19.01.2007 10:30
Outlaw Golf (US-Import)
Kaum eine Sportart hat bei einer Live-Übertragung im TV wohl solch geringe Einschaltquoten wie Golf. Wo Formel 1 und Fussball mit zweistelligen Prozentzahlen aäumen, entscheiden sich wohl weniger als 1% der Zuschauer für den Ryders Cup oder die British Open. Nichtsdestotrotz hat Golf eine konstante und elitäre Fangemeinde die neben der Verbesserung des eigenen Handicap auch noch Interesse an den besagten Fernsehübertragungen findet. Diese eingeschworene Gemeinschaft nährt ihren elitären Status nicht zuletzt mit der eigenen Finanz- und Zahlkraft -Golf ist ein teurer Sport. Der Erwerb von Schlägern und Bällen erschöpft, neben dem Trinkgeld für den Caddy und der Mitgliedschaft im Golfclub, schnell so manches Durchschnitts-Portemonaie.
Um nun den Golfsport auch weniger betuchten Interessenten näher zu ingen, gibt es seit Beginn der Videospiel-Ära Games die versuchen Tee, Fairway, Rough und Green realitätsnah zu simulieren; seien es PGA Golf, Tiger Woods, Links oder Microsoft Golf, die mit mehr oder minderer Simulations-Qualität zu überzeugen wussten. Neben dem Anspruch auf anatomisch korrekter Schlagausführung war eine exzellente Ballphysik schon immer die Quintessenz eines jeden Golfspieles, ist diese doch einer der wichtigsten Kaufgründe für Golfsportfans. So ließen sich die eingefleischten Sportler und Hardcore-Video-Golfer auch am besten vor den Bildschirm locken. Doch die gewitzte Spieleschmiede Hypnotix kam auf die Idee, die Zielgruppe für ein Golf Spiel zu erweitern und andere Zocker als die oben Beschriebenen für ihre Entwicklung zu gewinnen. Sprössling des Gedanken ist Outlaw Golf, die etwas andere Simulation, welche sich anschickt den Sport der Reichen und Schönen ins Wohnzimmer zu ingen. Wir haben die US-Version getestet und werden euch in den folgenden Zeilen sagen, ob Hypnotix Idee von Erfolg gekrönt.
Nach dem Laden versucht ein kleines Intro den Spieler auf das Spielgeschehen einzustimmen. Diese Maßnahme zeigt eher geringen Erfolg, aber immerhin gibt es ein paar Polygon-Babes zu bestaunen. Nach dem obligatorischen "Start-Knopf-Gedrücke" befindet man sich im Hauptmenü und man kann wählen ob man ein neues Spiel starten möchte oder doch lieber auf eine bereits gespeicherte Partie zugreifen möchte.
Outlaw Golf hat zwei Haupt-Spielmodi: Exhibition und Tour. Wenn man Exhibition als eine Art Quickgame bezeichnen kann stellt die Tour den Karrieremodus dar. Wenn man sich für das Quickgame entscheidet steht man vor der Wahl aus 8 weiteren Einzelspielen. Beim so genannten Stroke (1-4 Spieler) werden alle geschlagenen Bälle gezählt. Der Spieler mit den wenigsten Schlägen gewinnt das Spiel. Anders hingegen im Match (2) in dem nur die gewonnenen Löcher zählen. Wer es lieber wirtschaftsorientierter mag kann im Modus Skins (2-4) um unterschiedliche Geldbeträge golfen. Wer lieber zockt, sollte sich beim Casino (2-4) versuchen. Wie der Name schon vermuten lässt, setzt man hier Geld auf die einzelnen Schläge. Der Gerissenste erhält zum Schluss den Jackpot. Etwas isanter geht es im Time Attack (1-4) Modus zu: Der schnellste Einlocher gewinnt. Für die ganz bedächtigen Taktiker wurde Best Ball geschaffen, in dem der Spieler gewinnt, der das beste Ergebnis an einem Loch abgibt. Teamfähigkeit aucht man hingegen um im Scramble (4) zu bestehen. Erst nachdem alle Spieler ihren Ball geschlagen haben wird entschieden mit welchem Ball alle anderen ihren zweiten Schlag ausführen. Als letzten Modus gibt es noch My one and Only (1-4). Hier erhält jeder Spieler neben dem Putter nur einen weiteren Schläger mit dem der ganze Kurs bespielt werden darf. Im Singleplayer sind diese Modi eigentlich nur für Zocker von Bedeutung, die von Casino oder Time Attack absolut hingerissen sind. Um ein schnelles Spiel zu machen, kann man genau so gut in die Tour einsteigen. Ganz anders verhält sich dies im Multiplayer; hierzu aber später mehr.
Die meiste Zeit wird der Outlaw Golf Spieler wohl im Tour Modus veringen. Doch erstmal muss einer der vier Klischee-beladenen Charaktere samt Caddy und Outfit gewählt werden. Da sich die Eigenschaften der Spieler anfangs noch nahezu gleichen und der Spielverlauf viele Möglichkeiten zur Verbesserung bietet, kann man frei nach seinem optischen (und akustischen) Geschmack wählen. Jeder Golfer hat, neben seinem charakteristischen Aussehen, auch verschiedene kleine Sprüche auf Lager, die mal mehr mal weniger intelligent sind, aber immer perfekt zu ihm passen. So überzeugte mich die blonde Summer mit dem Spruch "It's a no-ainer". Neben Popgöre Summer gibt es die harte Rockerin Harley, den coolen Hip-Hopper Ice Trey und den langhaarigen Latino Lover El Suave. Weitere Charaktere werden dann durch das Gewinnen von Turnieren freigeschaltet.
Schon wieder wird eine Entscheidung abverlangt: die Wahl des Kurses. Neben Turnpike Valley und Crusty Leaf gibt es noch den bedrohlich anmutenden Kurs El Diablo. Kurzerhand auf Turnpike Valley geclickt, noch schnell ein Turnier und die Schläger ausgewählt, befinden sich Summer und ihr Caddy Autumn schon am Abschlag, dem sog. Tee. Davor wird noch in einem netten Kameraflug und mit witzigen Kommentaren der Weg zum Green beschrieben. Nachdem man das aber einmal gesehen hat wird es wohl jedesmal flott abgeochen.
Die Steuerung erlernt man im Trial and Error Prinzip recht schnell. Um den Ball an den ausgesuchten Zielpunkt zu ingen, kann man sämtliche Register ziehen. Eine dreh- und zoombare Kamera erlaubt bestmögliche Übersicht und die Justierung von Schlagkraft, -Winkel und Spin machen es nach kurzer Übungsphase einfach, zielgenaue Bälle zu schlagen. Das Zurückziehen gefolgt von einem, möglichst exakten Vorschieben des rechten Analog Sticks führt den Schlag aus. Anfangs werden wohl noch einige Bälle weit ausserhalb des Parcours landen oder gar die Zuschauer treffen, die dann kurz aufschreiend in Ohnmacht fallen. Das Putten sowie die Schläge vom Tee oder Fairway werden immer von einer Ghost-Linie angedeutet. Diese hilft enorm beim Anpeilen, wenn auch der Wind die Exaktheit der Vorausberechnung oft genug zu Nichte macht. Beim Einlochen auf dem Green ist viel Geschick und ein gutes Auge für Unebenheiten des Bodenbelags gefragt, da die oben angesprochene Ghost-Linie nur drei mal zur Verfügung steht und man danach ganz auf sich allein gestellt ist. Jedoch wird der Schlag und die Zielgenauigkeit nicht nur von den Fähigkeiten des menschlichen Spieler beeinflusst. Jeder Charakter besitzt vier Eigenschaften, die frei übersetzt soviel bedeuten wie: Genauigkeit, Ballkontrolle, Gelassenheit und Schlagweite. Alle Skills können durch das Erledigen kleiner Aufgaben in der Outlaw Range bleibend verbessert werden. Die Gelassenheit jedoch, ist großen Schwankungen unterworfen. Wenn ein Ball weit Abseits des angestrebten Landepunktes aufschlägt oder gar ins Wasser plumpst, sinkt die Stimmung eures Golfers rapide ab und seine Schläge werden immer ungenauer. Um seinem Unmut Luft zu machen, verhält sich der Outlaw äusserst aggressiv und lässt seine Wut am Caddy aus. Der wird dann ganz schnell zur Zielscheibe von gemeinen Dropkicks oder hinterhältigen Brustwarzen-Zwick Attacken. Des einen Leid des anderen Freud': Die Gelassenheit kehrt zurück und die Bälle finden wieder ihr Ziel.
Die Botanik, durch die man seinen Golfball prügelt, ist äusserst liebevoll gestaltet. Große Bäume, hübsch animierte Flüsse und feines Gras, dass die grünen Wiesen jeglicher Alpenmilch-Werbung vor Neid erblassen lässt. Kleine Baumgruppen bieten ein anmutendes Schattenspiel und eigentlich fehlt lediglich Bambi oder Klopfer um die Idylle komplett zu machen. Die Gewässer und Sandbunker sehen sehr realistisch aus und bei Golfball-Einschlägen spritzt es authentisch. Die verwucherten Roughs oder die kurz getrimmten Fairways bleiben, selbst bei maximalem Zoom, immer detailreich und pixeln in keinster Weise auf. Auch die Animation der Golfer kann sich sehen lassen. Bei den Prügel- oder Abschlussszenen wirken die Bewegungen flüssig und die Charaktere lebendig ohne den comichaften Charme zu verlieren, den die gesamte Grafik von Outlaw Golf verströmt. Wenn auch die wesentlichen Grafikmerkmale in Outlaw Golf äusserst schön anzusehen sind, gibt es doch Grund zur Kritik. Das Publikum, dass die Tees und Greens säumt, wirkt etwas hölzern. Ihre Bewegungen wirken unecht und die Körper sind alles andere als polygonreich. Doch egal wie hässlich die Zuschauer auch sind, sie tun dem Flair der Golfkurse keinen Abuch und fallen wenigstens um, wenn sie einen Ball an die Stirn bekommen. Neben diesen Zeitgenossen findet man auch noch andere Objekte am Horizont. So stehen rustikale Wassertürme, antike Herrenhäuser oder moderne Schwebebahnen neben dem Parcours. Ein Blick 'gen Himmel offenbart auch ab und zu eine Überraschung. Kleine Vogelschwärme, wuchtige Passagierflugzeuge oder flinke Düsenjäger zischen häufiger vorbei. Auch die Schwebebahnen sind natürlich voll beweglich und rattern vergnügt an euch vorbei.
Das "Rattern" ist hier keineswegs symbolisch gemeint. Die Soundkulisse, die euch auf dem Platz erwartet bereitet viel Freude und den Besitzern einer Dolby Surround oder Dolby Digital Anlage werden die Züge und Flugzeuge nur so um die Ohren rauschen. Die Kommentare des Sprechers sind anfangs zwar noch relativ lustig, bieten aber zu wenig Abwechslung und man kennt schnell einen Großteil davon. Ebenso verhält es sich mit der Musik: Das Gedudel aus den Menüs wird schnell zum penetranten Ohrwurm, was weniger auf dessen kompositorische Qualität als auf seine Trivialität beruht. Zum Glück hält sich die musische Untermalung während der Partien dezent zurück und bietet ein angenehmes Spielklima. Wer beim Golfspielen hofft, seine eigene Musik genießen zu dürfen wird enttäuscht: Diese Funktion muss Hypnotix wohl vergessen haben: Sie wäre in diesem Spiel ein wirklich kluges Feature gewesen.
Zu guter Letzt gibt es noch, wie versprochen, ein bisschen über den Multiplayer Modus von Outlaw Golf zu lesen. Alle Spielmodi aus dem Exhibition Menü können auch mit bis zu vier Mitgolfern an einer Xbox gespielt werden. Die Spieler treten hier nacheinander an; der Gewinner wird je nach Spielart bestimmt. Aber wenn man Outlaw Golf zu zweit, dritt oder gar zu viert spielt geht es nicht ums Gewinnen. Der Spaß steht eindeutig im Vordergrund und rudimentäres Wettkampfgehabe ist eher unwichtig. In Wahrheit geht es auch nicht um das Spielgeschehen auf dem Bildschirm. Der Spaßfaktor wird eindeutig von den Ereignissen vor der Mattscheibe - sozusagen live im Wohnzimmer - bestimmt. Wenn Schläge des Kontrahenten völlig daneben gehen oder er zu lange aucht, um überhaupt den Ball zu schmettern, setzen teilweise Männerchoräle ein, die man sonst nur aus Fussballstadien kennt. Genauso verhält es sich hingegen auch, wenn der vermeintliche Gegner auf dem Green zum Einlochen eines Eagles steht. Jeder freut sich mit dem Sieger und jeder lacht über den Tollpatsch (sogar er selbst). Kurz um: Outlaw Golf ist ein wahres Männerrunden Spiel, und selbst Frauenclubs können daran Spaß haben. So etwas gibt es nicht oft.
„Bekehrung aller erster Güte“
(Eigene Meinung » Nicolai Emig)
Eigentlich ist Golf ja nicht mein Ding. Aus diesem Grund war ich auch eher skeptisch, als ich Outlaw Golf zum ersten Mal ine meine Box einlegte. Als ich dann zum ersten Mal am Abschlag stand und die schönen Landschaften sah, dachte ich mir: "Versuch es halt mal". Gesagt getan. Nach einiger Zeit war ich wirklich hingerissen und schlug die Bälle mit riesigem Elan. Das Freispielen von neuem Equipment gab mir immer wieder Anreiz und hielt mich oft Stunden vor dem Bildschirm. Die Möglichkeit die Fähigkeiten meines Charakters zu verbessern motivierte mich zusätzlich, auch wenn die gestellten Aufgaben etwas zu schnell abgehandelt sind. Den ersten Kurs, "Turnpike Valley" hatte ich schnell beendet und wurde in den neuen Kursen größeren Anforderungen gestellt. Aber der Singleplayer Modus von Outlaw Golf ist nur das halbe Spiel. Im Multiplayer findet das wahre Treiben statt. Nachdem ich drei Freunde zu einer Runde Halo eingeladen hatte und wir Outlaw Golf nur kurz antesten wollten, blieben wir den ganzen Tag und die darauffolgende Nacht im Turnpike Valley beim "Scramblen". Dieser Abend war zweifelsohne einer meiner besten Multiplayer Abende. Und all das nachdem Golf ja eigentlich nicht mein Ding ist.