Otogi: Myth of Demons

19.01.2007 10:30
Otogi: Myth of Demons


Wenn man bedenkt, dass sich die Xbox in Japan verkauft wie Spaghetti-Eis am Nordpol, hat sich dennoch ein kleiner aber erstaunlich beständiger Kreis an Nippon-Entwicklern gefunden, die die schwarze Kiste aus Redmond fleißig mit attraktiven Titeln versorgen. Neben Tecmo und Sega hat sich vor allem From Software aus der Masse der japanischen Entwickler hervorgetan. Schon vor über einem Jahr achte man in Japan einen grafisch beeindruckenden Actiontitel auf den Markt, der sich allerdings entsprechend der geringen User-Zahl nur mäßig verkaufte. Mit den zuvor angesprochenen Mannen von Sega hat sich nun endlich ein Publisher gefunden, der den für westliche Augen stilistisch ungewöhnlichen Titel auch hierzulande herausgeacht hat, während unterdessen im fernen Japan schon fleißig an dessen Sequel gewerkelt wird.

In Otogi: Myth of Demons schlüpft ihr in die Rolle des untoten Kriegers Raikoh, welcher als letzter Überlebender seines einst mächtigen Clans ein riesiges Heer von Dämonen bekämpfen und damit einen drohenden Weltuntergang verhindern muss. Lange wird sich jedoch nicht mit der Entfaltung einer tiefgründigen Storyline beschäftigt, sondern der Spieler wird relativ zügig ins kalte Gameplay-Wasser gestoßen. Gefahr zu Ertrinken besteht jedoch vorerst nicht, denn die erste Mission ist im Vergleich zum weiteren Verlauf noch recht einfach gehalten. Nachdem eine geheimnisvolle Frauenstimme die Missionsziele mehr oder minder verständlich dargelegt hat, geht es sogleich ans Monster-Schnetzeln.

Zu diesem Zweck stehen euch ein leichter und ein schwerer Angriff mit eurem Standardschwert - dem "Soul Shrine" - zur Verfügung: Während der leichte Angriff in beliebiger Zahl hintereinander ausgeführt werden kann, wird die Schlagkombination nach einer abschließenden schweren Attacke für etwa eine Sekunde unterochen, was Raikoh leicht angreifbar macht. Im Gegenzug ist der erzielte Schaden natürlich umso größer. Ähnlich wie bei Gunvalkyrie spielt sich ein Großteil der Kämpfe in der Luft ab. Raikoh kann mittels Doppelsprung bereits eine stattliche Höhe erreichen, um die geflügelten Dämonen zurück auf den Boden der Tatsachen zu holen. Solange dann seine Schlagkombo andauert, verliert der Otogi-Protagonist nicht an Höhe und entledigt sich somit schwebend seiner Feinde.

Der Angriff mit einer Nahkampfwaffe, von denen im Verlauf des Spiels zahlreiche Varianten erworben werden können, stellt jedoch noch lange nicht das Ende des Angriffsrepertoires unseres Helden dar. Mit Hilfe von Zaubersprüchen kann man den Dämonen auch aus größeren Entfernungen kräftig einheizen, vorausgesetzt man hat noch magische Energie (MP) zur Verfügung. Zuletzt kann sich Raikoh auch noch mittels eines "Dash" auf seine Gegner stürzen, welcher in Kombination mit einem Schwerthieb beträchtliche Schadenswirkung hinterlässt und außerhalb eines Gefechts besonders schnelle Fortbewegung sowohl am Boden als auch in der Luft ermöglicht. Ähnlich wie bei einem Prügelspiel lassen sich die verschiedenen Angriffe in vielfältigen Variationen kombinieren, wodurch deren Wirkung teilweise beträchtlich erhöht werden kann. Die Angriffe der meist unzähligen Gegner lassen sich - gekonntes Timing vorausgesetzt - abwehren oder im Fall von Geschossen oder Zauberattacken auch auf den Angreifer zurückschleudern.

MP und Gesundheit (HP) sind bei Otogi eng miteinander verknüpft: Eure HP wird durch grüne Kristalle angezeigt, welche sich stets wieder aufladen, allerdings nur solange Raikoh noch MP zur Verfügung hat (die zumindest durch den Ladevorgang nicht veraucht wird). Steckt der untote Protagonist jedoch so viele Treffer ein, dass ein Kristall vollständig zerstört wird, so ist dieser unwiederinglich verloren, es sei denn man findet das entsprechende rar gesäte Bonus-Item. Doch damit nicht genug, denn während des Spiels veraucht Raikoh stetig seine MP und sobald diese aufgeaucht ist, geht es seiner Gesundheit an den Kragen. Einzig durch die Seelen der getöteten Dämonen, welche er einsammeln muss, lässt sich der unausweichliche Tod hinauszögern. Insofern gibt es für jede Stage auch ein indirektes Zeitlimit, das durch die Anzahl der Feinde bestimmt wird. Zuletzt ist auch das wichtige Dash-Manöver nur dann verfügbar, wenn die MP noch nicht erschöpft ist, so dass man abschließend sagen kann, dass Raikoh ohne Zauberkraft ziemlich aufgeschmissen ist.

Otogi besteht aus fast 30 Levels, zu deren Bewältigung man meist nur wenige Minuten benötigt. Da der (nicht einstellbare) Schwierigkeitsgrad jedoch schon nach kurzer Zeit steil ansteigt, ist kaum eine der Stages beim ersten Versuch zu bewältigen; im Gegenteil kann die Anzahl der Versuche auch bei geübten Spielern schon mal im zweistelligen Bereich liegen. Hat es dann endlich geklappt, wird man durch einen Batzen Gold belohnt, dessen Größe sich nach der Anzahl der getöteten Feinde, der dafür benötigten Zeit und der befreiten menschlichen Seelen richtet, welche in Gegenständen gefangengehalten werden, die es zu zerstören gilt. Außerdem erhält man Erfahrungspunkte, die Raikoh wie in einem RPG aufleveln und dadurch stärker werden lassen. Mit dem erhaltenen Gold kann man sich dann neue Zaubersprüche und Waffen kaufen, sowie vorhandene Waffen reparieren und zusätzliche Items erwerben, die bestimmte Fähigkeiten verstärken. Im Equip-Screen wird Raikoh dann vor der nächsten Schlacht mit jeweils einem Gegenstand aus einer der drei Kategorien ausgestattet. Während der Levels ist dies ebensowenig möglich wie ein Zwischenspeichern.

Vorausgesetzt man hat nach getaner Arbeit das Speichern nicht vergessen, welches bei Otogi nämlich nicht automatisch erfolgt, kann man zu bewältigten Levels jederzeit zurückkehren, um darin besser abzuschneiden als zuvor. Obwohl der Schwierigkeitsgrad von Otogi grundsätzlich sehr hoch angesetzt ist, gibt es im Verlauf des Spiels auch einige Stages die sich erstaunlich einfach bewältigen lassen. Die knüppelschweren Level stellen jedoch die große Mehrheit dar. Doch auch wenn die sehr gut gelungene Steuerung in Fleisch und Blut übergegangen ist, ist der Spieler nicht vor Frustmomenten gefeit, welche auch schon mal zu Bissspuren in Controllern führen dürften. Grund dafür ist die misslungene Kameraführung des Spiels, welche nur äußerst träge dem Spielgeschehen folgt und nur selten das zeigt, was von Interesse ist, nämlich die anzugreifenden Gegner. Zwar lässt sich die Kamera durch Druck auf den Ministick zentrieren oder gar gänzlich kontrollieren, jedoch ist dies im Eifer des Gefechts nur eingeschränkt möglich. Das Lock-On Feature, welches sich auf einen scheinbar zufällig ausgewählten Feind beschränkt, hilft bei teilweise mehreren hundert Angreifern auch nicht so recht weiter.

Das Highlight des Spiels ist sicherlich seine oftmals atemberaubende Grafik. Was hier teilweise auf dem Bildschirm abgeht, wird auf der Xbox sonst nur von Grafikgranaten vom Schlage eines Panzer Dragoon Orta übertroffen. Detaillierte Texturen, hohe Weitsicht und bombastische Effekte erfreuen das Auge bei stets flüssigem Ablauf. Zudem lassen sich die weitläufigen Umgebungen weitestgehend in ihre Einzelteile zerlegen und zu Kleinholz verarbeiten. Auch die teilweise extrem hohe Gegnerzahl ist beeindruckend, vor allem wenn man eine große Anzahl an Gegnern mit einem mächtigen Schwerthieb an die nächstliegende Wand schmettert.

Ein eher gemischtes Bild ergibt sich beim Sound, welcher vor allem im Bereich der Musik recht gewöhnungsbedürftig ausgefallen ist. Japan-Freunde dürften die bizarren Nippon-Klänge jedoch erfreuen, während viele andere sich über das nicht vorhandene Soundtrack-Feature ärgern werden. Die Soundeffekte erklingen zwar ebenso wie die komplett in Englisch gehaltene Sprachausgabe in Dolby Digital 5.1-Kodierung aus den Lautsprechern, doch von Raumklang war im Test leider trotz entsprechender Anlage wenig zu hören.

Im Vergleich

Vorfeld wurde Otogi oftmals mit dem ebenfalls aus dem Hause Sega stammenden Titel Gunvalkyrie verglichen, welcher allerdings vor allem optisch Ähnlichkeiten mit dem hier getesteten Dämonen-Spektakel aufweist. Spielerisch frönt man bei Gunvalkyrie eher dem Ballerspaß anstatt sich seiner Gegner per Hack & Slay zu entledigen. Wer bereit ist, sich in die komplizierte Steuerung einzuarbeiten und wer bei Rückschlägen nicht gleich ins Gamepad beißt, der kann bei Gunvalkyrie jedoch trotzdem zugreifen.

Mit Genma Onimusha hatte Capcom schon zum Xbox-Launch einen Vertreter des Hack & Slay-Spielprinzips mit ebenfalls japanisch geprägter Optik im Angebot. Zwar kommen die vorgerenderten Kulissen nicht an die grafische Brillianz eines Otogi heran, doch ist dafür das Gameplay deutlich ausgereifter geraten. Wer über die extrem kurze Spielzeit hinwegsehen kann, erhält mit Genma Onimusha eine sehr gute Alternative zum From Software-Titel.

Zuletzt stellt auch noch Marktführer Electronic Arts einen durchaus empfehlenswerten Vertreter des Schnetzel-Genres: In Der Herr Der Ringe: Die Zwei Türme, kämpft ihr als Legolas, Gandalf & Co. gegen Orks und Trolle. Der spielerisch und grafisch weniger anspruchsvolle Titel weiß vor allem durch seine herausragende Präsentation zu gefallen und stellt für Tolkien-Fans einen absoluten Pflichtkauf dar.

„Achterbahnfahrt zwischen Lust und Frust“

(Eigene Meinung » Wolfgang Ophagen)

Otogi: Myth of Demons sticht positiv aus der Masse der 08/15-Actiontitel oder der tausendsten Lizenzversoftung heraus. Mit seinem ungewöhnlichen Grafikstil, sowie dem durchaus innovativen Spielprinzip hatte es zugegebenermaßen einen Freak-Bonus als es in den AXB-Test ging. Leider war dieser Bonus schon nach kurzer Zeit verwirkt, denn dann enthüllte das Kamerasystem von Otogi sein hässliches Antlitz.

Hiermit steht und fällt so ziemlich jedes 3D-Spiel, und der From Software-Titel bildet davon keine Ausnahme. Wenigstens lässt sich dem störrischen Auge von Hand auf die Sprünge helfen, so dass doch noch das Wesentliche im Fokus erscheint, nämlich die zu bezwingenden Gegnerhorden. Hat man sich an die Beherrschung der träge dem Geschehen folgenden Optik gewöhnt, kann sich endlich der Spielspaß entfalten.

Die fantastische Grafik erfreut das Auge während Horden von Gegnern von den irrwitzigsten Schlagkombinationen Raikohs ins Jenseits befördert werden oder das Lichtgewitter der diversen Zaubersprüche die Kinnlade des Betrachters herunterklappen lässt. Dem Kampfsystem haben sich die Entwickler ausgiebig gewidmet und man merkt dies dem Spiel deutlich an. Im Gegensatz zum oft mit Otogi verglichenen Gunvalkyrie ist auch das Kontrollschema sehr eingängig ausgefallen.

Leider kann man Otogi: Myth of Demons dennoch nur dem erfahrenen Videospieler ohne Einschränkung empfehlen. Zu deftig steigt der Schwierigkeitsgrad schon nach kurzer Zeit an, ohne dass Einsteiger diesen auf ein für sie beherrschbares Niveau herabsetzen könnten

Bewertung

Otogi: Myth of Demonsxbox

0/10

Alexander Laschewski-Voigt

Der gelernte Industriekaufmann probierte sich im BWL-Studium aus, um dieses dann allerdings zugunsten einer Xbox-Website namens AreaXbox vorzeitig zu beenden. Seitdem steht er als Chefredakteur auf der Kommandobrücke der MS AreaGames. Der bekennende US-Serienfan legt am liebsten Renn- oder Rollenspiele in seine Xbox 360. Zu den Alltime-Hits seiner mit dem C64 begonnenen Spieleleidenschaft gehören Deus Ex, System Shock 2 und die Wing Commander-Reihe.