anfühlen. Man schnetzelt sich durch eine vorgegebene Anzahl an Gegnern, absolviert per Walljumps lineare Hindernisparcours und sammelt die leuchtenden Seelensplitter der Besiegten ein (liefert Lebensenergie und ermöglicht Upgrades). Obwohl sich alle wichtigen Moves aus Tecmos Ninjaspiel auch in From Softwares neustem Werk wiederfinden, erreicht letzteres nie die spielerische Tiefe des Genremeisters Ryu Hayabusa. Die komplett vom Spieler kontrollierten Kämpfe lassen die wahre Eleganz eines Ninja Gaiden oder auch Heavenly Sword vermissen, da Hauptcharakter Ken sich eine ganze Spur weniger dynamisch bewegt und so immer wieder das Tempo aus seinen Comboketten herausnimmt. Das macht vereinzelte Kämpfe dank einer nicht immer optimalen Kameraführung zur nervigen Geduldsprobe und sorgt auch bei diversen Sprungstellen für regelmäßige Tode. Gerade im späteren Teil des Spiels spult man deswegen am ehesten nur noch ein paar der mächtigeren Angriffe im steten Wechsel miteinander ab, bis dahin ist man die längste Zeit über mit wahllosem Buttonmashing am besten bedient. Ob es nun die mickrigen paar Nahkampfwaffen oder die in der Regel nur für kleine Rätsel oder Bossbattles interessanten, magischen Shuriken sind, alle Elemente der nicht-gescripteten Levelabschnitte sind irgendwie nur ganz nett, weiter nichts (die Zeit verlangsammende und andere Features bietende Ninja-Vision eingeschlossen). Sie wirken fast schon wie reine Alibis dafür, dass man sein Geld nicht "nur" für einen Animationsfilm zum "Mitdrücken" ausgegeben hat. Dafür taugen sie aber wie gesagt ganz gut, wenn man vom spiel nicht erwartet, dass es hier seine wahren Akzente setzt. Man sollte sich zudem darauf einstellen, dass einem bei Finishing Moves auch auf dieser Ebene des Games immer wieder Quicktime-Events begegnen. Für Hasser dieser Spielmechanik dürfte sich das Thema Ninja Blade an dieser Stelle endgültig erledigt haben. Wäre aber schade, so kurz vor meinem mühevoll geschriebenen Fazit. Wobei das auch mal ein neues Modell wäre: Leser die sich mit dem eigentlichen Text begnügen, dafür aber den Abschlussteil wegscrollen. Umgekehrt scheint es ja Standard zu sein, oder? Hallo?! Liest an dieser Stelle noch irgendjemand mit? Meldet euch doch bitte im Kommentarbereich, wäre mal interessant zu wissen.
Man kann übrigens auch präsentationstechnisch ganz gut erkennen, worauf From Software bei Ninja Blade bewusst ihren Fokus gelegt haben. Epische Ausmaße mit viel Masse, wie beim Blick über das leuchtende Wolkenkratzermeer Tokyos bei Nacht, standen in den Produktionsnotizen der Designer klar vor Liebe zum Detail und Abwechslungsreichtum. Dafür sieht das Spiel - abgesehen von seltenen, kurzen Einbrüchen der Framerate in extremeren Momenten - zu keinem Zeitpunkt schlecht bzw. unsauber gefertigt aus. Die vielen Standardbereiche sind solide bis nett gestaltet worden und wenn es nach diesen Verbindungsstücken mit einer explosiven Scriptsequenz in Übergröße weitergeht, weiß man augenblicklich wieder, worauf Ninja Blades Engine ausgelegt wurde. Diese Momente sehen dafür, durch ihre schiere Gewalt und virtuose Drahtseil-Inszenierung, auch über die optische Begrenztheit ihrer Technik hinaus, so genial aus, dass man sich, selbst in dieser von Resident Evil 5, Killzone 2, Crysis und Co. optisch so verwöhnten Zeit, definitiv noch eine Weile nach dem Durchspielen begeistert an Ninja Blades Spektakel erinnern wird. Kurzweilige Dauerballerabschnitte an fest montierten Geschützen, manchmal auf einem Gefährt in Bewegung, passen sich natürlich stimmig ins komplett actionorientierte Gesamtbild von Ninja Blade ein. Genau wie die Arcade-typische Soundkulisse, die weniger variiert aber das Spielgefühl damit eben auch ganz treffend beschreibt.
Pro und Contra
- + Atemberaubend artistische Action-Cutscenes
- + Klaut bewährte Spielelemente von Kratos und Ryu
- + Faire Replay- und Kontrollpunkte
- + Es gibt Ninjas (automatische Aufwertung um einen Punkt)
- + Optik konzentriert auf brachiale Bossfights
- + Erster Durchgang voller WOW-Momente...
- - Wer QT-Events hasst, begeht hier Harakiri
- - Vergisst dabei aber das Spiel- im Wort
- - Kamera und fehlende Dynamik nerven stellenweise
- - Story existiert nur grundsätzlich
- - Außerhalb der Cutscenes nur solide Grafik
- - ... die sich aufs Zugucken beschränken
Daumenkino im iMAX-Format
Ninja Blade gehört zur typischen Riege von Spielen, die man entweder schrecklich hasst oder am liebsten begeistert in einem Rutsch durchspielen würde. Ich bin eher Typ Nr. zwei, bei mir stand der vermummte Kratos (Trotz der aufwendigen Kostümierung habe ich dich erkannt, du Lümmel!) im Ninja-Gewandt selten still. Alle Gegner tot? Sofort weiterlaufen, ich will die nächste Hammerzwischensequenz sehen! Faire Checkpoints und eine spielerfreundliche Rückspulfunktion bei verpassten Quicktime-Events unterstützen das hohe Tempo des fünf bis sechs Stunden langen Spiels, das sich größtenteils in besagten interaktiven Filmsequenzen abspielt. Zum Glück, denn die Railshooter-Abschnitte taugen nur zum kurzen Abreagieren und die frei steuerbaren Nahkämpfe können mich nach dem in dieser Hinsicht meisterhaften Ninja Gaiden II überhaupt nicht mehr begeistern. In Ninja Blade WILL ich das einzelknopfgesteuerte Spektakel regelrecht und zwar so viel wie möglich davon, weil es hier endlich mal wieder so dermaßen abrockt, dass ich das ein oder andere mal mitten im Spiel begeistert losjubeln musste. Spieltiefe? Nicht wirklich viel und Dauermotivation auch nicht. Darüber sollte man sich vor dem Kauf im klaren sein und deswegen gibt es auch nur eine gute 7 von 10. Ninja Blade ist insgesamt kein sehr besonderes Spiel, die Story habe ich inzwischen schon wieder vergessen und ich werde es auch bestimmt nicht noch mal durchzocken. Ein God of War ist vollendeter, ein Heavenly Sword technisch begeisternder und ein Ninja Gaiden II, das wurde schon oft genug gesagt, spielerisch weit überlegen. Unterhalten hat Ninja Blade mich mit seinen vielen AWESOME-Sequenzen trotzdem herrlich, vornehmlich in den vielen Momenten zum Zugucken und von der ein oder anderen Szene werde ich sicherlich immer mal wieder gerne erzählen, wenn ich etwas angetrunken in der fröhlichen Runde mit ein paar Gesellen in der Kneipe sitze. -- Und dann, Heinz, hat der dem die Abrissbirne in die Fr... so ungefähr.
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Kommentare (11)
IM Carlos
Daniel Pook
TMoP
Spielereins
Spielereins
[LeX] DirtyP2002
Saibot
Ich werds mir ausleihen fand die Demo schon recht spaßig und für einmal Durchspielen scheints ja gut zu sein.
Daniel Pook
pb2007
chiefrebelangel